preloader

Lin Lin Fan

Sopran

»Freiheit, die ich spüre«

 Mozart ist an allem Schuld. Wer sonst. Wer sonst wäre in der Lage, einen Menschen, der seine Musik hört, schon nach wenigen Minuten zu verführen, und das für alle Zeiten. Schließlich geht es ja in Mozarts Opern meist auch darum: um Verführung. Um den Zauber der Liebe, um die Magie des gleichsam Goethe`schen Augenblicks. Lin Lin Fan kann davon, und das im doppelten Sinne des Wortes, ein Lied singen. Sie war 16, 17 vielleicht, als sie, dazu von ihrem Gesangslehrer ermutigt, eine Kassette in den Videorecorder legte (DVDs waren noch nicht en vogue), mit einer Aufzeichnung einer Aufführung von Mozarts Le Nozze di Figaro, Mirella Freni war Susanna und Kiri Te Kanawa die Comtessa, und es dauerte nur wenige Minuten, da war sie in den Bann gezogen. Das wollte sie auch. Singen. Mozart singen. Nun wollen das viele. Doch so leicht ist es nicht. Ein wenig mehr als das übliche Talent sollte man schon mitbringen. So wie die chinesische Sopranistin, die seit nunmehr vier Jahren Ensemblemitglied des Staatstheaters Kassel ist und durch ihre luziden Auftritte das Publikum immer wieder von Neuem in Begeisterungsstürme versetzt, zuletzt als Arbace in Leonardo Vincis Meisterwerk Artaserse. Es war ein Fest, nicht nur des Gesangs, sondern auch der Darstellungskunst. Und das ist nicht hoch genug einzuschätzen, wenn man bedenkt, dass Lin Lin Fan einen Mann verkörpern musste, der eigentlich als Frau zur Welt gekommen ist und nun durch edukatorischen Zwang in einen anderen Körper gepresst wird. Sie kann das, und sie tut es mit jener spielerischen Leichtigkeit, mit sie zuvor auch schon Titania in Brittens Midsummer Nights Dream war, Despina in Mozarts Così fan tutte, Aminta in L´Olimpiade, die Sophie im Rosenkavalier und Gilda in Verdis Rigoletto. Ihrer Stimme wie ihrem Spiel wohnt dieser unvergleichliche Duft von Ursprünglichkeit inne, das, was man die seltene Gabe der Überredung nennt. Betritt sie die Bühne, füllt sie diese augenblicklich, und das ist etwas, was man kaum lernen kann. Man hat es oder man hat es nicht. Und dennoch: Eine gute Ausbildung ist das Non plus ultra. Lin Lin Fan hat sie genossen; mehr als zehn Jahre lang – während des Studiums in Leipzig und noch danach – war Regina Werner ihre Lehrerin. Ihr verdankt sie vieles, und wenn sie sagt, Frau Werner sei über ihre Funktion hinaus auch so etwas wie eine Ersatzmutter gewesen, dann lässt sich erahnen, wie wichtig es ist, an die richtige Pädagogin und Mentorin zu geraten. Ein glücklicher Zufall also, er paart sich jedoch mit einer Auffassung von Kunst, die nach Vollkommenheit strebt. Es gibt nicht viele Sängerinnen, die ihre Rollen so detailliert erarbeiten wie Lin Lin Fan. Die Leichtigkeit, die sie auf der Bühne verströmt, ist das Ergebnis einer intensiven  Beschäftigung mit der Figur. »Ich stelle mir vor, wie die Person, die ich singe und spiele, im Alltag agiert. Wie sie geht, wie sie lacht, wie sie spricht, wie sie andere Menschen anschaut.« Und genau das ist der feine Unterschied: Nie würde sie sich als Arbace so verhalten wie als Despina, nie würde sie als Sophie so gehen wie als Gilda. Jede Figur ist autonom. Das Ziel aber stets das gleiche. Perfektion. Es verwundert kaum, dass Lin Lin Fan in diesem Zusammenhang Diana Damrau als eines ihrer Vorbilder nennt und Renée Fleming als ein weiteres. An jener fasziniert sie insbesondere die vokale Virtuosität, an dieser die totale Professionalität. Immer, wenn sie nicht weiter weiß, schaut sie in die Autobiographie der amerikanischen Sängerin mit dem schlicht-schönen Titel Die Stimme, eine Empfehlung ihrer Leipziger Lehrerin (deren Arbeit die niederländische Sopranistin Margreet Honig seit einige Jahren erfolgreich fortsetzt). Dort findet sie die Antworten, die sie benötigt, um weiter voran zu kommen. Wesentlich daran ist, dass sie das alles klärt, bevor sie auf die Bühne geht, um in dem Moment, wo sie dort steht, frei zu sein. »Wenn ich auf der Bühne an meine Atemwege denken würde, wäre ich nicht frei. Wenn ich es vorher tue, bin ich es.« Das ist die Freiheit, die sie meint. Sie ermöglicht es, das Publikum zu verführen. Sie, und die Beziehung, welche die Kunst zum Leben hat. Kunst, das ist für die Sängerin mit den zwei »Heimaten« (China, Deutschland) Leben, frei nach der Sentenz der franko-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois, in der Kunst ginge es nicht um Kunst, sondern ums Leben; aus dem Leben erst entsteht Kunst, weil die Kunst in der Lage ist, auf das Leben zu reagieren. Das seien, sagt Lin Lin Fan, zwei Welten, die aufs Engste miteinander verbunden sind: »Was ich auf der Bühne tue, hat mit einem Teil von uns zu tun. Nicht unbedingt mit mir. Aber vielleicht mit jemand anderem. Würde ich nur an Kunst denken, könnte ich nicht mehr singen.« Und dann sagt sie noch einen besonders schönen Satz, einen Satz, der nicht nur nachdenklich stimmt, sondern auch von einem kleinen Glück erzählt: »Das Leben inspiriert uns. Die Menschen. Nicht alle. Aber manche.«

