© N. Klinger © N. Klinger

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Orchestermusiker

"Und was machen Musiker eigentlich tagsüber..."

Über die Vorbereitung auf einen abwechslungsreichen Spielplan, Konditionstraining, und die "Kosmetik des Geigenspiels" sprachen Insa Pijanka (Orchesterdirektorin) und Gina Schwarzmaier (Konzertdramaturgin) mit ...

Ute Liebich
stellvertretende Solo-Oboistin

- spielt Oboe – nach Anfängen auf dem Klavier – seit sie zwölf Jahre alt ist
- spielt seit 1990 im Staatsorchester Kassel
- wurde nach ihrem erfolgreichen Probespiel sehr herzlich aufgenommen und gefragt, ob sie denn ihre Zahnbürste dabei habe (ergo: gleich da bleiben und mitspielen könne).


Razvan Hamza

1. Konzertmeister

- spielt Geige, seit er sieben ist, ernsthaft angefangen zu üben hat er mit 13 Jahren
-  ist seit zehn Jahren im Staatsorchester Kassel
-  das Probespiel auf die Konzertmeisterstelle dauerte von 10 bis 16 Uhr. Vor dem von Razvan gespielten Solo-Konzert von Wieniawski in fis-moll kapitulierte sogar der Pianist ... Danach dachte er eigentlich, er könne einpacken und war völlig perplex, als er in die 3. Runde gebeten wurde und die Stelle als Konzertmeister gewann.


Rüdiger Pawassar

Solo-Schlagzeuger

- spielt Schlagzeug, seit er 14 Jahre alt ist, begonnen hat er mit fünf Jahren auf dem Klavier
- ist seit 22 Jahren im Staatsorchester Kassel
- war zu der Zeit seines Probespiels in Kassel bereits »probespielmüde« – er hatte sich noch nicht einmal ein Hotelzimmer besorgt und meint im Nachhinein, dass das wohl die beste Voraussetzung war, die Stelle zu gewinnen.


Frank Severin

Solo-Trompeter

  • spielt Trompete, seit er 16 Jahre alt ist, vorher versuchte er sich auf der Geige
  • ist seit 1985 im Staatsorchester Kassel
  • das Probespiel in Kassel war sein erstes und sein Vater, der damals selbst im Orchester Oboe spielte, war so aufgeregt, dass er nicht zuhören konnte. Frank, der natürlich nicht im selben Orchester wie sein Vater spielen wollte, dachte sich: »Bloß nicht üben vorher!« Diese entspannte Haltung muss wohl geholfen haben, dass er sich gegen zirka 25 Mitbewerber durchsetzte und die Stelle tatsächlich bekam.



Der Spielplan für das Orchester steht schon ziemlich früh fest – noch vor den Sommerferien bekommen alle Musiker eine Jahresübersicht für die darauf folgende Spielzeit mit allen Proben, Konzerten, Opern sowie einen detaillierten Plan mit den Besetzungen der Konzerte und Opern.

Wie geht es dann bei euch weiter?
Was macht ihr mit diesen Informationen?
Wie weit im Voraus plant ihr?
Was plant ihr?

Rüdiger:    Wir Schlagzeuger holen uns sehr frühzeitig die Noten, nicht in erster Linie zum Üben. Auch wenn es natürlich sehr übeintensive Stücke gibt, z. B. diese Spielzeit ORPHEUS von Henze. Wir sind aber zu 50 Prozent auch Organisatoren. Bei Henze waren wir acht Schlagzeuger und ein Pauker, da mussten Musiker von anderen Orchestern geholt werden, wir mussten Instrumente kaufen und leihen, Noten müssen eingerichtet, kopiert und verschickt werden, das ist viel Arbeit. Das ist nicht sichtbar – soll nicht sichtbar sein – kostet aber viel Zeit. Und dann muss man natürlich noch seinen Part üben.

Bei euch ist also vorher nicht klar, wie viele Leute spielen, ihr müsst das Material sichten und schauen, welche Instrumente besetzt sind.

Rüdiger:     Genau! Wenn es vier Hefte von einem Stück gibt, heißt das noch lange nicht, dass man vier Spieler braucht, vielleicht kann einer zwischen zwei Heften springen. Und vier Systeme untereinander kann umgekehrt auch bedeuten, dass man sechs Spieler braucht. Das müssen wir vorher sichten und klären.

Und bei euch Bläsern?

Frank:      Im Laufe der Spielzeiten wird die Vorbereitung der Noten weniger, da man die meisten Stücke kennt. Wenn exponierte Stellen drin sind, besorgt man sich z. B. eine CD-Aufnahme oder schaut heutzutage bei youtube. Konditionell muss man natürlich immer einen Schritt voraus sein. Wenn ich z. B. Piccolo-Trompete spielen muss, fange ich drei Wochen vorher an, auf dem Instrument zu üben. Das Instrument ist konditionell und atmungsmäßig anders als die Trompete.

