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Pressestimmen zu La Bohème

_______HNA [02.10.2017] mehr ...

Puccini als musikalisches Farbenfest

Von Georg Pepl

Kássel. Auch geniale Satiriker können irren. Wie Kurt Tucholsky. Der verspottete einst Giacomo Puccini als „Verdi des kleinen Mannes". Eine alberne Bemerkung, weil der geschmähte Opernmeister viel mehr als sentimentale Melodien zu bieten hat: Puccinis Musik ist äußerst raffiniert.

Eben diese Qualitäten schöpfte Kassels neuer Generalmusikdirektor Francesco Angelico bei der fulminanten Wiederaufnahme von „La Bohème“ im Opernhaus voll aus. Eine so leidenschaftliche wie ausgefeilte Aufführung, Puccini als musikalisches Farbenfest: Angelico, von dem man Großes erwarten kann, realisiert mit dem exquisit klingenden Staatsorchester eine Fülle an Nuancen. Hier bezaubert eine anmutige Phrasierung, dort erschüttert wohldosiertes Pathos, mitunter ist Debussys Impressionismus nicht fern.

Die knapp 400 Besucher erlebten die Inszenierung von Philipp Kochheim, der die Handlung im Paris der späten 1960er-Jahre spielen lässt. Da liest man etwa die Revoluzzer-Parole, dass die Macht auf der Straße liegt, da steht ein Citroën 2CV auf der Bühne. Ohne Patina kommt die Melange aus Alltagshumor und Tragik daher - bei überzeugender Darbietung der Solisten und Chöre bis hin zum Cantamus-Kinderchor. Besonders wohltönend: Hansung Yoo (Marcello) mit kraftvoll-balsamischem Bariton.

Kein Wunder, dass das Kasseler Ensemble-Mitglied bereits einen Preis beim legendären Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen hat. Gasttenor Ilker Arcayürek gibt mit etwas schlanker Stimme ein feinfühliges Porträt des Rodolfo. Sopranistin Jaclyn Bermudez bietet als anrührende Mimì eine weite Dynamik - mühelos überstrahlt sie ein sattes Orchester-Forte.

Karola Sophia Schmid, in dieser Spielzeit Opernstudio-Stipendiatin, punktet mit anmutigem Sopran und wird sowohl der koketten als auch mitfühlenden Seite der Musetta gerecht. Zum erfreulichen Bild tragen auch Daniel Holzhauser (Schaunard), Hee Saup Yoon (Colline) und - ein humoriger Kurzauftritt - Dieter Hönig (Benoît) bei. Jubel, Bravos, begeisterte Pfiffe.

_______www.opernnetz.de [03.02.2014] mehr ...

Studentenfutter

Die Kritik von Ralf Siepmann lesen Sie hier

_______Orpheus [05.01.2012] mehr ...

Komödie mit tragischem Ausgang

Von Michael Arndt

Opernhandlungen in andere Zeiten zu verlegen, als von Textdichter und Komponist gewollt, ist im deutschen Musiktheater derzeit die Regel. Doch nur selten gelingt dies so rundum überzeugend wie in der Kasseler Bohème-Inszenierung. Regisseur Philipp Kochheim macht in den opulent-realistischen Bühnenbildern von Thomas Gruber und den mit Liebe zum Detail entworfenen Kostümen von Wiebke Meister aus den vier mittellosen Künstlern junge Wilde, die sich der aufrührerisch modernen Kinokunst eines Jean-Luc Godard verschrieben haben. Filmplakate hängen an den Wänden der Studenten-WG. Dort teilen sich Schaunard und Colline, die nach dem Willen der Autoren ohne Partnerin bleiben, dieselbe Frau, wie es zur Zeit der 68er üblich war – eine vom Regisseur hinzuerfundene stumme Rolle.

