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Marc-Olivier Oetterli

Bass-Bariton

»Hier zu sein, ist wie vom Fluss ins Meer zu kommen«

 Wir beide – pünktlich wie eine Schweizer Uhr treffen wir uns im Café, oder heißt es pünktlich wie eine Schwäbische Uhr? Auf jeden Fall kann man die Uhr nach uns beiden stellen, lieber Marc-Olivier. Woher kommst du gerade, aus der Schweiz? Nein, aus Mainz, und auch noch mit einem Mietwagen, da mein Auto dort in die Werkstatt musste. 

Was hast du in Mainz gemacht? Ich fliege dort in einem Aeroclub und habe Landungen geübt, da der Wind heute so schön stark war – das ist eine gute Übung!

Du bist sogar einmal nach Wien geflogen, um dort das Gespräch mit dem Regisseur über unsere Produktion Un re in ascolto von Luciano Berio zu suchen. Du wolltest ihm über eine deiner Bühnen-Figuren, den Prospero, sprechen. Wie planst du so einen Flug? Wenn ich einen langen Flug vorhabe, zum Beispiel von Berlin nach Prag, beobachte ich vorab das Wetter; überlege mir die Route; kalkuliere, wie viel Treibstoff ich benötigen und will wissen, wie der Landeplatz aussieht. Dafür muss ich dann auch wissen, welche Regeln dort gelten.

Brauchst du denn gar keine Landegenehmigung? Wenn ich von Mainz nach Kassel fliegen will, dann nicht. In Prag muss ich meine Landung mindestens 48 Stunden vorher anmelden. Das ist alles vergleichbar mit dem Singen einer Vorstellung: Während der Vorstellung kannst du nicht mehr lernen; sie fängt an und hört wieder auf, probiert sein muss alles vorher. Und jetzt umgekehrt wieder in Bezug auf das Fliegen: Was ich am Boden planen kann, tue ich, denn in der Luft ist keine Zeit mehr dafür. Und so ist das auch beim Singen.

Man kann also einfach so in die Luft gehen? Ich habe ja ein Ziel. Und wenn das Wetter gut ist, der Himmel blau, brauche ich keinen Flugplan, man muss natürlich nach anderen Fliegern Ausschau halten und ausweichen, man nennt das im Fliegerjargon »See and Avoid«.

Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus … Es gibt Lufträume, die kontrolliert sind, und andere eben nicht. Der Frankfurter Luftraum ist natürlich ein solch kontrollierter, da kann man nicht einfach durchfliegen.

Du bist Schweizer, du fliegst in Amerika wann immer du kannst, und du singst in Kassel. Wo bist du denn am liebsten: In den Schweizer Bergen, in der Luft oder auf der Opernbühne? Wahrscheinlich suchst Du im wahrsten Sinne des Wortes die Luftveränderung? Die Abwechslung macht es aus. Wenn ich in der Luft bin, muss ich ja zwangsläufig wieder runter, spätestens dann, wenn der Treibstoff zur Neige geht. Und wenn ich gerade lande, denke ich nicht daran, dass ich morgen Berio singen muss. Ich weiß, dass ich mit dem Dasein des Sängers etwas gefunden habe, das ich mein Leben lang optimieren kann und muss. Das ist ständige Arbeit, und zwischendurch brauche ich etwas, um davon wegzukommen. Man glaubt, es gäbe so genannte Traumberufe wie Pilot, Sänger und so weiter – aber sie gibt es nicht wirklich, weil sich bei allem irgendwann Routine einstellt und eben diese Routine birgt Gefahren. Im Falle des Piloten kann sie zum Tode führen, wenn man nicht auf der Hut ist. Beim Singen droht der Tod im Normalfall nicht mit zunehmender Routine, aber auch da ist sie gefährlich in Bezug auf eine gesunde Selbsteinschätzung. Diese ist ein seltenes Gut.

Warum sagst du das? Es ist anspruchsvoll, sich über Jahre hinweg streng, aufrichtig und in gewisser Weise auch objektiv einzuschätzen. Wenn ich mich selbst schon vor 20 Jahren unter meine eigene Beobachtung gestellt hätte, gerade mit dem Anspruch der gesunden Selbsteinschätzung, hätte ich vielleicht aufgehört mit dem Singen.

Die sommerlichen Theaterferien sind sicher auch ein willkommener Unterbruch im Leben des Sängers, zumindest, wenn er einem festen Opernensemble angehört; diese nutzt du gerne auch für Flugreisen in Amerika. Wie ist es denn eigentlich für dich, als Schweizer in Deutschland zu leben?  Da will ich dir danken dafür, dass ich hier sein kann. Die Schweiz ist ein kleines Land, und hier zu sein, ist wie vom Fluss ins Meer zu kommen. Wenn ich woanders Kassel sage, ist die Reaktion zwar manchmal Zurückhaltung. Aber das verstehe ich nicht, weil ich die Menschen hier als sehr aufgeschlossen erlebe. 