Üben ist also weniger, dass man das Stück an sich probt, als dass man sich mit dem Instrument beschäftigt?

Frank:     Im Prinzip ist es Konditionstraining.

Wie sieht das aus? Wie übt man das?

Frank:      Ich hab’ ein Übeprogramm, das ist extra für Ansatz und Lippen, da hab ich zwei oder drei verschiedene, die wechsel’ ich ab, damit der Trainingseffekt größer ist.

Wie beim Sport also.

Frank:      Das ist wirklich wie beim Sport. Zuerst übt man nur mit dem Mundstück, das kann man überall machen. Ich übe auch im Auto, da läuft dann eine Übe-CD, und dann gibt es spezielle Übungen für Kondition und Ansatz, die man auch beim Fahren machen kann. Später erst nimmt man das Instrument dazu.

Ute:      Nach vier Wochen Urlaub und Nichtspielen hat man erst einmal keinen Ansatz mehr. Dann sieht man natürlich, was kommt und weiß, was die gefährlichen Sachen sind. Für uns war der Henze z. B. überhaupt nicht schwer, aber der FIDELIO, das weiß man, da ist eine Probespielstelle drin. Und dann beschäftige ich mich als Holzbläser erst einmal sehr stark mit dem Rohrbau. Je nachdem, was anliegt, nimmt diese »Bastelarbeit« sehr viel Zeit in Anspruch, vor allem, wenn ich wie im Moment für zwei Instrumente bauen muss. Bei der Oboe muss ich ungefähr zehn Rohre bauen, damit ich ein gutes zum Spielen habe. Das Ganze kann man sich übrigens immer gerne am Tag der offenen Tür anschauen … Und auch wir müssen Konditionstraining machen. Die Geiger sagen z. B. gerne in der Probe »komm, wir spielen das mal durch« … und der Oboist möchte nach einer halben Seite irgendwie gerne sterben … das muss ich trainieren, wie ich einen Langlauf trainiere. Ich muss Töne aushalten und ganz viel spielen, damit ich die Muskulatur stärke.

Und wie sieht das konkret aus?

Ute:     Man muss die Stücke durchspielen und sich quälen und das immer wieder. Das TRISTAN-Englischhorn-Solo ist z. B. eine ganz schlimme Kiste, wer das spielt, muss das trainieren.

Und bei euch Streichern?

Razvan:     Auch ich sondiere erst mal, was gefährlich ist, die schweren Stellen. Eine Mozart-Oper ist z. B. auch für uns Streicher konditionell sehr anstrengend – viele Noten. Man muss die schweren Stellen natürlich üben. Und dann kümmert man sich um die »Kosmetik« des Geigespielens: Man sollte sich außerhalb des Dienstes um das Instrument kümmern, das hält einen fit; dass man immer wieder »putzt«, das meine ich mit Kosmetik. Intonation ist ein Problem, daran sollte man immer arbeiten. Tonleitern spielen … so ’ne Wagner Oper z. B. ist für die Intonation und die Feinmotorik nicht unbedingt gesund. Da sollte man schauen, dass man sich die nächsten Tage nochmal gezielt um Klang und Intonation kümmert.

Ute:    Man sagt ja auch, »die Klassiker schlagen zurück …« Bei Mozart kommt dann raus, was alles nicht unbedingt klappt.

Razvan:     Ja, vor COSÌ muss man sich nochmal ein bisschen die Nase pudern.

Ihr Streicher und vor allem du als Konzertmeister müsst ja noch eine besondere Art der Einrichtung vornehmen: die Einrichtung der sogenannten Striche.

Razvan:      Ja, die Striche. Das ist eine technische Sache: Was bei den Bläsern die Luft ist, sind bei uns die Striche. Die technische Umsetzung einer Phrasierung. Eine Richtung, die man der Phrase gibt. Hier mache ich Vorschläge und die anderen Stimmführer gleichen das an. Die Dirigenten gehen in der Regel nach dem, was ich vorschlage. Ich bin quasi technischer Berater, was das Thema angeht. Es sei denn, der Dirigent hat sehr eigene Ideen, dann diskutiert man darüber. Wenn eine Stimme blanko ist, dann bedeutet es viel Arbeit. Eine Mozart-blanko-Oper zu bezeichnen, dauert z.B. zwei bis drei Tage.

Thema Spielplan: Wie ist es, zwischen verschiedenen Stilrichtungen und Stücken zu wechseln?

Frank:      Man muss sich an den Wechsel der Instrumente gewöhnen, der damit verbunden ist.

Zwischenfrage: Wie viele verschiedene Instrumente spielst du?