Rodolfo allerdings liebt ausschließlich die todkranke Mimì. Und Marcello die flatterhafte, im Grunde aber herzensgute Musetta, die in Kassel ein wenig der jungen Brigitte Bardot ähnelt. Für dieses Quartett hat Giacomo Puccini im dritten Bild eine seiner genialsten Musiken komponiert. Er kontrastiert das bittersüße Abschiedsduett des einen Paares mit dem durch Eifersucht hervorgerufenen Gezänk des anderen. Diesen handgreiflichen Streit lässt Kochheim versöhnlich enden: mit einem zwerchfellerschütternd komischen Tête-à-Tête auf den Vordersitzen einer »Ente«. Diese parkt vor zerstörten Filmplakaten: Symbol für die im Frühjahr 1968 von Kulturpolitikern geschlossene Cinémathèque française, worauf die Jugend auf die Barrikaden ging.

Das Aufeinanderprallen von Komödie und Tragödie durchzieht die ganze Oper. Bis zu jenem ohne Modulation die hektische Heiterkeit der vier Bohèmiens beendenden Mollakkord im Schlussbild, der jedem Hörer mit unerbittlicher Gewalt klarmacht: Der Tod wird die große Liebe zwischen Mimì und Rodolfo beenden – anders als es das Plakat zu Godards »Tout va bien« (Alles geht gut) verheißen hatte, vor dem sich die Beiden erstmals nahe gekommen waren.

Kochheims musikalische Personenführung verzichtet auf jede Überzeichnung und wird getragen von einem Ensemble, das auch gesanglich Hochgenuss bietet: Zarte Lyrik und leidenschaftliche Leuchtkraft verbinden sich aufs Schönste im Sopran von Sara Eterno als Mimì, während Johannes An als Rodolfo seinen an Zwischentönen reichen Tenor bis zum hohen C mühelos strahlen lässt. Ideal besetzt ist auch das zweite Paar mit dem Bariton Espen Fegran als kernig-komödiantischem Marcello und Nina Bernsteiner als Musetta, deren Sopran nicht nur kapriziös glitzert, sondern auch frauliche Wärme ausstrahlt. Als Schaunard lässt der Bassbariton Tomasz Wija durch stimmgestalterische Intelligenz aufhorchen, und Krzysztof Borysiewicz verleiht Colline neben Basswohllaut dezente Ironie.

Marco Comin lässt das Staatsorchester Kassel in Wohlklang schwelgen, ohne dabei zu übertreiben, setzt bei durchweg zügigen Tempi auf ryhthmische Prägnanz und weiß um den Primat der menschlichen Stimme.

_______Oberhessische Presse [19.09.2011] mehr ...

Komödie mit tragischem Ausgang

Giacomo Puccinis Meisterwerk La Bohème in Kassel: Premierenpublikum feiert Ensemble und Regie

Die Kasseler Inszenierung spielt nicht im Paris der 1830er, sondern der 1960er Jahre. Ein Konzept, das aufgeht, zumal Regisseur Philipp Kochheim ein Meister der musikalischen Personenführung ist.

Von Michael Arndt

Opernhandlungen in andere Zeiten zu verlegen, als von Textdichter und Komponist gewollt, ist im deutschen Musiktheater derzeit die Regel. Doch nur selten gelingt dies so rundum überzeugend wie in der Kasseler Bohème-Inszenierung. Regisseur Philipp Kochheim macht in den opulent-realistischen Bühnenbildern von Thomas Gruber und den mit Liebe zum Detail entworfenen Kostümen von Wiebke Meister aus den vier mittellosen Künstlern junge Wilde, die sich der aufrührerisch modernen Kinokunst eines Jean-Luc Godard verschrieben haben. Filmplakate hängen an den Wänden der Studenten-WG. Dort teilen sich Schaunard und Colline, die nach dem Willen der Autoren ohne Partnerin bleiben, dieselbe Frau, wie es zur Zeit der 68er üblich war – eine vom Regisseur hinzuerfundene stumme Rolle.

