© N. Klinger © N. Klinger

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Tif-Technik

Mittendrin statt nur dabei

Die ersten sind auch die letzten: Zumindest auf den Technischen Leiter des tif Christian Franzen und seine Mitarbeiter Oliver Freese, Thorsten Knetsch, Edgar Löber und Andreas Nörtemann trifft dies zu, denn fast täglich sind sie ab zehn Uhr morgens zur Stelle – und nach der Vorstellung sind sie die letzten, die das tif verlassen. Das tif (Theater im Fridericianum) ist mit 99 Plätzen neben Opernhaus (knapp 1000 Plätze) und Schauspielhaus (ca. 520 Plätze) die kleinste Spielstätte des Staatstheaters. Bis zu fünf verschiedene Vorstellungen pro Woche aus Schauspiel, Kinder- und Jugendtheater, Oper und Tanz finden dort statt, die technisch betreut werden müssen – daneben jeden Morgen Proben für die nächsten Premieren. Leicht vorstellbar, dass da sehr viel auf- und abgebaut werden muss. Damit all das reibungslos über die Bühne gehen kann, ist das Team strengen Zeitvorgaben unterworfen. Auch auf pünktliches und präzises Arbeiten kommt es an, denn jede Vorstellung und jede Probe erfordert eine andere Bühnendekoration und unterschiedliche technische Voraussetzungen.
Die tif-Techniker sind von der Bauprobe, dem ersten Aufbau des entworfenen Bühnenbilds im Originalraum, bis zur letzten Vorstellung »ihrer« Stücke mit dabei. Sie arbeiten Hand in Hand mit dem Bühnenbildner oder der Bühnenbildnerin, gehen auf Wünsche des Regisseurs und der Assistenten ein und ermöglichen damit, dass künstlerische Ideen auch technisch perfekt umgesetzt werden. Die tif-Techniker stellen mit fünf Leuten die kleinste Truppe aller Bühnenteams des Staatstheaters und müssen gerade deshalb sehr eng zusammenarbeiten, was ein hohes Maß an Absprache erfordert. Gerade in diesem Team ist es wichtig, dass sich einer auf den anderen verlassen kann, falls mal jemand ausfallen sollte. Im Normalfall sind zwei Techniker für eine Produktion eingeteilt. Beide müssen mit sämtlichen technischen Gegebenheiten des Stücks hundertprozentig vertraut sein.

Christian Franzen bleibt der Hauptverantwortliche bei schwerwiegenden Entscheidungen, wie beispielsweise kurzfristigen Vorstellungsänderungen, und muss letzten Endes immer für etwaige Fehler geradestehen. Er springt auch im Zweifelsfall ein, falls die beiden für ein Stück Zuständigen ausfallen. Er muss also den technischen Ablauf aller Stücke in- und auswendig kennen und in der Lage sein, nach den im Textbuch vermerkten Anweisungen eine Vorstellung zu steuern.

