© N. Klinger © N. Klinger

© N. Klinger © N. Klinger


Erarbeitung einer Rolle - Musiktheater

ARPINÉ RAHDJIAN
ist Sopranistin am Staatstheater Kassel; sie studierte Gesang am Konservatorium der Stadt Wien.

Was die Partie der Mimì betrifft, war es bei mir so, dass ich schon früh Mirella Freni-Fan war und da kommt man ja an der Rolle gar nicht vorbei. So bin ich auf Puccini gekommen.
Wenn eine Rolle neu für mich ist, arbeite ich mit dem Klavierauszug. Anschließend sitze ich am Klavier und lerne die Partie für mich. Später erhalte ich Unterstützung von meinem Pianisten und meistens ist es so, dass es, wie hier am Staatstheater, einen weiteren guten Pianisten gibt, mit dem ich alles noch einmal durchgehen kann. Grundsätzlich kommt man auch durch das Anhören der Rolle einer Partie näher, wobei das voraussetzt, dass man die Geschichte kennt. In meiner Studienzeit war ich oft in der Oper in Wien und habe LA BOHÈME gesehen. Ich bereite mich auch mit CDs und DVDs vor, aber die Opernbesuche sind sehr wichtig, weil es etwas anderes ist, Stimmen und Orchester live zu hören, als die Noten nur auf Papier oder auf CD zu haben. Natürlich arbeite ich auch viel mit dem Text und versuche, die Rolle über das Schauspiel oder die Charakteristik zu erfassen. Ich frage mich zuerst: Wer ist diese Person eigentlich? Weil sich sonst vielleicht Fehler einschleichen, die zu vermeiden gewesen wären, hätte ich die Rolle besser gekannt.
Immer auch ist das Eintauchen in die Person eine Voraussetzung. Zum Beispiel muss man in der Mimì ein einfaches, feinfühliges Mädchen finden, das sehr gerne träumt. Das ist nicht leicht bei so großer Musik. Mimì ist aber auch auf eine Art raffiniert – nicht absichtlich, das gehört zu ihrem Wesen – aber so ganz unschuldig ist sie auch nicht. Wenn sie zum Beispiel zu Rodolfo sagt: ›Ich lebe allein, ganz allein‹, dann meint sie schon: ›Wollen wir nicht zu zweit sein‹?
Die Arbeit mit dem musikalischen Leiter ist ein weiterer Punkt. Man gewöhnt sich meistens in den ersten paar Minuten an den neuen Dirigenten. Ich versuche ihn über den Körper zu verstehen. Meistens spürt man die Präsenz so stark, dass man gleich weiß, was er will. Und ich wehre mich nicht dagegen, ich gebe mich dem hin. Ich bin sehr harmoniesüchtig und dieses große Miteinander am Theater bedeutet mir sehr viel.
Schließlich hat ja auch das Regieteam Einfluss auf das Stück. Auch wenn man als Solist die Inszenierung vielleicht einmal als schwierig empfindet, hilft es immer, wenn man das Gefühl bekommt: Es stehen alle dahinter. Und das wirkt sich dahingehend aus, dass man gemeinsam etwas erreichen will, um der Kunst willen. Und ich arbeite dann auch so verbissen daran, bis ich es hin bekomme. Wichtig ist, dass man seine eigene Persönlichkeit auch einmal in den Hintergrund stellen kann.
Ich habe die Mimì schon vor Kassel gesungen und dennoch ist es immer wieder ein großes Glück, diese Rolle neu erfinden und singen zu dürfen.

SARA ETERNO
Sopranistin, ist seit der Spielzeit 2011/12 an der Staatsoper Hannover. Sie studierte Gesang in ihrem Heimatland Italien und in München. Ans Staatstheater Kassel, wo sie zwei Jahre lang dem Opernensemble angehörte, kehrt sie in der Rolle der Mimì als Gast zurück.