Rodolfo allerdings liebt ausschließlich die todkranke Mimì. Und Marcello die flatterhafte, im Grunde aber herzensgute Musetta, die in Kassel ein wenig der jungen Brigitte Bardot ähnelt. Für dieses Quartett hat Giacomo Puccini im dritten Bild eine seiner genialsten Musiken komponiert. Er kontrastiert das bittersüße Abschiedsduett des einen Paares mit dem durch Eifersucht hervorgerufenen Gezänk des anderen. Diesen handgreiflichen Streit lässt Kochheim versöhnlich enden: mit einem zwerchfellerschütternd komischen Tête-à-Tête auf den Vordersitzen einer »Ente«. Diese parkt vor zerstörten Filmplakaten: Symbol für die im Frühjahr 1968 von Kulturpolitikern geschlossene Cinémathèque française, worauf die Jugend auf die Barrikaden ging.

Das Aufeinanderprallen von Komödie und Tragödie durchzieht die ganze Oper. Bis zu jenem ohne Modulation die hektische Heiterkeit der vier Bohèmiens beendenden Mollakkord im Schlussbild, der jedem Hörer mit unerbittlicher Gewalt klarmacht: Der Tod wird die große Liebe zwischen Mimì und Rodolfo beenden – anders als es das Plakat zu Godards »Tout va bien« (Alles geht gut) verheißen hatte, vor dem sich die Beiden erstmals nahe gekommen waren.

Kochheims musikalische Personenführung verzichtet auf jede Überzeichnung und wird getragen von einem Ensemble, das auch gesanglich Hochgenuss bietet: Zarte Lyrik und leidenschaftliche Leuchtkraft verbinden sich aufs Schönste im Sopran von Sara Eterno als Mimì, während Johannes An als Rodolfo seinen an Zwischentönen reichen Tenor bis zum hohen C mühelos strahlen lässt. Ideal besetzt ist auch das zweite Paar mit dem Bariton Espen Fegran als kernig-komödiantischem Marcello und Nina Bernsteiner als Musetta, deren Sopran nicht nur kapriziös glitzert, sondern auch frauliche Wärme ausstrahlt. Als Schaunard lässt der Bassbariton Tomasz Wija durch stimmgestalterische Intelligenz aufhorchen, und Krzysztof Borysiewicz verleiht Colline neben Basswohllaut dezente Ironie.

Marco Comin lässt das Staatsorchester Kassel in Wohlklang schwelgen, ohne dabei zu übertreiben, setzt bei durchweg zügigen Tempi auf ryhthmische Prägnanz und weiß um den Primat der menschlichen Stimme. So und nicht anders muss Puccini klingen. Enthusiastischer Beifall des Premierenpublikums für alle Mitwirkenden.

 

_______Göttinger Tageblatt [13.09.2011] mehr ...

Liebe und Tod unter den Achtundsechzigern

Von Michael Schäfer

Paris um 1968. Jean-Luc Godard ist der Kult-Filmregisseur der jungen Generation, die gerade beginnt, aufzubegehren. Vier von diesen jungen Leuten leben in einer Studenten-WG mit einem Badezimmer für alle, mit großem Kühlschrank im Gemeinschafts-Wohnzimmer, Matratzen auf dem Fußboden, darüber dem Schriftzug »un genie« an der Tapete, einem Schmalfilmprojektor, denn Rodolfo filmt leidenschaftlich gern.

Nicht im Paris der Julirevolution von 1830, sondern im Frankreich des 20. Jahrhunderts hat Philipp Kochheim seine Inszenierung von Puccinis Oper La Bohème angesiedelt, mit der das Staatstheater Kassel am Sonnabend die neue Opern-Spielzeit eröffnet hat. Kochheim zielt mit dieser (längst auch schon historischen) Aktualisierung nicht auf neue Sichtweisen, will auch keinesfalls das Stück postmodern dekomponieren, sondern uns den Stoff einfach ein Stück näher bringen. Das gelingt ihm auf ganz unaufdringliche Weise, es funktioniert reibungslos, ohne Verbiegungen.

