© N. Klinger © N. Klinger

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Theater-und Konzertpädagogik

Theaterpädagogin Geraldine Blomberg und die Konzertpädagogin Constanze Betzl geben Auskunft über ihre Arbeit mit Royston Maldoom beim  Jugendtanzprojekt creation moves

Wie seht ihr Eure Arbeit am Staatstheater?

Geraldine Blomberg: Ich würde mich gerne dafür aussprechen, das Konzept von »Kultur« im Sinne von »Hochkultur« zu hinterfragen. Ich denke, Kultur ist sozial definiert und sollte für alle Menschen sein. Meine Tätigkeit am Haus bezieht sich hauptsächlich auf die Sparte Schauspiel. Wenn wir von Vermittlung  sprechen, dann: Ja, Vermittlung ist dort, wie in allen anderen Sparten des Theaters, sehr sinnvoll.
Das in meinem Empfinden hoch spannende Medium Theater hat für manche heute keine große Relevanz. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie man seine Freizeit gestalten kann. Durch die Medien und Technik ist es auch immer und überall möglich, sich »beschallen« zu lassen (was ja auch alles seine Berechtigung hat). Im Gegensatz dazu wird Theater oft als Ort und Sache empfunden, die wenig mit der eigenen Lebenswelt zu tun hat und tendenziell »spießig« oder »antiquiert« ist.
Unser Vermittlungsansatz in der Theaterpädagogik (wir sind zwei Theaterpädagoginnen) zielt darauf ab, genau diesem Eindruck etwas entgegenzusetzen. Wir wollen den Ort Theater und das, was dort passiert, für die Menschen und mit ihnen gestalten und in seiner Relevanz unterstreichen. Unser Ziel ist es, die Faszination für das Medium Theater, das ohne »Netz und doppelten Boden« arbeitet, zu wecken. Auch sensibilisieren wir dafür, dass es gerade beim Theater um das Publikum geht. Theater basiert immer auf einer im stillen Einvernehmen getroffenen Spielverabredung zwischen Darstellern und Publikum. Theater ist »nicht perfekt« und es bedarf oft viel Fantasie. Die Themen, die dort verhandelt werden, werden häufig symbolhaft, parabelhaft, verhandelt. Das kann, wenn bewusst damit umgegangen wird, aber gerade das Spannende sein.
Wir machen verschiedene Angebote, um Theater neu und differenziert zu erleben. Beispielsweise bieten wir allen Schulklassen an, die eine Vorstellung bei uns besuchen, (kostenfrei) einen theaterpraktischen Workshop mitzumachen. Auch bieten wir Führungen hinter die Kulissen an, die zeigen, was alles nötig ist, um eine Vorstellung auf die Bühne zu bringen. Wir haben Laien-Theater-Gruppen, in denen jeder (ab 9 Jahren) aktiv mitspielen und ein Stück auf unserer tif-Bühne bis zur Premiere miterleben kann. Wir bieten eigentlich alles an, was Theater (in allen Sparten) vermittelt. Wir machen Angebote, laden ein, Theater kennenzulernen, sich mit Theater auseinanderzusetzen, theoretisch wie praktisch.

Wie arbeitet Royston Maldoom mit den Jugendlichen?

Constanze Betzl: In der Arbeit fordern Royston Maldoom und sein Choreografen-Team den Jugendlichen das ab, was sie selbst als Beispiel stets vorgeben: Selbstdisziplin und Selbstbewusstsein für den eigenen Körper und das eigene Handeln. Vom ersten Probentag bis zur Aufführung geht es dem Team darum, sämtliche Bewegungen und die gesamte Haltung sich selbst und den Mittänzern gegenüber bewusst mit Energie, Fokus und innerer Stärke zu steuern.
Begonnen wird mit dem Zuhören: absolute Stille und Aufmerksamkeit wird für die gesamte Probendauer vom Warm-up bis zur Nachbesprechung eingefordert, denn wer nicht zuhört, der weiß nicht, worum es geht und stört sich und die Mittänzer bei der Arbeit. Wer das Kichern nicht einstellen kann, wird unaufhörlich darauf hingewiesen, dass für das Gelingen Regeln gelten, die beachtet werden müssen.
Unermüdlich betont Royston Maldoom, dass er nichts von den Schülern fordert, von dem er nicht wüsste, dass es in ihnen steckt. Häufig ist von ihm zu hören, dass er wohl im  Probensaal der Einzige sei, der wirklich daran glaubt, zu welcher Leistung jeder Einzelne fähig ist.  Er appelliert an das Selbstwertgefühl der Jugendlichen – »Du musst an dich glauben und das mit deiner Haltung zeigen, denn wer soll dir abnehmen, dass du stark bist, wenn du es nicht selber glaubst und zeigst!« Er bekämpft in und mit den Jugendlichen das Gefühl von Angst und Ohnmacht, welches die Ursache für Unsicherheiten, offene Ablehnung und Veralberung der Übungen ist.
Methodisch beginnt das Team  immer mit einem halbstündigen Warm-up, um alle Körperteile aufzuwärmen und die Muskeln zu stärken. Geachtet wird darauf, dass unbewusste, automatische Bewegungen, wie Haare aus dem Gesicht streichen oder T-Shirt zurechtziehen, ausgeschaltet werden. Vom ersten Moment an wird Bühnenpräsenz gefordert und das Bewusstsein für die Außenwirkung jeder Bewegung – du bist wer und hast etwas zu zeigen!
Die Choreografien für neue Musikstücke, wie es in unserem Projekt mit Darius Milhauds La Création du monde und Dmitri Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester der Fall ist,  entwickelt Maldoom ad hoc – sie entstehen während des Probenprozesses. Entsprechend wurden auch mal Tanzbewegungen – durchaus auch Vorschläge der Schüler – ausprobiert und wieder verworfen: Eine echte Herausforderung für viele. Am Ende jeder Probe setzen sich alle zusammen, Royston Maldoom gibt Feedback und motiviert aufs Neue, immer nach dem Motto »Du bist stark und einzigartig und musst nur noch selber daran glauben!«

