© N. Klinger © N. Klinger

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Die Requisite

Handwerken und Experimentieren

 

Die Werkstätten der Requisite liegen im Herzen des Staatstheaters Kassel, direkt zwischen Schauspiel- und Opernbühne. 
Dort sind die Daniel Düsentriebs des Theaters, die Requisiteure, am Werk: Sie handwerken und experimentieren, um alle Teile, die von den Darstellern auf der Bühne benutzt – verspeist, getragen, bespielt – werden, und die es nicht einfach zu kaufen gibt, selbst herzustellen. Am Staatstheater Kassel tüfteln vier Schreiner (Udo Heidemann, Jens Römer, Karl-Friedrich Rüdiger, Armin Wertz), ein Schlosser (Andreas Lange) und eine Raumausstatterin (Victoria Seute) und statten Produktionen aller Sparten des Hauses mit so unterschiedlichen Requisiten wie Koffern, Fahrrädern, Teetassen, leuchtenden Zauberbüchern, schimmerndem Eis und Lebensmitteln aus. Unterstützt werden sie bei der Anfertigung von allen anderen handwerklichen Abteilungen des Staatstheaters, wie etwa der Schlosserei, der Kostüm- und Dekorationsabteilung und der Schreinerei. In den Bereich der Requisite fallen auch alle pyrotechnischen Effekte – zum Beispiel das Feuerwerk in LOHENGRIN oder der Großbrand in DREI SCHWESTERN –, ebenso alle Waffen, etwa Schreckschusspistolen, Dolche, Florette und Hellebarden.

Um alle Wünsche der Produktionen ermöglichen zu können, ist die Requisitenabteilung bereits bei der Bauprobe, also lange vor Probenbeginn, bei einer ersten Besprechung mit dabei. Dann steht beispielsweise schon fest, welche großen Bilder es geben soll – und die Requisite kann sich, wie im Fall der MEISTERSINGER, bereits auf die Suche nach 180 Koffern machen. Häufig ist die Recherche ein großer Arbeitsanteil: Wie sah ein Regenschirm 1910 aus, wie ein Pariser Filmplakat 1960? Neben dem Fachwissen der einzelnen Requisiteure können so unterschiedliche Nachschlagewerke wie ein Versandhauskatalog des Kaufhaus’ des Westens von 1913, ein Quellekatalog von 1980 oder der aktuelle Manufactum-Katalog wichtige Quellen sein. Für alle Requisiten, die nicht neu gekauft oder spezial angefertigt werden müssen, kann die Requisite auf einen hauseigenen Fundus zurückgreifen: Auf 350 Quadratmetern gibt es eine große Auswahl an Koffern, zahllosen Brillen und Sonnenbrillen, Bücherbeständen, Porzellan, usw. Der Fundus wächst neben den Neuanschaffungen auch durch die großzügigen Spenden von Privatpersonen – dann kann es passieren, dass der Überseekoffer des Großvaters auf der Opernbühne des Staatstheaters Kassel eine tragende Rolle spielt. Zum Teil sucht die Requisite gezielt über die HNA nach bestimmten Dingen – zuletzt beispielsweise für Benjamin Brittens MIDSUMMER NIGHT’S DREAM nach Blechblasinstrumenten. Auch ungewöhnliche Wünsche werden durch die Requisite möglich gemacht: So wurden z. B. für den Tanzabend ROADKILL Maden gekauft, in Terrarien gesetzt, wo sie sich verpuppt haben, damit schließlich in einem Videotrailer Fliegen in Plexiglaskugeln zum Einsatz kommen konnten.

Da viele Aspekte von Requisiten – Größe, Farbe, Gewicht, Anzahl – nur im Probenprozess erfunden und getestet werden können, wird es in der Regel erst ungefähr vier Wochen vor der Premiere der Produktionen für die Requisite konkret: dann legen Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner in der Requisitenbesprechung endgültig fest, was benötigt wird und wie genau es aussehen soll. Nach der Premiere dann, im laufenden Vorstellungsbetrieb, helfen die Requisiteure beim Umbau der Bilder und richten vor jeder Vorstellung alle benötigten kleinen Handrequisiten auf einem Wagen ein, von dem sich dann die Schauspieler jeweils »ihre Requisiten« nehmen. Sänger, Schauspieler und Tänzer müssen sich darauf verlassen können, das ihre Requisiten am richtigen Platz sind; und sie können sich sogar bei der Requisite etwas wünschen: Wenn sich in LA BOHÈME Rodolfo und Marcello mit einem Glas »Rotwein« zuprosten, hat die Requisite vorher mit den Sängern abgestimmt, ob sie Traubensaft oder Malventee im Glas haben möchten, und welcher Zuckergehalt am besten für die Stimme ist. Da die Requisiten vor der Vorstellung gut sichtbar und womöglich sehr appetitlich eingerichtet sind, verschwinden auf magische Weise immer wieder insbesondere Zigaretten, Feuerzeuge und Süßigkeiten vom Requisitenwagen … dann greift die Requisite schon mal zu Haarspray, um insbesondere Süßigkeiten »haltbar« zu machen.                                                                                                Christa Hohmann

