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Pressestimmen zu Hänsel und Gretel

_______Göttinger Tageblatt [17.12.2010] mehr ...

Süße Gummibärchen für die böse Knusperhexe

Von Michael Schäfer

Können Sie sich Kinder des Jahres 2010 vorstellen, die »Brüderlein, komm, tanz mit mir« selig lächelnd singen und mit den Händen »klapp, klapp, klapp« machen? Wohl kaum. Das biedermeierliche Familienbild in Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel ist eine Herausforderung für die Opernregie unserer Tage. Schließlich sollte die Botschaft einigermaßen staubfrei übermittelt werden.
Regisseur Elmar Gehlen zeigt in Kassel, dass dies durchaus möglich ist. Nicht mit einer bösen Verbiegung, einer gewaltsamen Zeitverschiebung, sondern mit vergleichsweise kleinen Maßnahmen, die nirgends die Grundidee der Oper vergewaltigen. Die rothaarigen Geschwister Maren Engelhardt (Hänsel) und Nina Bernsteiner (Gretel) tanzen zu besagtem Brüderlein-Lied nicht etwa einen braven Reigen, sondern machen ein paar Disco-Schritte, benutzen den Besen als Mikrofonständer oder Luftgitarre und versetzen so die Episode augenzwinkernd in die Gegenwart. Dazu passt sehr wohl auch die alkoholselig schwankende Heimkehr des ebenfalls rothaarigen Vaters (Geani Brad) von seinem überraschenden Geschäftserfolg.
Doch Gehlens Hänsel und Gretel bleibt auf jeden Fall ein Märchen, keine Angst. Thomas Richter-Forgách hat dafür ein Bühnenbild geschaffen, in dem schöne scherenschnittartige Bildelemente, wunderbare Schattenspiele, viele bunte, einfallsreich entworfene Kostüme (Martina Feldmann) und ungewöhnliche magische Wesen Platz haben. Die Schnecke mit ihren Stielaugen und dem riesigen Kussmund ist einfach zum Knutschen.
Den optischen Genuss komplettiert die akustische Raffinesse zu einem Gesamtkunstwerk. Nina Bernsteiner ist mit ihrem hellen, ansprechend geradlinig geführten Sopran eine ideale Besetzung für Gretel, der mit Maren Engelhardts Hänsel eine klangfarblich kontrastierende, gleichwohl hervorragend im Duett passende Stimme gegenübersteht. Nicht nur in ihren leichtfüßig-schwerelosen Körperbewegungen verströmt Ingrid FrØseth als Sandmännchen und Taumännchen Anmut und Grazie: Das gilt ebenso für ihren federleichten Sopran, den sie mühelos bis in die höchsten Lagen führt.
Wie Kostümbildnerin und Maske aus dem Tenor Johannes An eine krummnasige Knusperhexe gezaubert haben, ist sehenswert. Man mag dieser Hexe eigentlich gar nicht recht böse sein, auch wenn sie mit ihrem Lieblingsgericht die Titelhelden der Oper nachgewiesenermaßen existenziell gefährdet. Ihr Knusperhäuschen ist zeitgemäß mit Gummibärchen geschmückt.
Nicht ganz an das darstellerische Potenzial der Kollegen reichen Lona Culmer-Schellbach und Geani Brad als das Elternpaar. Sie sind ja auch im Libretto vergleichsweise geringer bedacht. Komplettiert wird das Ensemble durch den Kasseler Kinderchor Cantamus. Er agiert mit viel Spielfreude und beachtlichem vokalen Einsatz – kein Wunder, dass diesen Kindern die Herzen des Publikums von Anfang an zufliegen.
Kassels Generalmusikdirektor Patrik Ringborg hat die Humperdinck-Partitur sozusagen zur Chefsache gemacht. Er sorgt für eine ausgesprochen farbige Grundierung, hier und da fühlt man sich atmosphärisch nicht nur an Wagner erinnert – das liegt auf der Hand –, sondern sogar an Gustav Mahler. Sehr schön zurückgenommen sind viele Tutti-Klänge, so dass sich die Sänger auf der Bühne ohne jeden Kraftakt stimmlich entfalten können. Das tut der Musik sehr gut.
Das Publikum zeigte hörbares Vergnügen an dieser Inszenierung, amüsierte sich prächtig und ließ sich am Schluss (zuvor schon beim hauchzarten Abendsegen) angemessen rühren. Dementsprechend begeistert war der Schlussapplaus.