Erfolgreich daran mitgewirkt haben Thomas Gruber (Bühne) und Wiebke Meier (Kostüme), die mit viel Liebe zum Detail diese Epoche ins Bild setzen. Die Mode ist exakt gestylt, die Godard-Filmplakaten sind so perfekt kopiert, dass sogar der leichte Silberblick der Birgitte Bardot auf dem Plakat »Le Mépris« (Die Verachtung) originalgetreu getroffen ist. Einzig der Citroën 2CV, der im dritten Bild die Bühne ziert, stammt ausweislich seiner Charleston-Sonderlackierung aus den 80er, nicht aus den 60er Jahren.

Doch das ist nebensächlich. Viel wichtiger ist, dass diese Kasseler Bohème nicht nur der Regie wegen, sondern auch der Musik wegen ein Glücksfall ist. Das ausnahmslos hervorragend besetzte Solistenensemble führt Sara Eterno als Mimì an – mit einem wunderbar flexiblen Sopran, mit Schmelz in der Stimme, lyrischer Zartheit und anrührendem Pianissimo. Johannes An (Rodolfo) ist nicht minder perfekt mit seinem immer unangestrengt höhenfreudigen, samtweichen Tenor und seinem enormen schauspielerischen Potenzial.

Die Studenten-WG wird komplettiert durch den Maler Marcello (Espen Fegran), den Musiker Schaunard (Tomasz Wilja, neu im Kasseler Ensemble) und den Philosophen Colline (Krzysztof Borysiewicz), der vielleicht nur zufällig Sartre ein bisschen ähnlich sieht. Ihnen hat der Regisseur noch die Freundin Françoise (Katja Friedenberg) beigesellt. Sie dient in ihrer stummen Rolle als sichtbares Zeichen für die Beziehungs-Philosophie dieser Jahre – sie gehört nämlich eindeutig nicht zum Establishment.

Weibliches Gegenstück zur liebenden, stillen Mimi ist Musetta, die auch gern einmal herumzickt und sich gern und lautstark in den Mittelpunkt der Gesellschaft stellt. Das macht Nina Bernsteiner stimmlich wie darstellerisch großartig. Ihr Auftritt vor dem Café Momos prägt sich nachhaltig ins Gedächtnis ein, ebenso ihr anrührendes Mitgefühl für die leidende Mimì in der Schlussszene.

Dirigent Marco Comin gelingt das Kunststück, musikalisch die Gefühle in Wallung zu bringen, ohne ins Sentimentale abzugleiten. Unter seinem Dirigat können betörenden Farben der Puccini-Partitur hell leuchten. Auch in der mit Chor, Extrachor und Kinderchor (dem ein Sonderlob gebührt) besetzten Massenszene des dritten Bildes behält er stets souverän die Übersicht. Das Orchester folgt ihm präzise, engagiert und mit Leidenschaft. Der Publikumserfolg des Premierenabends im ausverkauften Hause war einhellig. Und auch die weiteren Vorstellungen dürften die Besucher nicht minder begeistern – und zu Tränen rühren.

_______TLZ [13.09.2011] mehr ...

Zerzauste Künstler-WG auf Kasseler Bühne

Von Evi Baumeister

Mit Puccinis Oper La Bohème wurde am Staatstheater Kassel die Spielzeit eröffnet - bravourös gesungen im zweifelhaften Pariser 1968er Ambiente.

 Eine saisonale Anpassung an den Spätsommer in sängerisch glaubwürdig leidenschaftlicher Interpretation erfuhr Giacomo Puccinis Oper La Bohème, die zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Staatstheater Kassel umjubelt Premiere feierte. Die musikalische Leistung des Ensembles rechtfertigte die Beifallsstürme des Publikums in jedem Fall.

Unter der souveränen Leitung von Marco Comin gelang ein Auftakt nach Maß. Der junge Kapellmeister ließ das Staatsorchester Kassel in den prächtigen Farben spätromantischer italienischer Musiksprache leuchten und grundierte in den Klangabstufungen subtil jene langen Schatten der Todesahnung, die sich von Anbeginn über die Liebe zwischen Mimi (Sara Eterno) und Rodolfo (Johannes An) werfen.