Der erste Schritt bei allen Rollen ist es, den Text zu lesen, die Musik zu hören und Literatur durchzuarbeiten. LA BOHÈME ist ja ein sehr bekanntes Stück, über das man schon viel weiß. Dass es keine unbekannte Oper ist, macht die Erarbeitung der Rolle aber nicht leichter, weil man schon große Vorbilder und viele Erfahrungen hat. Meine Arbeit besteht darin, den Text zu lernen und die Musik zu studieren und dabei das Eigene zu finden. Ich habe die Mimì jetzt schon zwei Mal gesungen, aber immer wieder muss man neu an die Sache herangehen, weil man inzwischen so viele andere Partien gesungen hat und man sich auch als Künstler verändert hat. Da muss man die Mimì ganz neu denken. Ich will sie weiter entwickeln und das geht am besten, wenn man auf der Bühne steht. Es kann im stillen Raum beginnen, aber die Bühnenarbeit ist der entscheidende Faktor zum Erfolg. Wenn man eine Szene probt, ist man mit dem Körper sehr stark dabei. Der Körper trägt die Stimme, der Körper lebt die Gefühle. Zuerst muss natürlich die musikalische Seite klar sein, dann kommt die technische Seite hinzu, und wenn alle Teile zusammengefügt sind, kann man sie nicht mehr voneinander lösen. Man arbeitet Schritt für Schritt.
Ich bin es gewohnt, mir eine Partie erst einmal alleine zu erarbeiten, besonders bei italienischem Repertoire, erst dann kommt der Austausch mit anderen Musikern. Es tut zwar weh, dann vielleicht zu hören, dass man nicht so rüber gekommen ist, wie man sich das erhofft hat, aber nur so kann man sich verbessern. Kritik ist ein sehr wichtiges Instrument in unserem Metier. Für alle Einflüsse von außen, wie Dirigent oder Regieteam, ist es gut, eine stabile Vorstellung von der eigenen Rolle zu haben, und zwar was die Musik, den Ausdruck und die Stimme angeht. Das, was von innen kommt, will ausgedrückt sein, aber man ist ja nur eine Person in einem großen Ensemble, nicht zu vergessen das Orchester. Was die darstellerische Seite angeht, möchte ich, dass die Mimì von meinem eigenen Gefühl getragen wird. Es ist eine schwere Rolle für mich, weil vom ersten Auftritt an klar ist, dass sie krank ist. Aber meiner Meinung nach darf sie nicht krank wirken, weil das den Tod selbstverständlich macht, und das darf nicht sein. Ich bemühe mich, Mimì erst mal frisch und fröhlich zu zeigen. Natürlich baut sie ab, aber so lange es die Dramaturgie erlaubt, möchte ich der Figur Lebensfreude geben. Umso intensiver ist es, wenn die Krankheit deutlicher wird, umso dramatischer der Tod.

WALEWEIN WITTEN
ist Solorepetitor am Staatstheater 
Kassel; er studierte Cembalo, Hammerklavier und modernes Klavier.

Das Wichtigste für einen Repetitor ist, dass er auf einer höheren Ebene ein Verständnis für Musik hat. Er muss nicht nur das Tastenspiel umsetzen können, sondern auch wissen, wie eine musikalische Struktur funktioniert, damit er den größeren Rahmen einer Oper durchschauen kann. Er muss wichtige Themen erkennen können und erspüren, was die Musik ausdrückt.
Mein Schwerpunkt hier am Staatstheater Kassel ist die Sängerarbeit. Wenn es darum geht, eine Rolle zu erarbeiten, muss ich immer erst schauen, wo der jeweilige Solist steht: Hat er die Partie schon einmal gesungen, dann geht es um den Feinschliff und die Anpassung an die Bedingungen des speziellen Umfeldes. Ist die Rolle neu für ihn, ist man noch viel mit einzelnen Tönen, der Atmung, also der technischen Organisation beschäftigt. Da gilt es gemeinsame Wege zu finden. Es gibt ja häufig Problemstellen, zum Beispiel: Wie komme ich durch eine Phrase und kann gleichzeitig die Stimmung zum Ausdruck bringen, in der sich der Protagonist gerade befindet? Oder: Wie kann man stimmlich Gefühlsregungen umsetzen, ohne dass sie künstlich wirken oder die musikalische Linie verlieren? Man versucht als Repetitor das Wesen des Sängers zu verstehen und sein Talent zu erfassen, seine körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten einzuschätzen.
Natürlich muss man bei der Gestaltung der Rollen auch eng mit dem musikalischen Leiter der Produktion zusammen arbeiten, schließlich ist ja auch das Orchester ein wichtiger Faktor im Gesamtkunstwerk.
Die Arbeit eines Repetitors ist also sehr komplex, sie hat außerordentlich viele Facetten; und das ist eine tolle Sache!