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Bénédicte Tauran

Sopran

»Wir brauchen das Publikum, und das Publikum braucht uns«

 Zu einer der geläufigsten Redewendungen der Franzosen gehört Il faut profiter. Das ist auch gleich ein typisches Beispiel dafür, dass man das Französische nicht so einfach Eins-zu-Eins ins Deutsche übersetzen kann; nur weil man glaubt, die Vokabel zu kennen. Um das klarer zu kriegen, könnte man ergänzen Il faut profiter de la vie, und das meint soviel wie Carpe diem, also sich etwas zunutze machen, vor allem aber auch etwas genießen, wie gerade jetzt: Es genießen und Freude daran haben, dass wir hier in der Frühlingssonne bei einem Kaffee zusammen sitzen. Selbstverständlich muss ich im auch Wein und Käse nennen, sehr wichtig!, den wir Franzosen gerne genießen. Letzte Woche war hier am Friedrichsplatz wieder eine französischen Woche. Da gab es französischen Käse oder die typischen gallettes bretonnes, o là là!. Das ist wirklich das Paradies: Ziegenkäse, tolles Brot, dazu leckeren Wein. Das alles zusammen, das ist profiter. Solche Momente, und sie vor allem mit anderen Menschen zusammen zu teilen, partager, macht auch das Leben aus. Man hat mich dieses Jahr bei der Französischen Woche gleich wieder erkannt und sofort gefragt: Mademoiselle, qu’est-ce que vous voulez?

Das ist so, als hättest du hier in Kassel ein Stück Heimat gefunden. Was magst du an der Stadt noch? Die Karlsaue, ich nenne sie Central-Park: Ein Stadtpark, der zum Zentrum Kassels gehört. Da bin ich jeden Tag, ich wohne auch dort in der Nähe. Kassel ist Natur pur. Vom Bergpark Wilhelmshöhe aus kannst du das genau sehen. Und das ist Deutschland auch für mich: Viel Natur beziehungsweise das Empfinden von Nähe zur Natur. Das findest du auch im ganzen romantischen Repertoire bei Dichtern wie Mörike oder Eichendorff oder den Komponisten Schumann und Schubert, bei den Komponisten, die für das Lied-Repertoire stehen. Ich liebe ihre Poesie.

Und die französische romantische Poesie?  Da denke ich natürlich an Charles Baudelaire mit seiner düsteren und auch erotischen Poesie, dann an Paul Verlaine. Seinen Texten ist die Musik schon eingeschrieben. Insgesamt ist die französische Poesie plus légère im Vergleich zur deutschen dieser Epoche. Und ja, Apollinaire liebe ich auch sehr. Er wurde von Poulenc vertont, das habe ich viel gesungen.

Ich glaube, wir bekommen hier gleich einen Sonnenbrand, die Märzsonne ist so kräftig. Da würde ich auch sofort wieder sagen: Il faut profiter. Jetzt hier zu sitzen mit dir, die Gegenwart, den Augenblick zu erleben, gemeinsam mit anderen Menschen, das gefällt mir. Da denke ich jetzt zum Beispiel auch nicht daran, dass ich nachher noch eine Rigoletto-Probe habe. Es ist eher so, dass ich aus einem gegenwärtigen Erleben dann Kraft ziehen kann für meine Arbeit auf der Bühne. Ich bin einfach gerne in Kassel und seinem Staatstheater. Ich besuche auch die Tanzvorstellungen hier. Tanz ist mir nahe, ich habe im Alter von vier Jahren angefangen zu tanzen. Das Körpergefühl, das man dabei bekommt, hilft mir immer auf der Bühne, bis heute. Und ich habe auch alle Opernvorstellungen angeschaut. Für mich ist es gut, wenn ich hin und wieder Opern-Besucherin bin. Ich wechsle da bewusst die Seite, um so einmal Teil des Publikums zu werden, für das ich normalerweise singe und spiele.

Warum? Ein Grund ist die Selbstüberprüfung: Zu erleben, was an Emotionen weitergegeben wird, was rüber- und ankommt im Saal. Das ist toll.

Auf der Bühne warten jetzt bis zum Sommer noch Gilda und Konstanze auf dich. In der nächsten Spielzeit Gretel. Wer ist denn da mein Bruder?  Maren Engelhardt ist dein HänselDa muss ich mich sehr gut vorbereiten. Hänsel und Gretel ist sehr viel Arbeit. Weißt du, was ich bis jetzt festgestellt habe bei meinem Tun? Mittlerweile genieße ich den Produktionsprozess, das gemeinsame Suchen und Finden, das Entwickeln einer Figur. Heute sind mir auch solche Fragen wichtig geworden: Wie kann man Regie führen, auf welche Art und Weise kannst du mit Sängern arbeiten. Regisseur*innen haben ein Konzept, eine Idee, und jetzt ist die Frage, was wir Sänger*innen damit und daraus machen, wir rühren quasi die Soße an, das ist wie Kochen. Also, wie mischt man etwas so, dass es sich zusammenfügt? Wie bringt man etwas dahin, dass es zusammenwächst, das ist la patisserie. Die Zutaten müssen stimmen, die Chemie. Um bei diesem Vergleich zu bleiben, denn die Wirkungsmechanismen sind chemischer Natur: Wie weit können wir gehen bis oder bevor etwas explodiert? Wir müssen oft sehr weit gehen, auch weit über die Grenze, wenn die Dinge nicht flüssig laufen. Wir ringen solange, bis die Geste flüssig wirkt. Es geht darum, das Beste aus uns herauszuholen. Das ist ein tolles Gefühl für uns, Teil des Prozesses zu sein, gebraucht zu werden und zu spüren: Wir sind wichtig. Am Einfachsten geht es natürlich, wenn alles klar ist von Anfang an, und das ist dann auch gut.