Ein herzerwärmender Weihnachtsmarkt, wie ihn das Libretto den armen Verliebten gönnt, war in der Inszenierung von Philipp Kochheim nicht vorgesehen. Die Regie verlegte die Handlung zweier sich findender und verlierender junger Paare aus der Zeit um 1900 eher nüchtern in eine leichtlebig zerzauste Künstler-WG am Vorabend der 68er Pariser Studentenunruhen. Das Programmheft versucht diesen politischen Subtext um die damalige Besetzung des Quartier Latin ausführlich zu rechtfertigen. Doch hilft das dem Geschehen auf der Bühne kaum weiter, die Regie arbeitet sich vielmehr am rein Dekorativen und Plakativen vergeblich ab (Bühne: Thomas Gruber).

Immerhin ermöglicht die Versuchsanordnung zeitnahe Identifikationen (Kostüme: Wiebke Meier) und offeriert dem Publikum an Accessoires und Staffage - mit Ausnahme des Eiffelturmes - beinahe jedes Paris-Klischee. Dieser Umstand führt im zweiten Akt zu einer schier grotesken Schichtung von Clochard, Concierge, Straßencafé, Straßenkindern, Straßentheater - kurzum in ein Stadtpanorama, in dem die bravourös singenden Mitglieder von Opernchor und Extrachor aus einem Brigitte-Bardot-Film dem Cinéma entströmen. Zeitgleich, in ungetrübtem Anachronismus, gruppiert sich der Kinderchor unter einer romantisch anmutenden gasgespeisten Laterne und jubelt schließlich vereint mit den Großen einem imaginären Tambourmajor zu (Chöre: Marco Zeiser Celesti/ Merle Clasen).

Dirigent beweist Nervenstärke

Für Nostalgiker wird auch ein 2CV aufgefahren. Die Massenszenen im Zaume zu halten und die darin befindlichen musikalischen Stolpersteine, den Stop and Go des Redeflusses im Tempo der Hauptakteure so variabel zu akzentuieren und dabei auch der frivolen Musetta (Nina Bernsteiner) ihren großen Auftritt Quando men vò zu garantieren, dazu braucht es einen nervenstarken, unbeirrbaren Dirigenten. Marco Comin aber zelebriert nicht nur volltönende Höhepunkte. Er hat den Mut, Stille festzusetzen, sie auszuhalten wie im ersten Moment des Kennenlernens, als die lungenkranke Mimi auf dem Balkon um Luft ringt. Aus diesem untrüglichen Gespür für den richtigen Atem lässt er die herrlichen lyrischen Passagen und die großen Bohème-Arien entstehen.

Mit einem groben Hieb, einem jähen Donnerschlag im Blech zerbricht das humorvoll ungebärdige WG-Spiel, das Gerangel und Geplänkel. Das Leben macht Ernst. Und es liegt nicht nur an dieser glückhaften Sängerbesetzung mit Espen Fegran (Marcello), Tomasz Wija (Schaunard) und Krzysztof Borysiewicz (Colline), sondern am glaubwürdigen Spiel der Akteure, dass sie mit einem Mal erwachsen werden. Im Angesicht des Todes in Liebe vereint und doch jeder auf sich allein gestellt. Das ist so schlicht wie berührend.