Welche Funktion hattet Ihr als Theater-/Konzertpädagoginnen bei creation moves?

Constanze Betzl: Als Teil des Projektleitungsteams waren unsere Aufgaben sehr vielfältig und abwechslungsreich – von der Zusammenstellung der beteiligten Schulklassen und des Probenplans bis hin zu Haargummis besorgen für ›Langhaartänzerinnen‹ war alles dabei! Als Vermittlerinnen zwischen dem Choreografen-Team, den Schulen, verschiedenen Abteilungen des Staatstheaters und der Öffentlichkeit waren wir Ansprechpartnerinnen für alle Belange, die direkt oder indirekt mit dem Projekt zusammenhingen. Seit einem Jahr, bei der ersten Informationsveranstaltung mit Royston Maldoom für Schulklassen, planen und koordinieren wir die Durchführung des Projekts mit allen ihren Facetten – Organisation, Gesprächsführung mit LehrerInnen, SchulleiterInnen und Eltern, Betreuung der SchülerInnen während der Proben, Kommunikation mit verschiedenen Abteilungen des Staatstheaters, Konzertdramaturgie des Programmhefts, Schulbesuche zur Vorstellungsvorbereitung, Vermittlung zum Staatsorchester, Öffentlichkeitsarbeit und noch viel mehr. Trotz dieser vielfältigen Aufgaben sehen wir uns in erster Linie als Bezugspersonen für alle im Projekt creation moves beteiligten SchülerInnen und Lehrkräfte,  denen wir im Idealfall das Staatstheater und seine Mitarbeiter persönlich näher bringen, als Ort der Begegnung mit Kunst und Kultur, an dem man sich wohlfühlen kann und sich schon ein wenig auskennt.

Was nehmen die jungen Menschen mit? Was bleibt über das Projekt hinaus?

Geraldine Blomberg: Ich denke, was so gut wie alle mitnehmen, ist der Moment und die Erinnerung daran, auf unserer Opernbühne, vor einem riesengroßen Publikum, eigenständig eine wirklich anspruchsvolle Tanzchoreografie gezeigt zu haben und dafür viel, viel Applaus und standing ovations erhalten zu haben. Und das, obwohl es vielen lange, teilweise bis zum letzten Moment, fast unmöglich schien.
Im Gespräch mit mehreren unserer jugendlichen Tänzerinnen und Tänzer habe ich erfahren, dass Royston Maldooms Philosophie »Du kannst alles schaffen, wenn Du selbst daran glaubst«,  und auch »Nur Du, nicht andere, können das tun«, wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Dieser Glaube an die Jugendlichen, dieses Ernstnehmen, war sehr stark, so dass ich mir wünsche und daran glaube, dieses Projekt bewirkt, dass die Kids (mehr) an sich glauben und sich dadurch mehr abverlangen. Dass sie, um ihrer selbst willen, sich ernsthaft engagieren, für sich, für ihre Ziele und Träume und für andere.
Wir am Staatstheater Kassel arbeiten gerade daran, in Zukunft Projekte dieser Art fest am Haus zu etablieren. Wir sind auf der Suche nach Sponsoren, die uns dabei unterstützen, eine Tanzpädagogin ans Haus zu holen. So würde ermöglicht, das nun entfachte Feuer kontinuierlich und nachhaltig am Brennen zu halten. Was uns in diese Richtung sehr motiviert, ist, dass viele der Jugendlichen schon danach fragen.    

Michael Volk stellte die Fragen.

Erschienen im Theatermagazin 38