Frank:      Einige… Geläufig sind ja die Deut­sche Trompete in B und C, die Amerikanische Trompete für Swing und Musical, die Piccolo-Trompete -ich habe zwei verschiedene: hoch A, hoch G - das Kornett, das Flügelhorn …
Die Stilrichtungen zu wechseln, hat man gelernt. Das geht relativ schnell. Schwierig ist, Jazz zu spielen und dann am nächsten Tag Mozart, also erst ein Stück mit viel Kraft und dann danach ein Stück mit leisen Tönen -das ist extrem.

Ute:       Ich find’s besonders schön und abwechslungsreich. Vor allem das Gefühl immer wieder was dazu zu lernen - wie jetzt in der Arbeit mit Jörg Halubek und einem klein besetzten Ensemble.

Rüdiger:      Mir ist ein vielseitiges, weltoffenes Orchester wichtig, das ganz unterschiedliche Produkte anbietet: Unterhaltungsmusik Film, Pop und Rock, Open Air, historische Aufführungspraxis, Oper, Musical und Konzert. Das finde ich so schön hier!

Thema Wiederaufnahme: Was muss man bei Repertoirestücken wie zum Beispiel HÄNSEL UND GRETEL beachten, für die es meistens nur sehr wenige Proben gibt?

Frank:     Ich spiel’ das Stück eigentlich immer durch, weil relativ viel solistisch ist. Dann nimmt man die entscheidenden Stellen nochmal. Ist lustigerweise atemtechnisch immer ein Problem, wie man sich einteilt, wo man atmet. Da muss man schon nochmal schauen, wo hast du damals geatmet.

Thema Aushilfstätigkeit: Wie ist das, wenn ihr in anderen Orchestern spielt?

Razvan:      Ich find ’s sehr prickelnd, mal raus zu kommen, zu schauen, wie es in anderen Orchestern funktioniert.

Ute:      Ich finde, das ist ganz unterschiedlich. Wenn jemand anruft, den man kennt, kann es ein netter Ausflug sein. Wenn jemand Fremdes anruft, ist es aufregend. Und wenn in einem Orchester eine schlechte Stimmung herrscht, spricht sich das unter Musikern schnell rum.

Und wenn man für Stücke angefragt wird, die man nicht kennt?

Razvan:     Das mach’ ich nicht.

Rüdiger:     Wenn’s ne schwere Stimme ist, sagt man auch mal nein. Man muss für sich selber entscheiden, wie gut man als Blattspieler ist. Bei uns gibt es aber auch Stimmen, die kann man gut vom Blatt spielen, wir haben ja meistens nicht so viele Noten wie z. B. die hohen Streicher. Unsere Besonderheit ist, dass meine Kollegen hier auch auswärts mit ihren eigenen Instrumenten spielen, wir hingegen spielen auf den Instrumenten, die vor Ort sind. Das ist was Kribbeliges. Man ist in jedem Fall angespannter und aufgeregter.

Frank:      Ich spring’ gerne ad hoc ein. Ich werd’ auch relativ häufig angerufen und mach dann den Feuerwehrmann … Ich hab’ dann keine Angst - selbst wenn man das Stück nicht kennt. Ich bin z. B. mal in Hannover an der Oper eingesprungen für eine Operette - sollte ganz leicht sein -
war dann aber gespickt mit Soli … Das merkt man erst einmal gar nicht … erst wenn man auf einmal alleine spielt. Und wenn man anfängt darüber nachzudenken, ist es schon vorbei.

Habt ihr Lieblingsstücke, Lieblingsgenres, einen Lieblingskomponisten?

Razvan:     Ich mag Mozart sehr, Wagner auch, Sträusse … es gibt eigentlich nichts, was ich speziell herausheben würde.

Frank:         Kann man nicht so sagen, zu Weihnachten spielen wir alle gerne HÄNSEL UND GRETEL. Ich würde gerne mal Opern von Tschaikowsky spielen, PIQUE DAME, Strawinsky finde ich toll, die Russen überhaupt, so viel Wagner brauche ich nicht.

Rüdiger:       Ich mag viele Stile von Bach bis Jazz, ob Alban Berg oder irgendetwas. Es gibt viele Stücke, die mich begeistern oder bei denen sich mir die Nackenhaare aufrichten. Ich hab Lust, mehr Komponisten von außerhalb Deutschlands auf dem Spielplan zu sehen, aus Frankreich, Großbritannien, USA – John Adams beispielsweise wäre ein Wunschkomponist von mir, z. B. seine Harmonielehre, Charles Ives oder Henri Dutilleux.

Ute:      Meine Lieblingsoper ist ARIADNE AUF NAXOS, das könnte ich immer wieder spielen. Ich mag alle Bach-Sachen, allerdings am liebsten in der Kirche, nicht im Orchestergraben. Mozart finde ich auch immer toll.

Vielen Dank für das Gespräch!

 Aus dem Theatermagazin 36