© N. Klinger © N. Klinger

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die Entstehung eines kostümbildes

Einmal ein Teufel oder eine Hexe, eine Elfe oder gar ein Gott wie Dionysos sein. Verwandlungen durch Kostüme sind für alle, die nicht am Theater arbeiten, höchstens ein Spaß zu Karneval oder Halloween. Doch am Theater ist es täglich eine der vielen Komponenten, durch die es dem Darsteller ermöglicht und erleichtert wird, sich in andere Figuren zu verwandeln.

 Dramaturgin Stephanie Winter mit der Leitenden Kostümbildnerin Ulrike Obermüller und der Leiterin der Kostümabteilung Evelyn Schönwald über den Prozess der Entstehung eines Kostümbildes – vom ersten Entwurf bis zu den fertigen Kostümen bei der Premiere.

ULRIKE OBERMÜLLER ist Leitende Kostümbildnerin am Staatstheater Kassel. Sie zeichnet für die Kostümbilder vieler Schauspiele und Opern verantwortlich und arbeitete mit Regisseuren wie Volker Schmalöer, Thomas Bockelmann, Gustav Rueb, Martin Schulze, Schirin Khodadadian, Maik Priebe und  Patrick Schlösser zusammen. Zuvor arbeitete sie u. a. an der Schaubühne in Berlin, am Schauspielhaus Bochum und am Schauspielhaus Zürich.

EVELYN SCHÖNWALD hat seit 2005 die Leitung der Kostümabteilung des Staatstheaters Kassel inne und arbeitet als Kostümbildnerin beim Tanztheater. Sie studierte Modedesign in Düsseldorf und war stellvertretende Kostümleiterin und Kostümbildnerin an der Württembergischen Landesbühne Esslingen, Leiterin der Kostümabteilung der Wuppertaler Bühnen, des Tanztheaters Wuppertal sowie am Theater der Stadt Heidelberg.

 

Liebe Ulrike, wie geht man an einen Kostümbildentwurf heran?

Zuerst einmal gibt es ein Stück, das man liest, eine Oper, die man hört. Dann trifft man sich mit dem Bühnenbildner und dem Regisseur und bespricht, wie die Konzeption aussehen soll: In welcher Zeit soll das Stück spielen, was soll es erzählen? Ist es ein moderner Text, eine moderne Oper oder eher historisch? Zunächst geht es dann um das Bühnenbild: Welche Welt soll etabliert werden. Man verhält sich beim Kostüm immer ästhetisch zum Raum bezüglich der Farben, der Formen, einem speziellen Stil.

Wodurch lässt Du Dich inspirieren?

Manchmal sind es bestimmte Bildwelten, Ideen, die im Gespräch entstehen, auch Filme oder Videos. Bei DAS LEBEN DER BOHÈME nach Kaurismäki gab es ein Video der Beastie Boys, in dem alle komische Perücken und Schnurrbärte trugen. Schnurrbärte gab es zwar im Kaurismäki-Film auch, aber durch die Kunsthaarperücken bekam die Inszenierung noch eine andere Theatralität, eine zeichenhafte Künstlichkeit.

Was macht mehr Spaß: Aus dem Vollen zu schöpfen und opulente Opern auszustatten, Phantasiefiguren (wie die Elfen in EIN SOMMERNACHTSTRAUM, Dionysos in BAKCHEN, Stelzfuß in THE BLACK RIDER) anzuziehen oder ein heutiges Kostümbild zu machen?

Mir macht es am allermeisten Spaß Kostüme zu entwerfen, die man als so selbstverständlich annimmt, dass sie einem gar nicht auffallen. Ich mache das andere natürlich auch gerne, aber wenn ich genug Zeit habe, etwas auf den Proben mit den Schauspielern auszuprobieren und zu entwickeln, mag ich am liebsten die modernen ›schrebbeligen‹ Sachen.

Was ist das Spezielle beim Tanz, Frau Schönwald?

Am Tanz ist das Tolle, dass man nichts hat, mit dem man umgehen kann: nicht mal Figuren, nur Körper. Man geht hin und schaut und hat die Musik und z. B. bei SCHEHERAZADE noch ein gewisses Thema.

Wie sehen die Probenkostüme aus, Ulrike?

Man versucht sie so nah wie möglich am Originalkostüm auszusuchen. Natürlich hat man nicht alles im Fundus – deshalb muss man z. B. eine andere Farbe nehmen. Es kann dann leider passieren, dass der Regisseur sich so daran gewöhnt hat, dass die Farbe im Originalkostüm geändert werden muss. Manchmal spielt einem der Zufall im Fundus etwas in die Hände, das man sich auf dem Papier so nicht hätte ausdenken können. Und bei UNSCHULD habe ich Sachen im Fundus gefunden, die ich genau so gezeichnet habe. Das war auch irre.

Kann man sagen wie das Verhältnis von gekauften, im Fundus gefundenen und neu geschneiderten Kostümen ist?