Biografie Lin Lin Fan wurde 1982 in Shenyang (China) geboren. Sie studierte zunächst vier Jahre lang chinesischen Volksgesang, bevor sie 2002 ihr Gesangsstudium an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig aufnahm. 2005 gab sie als Preisträgerin des »Lortzing Wettbewerbs« einen Liederabend im Schumann-Haus in Leipzig. Seit ihrem Abschluss mit Diplom im Jahr 2007 bildet sie sich mit einem Aufbaustudium und Meisterkursen kontinuierlich fort. Schon während ihres Studiums sang sie in Hochschulproduktionen in Händels Alcina Morgana und in Cimarosas Il Matrimonio Segreto Carolina. Von April 2008 bis Juli 2009 war sie Mitglied des »Jungen Ensembles« der Semperoper Dresden. Sie gastierte 2008 als Zerbine in Mendelssohns Soldatenliebschaft und 2010/11 als Zerbinetta in Richard Strauss’ Ariadne auf Naxos am Theater Gera/Altenburg. Auch im Konzertfach ist Lin Lin Fan aktiv, so sang sie u.a. im März 2009 die Solopartie in Mozarts c-moll-Messe mit den »Virtuosi Saxoniae« unter der Leitung von Ludwig Güttler. Seit Beginn der Spielzeit 2011/12 ist die Sopranistin festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Kassel. Hier sang sie z.B. Norina (Don Pasquale), Costanza (Griselda), Titania (Ein Sommernachtstraum), Despina (Così fan Tutte) und Aminta (L’Olimpiade). Zuletzt begeisterte sie unter anderem als Musetta in der Wiederaufnahme der Puccinioper La Bohème, als Adele in Strauss’ Fledermaus und Falke in Die Frau ohne Schatten. Im Juli 2014 gab sie ihr umjubeltes Debüt als Gilda in Verdis Rigoletto. Diese Partie sang sie auch in der Spielzeit 2014/15, darüber hinaus stand sie als Sophie im Rosenkavalier, als Rosina im Barbier von Sevilla und als 1. Sopran in Un Re in Ascolto auf der Opernbühne. Zuletzt war sie Arbace in Artaserse, Juliette in Die tote Stadt und debütierte mit Blonde in Die Entführung aus dem Serail. In der Eröffnungsproduktion 2016/17 Die Hochzeit des Figaro stand sie erstmals als Susanna auf der Opernbühne, in Jaques Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein als Wanda und in Straussʼ Elektra als 5. Magd. Außerdem war sie in der Wiederaufnahme von Der Barbier von Sevilla erneut als Rosina zu hören. 2017/18 ist die Sopranistin in Die lustigen Weiber von Windsor als Frau Fluth, in Lucio Silla als Celia und in Jenufa als Jano zu erleben sowie in der Wiederaufnahme von Die Zauberflöte als 1. Dame.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Die lustigen Weiber von Windsor (Frau Fluth)
Die Zauberflöte (1. Dame der Königin)
Jenufa (Jano)
Lucio Silla (Celia, Schwester von Lucio Silla)
Operncafé DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR (Mitwirkende)
Operncafé LUCIO SILLA
Preludio – Vorspiel
Opernkonzert