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Johannes An

Tenor

Der Mann für alle Fälle

Ein Imker in Seoul? Eigentlich undenkbar. Imker leben auf dem Land, umgeben von Wiesen, Feldern, Bäumen und Seen. Imker lieben die Natur, nicht die Rush Hour in einer Mega City. Imker horchen auf den Gesang der Vögel, nicht auf das Gelärme Tausender von Autos, Imker folgen vielmehr Rosseaus Idealen. Und doch, einen Mann hat es gegeben, der lebte tatsächlich im Zentrum der Millionenmetropole und kümmerte sich dennoch jeden Tag um seine Bienenstöcke. Nach dem Frühstück brach der Vater von Johannes An auf in sein Honigland, wenn es dämmerte, kehrte er zurück zur Familie. Und dann tat er jeden Abend etwas, das den Sohn, wie er bekennt, nachhaltig geprägt hat: Er nahm er das Buch des Lebens zur Hand und las seinen Kindern daraus vor. Die Bibel, somit die Religion (in diesem Fall die evangelische) spielte eine wesentliche Rolle im Hause des Imkers, und sie spielt es nach wie vor, wiewohl nicht mehr in der südkoreanischen Kapitale, sondern in Kaufungen, wo Johannes An, seit acht Jahren Ensemblemitglied am Staatstheater Kassel, mit seiner japanischen Ehefrau (sie lernte er während des Studiums kennen) und den drei Kindern lebt. Der Begriff der Ethik ist an diesem Ort kein Fremdwort, er ist fundamentaler Bestandteil einer humanistischen Weltanschauung. Erlebt man Johannes An auf der Probe oder im Gespräch, dann spürt man etwas von dieser Ernsthaftigkeit. Hier ist ein Künstler, der die Dinge, die er tut, reflektiert und verinnerlicht, der nicht nur schöne Phrasen singt, sondern den Sinn hinter den Phrasen beharrlich hinterfragt. Es sei, sagt Johannes An, ungeheuer wichtig für ihn, zu wissen, wen er auf der Bühne verkörpert. Er will wissen, warum derjenige, der er dann jeweils ist, das tut, was er tut; er will verstehen, welche Motivation die Figur antreibt. Das hohe »B«, nun ja, das hat und hält man gerne. Aber einem Sänger, der selbst schon Regie geführt hat, genügt das nicht. Wobei er Ersteres (das hohe »B«) zunächst gar nicht anstrebte. Johannes An war, bevor er mit 28 Jahren nach Trossingen kam, um dort zu studieren, eindeutig ein Bariton. Und mit einem Schmunzeln erzählt er, dass es nach wie vor ein, zwei Tage im Monat gibt, an denen er aufwacht und seine Stimme verdächtig nach dieser ehemaligen Lage klingt. Zum Glück verfliegt das schnell. Und wer ihn auf der Bühne des Staatstheaters gehört hat in den zahlreichen Paraderollen, die das Fach bereit hält, von Florestan bis Calaf, vom Herzog von Mantua bis Cavaradossi, von Tamino bis zum Tapferen Schneiderlein, von Faust (in Gounods Vertonung des Stoffes) bis Samson, wird keine Sekunde daran zweifeln: Das ist von oben bis unten ein Tenor. Allerdings einer mit einem besonders geschmeidigen Timbre. Er hat sich das nach und nach erarbeitet. Zunächst musste Johannes An den Fachwechsel »überstehen«. Zwei Jahre habe das gedauert, erzählt er, aber dieser Zeit hat er sich genommen. Von dieser Geduld profitiert er bis heute. Die Stimme ist hinreichend verankert, flexibel, gerundet, das Passagio keine Treppenanlage, sondern eine organische Fläche nach oben. Und überdies ist diese Stimme auffallend robust: Es gibt wohl nur wenige Tenöre, die man nachts anrufen und sie bitten kann, am nächsten Abend den Rodolfo zu singen. Johannes An hat das in den vergangenen Jahren häufig genug getan. Und es hat stets wunderbar funktioniert. Das paart sich mit einem formidablen Gedächtnis. Beleg ist eine Geschichte, die sich in der Spielzeit 2014/15 zutrug. Das Theater in Neustrelitz fragte an, ob er den Hans in Smetanas Oper Die verkaufte Braut singen könnte, natürlich am nächsten Abend; so ist das Geschäft. Er hatte die Rolle zuletzt 2006 gesungen, es war viel Zeit ins Land gegangen. Eine ganze Nacht quälte ihn die Frage, ob er die Partie noch drauf habe, am nächsten Morgen aber wusste er: Ich kann es noch. Und so fuhr er nach Mecklenburg-Vorpommern und begeisterte das Publikum dort mit einer geschliffenen Interpretation. Das gibt natürlich Selbstvertrauen. Aber Johannes An wäre nicht er selbst, würde das auch nur den Hauch von Hochmut erzeugen. Er arbeitet weiter an sich. Und nichts ist ihm zu leicht (oder zu schwer, je nach der Perspektive). In dieser Saison beispielsweise singt er den Boris Sandor in Kálmáns Operette Die Herzogin von Chicago; eine Rolle, die auf den ersten Blick keine Hürden birgt. Sollte man jedenfalls glauben. Doch weit gefehlt. Die Anforderungen, sagt Johannes An, seien für ihn die gleichen wie beim Calaf in Puccinis Turandot. Anforderungen, das meint vor allem eines: Durchdringung. Ohne sie geht es nicht. Niemals.

