Das Künstlerische Betriebsbüro - KBB

SABINE WENDENBURG hat das Staatstheater von der Pike auf kennengelernt. 1987 begann sie als Regieassistentin mit freiem Vertrag, kam 1990 ins feste Engagement als Regieassistentin im Musiktheater und wurde 1991 Mitarbeiterin im Künstlerischen Betriebsbüro, dessen Leitung sie im Jahre 2000 übernahm. Seit der Spielzeit 2011/2012 ist Sabine Wendenburg die Künstlerische Betriebsdirektorin des Staatstheaters Kassel.

Was sind die Aufgaben eines künstlerischen Betriebsbüros?

Das KBB ist die künstlerisch-organisatorische Schaltzentrale eines Theaters, in der die täglichen Vorstellungen und Proben organisiert werden – natürlich unter Zuarbeit der technischen und der künstlerischen Abteilungen. Wir planen den Jahresspielplan des gesamten Hauses: Einem Mehr-Sparten-Theater mit drei Haupt- und zwei Nebenbühnen. Neben der Künstlerischen Betriebsdirektorin (Chefdisponentin) sind zwei Mitarbeiter im KBB für die Disposition bzw. deren Umsetzung verantwortlich.

Nachdem der Intendant, die Spartenleiter und Dramaturgen die Stückauswahl für die kommende Spielzeit getroffen haben, erstellt der Künstlerische Betriebsdirektor zunächst ein Raster bestehend aus Premieren, Sinfoniekonzertterminen, Endproben und Abonnementvorstellungen. Die immer detaillierter werdende Planung bezieht die Besonderheiten der Stücke und Besetzungen mit ein. Es folgen die Engagements von nötigen Gästen, die Auswahl interessanter Gastspiele für Kassel und die Planung von Gastspielen unseres Hauses andernorts.

Die Feinabstimmung der Jahresplanung über Monats- und Wochenpläne bis zum täglichen Probenplan erfolgt durch das KBB in Zusammenarbeit mit der Studienleitung, den Regieassistenten und technischen Abteilungen. Wir informieren die Künstler: Sänger, Schauspieler, Chor, Orchester, Tänzer über Ihre täglichen Proben und Vorstellungen, verwalten die Urlaubsgesuche und Krankmeldungen, liefern aus unserem gut zu führenden Dispositionsprogramm die Daten für Veröffentlichungen in der Tagespresse und in Fachzeitschriften sowie für die Internetseite des Staatstheaters.

Des Weiteren betreuen wir die Gäste des Staatstheaters, suchen Wohnungen für die Probenzeit und buchen die Hotels zu den Vorstellungen, vermitteln im Notfall Arztkontakte und versuchen es zumindest, auf die meisten Fragen eine Antwort zu finden.

Und wie planen Sie einen Probentag, z.B. den Tag der zweiten Hauptprobe (HP2) von OTELLO?
Der Tag der HP II, d.h. der Orchesterhauptprobe einer Musiktheaterproduktion wird im Rahmen der Jahresdisposition meist schon ein bis eineinhalb Jahre im Voraus festgelegt. Sie ist die vorletzte Probe vor einer Premiere (dazwischen liegt nur noch die Generalprobe, die bereits wie eine Vorstellung laufen sollte) und die erste Probe, in der wirklich alle Beteiligten einer Inszenierung unter Originalbedingungen zusammentreffen, d.h. in Kostüm und Maske mit Orchester in Originaldekoration, mit Beleuchtung, Ton und Requisite. Je nach Anzahl der Mitwirkenden auf der Bühne und Aufwand der Masken und Kostüme wird festgelegt, wann jeder einzelne Künstler sich bereithalten sollte, d.h. in die Maske bzw. zum Ankleiden in die Garderobe gehen muss, um einen pünktlichen Beginn der HP zu gewährleisten. Diese Angaben kommen von den entsprechenden Abteilungen und werden über den täglichen Probenplan ab 14 Uhr des Vortages bekannt gegeben. Das bedeutet, dass man am Theater in seiner Zeiteinteilung sehr flexibel sein muss.

Wie viele Menschen kommen da in etwa zusammen?
Das Orchester mit 65 Musikern, davon drei auf der Bühne, der Dirigent, neun Solisten, der Opernchor mit ca. 40 Mitgliedern, verstärkt durch 22 Damen des Extra-Chors und 25 Kindern vom Kinderchor CANTAMUS, sowie zehn Statisten und, nicht zu vergessen, die Souffleuse.

172 Mitwirkende allein auf der Bühne und im Orchestergraben ...
… hinzu kommen die Inspizientin, die vom Inspizientenpult aus alle technischen Vorgänge hinter der Szene mit den Kollegen der Bühnentechnik, Beleuchtung, dem Ton und der Requisite koordiniert. Im Zuschauerraum sitzt das Regie-Team - dazu gehören neben dem Regisseur, die Dramaturgin, der Bühnenbildner, die Kostümbildnerin mit ihren jeweiligen Assistenten, die Leiterinnen der Kostüm- und Maskenabteilung, die Gewandmeister, der Chordirektor, die Leiterin des Kinderchores, der Leiter der Statisterie, die Studienleiterin, die vom Zuschauerraum aus die Balance für den Dirigenten überprüft und Korrekturen für die Sänger notiert sowie die Dramaturgie-Assistentin, die für die Übertitel verantwortlich ist.