_______Fuldaer Zeitung [13.09.2011] mehr ...

Das betörende Lied vom alltäglichen Tod

Staatsoper Kassel: Überzeugende Spielzeiteröffnung mit La Bohème

Von Christoph A. Brandner

 Während vor 13 Jahren in einer faszinierend glutvoll-abstrakten Bohème-Inszenierung von Karoline Gruber dem Belcanto und dem kalten Tod gehuldigt worden war, fröhnte jetzt Philipp Kochheim einem poetischen Realismus. Das betörende Lied vom alltäglichen Tod erklang in den späten 1960er Jahren in einer Pariser Kommune und auf einem mit Barrikaden verstellten Platz vor der Cinémathèque française. Am Vorabend der studentischen Revolte in Frankreich klammerten sich zwei Einsame – Rodolfo und Mimi – in unendlicher Seligkeit und bohrender Verzagtheit aneinander. Bis, dass der Tod sie schied: Sara Eternos liebreizend-innige Mimi, blass wie ihr ärmliches Mäntelchen, starb mit ihrem lupenreinen lyrischen Sopran so, wie sie gelebt hatte: still und bescheiden. Ihr kurzes Leben und langsames Verlöschen wurde begleitet von überirdisch schönen Klängen, in denen Liebe, Resignation, Verzweiflung, Seelenschmerz und Trauer verschmolzen. Puccinis süchtig machende Musik war beim Ersten Kapellmeister Marco Comin und dem vorzüglichen Staatsorchester Kassel in den besten Händen: In ihrer dynamisch-sensiblen Deutung leuchtete die Farbenpracht von Puccinis Zaubertönen.
Comin und die Seinen lieferten sich und das Publikum dem mitreißenden Melodienstrom aus, scheuten sich nicht vor den Schroffheiten der Partitur, genossen die raffinierten Klangfarben und gaben sich subtiler musikalischer Charaktermalerei hin.
Überzeugen konnten auch die Homogenität der Ensembles und die Auftritte der von Marco Zeiser Celesti präparierten Chöre, die im zweiten Bild für bunt-schwelgerisches Lokalkolorit sorgten. Ein großes Plus dieser Produktion: die ausgewogene Riege der Solistinnen und Solisten. Hier muss vor allem Johannes An genannt werden, der mit seinem lyrischen Tenor, den Kraft, Geschmeidigkeit und Höhenglanz auszeichnen, dem Rodolfo eine höchst einprägsame vokale Statur gab. Mimis eiskaltes Händchen in seiner Hosentasche beflügelte ihn zu einem glanzvollen hohen C. Auch das zweite Paar – Musetta und  Marcello – konnte sich hören und sehen lassen: Nina Bernsteiner steuerte ihren plastisch-temperamentvollen Sopran bei, Espen Fegran seinen voll-geschmeidigen Bariton. Krzysztof Borysiewicz vertraute Collines Mantelarie seinem samtigen Bass an.
Den vier Kommunarden, von denen Tomasz Wijas Schaunard wohl an Rainer Langhans erinnern sollte, hatte Regisseur Kochheim eine junge Dame namens Françoise (Katja Friedenberg) zugesellt,  offenbar eine Nachfahrin von Uschi Obermaier, der Hippie-Ikone der 68er-Generation. Diese stumme Rolle war höchst entbehrlich. Das erotische Treiben per Mund und in der Badewanne bediente allenfalls das Klischee von der freien Liebe und lenkte sträflich ab. Die wahre Liebe wurde von Mimi und Rodolfo gelebt und gelitten. Bis zum schlimmen Ende, das immer wieder dann derart heftig zu Herzen geht, wenn sich – wie in Kassel – seine Verzweiflung und ihr Abschied im Pianissimo morendo zu todtraurigem Gesangsglück vereinen. Das Publikum, das die Aufführung mit Szenenapplaus begleitete, ließ sich vom Plakat des Godard-Films »Tout va bien« (Alles geht gut) in der Künstler-Wohngemeinschaft nicht täuschen. Denn wohl ein jeder kannte bereits Mimis Schicksal. Die Ergriffenheit über das bittere Los der jungen Frau und die Freude über die leidenschaftlichinnige Aufführung mündeten in einen herzlich-dankbaren Schlussbeifall. Über den sich auch das Inszenierungsteam zu Recht sichtlich freute.

_______HNA [12.09.2011] mehr ...

Wenn die Poesie triumphiert

Gelungener Saisonstart am Kasseler Opernhaus: Philipp Kochheim inszeniert Puccinis La Bohème

Von Werner Fritsch

Das Filmplakat in der Pariser Künstler-WG lügt: »Tout va bien« - Alles geht gut - lautet der Titel des sozialkritischen Films von Godard. Doch das Publikum im ausverkauften Kasseler Opernhaus weiß: Giacomo Puccinis Oper La Bohème endet traurig.

