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Maren Engelhardt

Mezzosopran

Königin der Verwandlung

 So ein Paravent ist eine feine Sache. Dahinter kann man Dinge tun, die man andernorts nicht einmal im Traum wagen würde. Beispielsweise binnen Sekunden seine Identität wechseln. So geschehen (und vom Libretto vorgesehen) im Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, als dramaturgisch-szenische Volte. Nur eine Chance haben die Liebenden, der smarte Cherub Octavian und die wehmütig-romantische Marschallin von Werdenberg, um den erotischen Skandal zu vermeiden: Aus dem Jüngling muss ein Fräulein werden, aber bitte dalli, dalli! Es hat für diese Szene aus dem ersten Akt schon die erstaunlichsten Lösungen gegeben. In der gleichermaßen geistreichen wie gewitzten Inszenierung von Lorenzo Fioroni am Staatstheater Kassel jedoch traute man seinen Augen tatsächlich nicht mehr: Wer, bitte schön, war das, der da hinter der spanischen Wand hervor tapste? War das wirklich die gleiche Figur, die man zuvor als zart-verführerisches (hier: weibliches) Wesen erleben durfte? Kaum zu glauben. Aber wahr. Ein Mariandl war geboren, das hatte die Welt noch nicht gesehen. Zauber der Verwandlung. Aber eben nicht nur masken- und kostümtechnisch. Um dergleichen auch szenisch glaubhaft zu machen, braucht es eine Sängerdarstellerin, die imstande ist, sich zwei Identitäten einzuschreiben. Maren Engelhardt kann das, wenn sie auf der Bühne steht. Sie kann sich von der einen zur anderen Minute ein anderes Antlitz geben, einen anderen Charakter, ja sogar: eine andere Seele. Ihr Octavian bewies es. Und es verwundert wenig, wenn sie genau diese Partie als ihre liebste bezeichnet. Es ist ihre Traumrolle. Indes kaum zufällig. Die charmante und reflektierte Mezzosopranistin ist in Salzburg aufgewachsen, in einer Familie, in der Kunst zum Alltag gehörte (die Mama ist Malerin, der Vater Musikliebhaber), sowie an einem Ort, der von himmlischen Klängen gewissermaßen durchglüht ist. Die Festspiele, Mozarteum und Landestheater, Konzerte allüberall, etliche Chöre, kurzum: Die Atmosphäre war immer schon dazu angetan, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Das entscheidende Initial bildete eine Aufführung in der berühmten Felsenreitschule, Mozarts Singspiel Die Zauberflöte für Kinder in der Inszenierung von Christian Boesch. Maren war acht, Mitglied im Kirchenchor und hatte als Josef im Krippenspiel schon ihre erste von vielen weiteren Hosenrollen verkörpert – die Maria durfte sie nicht singen, weil ihre Stimme schon damals Tiefe(n) besaß, die andere Kinder nicht hatten –, doch an diesem Nachmittag wurde ihr letztendgültig klar, dass sie dort hinauf wollte: auf die Bretter, die eine andere, womöglich magische Welt bedeuten. Bevor sie diesen Wunsch in die Tat umsetzte, machte sie erst einmal Furore auf anderen Brettern: als Skirennläuferin nämlich. Ihr Vater, von dem sie gelernt hat, dass man wohl eine Sache, doch nie sich selbst (allzu) wichtig nehmen sollte, nannte sie, in Anlehnung an den berühmtesten österreichischen Pistenhelden, liebevoll »Franzi Klammer«, und das eine oder andere Superskirennen sah sie oben auf dem Podest. Eine zweite hohe Begabung, die aber Zeit genug ließ für die ästhetische Erziehung und eine umfangreiche musikalische Ausbildung: Klavier, Geige, Flöte, Altblockflöte, das kann sich sehen lassen. Das Studienfach aber war dann natürlich Gesang, wobei Oper und Lied stets gleichberechtigt nebeneinander standen. Und der Ort, wie könnte es anders sein, die österreichische Kapitale. Wien, Zentrum der Musikwelt bis heute, neben London, Berlin, New York, jene von zart-morbider, melancholischer Heiterkeit durchdrungene Stadt, in der auch drei ihrer fünf Säulenheiligen lebten und wirkten, Mozart, Beethoven, Schubert (die anderen beiden Herren in der bewunderten Ahnengalerie heißen Richard Strauss und Johann Sebastian Bach), und die, musikalisch gesehen, Sehnsuchtsort geblieben ist. Die zahllosen Konzerte im Musikverein, die Abende in der Staatsoper, die vielen Festivals, die eigenen Erfahrungen auf den Bühnen der Stadt und mit Musikern der Wiener Philharmoniker, das alles bleibt haften im Gedächtnis einer Künstlerin, deren Hang zur Poesie unübersehbar ist.