 

Biografie Johannes An wurde 1974 in Seoul, Korea, geboren. Seine Ausbildung erhielt er zunächst an der Seoul National University; seit dem Sommersemester 2003 vervollständigte er seine Studien zudem an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen. Er war Finalist und Preisträger verschiedener internationaler Wettbewerbe; so gewann er z.B. im November 2003 beim »Concorso Internationale Valsesia Musica« in Italien den 1. Preis in der Abteilung Lied und war im Januar 2004 Preisträger beim »Internationalen Gesangswettbewerb der Kammeroper Schloss Rheinsberg«. Sein erstes Festengagement erhielt er 2005/06 an der Oper Kiel, daneben führten ihn Gastengagements in mehrere deutsche Städte. Seit 2008/09 ist Johannes An festes Ensemblemitglied am Staatstheater Kassel. Hier organisierte er mit allen am Theater angestellten Landsleuten zwei Liederabende unter dem Motto »Koreanische Köstlichkeiten« und lud zu Schuberts »Winterreise« ein. Zuletzt war er in den Produktionen Manon Lescaut, Die Meistersinger von Nürnberg (David), Gounods Faust (Titelrolle) und Der Vetter aus Dingsda zu hören. In Aribert Reimanns Lear verkörperte er den Herzog von Kent, in Verdis Otello Rodrigo. Deweiteren war er  als Tamino in der Zauberflöte und als tapferes Schneiderlein in Wolfgang Mitterers gleichnamiger Kinderoper auf der Bühne zu erleben; im Tannhäuser übernahm er die Rolle des Walther von der Vogelweide und in Beethovens Oper Fidelio die des Florestan. In der Spielzeit 2013/14 war er unter anderem als Cavaradossi in Tosca, Samson in Samson etDalila, Alfred in der Fledermaus und Rodolfo in La Bohème zu erleben. In der letzten Spielzeit war er erneut Monostatos in der Zauberflöte; er übernahm den Haushofmeister der Feldmarschallin im Rosenkavalier, den Erzähler in Carl Orffs Der Mond und stand in Turandot zudem für zwei Vorstellungen als Calaf auf der Opernbühne. Zuletzt konnte man ihn als Spaßmacher Truffaldino in Die Liebe zu den drei Orangen erleben sowie als Sandor Boris in der Operette Die Herzogin von Chicago. In der Spielzeit 2016/17 singt er Curzio und Basilio in Mozarts Die Hochzeit des Figaro, Fritz in Die Großherzogin von Gerolstein und Aegist in Elektra. In der Wiederaufnahme von Turandot steht er zudem für drei Vorstellungen erneut als Calaf auf der Opernbühne und in Roméo et Juliette ist er in der Titelpartie des Roméo zu hören.

In der Spielzeit 2016/17 am Staatstheater Kassel

Die Großherzogin von Gerolstein (Fritz)
Elektra (Aegisth)
Le nozze di Figaro (Don Basilio)
Le nozze di Figaro (Don Curzio)
Preludio – Vorspiel
Opernkonzert

Roméo et Juliette (Roméo)
Turandot (Calaf, der unbekannte Prinz)
Vorgestellt! – Einführungsmatinee zu ROMEO ET JULIETTE