Regisseur Philipp Kochheim hat die Erfolgsoper im Paris der späten 1960er-Jahre angesiedelt. Sehr realistisch zeichnet die Bühne von Thomas Gruber eine Bohème, die sich auf der Höhe jener Zeit befindet: Die Künstler arbeiten mit dem Medium Film, und folgerichtig ist bei den Straßenszenen das Filminstitut Cinématèque française ihr Bezugspunkt.

Etwas ziellos leben die vier, Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline, vor sich hin. Die Haare sind schon etwas länger (Kostüme: Wiebke Meier), und um etwas Wärme in die Wohngemeinschaft zu bringen, landet am Weihnachtsabend ein Drehbuch im Kamin. Regisseur Kochheim heizt zusätzlich ein - mit der dazu erfundenen stummen Rolle des Mädchens Françoise (Katja Friedenberg) und einer Badewanne.

Es ist die Stille vor dem Sturm - gesellschaftlich wie in den privaten Beziehungen. Zuerst bricht er los, als die Näherin Mimì (Sara Eterno) sich zu Rodolfo (Johannes An) verirrt. Wie ihre Liebe beginnt, allerdings nicht ganz auf den ersten Blick, zeigt Kochheim wie unter dem Mikroskop. Eine Genauigkeit, die falsches Pathos vermeidet und wunderbar mit der klaren, manchmal fast schroffen, veristischen Realisierung der Partitur durch Kassels Ersten Kapellmeister Marco Comin korrespondiert,

Fast desinteressiert hört sich Rodolfo Mimìs berühmte Vorstellung Mi chiamano Mimì  (Man nennt mich Mimì) an. Erst ihre poetische Seite, als sie den Kuss des Frühlings  beschwört, elektrisiert den Dichter. Und die Musik, eben noch nüchtern untermalend, vollzieht diesen Wandel aus dem Orchestergraben mit. Was Kochheim und Comin hier gelingt, ist nicht weniger als die Bewahrung der Poesie vor dem Kitsch, durch den diese Oper leider allzu oft entstellt wird.

Natürlich geht das nicht ohne hervorragende Sänger-Darsteller. Am komplettesten verkörpert dies Sara Eterno. Ihre Mimì vermag stimmlich jede Regung auszudrücken, Glück und Überschwang, Schlichtheit und Kummer. Spitzentöne im Piano gelingen perfekt, und das Parlando ist von beredter Natürlichkeit.

Johannes An ist ihr ein starker Partner, der nicht nur das Spitzen-C mühelos beherrscht, sondern auch, nach etwas gespanntem Beginn, die Balance zwischen Intensität und kantablem Fluss findet.

Kaum weniger Akzente setzt das zweite Paar: Nina Bernsteiner verkörpert die temperamentvoll-kokette Musetta mit Bravour, und Espen Fegran ist ein etwas rauer, aber markiger Marcello. Stimmlich klar und mit lässiger Präsenz gibt der neu engagierte Bariton Tomasz Wija den Musiker Schaunard. Von feiner Ironie durchzogen ist der Abgesang Krzysztof Borysiewiczs als brummiger Philosoph Colline auf seinen Mantel, den er versetzt, um Medizin für Mimì zu kaufen.

So wenig diese Kasseler »Bohème« das Pathos überspannt, so sehr hütet sie sich gleichzeitig vor dem plump Komödiantischen. Die Pariser Straßenszenen verströmen detailreich Lokalkolorit, und musikalisch bewältigen die Chöre samt Kinderchor selbst die sehr raschen Tempi des Dirigenten bestens.

Die Stürme von 1968 deuten sich in den Barrikaden vor der Cinémathèque française zwar an. Was dort losbrechen wird, bleibt jedoch ausgespart. Konkret bricht das Sterben Mimìs in das Leben der Schar, und es gehört zu den Stärken der Oper wie auch dieser Inszenierung, dass sie keinen falschen Trost anbieten. Immerhin reden die delikaten, im Orchester leitmotivisch wiederkehrenden Melodien des Anfangs von gelebtem Leben. Heftiger Applaus für alle Beteiligten.