_______HNA [13.12.2010] mehr ...

Selbstbewusst im Zauberwald

Von Werner Fritsch

So ein sportlicher Hexenbesen mit roter Glitzerbeleuchtung macht schon was her. Ein Raunen ging durchs ausverkaufte Kasseler Opernhaus, als sich die Knusperhexe (János Ocsovai) zum Hexenritt auf ihr flottes Fluggerät setzte.
Nach zwei ungeliebten Produktionen, die Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel auf unterschiedliche Weise verfremdeten, hat Kassel nun wieder eine Inszenierung, die Märchenzauber verströmt. Und dies, ohne deshalb betulich oder altbacken zu wirken.
Hier ist eine Hexe eine Hexe. Der Märchenwald ist ein Märchenwald, und das Knusperhäuschen - ein Riesenfliegenpilz - ist tatsächlich mit Lebkuchen behangen. Nur ein paar bunte Gummibärchen leuchten als Zugeständnis an die Gegenwart.
Das Inszenierungskunststück vollbracht hat der Regisseur Elmar Gehlen, dessen Zauberflöte in Kassel noch in guter Erinnerung ist. Ebenfalls in bester Erinnerung ist der Bühnenbildner Thomas Richter-Forgách, der - lang ist’s her - in den Siebzigerjahren den legendären Kasseler Melchinger-Ring ausstattete. Die Kostümbildnerin Martina Feldmann komplettiert das Regieteam, dessen spielerisch-elegante Adaption der Märchenoper bereits am Aalto-Theater in Essen das Publikum begeisterte.
Den Kasseler Premierenerfolg verdankt die Inszenierung allerdings auch zu einem erheblichen Teil dem großartigen Geschwisterpaar: Maren Engelhardt als Hänsel und Nina Bernsteiner als Gretel sind zwei rothaarige Kinder, denen der Schalk im Nacken sitzt. Mit ihrer darstellerischen und stimmlichen Klasse würden sie heutzutage von ihren Eltern statt zum Beerenpflücken in den Wald zu einem Casting geschickt werden.

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Wie war's? 
Fantasievolle und bilderstarke Opernunterhaltung für die ganze Familie

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So aber begnügen sich die beiden mit Luftgitarrespielen, und die Zuschauer kommen in den Genuss des Märchenwaldes, der raffiniert aus scherenschnittartigen Kulissen gebaut und von wunderlichem Getier bevölkert ist - etwa einer Riesenschnecke mit Kussmund.
Das sind Traumbilder der Kinder, denen die im Abendsegen beschworenen vierzehn Engel (darunter auch solche im Sturzflug) folgerichtig erst nach dem Einschlafen erscheinen. Dass die armen Eltern (Lona Culmer-Schellbach und Geani Brad stimmlich souverän und mit starker Präsenz) alles andere als ideale Erziehungsberechtigte sind, wird allerdings auch angedeutet - nicht nur durch die Farbe Blau beim Vater.

Doch die Kinder wissen sich selbst zu helfen gegen die Hexe, der János Ocsovai (als lebendes Kunstwerk der Maskenbildnerei) mit Agilität, aber ohne albernes Überdrehen eine Menge Sympathiepunkte erspielt. Die fliegen auch Ingrid Frøseth zu für ihre zauberhaften und glockenreinen Auftritte als Sandmännchen und Taumännchen. Der Kinderchor Cantamus setzt mit einem schönen Auftritt der befreiten Kinder den Schlusspunkt.
Dem Ensemble legt Generalmusikdirektor Patrik Ringborg einen fein gewebten Klangteppich aus. Nach einer leider zähflüssigen Ouvertüre kommt das Stück immer besser in Schwung, das Klangbild aus dem Orchestergraben wird zunehmend plastisch. Im Einklang mit der feinsinnigen Inszenierung vermeidet Ringborg das Pathos eines »Kinderstubenweihfestspiels« - wie die Oper wegen ihrer Wagner-Nähe gelegentlich tituliert wird. Freudiger Applaus.