Und doch: Kassel, wo sie seit der Spielzeit 2009 Ensemblemitglied ist, sei wohltuend, sagt Maren Engelhardt. Und das hat einen zureichenden Grund. Denn hier konnte sie in den vergangenen Jahren das tun, was in Wien unmöglich gewesen wäre: Sie konnte sich und ihre sanfte, warm timbrierte und an Valeurs reiche Stimme in Ruhe entwickeln und Rollen verkörpern (allen voran Mozart), die wie geschaffen für sie waren. Brillant ihre Dorabella in Così fan tutte, nahe gehend ihr Annio in La Clemenza di Tito, voller Esprit ihre Zweite Dame in der Zauberflöte und die Rosemarie Sonjuschka in Kálmáns OperetteDie Herzogin von Chicago. Besonders berührend gerieten die Darstellungen der Hermia (in Brittens Sommernachtstraum), und der Femme in Poulencs Albtraumspiel La voix humaine. Und dann war da noch diese andere Partie, in die sich Maren Engelhardt so sehr versenkte, dass sie gleichsam zu ihrem zweiten Ich wurde. Octavian, Graf Rofrano alias Quinquin. Vermutlich könnte man sie um vier Uhr in der Nacht wecken und sie bitten, diese Rolle zu singen. Es wäre kein Problem für die Königin der Verwandlung.

Biografie Die Österreicherin Maren Engelhardt studierte in ihrer Heimatstadt Salzburg am Mozarteum und später an der Wiener Musikuniversität, wo sie 2007 im Fach Lied und Oratorium diplomierte. Bereits während des Studiums trat sie in ausgewählten Partien auf, bevor sie 2002 ihr Bühnendebüt an der Wiener Volksoper gab. Weitere erfolgreiche Auftritte schlossen sich an; so sang sie z.B. für die Musikwerkstatt Wien und im Wiener Semper Depot für die Neue Oper Wien. Ihre musikalische Tätigkeit führte sie auch ans Wiener Konzerthaus, wo sie an konzertanten Aufführungen von Haydn- und Salieriopern mitwirkte. Als Mitglied der Wiener Instrumental-Vokal Solisten, einem Ensemble, das aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker besteht, nimmt sie regelmäßig an einem vielfältigen Konzertprogramm in ganz Europa teil. Eine besondere Hingabe verbindet sie dem Liedgesang. In diesem Fach verfügt sie über ein umfangreiches Repertoire von Schubert bis zur Moderne. Seit der Spielzeit 2009/10 gehört sie dem Ensemble des Staatstheaters Kassel an und war unter anderem als Sesto (Julius Cäsar), Annio (La Clemenza di Tito), Axinja (Lady Macbeth von Mzensk), Valencienne (Die lustige Witwe) und Hermia (Ein Sommernachtstraum) zu hören. Zuletzt sang sie Dorabella (Così fan Tutte), Megacle (L’Olimpiade), Ms. Jessel (The Turn of the Screw) und die 2. Dame in der Zauberflöte. Zuletzt verkörperte sie den Prinzen Orlofski in der Fledermaus und begeisterte als Femme in La Voix Humaine. 2014/15 debütierte sie im Rosenkavalier als Octavian und stand in der Wiederaufnahme der Mozartoper La Clemenza di Tito als Annio, erneut als 2. Dame in der Zauberflöte und als Prosperos Gattin in Un Re in Ascolto auf der Opernbühne. Zuletzt war sie Mandane in Leonardo Vincis Artaserse und Maddalena in der Wiederaufnahme von Rigoletto. Außerdem wirkte sie als Lucienne in Die tote Stadt mit und sang Rosemarie Sonjoschka in Die Herzogin von Chicago. In der letzten Spielzeit sang sie die Titelpartie in Jacques Offenbachs Opéra bouffe Die Großherzogin von Gerolstein, Hänsel in Hänsel und Gretel sowie die 2. Magd in Straussʼ Elektra. Außerdem war sie Ismene in Antigona von Tommaso Traetta, die sie 2017/18 in der Wiederaufnahme der Barockoper erneut verkörpert. In der neuen Spielzeit wird sie auch als Ceciolio in Lucio Silla, Schäferin in Jenufa und Zweite Dame in der Wiederaufnahme von Die Zauberflöte auf der Kasseler Opernbühne zu erleben sein.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Antigona (Ismene, ihre Schwester)
Die Zauberflöte (2. Dame der Königin)
Jenufa (Eine Schäferin)
Lucio Silla (Cecilio)
Operncafé LUCIO SILLA