Schönwald: Das kommt auf den Entwurf an. Oftmals werden die Kostüme auch komplett neu genäht. In der Oper werden fast immer alle Solistenkostüme neu genäht: denn bei INTO THE WOODS sind die Sachen zu speziell, beim SPARSCHWEIN zu historisch genau.

Wie abhängig ist die Wirkung der Kostüme vom Licht?

Schönwald: Sehr. Aber man bedenkt das bereits bei der Stoffauswahl und den Farben. Manchmal werden auch ganze Kostüme bei der Beleuchtungsprobe auf der Bühne ausprobiert.

Es gab auch schon Stücke, in denen entweder Farbe oder Flüssigkeiten zum Einsatz kamen (DER LIEBESTRANK, UNSCHULD) – muss man dann in der Auswahl der Stoffe besondere Vorgaben beachten?  

Schönwald: Es müssen Stoffe sein, die man in der Waschmaschine waschen kann.

Obermüller: Es muss alles vorgewaschen werden, bevor es genäht wird. Doch manchmal ist der Gebrauch von Flüssigkeiten im Spielvorgang unberechenbar und Farben landen auf Stoffen, auf denen sie nie landen sollten, und schon ist das Kostüm trotzdem beschädigt. Und bei Rote Beete-Saft, den wir immer als Blut verwenden, funktioniert z. B. nur eine bestimmte Sorte.

Liebe Frau Schönwald, nochmal zurück zum Anfang: Ulrike kommt also mit ihrem Kostümbildentwurf zu Ihnen, wie geht es dann weiter?

Wir besprechen uns kurz, dann kommen die Gewandmeister dazu und es wird über Schnitte, über die Verarbeitung, über Stoffe gesprochen. Die Bestellungen müssen gemacht werden, da nicht immer alles vorrätig und lieferbar ist. Das ist von Schauspiel zu Oper sehr unterschiedlich; eine Oper ist ungleich größer und aufwändiger und fängt viel früher an, in der Kostümabgabe, in der Vorbereitung, in der Kalkulation. Dann werden die Schnitte gemacht und genäht, später Anproben und Änderungen gemacht.

Wie lange dauert es, bis ein neues, aufwändiges Kostüm fertig ist?

Schönwald: Wir haben jetzt gerade immens aufwändige Barockkostüme für LOHENGRIN hier. Bei den Frauen braucht man historische Unterröcke und Mieder, die neu angefertigt werden müssen. 70 Arbeitsstunden, also ca. zwei Wochen dauert das mindestens. Im Schneiderhandwerk rechnet man für einen normalen Anzug 40 Arbeitsstunden, aber hier am Theater geht das viel schneller. Das könnten wir uns gar nicht leisten.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie in den Werkstätten?

Schönwald: Es sind zehn ausgebildete Damenschneiderinnen und -schneider und acht ausgebildete Herrenschneider; es sind natürlich auch Meister/innen dabei und die Gewandmeister/innen, die noch ein zusätzliches Studium für diesen speziellen Beruf am Theater absolviert haben – sie lernen vor allem die historischen Schnitte.

Obermüller: Die Werkstätten leisten unglaublich viel, sind wahnsinnig schnell und qualitativ sehr gut.

Bilden Sie in Ihrer Abteilung auch aus?

Schönwald: Ja. Herren- und Damenschneider und Schuhmacher.

Die Schuhmacherei zählt also auch zur Kostümabteilung – und die Modistinnen?

Obermüller: Beides zählt zur Kostümabteilung.

Schönwald: Die Schumacher können Schuhe sogar neu anfertigen. Es gibt aber leider nur noch sehr wenige Theater, die einen Schuhmacher haben, da dort meist zuerst gekürzt wird.

Obermüller: Wir können uns wirklich sehr glücklich schätzen, dass wir diese Abteilung bei uns noch haben, ebenso wie die Modistinnen, denn gerade in historischen Opern sind doch noch sehr viele Kopfbedeckungen und Hüte gefragt.

Wie sieht die abendliche Betreuung im Bereich Kostüm aus?

Schönwald: Es gibt zehn festangestellte Ankleider/innen – alles ausgebildete Schneider/innen, die nur abends da sind. Haben wir aber nicht genügend Vorstellungen, nähen sie auch tagsüber in der Werkstatt mit.

Für die Darsteller vollzieht sich die Verwandlung auf der Bühne auch besonders durch ein Kostüm. Im besten Falle hilft es ihnen, sich in eine Rolle einzufinden. Wie viel psychologisches Fingerspitzengefühl braucht man in Ihrem Job? 

Schönwald: Vom Entwurf her bedenkt man ja schon vorher, wer es anziehen wird. Man kennt die einzelnen Darsteller mit ihren speziellen figürlichen Vorgaben.

Obermüller: Und wenn sich jemand absolut unwohl fühlt, dann ändert man das Kostüm natürlich. Es will keiner, dass die Darsteller sich auf der Bühne nicht gut fühlen. Man muss viel reden, die Darsteller begleiten und versuchen ihnen das Einfinden in die Rolle zu erleichtern.

Aus Theatermagazin 29, Mai bis Juni 2011