Sie alle überprüfen, die Wirkung des Bühnengeschehens aus Sicht des Publikums und notieren welche Korrekturen bis zur Generalprobe notwendig sind.

Wie lange dauert diese HP 2?

Eine Hauptprobe ist eine zeitlich unbegrenzte Probe, die längstens bis 23 Uhr dauern kann, deshalb wird der Beginn einer HP nach der Länge eines Stückes und den zu erwartenden Korrekturzeiten festgelegt. Bei OTELLO hat die zweite Hauptprobe um 19 Uhr begonnen, bei den MEISTERSINGERN VON NÜRNBERG bspw. lag der Beginn bereits um 15 Uhr.

Nach 23 Uhr beginnt die Nachtarbeitszeit, die einerseits genehmigungspflichtig ist und andererseits vor allem die Sänger konditionell sehr belastet.

Was ist Ihre Aufgabe, wenn die Grippewelle ...
Grundsätzlich ist es immer unsere erste Aufgabe alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass die Vorstellung stattfinden kann. Das gilt besonders für eine Premiere, die in der Regel ausverkauft ist, viele Kritiker anzieht und somit immer eine hohe Erwartungshaltung bei allen Zuschauern und Mitwirkenden erzeugt.

Wenn ein Sänger krank wird und absagt, müssen wir für Ersatz sorgen. Das geschieht auf verschiedenste Weise: Man schaut, an welchen anderen Häusern in Deutschland diese Oper gespielt wird, in der entsprechenden Fassung natürlich, d.h. im Fall OTELLO auf italienisch und nicht auf deutsch. Wir sammeln schon im Vorfeld die Besetzungen anderer Häuser, entweder über entsprechende Internetportale oder im direkten Kontakt zu anderen KBBs. Es gibt auch die Möglichkeit, über die Zentrale Bühnenvermittlung (ZAV) oder private Künstleragenturen Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Wenn man den passenden Sänger bzw. Sängerin gefunden hat, versichert man sich nochmals bzgl. Fassung und Sprache, verhandelt die Gage, bucht das Hotel, hilft bei der Reiseplanung oder auch bei der Freistellung am Stammhaus des Künstlers. Seine Körpermaße gehen an die Kostüm- und Maskenabteilung, um die Kostüme anzupassen.

Mit dem Regieassistenten und der Studienleiterin bzw. dem Abenddirigenten werden die Einweisungsproben koordiniert. Eine Einweisungsprobe ist immer notwendig. Es kann aber vorkommen, dass der Gast erst relativ kurz vor der Vorstellung eintrifft, dann ist ein Regieassistent in Hochspannung, und muss die Einweisung unter Umständen allein vornehmen, so dass der Gast seinen Partnern auf der Bühne in der Vorstellung zum ersten Mal begegnet.

Das ist ja für den Gastsänger eine unglaubliche Anforderung?
In der heutigen Zeit gibt es Video-Aufnahmen, durch die er einen ersten Eindruck bekommen kann, in welchem Stil die Inszenierung ist, ob historisch, modern oder abstrakt, in welcher Raumsituation er sich zurechtfinden muss. Sänger sind Dank des Gerüsts von Musik und Sprache in der Lage, sich in neuen Situationen zurechtzufinden. Im Schauspiel ist das viel schwieriger, wenn es überhaupt möglich ist, weil der Text eher als Material verstanden und benutzt wird.

Es kann auch geschehen, dass ein Sänger nur stimmlich indisponiert ist und noch selbst spielen kann, so dass der Gastsänger von der Seite singt. Oder, eine dritte Möglichkeit, eingetreten bei einer Aufführung der Oper TOSCA in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Die Bühnensituation: sehr dunkel mit einer riesigen tiefen Öffnung im Bühnenboden und nur schmalen Stegen ringsherum, war zu gefährlich für einen ungeübten Einspringer. Aus Sicherheitsgründen schlüpfte die mit dem Bühnenbild vertraute Regieassistentin in die Rolle des Cavaradossi und der Gast sang von der Seite. Eine immer wieder spannende Situation, auch für das Publikum, das den besonderen Einsatz des Theaters eine Vorstellung zu halten, dankbar honoriert.

Sollte man jedoch trotz allen Bemühens keinen Ersatz finden können, bleibt eine Vorstellungsänderung als letzter Ausweg, um das Publikum nicht enttäuscht nach Hause gehen lassen zu müssen.

Wie ist es mit den Arbeitszeiten? Wie man hört, wird der Laptop immer mit nach Hause genommen?
Ja, selbstverständlich, um von zu Hause aus in Ruhe und Konzentration arbeiten zu können, das ist in unserem Büro oft nicht möglich. Es gibt etliche Arbeitsvorgänge, die man nicht bei ständig läutenden Telefonen und regem Publikumsverkehr gewissenhaft erledigen kann, z.B. das Korrekturlesen von Publikationen des Hauses, die monatliche Sängereinteilung und letztendlich auch das Disponieren.

Außerdem müssen wir über die Bürozeiten hinaus an Sonn- und Feiertagen erreichbar sein. Der Vorstellungsbetrieb läuft gerade an diesen Tagen besonders intensiv und da muss man für den Notfall gewappnet sein.                                                                                                         

Die Fragen stellte Astrid Horst

Aus Theatermagazin 28, März bis Mai 2011