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Jaclyn Bermudez

Sopran

Lets dance!

 Diese Momente gibt es. In jedem Leben. Man steht an einer Wegscheide und muss sich entscheiden. Wie John Lurie und Tom Waits am Ende von Down by law. Beide wissen, dass sie sich trennen werden, die Frage ist nur, wer wo lang geht. Lurie und Waits schauen sich eine Weile an, dann übernimmt Lurie das Kommando: Er geht die Straße hinab, die nach rechts führt; Waits folgt der Straße, die nach links führt. Grandioses Ende eines grandiosen Films.

Nicht nur zwei, sondern gleich drei Optionen hatte Jaclyn Bermudez, als sie an der High School war und ihr stupendes sängerisches Talent mit einem Song von Whitney Houston und mit dem Barockschlager Caro mio ben bereits bewiesen hatte: Sie konnte den Vocal Jazz- Kurs wählen, die (allgemein gehaltene) Master Class – oder das Fach Oper. Niemand war da, der ihr half. Diese Entscheidung musste sie ganz alleine treffen. Und das war wirklich nicht einfach. Sie liebte den Jazz, das lag also nahe. Eine Meisterklasse, nun, das klang auch nicht schlecht. Sie wählte die Oper. Heute kann sie darüber schmunzeln. Weil sie weiß: Es war goldrichtig. Man muss dazu nur ihre Tatjana in Eugen Onegin hören, ihre Bohème-Mimì, die Merab in Händels Saul oder die Titelheldin in Emmerich Kálmáns Operette Die Herzogin von Chicago. Das besitzt enorme vokale und darstellerische Energie. Das besitzt Leidenschaft, Tempo, Temperament. Und das besitzt Poesie. Ein bisschen davon hat ihr der liebe Gott in die Wiege gelegt. Doch auch Jaclyn Bermudez weiß, dass der Satz stimmt, demzufolge Talent auch und gerade darin besteht, dass man sich weiter entwickelt. Dass man hart arbeitet, in ihrem Fall an der Stimme. Was das angeht, ist sie zu einhundert Prozent Amerikanerin. Die Einstellung ist absolut professionell. Und wenn die Proben zu einer Produktion beginnen, kann man sicher sein, dass die Sopranistin ihre Rolle beherrscht. Dazu aber ist sie auch noch einhundert Prozent Latino, wie sie selber sagt, will sagen: Ihre Seele ist es. Der Vater ist Puertoricaner, die Mutter US-Mexikanerin mit doppelter Staatsbürgerschaft. Zu beiden hat sie ein tolles Verhältnis, wenngleich die Eltern anfangs wenig angetan von der Idee ihrer Tochter waren, Gesang zu studieren. Jaclyn setzte sich mit einem kleinen Trick durch. Sie studierte in Pennsylvania nebenher noch etwas »Vernünftiges«, bevor sie dann, nach dem Wechsel an die Manhattan School of Music, den Fokus klar auf ihre Lieblingsbeschäftigung richtete. Mit Erfolg, wie sich bald zeigen sollte. Bei einem Gastspiel der Deutschen Oper am Rhein in New York nahm sie an einer audition teil und wurde auf der Stelle verpflichtet. So kam sie, wie einst Hölderlins Hyperion, unter die Deutschen, genauer: in Heines Geburtsstadt. Fragt man sie, was sie von unseren Landsleuten hält, hat Jaclyn Bermudez nur Komplimente parat. Organisiert seien die Deutschen, freundlich, wenngleich zurückhaltend, diszipliniert, gut strukturiert – und ehrlich. Sie mag das, weil es einen festen Belag unter die Existenz legt. Sie liebt es, wenn sie sich auf etwas verlassen kann. Und das sei hierzulande der Fall. Selbst der Vergleich zwischen Kalifornien, wo sie aufwuchs, New York und Kassel fällt positiv für letztgenannte Stadt aus. In New York hat Jaclyn zwar eine tolle Ausbildung erhalten, zu der auch der Tanz zählte (ihre geheime Leidenschaft Nummer eins!), doch sei dort alles sehr hart, hastig und aggressiv. Kein Ort zum Träumen. Sie musste neben dem Studium jobben, als Telefonistin, als Angestellte in einem Restaurant, da blieb für hedonistische Anflüge kaum Zeit. Das sei, seitdem sie in Deutschland lebt, anders, sagt sie. »Wenn ich hier nach einer Probe einen Kaffee trinke, dann trinke ich einen Kaffee. Und sonst nichts.« Sie braucht das, um sich wohlzufühlen. Und um die Kräfte zu schonen für die großen Rollen, die sie singt – und die sie noch singen möchte. Begonnen hat sie als Koloratur-Sopran, zu ihren Paraderollen zählte unter anderem Offenbachs Olimpia. Nach und nach kamen dann die etwas schwereren Sopran-Partien: Mimì, Tatjana vor allem. Besonders liebt sie jene Frauen auf der Bühne, die stark sind, wie Mimì, die den nahenden Tod durch Liebe aus ihrem Bewusstsein zu drängen vermag. Oder wie Tatjana, die, nachdem sie aus ihrem Alptraum erwacht ist, ein neues Leben anfängt und sich von dem Dämonen Eugen Onegin befreit. Und dann gibt es noch zwei Rollen, die würde Jaclyn Bermudez für ihr Leben gerne singen. Eine davon liegt nahe: Violetta Valéry in Verdis La Traviata. Die andere, sagt sie, sei zwar eigentlich nicht ihr Fach, wie man so schön sagt, doch eine Traumrolle ist und bleibt nun einmal eine Traumrolle. Wenn man weiß, dass sich in Jaclyn Bermudez Leidenschaft, Temperament und Poesie mit der Liebe zum Tanz verbinden, und dass ihr absolutes Idol Maria Callas ist, dann wird schnell klar, um welche Frau es sich handelt. Es ist die femme fatale par excellence: Carmen. Und seien wir ehrlich. Das wäre etwas für sie.

