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Bassem Alkhouri

Tenor

»Hier gibt es eine neue Welt für mich«

Bassem, Du bist in Syrien geboren. In einem Land, das derzeit selbst sieben Millionen Flüchtlinge zählen muss. Für deine syrische Familie hast du dich sehr eingesetztMein ältester Bruder lebt auch in Deutschland, seit bereits vier Jahren, er ist ebenfalls Künstler. Davor hat er mit seiner Frau in Damaskus Kunstprojekte mit Kindern in Museen gemacht. Meine Schwester und meine Mutter sind mittlerweile in den USA. 

Siehst du eine Chance für dein Heimatland? Immer. Aber noch will man dort ja nicht wirklich eine Verschiebung Richtung Demokratie. Das ist auch ein Prozess, der sehr sehr lange dauern wird. Ich denke, jede Zivilisation hat ihre Probleme gehabt, und dass es ein Schwarz/Weiß-Denken generell auch immer geben wird. In Europa ging die Entwicklung hin zu einer besseren Lebenswelt und Gesellschaft schneller als bei uns. Wir scheinen nichts aus der Geschichte lernen zu können. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass wir in unsere Kinder investieren müssen, jedes Land muss das. Hier in Europa hat das in vielerlei Hinsicht schon viel länger eine Selbstverständlichkeit. Aber in Syrien haben wir so große Probleme; das Leben dort ist so schwer geworden, weil es an allem Wesentlichen fehlt, und in erster Linie daran, dass alle genug zu essen haben. Und dann fehlt es an Kunst, Kultur und Bildung. All das kommt erst an dritter Stelle, wenn überhaupt. Es gab durchaus eine Zeit in meiner Heimat, wo trotz unterschiedlicher Religionen jeder jeden tolerierte, tatsächlich. Jetzt ist die Situation natürlich längst eine andere, sie hat sich grundlegend geändert.

Und die Hälfte der Menschen deiner Geburtsstadt Damaskus irrt verzweifelt durch die WeltDer Freiheitsbegriff existiert bei uns so nicht. Man begann das freie Denken zu unterdrücken, die Menschen in Abhängigkeit zu halten. Und wenn die Menschen klein gehalten werden, kann man sie besser kontrollieren. Das ist das System, auf dem Tyrannei basiert und funktioniert. Da aber Menschen sich das nicht ewig gefallen lassen, kam es zum Krieg. Aber Krieg, was für ein Wahnsinn! Wenn ich daran denke, was Krieg alleine in einer Woche kostet. Davon könnten die Menschen weltweit jahrelang studieren. Und dann muss ich auch daran denken, dass das Land, in dem die Nobelpreise verliehen werden, selbst effektivste Todeswaffen produziert.

Auch wenn unterschiedliche Religionen toleriert wurden, war die politische Geisteshaltung doch trotzdem keine freie oder liberale in deinem Heimatland. Nein. Ich musste mit elf Jahren Schießen lernen, wir wurden in Uniformen gesteckt. Die vorherrschende Mentalität dabei? Wir wurden quasi mit Feindbildern geimpft, in erster Linie waren das Israel, USA und Westeuropa. Wie soll ich das heute rückblickend beschreiben? Uns wurde weisgemacht, dass es nur ein einziges wahres Land gäbe, und der Rest der Welt ist ein Monster. So wurden wir indoktriniert. In der Schule wurde mir zensierte und gefälschte Geschichte nahegebracht, dazu Mathematik und Kämpfen.

Aber wie fand man damals aus diesem System heraus beziehungsweise wie konnte man ihm standhalten? Was uns immer verband, intern, war die Familie. Ich bin dankbar, dass meine Familie bei Verstand blieb. Kunst, Literatur, Musik kamen von zuhause. Das ist mein großes Lebensglück. Mein Vater hatte Politik studiert, wir waren immer gut informiert. Und wir haben zuhause viel gelesen, auch Literatur. Ich kenne die ganzen Märchen der Brüder Grimm schon seit Kindesbeinen an. 

Du hast ja auch den Text der Produktion ins Arabische übersetzt für den Besuch von Flüchtlingskindern, die wir in eine Vorstellung vom TAPFEREN SCHNEIDERLEIN eingeladen hatten. Ja. Ich möchte gerne etwas tun, aber die Hilfe muss auch koordiniert und organisiert werden. Um die Flüchtlinge in Deutschland mache ich mir weniger Sorgen, aber um die in der Türkei oder in Jordanien; dort gibt es gar keine Sicherheit. Selbst die Hilfsgüter werden von anderen einkassiert. Ich war von den Niederlanden aus in Jordanien und habe da Workshops mit Kindern gemacht, als eine Form von Basisarbeit.

Da warst du noch freiberuflich tätig. Jetzt gehörst du seit der Spielzeit 2013/14 zum Kasseler Opernsensemble. Wie bist du denn zur Oper gekommen? In Syrien gibt es den klassischen Opernsänger nicht. Jedoch in Damaskus seit einigen Jahren einen Opernneubau, als Statussymbol … Die arabische Kultur hat ihre eigene Musik, in der nahezu 90 Prozent improvisiert wird. Mit sieben Jahren lernte ich qānūn spielen. Mein Vater schrieb Gedichte, die ich mit diesem Instrument in Musik übersetzt habe; mein Vater war es auch, der mit mir, als ich klein waar, über Bach und Beethoven gesprochen hat. Zur Oper kam ich dann über Tonträger eines Freundes. Als ich diese Musik hörte, und wie gesungen wurde, dachte ich, ich muss singen. Es hat mich so bewegt, dass meine Kehle brannte, und ich fühlte: Hier gibt es eine neue Welt für mich.

 

Biografie Bassem Alkhouri ist in Damaskus (Syrien) geboren und studierte Gesang am Königlichen Konservatorium in Den Haag sowie an der Akademie der Holländischen Nationaloper in Amsterdam. 2007 debütierte er mit der Partie des Don José in Bizets Oper Carmen und seine Tätigkeit führte ihn an Opernhäuser in den Niederlanden, in Frankreich sowie in seiner Heimatstadt; daneben gibt der Tenor auch Solokonzerte in ganz Europa. Als Ensemblemitglied des Staatstheaters Kassel war er zuletzt unter anderem als Spoletta in Tosca, Alfred in der Fledermaus, der Bucklige in Die Frau ohne Schatten, Valzacchi in Der Rosenkavalier, Pylades in Iphigénie en Tauride, Lenski in Eugen Onegin, Artabano in der Barockoper Artaserse und der Prinz in Die Liebe zu den drei Orangen auf der Opernbühne zu erleben. 2016/17 sang der Tenor Basilio und Curzio in Die Hochzeit des Figaro, Paul in Die Großherzogin von Gerolstein, er debütierte mit den Partien des Rodolfo in Luisa Miller und des Creonte in Tommaso Traettas Antigona und übernahm in Elektra die Rolle des jungen Dieners. In der neuen Spielzeit ist er erneut als Creonte zu erleben, als Aufidio in Mozarts Lucio Silla und als Tom Rakewell in Strawinskys The Rake’s Progress. Außerdem gibt er sein Debüt als Rodolfo in der Wiederaufnahme von Puccinis La Bohème.  

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Antigona (Creonte, ihr Onkel )
Lucio Silla (Aufidio)
Operncafé LUCIO SILLA
The Rake's Progress (Tom Rakewell)