Das ist eine immense Herausforderung, denn es gibt im tif gleichzeitig mehrere Aufgabenfelder: den Ton, die Beleuchtung, die Kulissen – bei der Technik laufen alle Fäden einer Aufführung zusammen. Denn – eine Besonderheit des tif – es gibt hier keinen Inspizienten: Kein Zuschauer sieht ihn (oder sie) bei den Vorstellungen im Opern- oder Schauspielhaus, kaum einer weiß überhaupt, dass es Inspizienten dort gibt – oder was sie tun: Ein Inspizient signalisiert nach Regieanweisung den verschiedenen Bereichen ihren Einsatz. Er sitzt im Opern- und im Schauspielhaus am riesigen Inspizientenpult neben der Bühne und gibt den Bühnentechnikern Zeichen für Umbauten, den Tontechnikern den Einsatz für Einspielungen, den Beleuchtern den Zeitpunkt zum Wechsel der Lichtstimmung vor – und nicht zuletzt den Sängern, Schauspielern oder Tänzern das Zeichen zum Auftritt. Vom Öffnen bis zum Schließen des Vorhangs kommen alle Einsätze von seinem Pult. Dort laufen also alle Fäden einer Aufführung zusammen. Er gewährleistet, dass Schauspieler, Licht, Ton und Technik miteinander agieren – und nicht etwa nebeneinander her.
Das so genannte »Aquarium« ist die Schaltzentrale, das Herzstück der tif-Technik. Von hier aus koordiniert der für die jeweilige Vorstellung zuständige Techniker den gesamten Ablauf. Mehrere Monitore, eine schwenkbare Kamera und jede Menge anderer technischer Geräte stehen ihm zur Verfügung, um den ganzen Bühnenraum zu überblicken. Man kann den Bühnen- und Zuschauerraum aus allen Perspektiven im Blick behalten und hat so die optimale Möglichkeit, spontan zu reagieren. Alles natürlich so unauffällig, dass kein Zuschauer etwas mitbekommt. Wichtigstes Arbeitswerkzeug hierbei ist das Textbuch des jeweiligen Stückes. In ihm sind Zeichen für Licht- und Tonwechsel vermerkt, welcher Schauspieler wann wo steht und welche technischen Einstellungen hierfür benötigt werden.
Der Techniker muss in der Lage sein, flexibel zu reagieren und im Notfall spontan zu improvisieren. Er muss während der gesamten Vorstellung stets hochkonzentriert sein und kann es sich nicht erlauben mit den Gedanken abzuschweifen. Er muss sich auf die Künstler auf der Bühne verlassen können, so wie sie sich auf ihn. Nach der Vorstellung füllt der zuständige tif-Techniker in Zusammenarbeit mit der Abendspielleitung den Vorstellungsbericht aus, in dem besondere Vorkommnisse und unvorhergesehene Probleme eingetragen werden. Für die nächste Vorstellung des Stückes können dann Veränderungen und Verbesserungen besprochen werden.
Um als Bühnentechniker arbeiten zu können, sollte man eine gewisse handwerkliche Begabung mitbringen. Technische Begeisterung und die Fähigkeit mehrere Abläufe gleichzeitig zu koordinieren, sind besonders im tif sehr wichtig, da man oft gezwungen ist, von der einen auf die andere Minute Entscheidungen zu treffen, die auf den Ablauf einer Produktion beträchtlichen Einfluss haben können.
Darüber hinaus muss man auch zeitlich sehr flexibel sein, das heißt, die Arbeitszeiten sind keine normalen achtstündigen Arbeitstage, sondern für das gesamte Team ist rund um die Uhr und oftmals auch in den späten Abendstunden sowie am Wochenende etwas zu tun.
Dabei muss man als Einzelner bereit sein, abteilungsübergreifend zusammenzuarbeiten und sich auf neue Personen und Gegebenheiten einstellen.
Christian Franzen ist seit der Spielzeit 1985/86 bei der tif-Technik dabei. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker. Theater wurde ihm in seiner Wohngemeinschaft mit Schauspielern nähergebracht und weckte in ihm die Begeisterung für die Arbeit hinter den Kulissen. Tatsächlich sind die meisten im Team über Umwege ans Theater gekommen. Die tif-Mannschaft ist ein bunt gewürfelter Haufen: ein Schreiner, ein Elektriker, ein Tonspezialist. Augenscheinlich tut dies der Arbeitsweise der Truppe keinerlei Abbruch. Man bekommt vielmehr den Eindruck, als förderten die unterschiedlichen beruflichen Laufbahnen die Produktivität – was Christian Franzen nur zu gerne bestätigt. Man merkt, dass er begeistert ist von dem, was »seine Jungs« täglich leisten.
In der Regel gibt es zu Beginn der Spielzeit ein Gespräch, in welchem die anstehenden Stücke besprochen und Zuständigkeiten geklärt werden. Für jeden der fünf Männer von der tif-Technik ist es ein 24 Stunden-Job. Jeder muss jederzeit auf Abruf bereit stehen und einspringen können – denn wenn z.B. ein Schauspieler plötzlich erkrankt, muss innerhalb weniger Stunden ein anderes Bühnenbild aufgebaut und technisch eingerichtet werden. »Einleuchten« nennt man beispielsweise das Abrichten der Scheinwerfer auf die Positionen, die im Laufe eines Stückes bespielt werden. Diese ständige Einsatzbereitschaft, die dadurch entsteht, dass am Abend »der Vorhang hochgehen« muss, erfordert eine gute Portion Idealismus.
»Mittendrin statt nur dabei« lautet das Motto im tif, denn dort sind die Techniker am Probenprozess vom ersten Tag an beteiligt. Sie sind, anders als üblich, unmittelbarer Teil der künstlerischen Produktion. Zwar können bei komplexeren technischen Abläufen Licht- und Tonproben extra stattfinden, jedoch geschieht dies nur in Einzelfällen und nur vor Beginn der Hauptproben, also der letzten und besonders wichtigen Probenwoche vor der Premiere. Im Regelfall »übt« der Techniker mit Textbuch, ebenso wie die Schauspieler während der Proben, da hauptsächlich auf Sicht oder Stichwort gearbeitet wird.
Die Abläufe werden weniger durch festgelegte Voreinstellungen, vielmehr durch häufiges Wiederholen verinnerlicht. Jede noch so kleine Feinabstimmung wird akribisch ins Textbuch notiert, das dem Techniker später in der Vorstellung als Handlungsgrundlage dient.
Christian Franzen ist stolz, dass in seiner fast 30jährigen Tätigkeit am Staatstheater nicht eine Vorstellung aus technischen Gründen ausfallen musste. Eine andere Beschäftigung kommt für ihn und seine Männer nicht in Frage. Sie haben ihre Arbeit ganz in den Dienst eines künstlerischen Prozesses gestellt, in dem sie einen wichtigen Stellenwert haben.
Jedes Bühnenbild wird zwar lange im Vorfeld einer Inszenierung besprochen, wenn aber dem Regieteam während der Proben neue Einfälle kommen und bereits realisierte technische Ergebnisse wieder verworfen werden müssen, müssen die tif-Techniker spontan alles umstellen. Dies erfordert uneingeschränktes Vertrauen zwischen Regie, Schauspielern und den Technikern.

Lisa Heß
Jahrespraktikantin der Presseabteilung (2012/2013)