Biografie Jaclyn Bermudez erhielt ihre Ausbildung an der Carnegie Mellon Universitiy sowie an der Manhattan School of Music in den USA. Von 2009 bis 2011 war sie Mitglied des Opernstudios an der Deutschen Oper am Rhein und wurde zur Spielzeit 2011/12 Ensemblemitglied am Theater Hagen, wo sie unter anderem als Mimì in Puccinis La Bohème zu hören war. Als Solistin war sie außerdem in den letzen Jahren bei den Düsseldorfer Symphonikern und den Duisburger Philharmonikern zu Gast. Zur Spielzeit 2013/14 wechselte die Sopranistin als festes Ensemblemitglied ans Staatstheater Kassel und sang die Partien Mimì (La Bohème), Rosalinde (Die Fledermaus), 1. Dame (Zauberflöte) und Merab in Saul. Außerdem wirkte sie als Geneviève sowie als Gattin des Diktators am 10. TJO-Projekt mit. Zuletzt brillierte sie mit der Partie der Tatjana in der Wiederaufnahme von Eugen Onegin, war Prinzessin Nicoletta in Die Liebe zu den drei Orangen und Mary Lloyd in Die Herzogin von Chicago. In Jaques Offenbachs Opéra bouffe Die Großherzogin von Gerolstein war sie als Wanda sowie in der Titelpartie von Antigona zu erleben, die sie auch in der neuen Spielzeit wieder verkörpert. 2017/18 singt sie außerdem die Partien Mimì (La Bohème), Venus (Venus and Adonis), Gretel (Hänsel und Gretel), Anne Truelove (The Rake’s Progress) und Jenufa in der gleichnamigen Oper von Leoš Janáček.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Antigona (Antigona, Prinzessin von Theben)
Hänsel und Gretel (Gretel)
Inspiriert – Theater im Gottesdienst (Mitwirkende)
Jenufa (Jenufa)
La Bohème (Mimi)
Opernsoiree JENUFA
Preludio – Vorspiel
Opernkonzert

The Rake's Progress (Ann, seine Tochter)
Venus and Adonis (Venus)