Und nächstes Frühjahr folgt Juliette. Oui! Juliette wollte ich immer singen, es ist eine tolle Figur und großartige Musik. 

Juliette stirbt, wie so viele andere Opern-Frauen dieser Epoche auch. Das stimmt. Aber sie stirbt mit ihrem Roméo zusammen: Da erfüllt sich das Prinzip der romantischen Liebe. Vielleicht ist es auch besser so, denn was wäre 50 Jahre später? Da würden sie sich vielleicht hassen. 

Wieso denkst du so weit? Die zwei Familien sind hoch verfeindet; die beiden Liebenden jung und leidenschaftlich; aber, ob sie den Hass, der die Familien trennt, überwinden könnten? Nun ja, natürlich ist es mehr als fraglich, ob das gemeinsame Sterben im richtigen Leben die richtige Lösung wäre. Ich drücke es mal so aus, ohne es zu bewerten: es wäre eine mögliche. Und in der Oper, auch in der italienischen, gehört immer la passionpassione, dazu; eine so starke Leidenschaft …

… die auch Leben zerstört … sicher. Aber durch Leidenschaft wird so etwas ausgelöst wie Katharsis im griechischen Theater: Das bedeutet, du bist nach deinem Theater- oder Opernbesuch verändert, weil du etwas bekommen hast. An erster Stelle fühlst du etwas über den Gesang, dann natürlich während des Geschichten-Erzählens. An zweiter Stelle kann dies einsetzen: Wenn dir da gerade eine starke Geschichte erzählt wurde, kann sie nachhallen in dir, wie ein Echo. Das ist etwas, was ich bewirken möchte, und das ist es auch, warum ich singe. Und die Interaktion zwischen Bühne und Zuschauerraum funktioniert letztlich wie ein Lebensprinzip: Wir brauchen das Publikum als Gegenüber, und das Publikum braucht uns.

 

Biografie Die französische Sopranistin Bénédicte Tauran stammt aus Limoges. Am dortigen Conservatoire begann sie auch ihre musikalische Ausbildung, die sie an der Schola Cantorum in Basel fortführte und am Konservatorium in Neuenburg mit dem Solistendiplom abschloss. Engagements in der Saison 2013/14 umfassen Messagers Ciboulette (Titelrolle) an der Opéra de St Etienne, ihr Debüt an der Opéra National de Bordeaux in La Lettre des Sables (Welturaufführung von Christian Lauba), Messagers Fortunio an der Opéra de Rennes und Wanda in La Grande Duchesse de Gerolstein am Grand Théatre de Genève. Zudem ist sie in Haydns Nelson-Messe am Victoria Hall in Genf, in Beethovens 9. Sinfonie (Dir. Neeme Järvi) sowie in Schumanns Das Paradies zu erleben. Seit ihrem Operndebut in Prag als Phebe in Castor et Pollux von Rameau hat sich Bénédicte Tauran ein großes Repertoire angeeignet und war an zahlreichen Opernhäusern in Europa zu hören. Darunter zuletzt als Susanna in Le Nozze di Figaro an der Opéra de Lausanne oder Queen Elizabeth in der Welturaufführung von Battistellis Richard III an der Opéra de Genève. Unter Christophe Rousset sang sie Urgande in Lullys Amadis am Festival de Beaune und an der Opéra Royal de Versailles. Weitere Partien ihres Repertoires sind unter anderen Eurydice in Glucks Orphée et Eurydice, Armida in Händels Rinaldo und Pamina in Die Zauberflöte. Bénédicte Tauran arbeitete mit renommierten Dirigenten und Regisseuren zusammen wie Nello Santi, Alberto Zedda, Bertrand de Billy, Paolo Arrivabeni, Stefan Soltesz, Zoltan Pesko, Hervé Niquet, Diego Fasolis oder Marek Janowski und Robert Carsen, Achim Freyer oder Christof Loy. Sie ist Preisträgerin verschiedener internationaler Wettbewerbe wie dem Mozartpreis am Concours de Genève, dem Salzburger-Mozartwettbewerb und dem Marcello Viotti-Wettbewerb Lausanne. Neben ihrer Operntätigkeit ist die Sopranistin eine international gefragte Konzertsängerin und hat weltweit Soloprogramme gesungen. Bénédicte Tauran debütierte in Kassel in der Rolle der Gilda im Sommer 2014 in der Neuproduktion Rigoletto. Seit 2014/15 gehört die Sopranistin zum Opernensemble des Staatstheaters, wo sie außer als Gilda noch als Pamina in der Zauberflöte, Servilia in der Wiederaufnahme der Mozartoper La Clemenza di Tito, Rosina im Barbier von Sevilla und 2. Sopran in Un Re in Ascolto zu erleben war. 2015/16 sang sie wieder Gilda in Verdis Rigoletto und Konstanze in Mozarts Die Entführung aus dem Serail. 2016/17 war die französische Sopranistin erneut Konstanze, außerdem gab sie ihre Debüts als Gretel (Hänsel und Gretel) und Juliette in Gounods Roméo et Juliette. 2017/18 steht sie als Cinna in Mozarts Lucio Silla auf der Kasseler Opernbühne.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Lucio Silla (Cinna, Freund von Cecilio und Giunia)
Operncafé LUCIO SILLA