 

Über den Umgang mit Requisiten AUF DER BÜHNE

Ulrike Schneider, Mezzosopranistin, im Gespräch mit Astrid Horst:

Du warst in der Spielzeit  als Blumenmädchen in PARSIFAL, als Roberto in GRISELDA, als Sextus in LA CLEMENZA DI TITO, als Hänsel in HÄNSEL UND GRETEL und in weiteren Gesangspartien zu erleben. Wie verhält es sich bei all diesen Rollen mit Requisiten, arbeitest Du gleich zu Beginn der Proben mit einem bestimmten Requisit oder fällt die Entscheidung dafür erst im Laufe der Proben?

Das ist unterschiedlich: Requisiten sind manchmal schon am Anfang der Proben da, oft wird aber erst während der Arbeit entschieden, dass da noch etwas her muss.

Und dann arbeitet man bei jeder Probe mit dem Requisit? 

Ja, aber meist nicht mit dem Original. Es sind oft wertvolle Sachen, die kaputtgehen können. Es kann problematisch sein, die Originale erst zu den Endproben oder gar erst zur Premiere zu bekommen. Man muss sich dann umgewöhnen. In GRISELDA z. B. haben wir für die Fechtszene echte Florette, die wir besonders gut behandeln müssen. Sie sind wertvoll und zerbrechlich. Die haben wir erst zur Premiere bekommen.

Merkt man als Zuschauer den Unterschied zwischen einer Attrappe und einem Original eigentlich?

Ich glaube schon. Diese Florette sind besonders schön und elastisch, und sie fühlen sich sehr viel angenehmer an als die Probenattrappen.

Und dieses echte Florett musst du dir dann vor deinem Auftritt holen – oder drückt es dir jemand rechtzeitig in die Hand?

Nein, das nicht, aber die Mitarbeiter der Requisite legen es an den richtigen Platz.

In HÄNSEL UND GRETEL hast du als Hänsel an dem Knusperhäuschen Requisiten gefunden?

Ja, das waren Lutscher: handbemalt und aus Holz. Die sind mir leider gleich kaputtgegangen, weil ich sie der Gretel zu heftig aus der Hand gerissen habe. Das tat mir leid, die waren so wunderschön bemalt, hatten aber einfach so einen zarten Stiel.

Wie ist das aber zum Beispiel mit einem Brief, den du auf der Bühne aus der Tasche holen musst? Wer kümmert sich um den?

Darum muss ich mich selbst kümmern. Man ist verpflichtet, vor der Vorstellung zu schauen, ob alle Requisiten da sind – auch die auf der Bühne.

Das heißt, du machst vor jeder Vorstellung einen Kontrollgang?  

Ja. Es kann immer mal sein kann, dass jemand etwas vergessen hat. Vor allem für die Requisiten, die man bei sich trägt, ist man selbst verantwortlich.

Und, hast du da ein Mitspracherecht, wenn es ein Requisit gibt, das dich behindert?

Aber ja! Das ist mir auch schon passiert. In HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN hatten wir in Halle einen Koffer, der musste ganz schnell auf und zu gehen und der Verschluss war sehr kompliziert. Da haben wir dann einen Koffer gesucht, der leichter zu öffnen und zu schließen war. Es kommt immer darauf an, was wichtiger ist: die Art des Koffers oder das Timing. Danach wird dann entschieden.

Und das Ganze auf der Bühne und es muss hundertprozentig klappen ...

Ja, wenn ich unter Zeitdruck irgendetwas Kompliziertes mit Requisiten machen muss, dann macht mich das nervöser, als der Auftritt selber ...

Muss man denn die Handhabung der Requisiten nicht auch ohne die Musik richtig üben?  

Auf jeden Fall. Einmal in Palermo hatten wir als Damen in DIE ZAUBERFLÖTE eine kleine Pamina-Puppe zu spielen. Das musste wirklich geübt werden. Und in LA CLEMENZA DI TITO muss ich in meiner Sextus-Arie kochendheiße Wasserkocher bedienen. Das muss ja auch alles elegant von der Hand gehen – je nachdem, was man zu hantieren hat.

Und: Wenn man auf der Bühne einen Brief vorlesen muss, sollte man ihn möglichst auswendig lernen. Kollegen erlauben sich gerne den Spaß, ihn wegzunehmen und etwas anderes reinzutun. Lustig ist auch: Wenn Tamino das Bildnis hat und singt »Dies Bildnis ist bezaubernd schön«. … und man weiß, er besingt gerade ein Monster. Das ist normal und fällt unter das Thema: Was Kollegen mit Requisiten anstellen. Es kommt auch vor, dass Papageno in seinem Korb ein gebratenes Hähnchenbein findet …

Und wenn es einen Kollegen schmeißt, er aus seiner Arie rausfliegt, weil er lachen muss?

Dann hat er Pech gehabt? Das ist der Test.

Aus Theatermagazin 33,  Mai-Juli 2012