Du hast in der Schweiz in der Nähe von Luzern auf einem Bauernhof gelebt, hier in Kassels Mitte findest du den nicht. Ich vermisse das Land, und deshalb fahre ich auch hier in der Umgebung aufs Land. Genau gesagt nach Hessisch Lichtenau auf die Brown Horses Ranch. Dort kennt man mich schon, und dort habe ich letztes Jahr tatsächlich auch morgens nach dem Frühstück auch auf der Wiese unter einem Baum auf meine Partie vorbereitet in Un re in ascolto

 

Biografie Marc-Olivier Oetterli wurde in Genf geboren. Mit elf Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht und trat den Singknaben der St. Ursen-Kathedrale Solothurn bei. An der Hochschule der Künste in Bern studierte er Gesang und schloss 1996 seine Studien ab. Auf der Opernbühne verkörperte Oetterli u.a. folgende Partien: Don Magnifico (La Cenerentola / Rossini) an der Opéra National de Bordeaux, Mustafa (L'Italiana in Algeri / Rossini) und Dulcamara (L Elisir d amore / Donizetti) beim Festival Klosterneuburg. Während der Saison 2007/08 debütierte er am Grand Théâtre de Genève in der Oper Les Troyens von Berlioz, sowie an der Opéra de Marseille als Achillas (Julius Cäsar in Ägypten / Händel). Am Luzerner Theater war er von 2005–2007 in mehreren Rollen als Gast zu erleben, bevor er 2008 als festes Ensemblemitglied u.a. folgende Partien übernahm: Leporello (Don Giovanni) sowie die Titelrollen in Wozzeck (Gurlitt), Lenozze di Figaro (Mozart), Hercules (Händel) und zuletzt Papageno in Die Zauberflöte sowie Oreste in Grétrys Andromaque. Aus seinem umfangreichen Konzertrepertoire seien die Passionen, sowie rund 40 Kantaten Bachs, die großen Oratorien von Haydn und Mendelssohn erwähnt. Seit dem Jahr 2000 unterrichtet er an der Musikschule Konservatorium Bern eine Gesangsklasse. Der Bass-Bariton wechselte 2011/12 als festes Ensemblemitglied ans Staatstheater Kassel und war hier unter anderem als Papageno in der Zauberflöte, Klingsor in Parsifal und Weber Zettel in EinSommernachtstraum zu hören. Außerdem war er der Minister in Fidelio und sang Don Alfonso (Così fan Tutte), Biterolf (Tannhäuser) und Clistene in Vivaldis Barockoper L’Olimpiade. Zuletzt begeisterte er als Saul in der Titelpartie des gleichnamigen Händeloratoriums und sang Monterone in Rigoletto sowie Philister und Hebräer in Samson et Dalila. In Strauss’ Frau ohne Schatten sang er die Partie des Geisterboten. 2014/15 begeisterte er als Publio (La Clemenza di Tito), Bartolo (Der Barbier von Sevilla) und Prospero (Un Re in Ascolto). Außerdem übernahm er bei einer Vorstellung der (Zauberflöte) den Sprecher und den 2. Geharnischten und verkörperte den 4. Burschen im 11. TJO-Projekt Der Mond von Carl Orff. 2015/16 sang er den Magier Tschelio in Die Liebe zu den drei Orangen und erneut Graf von Monterone in der Wiederaufnehme von Rigoletto.In der Übernahme von Der Mond ins Opernhaus war er erneut der 4. Bursche und Saul in der Wiederaufnahme der gleichnamigen Händeloper. 2016/17 sang er in der Eröffnungsproduktion Die Hochzeit des Figaro die Titelpartie, in Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein General Bumm und in Roméo et Juliette Graf Capulet. In Straussʼ Elektra übernahm er die Rollen des Pflegers von Orest und die des alten Dieners, in der Wiederaufnahme von Der Barbier von Sevilla war er erneut Doctor Bartolo. 2017/18 ist er als Roucher in Andrea Chénier, Herr Reich in Die lustigen Weiber von Windsor, Altgesell in Jenufa und Nick Shadow in The Rake’s Progress auf der Kasseler Opernbühne zu erleben.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Andrea Chénier (Roucher, Freund Cheniers)
Die lustigen Weiber von Windsor (Herr Reich, Bürger von Windsor)
Jenufa (Altgesell)
Preludio – Vorspiel
Opernkonzert

The Rake's Progress (Nick Shadow)