Zum Stück

Pressestimmen zu Die Zauberflöte

_______Frankfurter Rundschau [13.12.2011] mehr ...

Ein Traum auf dem Dachboden

Katharina Thomas Kasseler Zauberflöte

Von Georg Pepl

Der Wecker zeigt an: Verschlafen. So nimmt der nervige Alltag der Schülerin in einem Videofilm seinen Lauf, während die Ouvertüre der Zauberflöte erklingt. Die Lehrerin hält eine Standpauke, zuhause streiten die Eltern. Kein Wunder, dass sich die Heranwachsende in eine Fantasiewelt flüchtet - auf den Dachboden. Dort beginnt nach einem raffinierten Übergang vom Film zur Bühnenszene die Mozart-Oper am Staatstheater Kassel.

Eine detailfreudige Inszenierung hat die Regisseurin Katharina Thoma mit Daniel Roskamp (Bühne) und Ulrike Obermüller (Kostüme) geschaffen. Auf dem Dachboden entdeckt das Mädchen, von Judith Niederkofler mit Liebreiz gespielt, ein Zauberflöten-Buch; alsbald hebt das bunte, etwas putzige Treiben an. Die drei Damen steigen als schicke Geschöpfe der 1920er-Jahre aus einem Kleiderschrank. Papageno ist ein Hippie mit Schlaghose. Einmal erwacht gar ein Hirschgeweih zum Leben.

Ernster wird es, wenn die Sarastro-Sphäre durch Gestalten aus der wilhelminischen Epoche wie aus Heinrich Manns Roman Der Untertan dargestellt wird - kein schlechter Seitenhieb auf das Männerbündlerische in den heiligen Hallen. Gleichwohl mutet das einheitliche Szenario des Dachbodens auf die Dauer leicht monoton an. Manches, etwa der Auftritt der Königin der Nacht, ist recht unspektakulär inszeniert.

Erfreuliches kommt indes vom Staatsorchester Kassel, das unter der Leitung von Generalmusikdirektor Patrik Ringborg einen geschmeidigen Mozartklang realisiert, samt silbrigem Streicherglanz und feinen Bläsern (Holzflöten!). Für einen sängerischen Höhepunkt sorgt Nina Bernsteiner als Pamina mit ihrer ergreifenden Arie Ach, ich fühl's. Wie schon oft überzeugt die Sopranistin durch die Wärme ihres Ausdrucks. Karolina Andersson ist eine versierte Königin der Nacht, Marc-Olivier Oetterli ein schlank timbrierter, spielfreudiger Papageno. Steigerungen sind von Dong Won Kim (Tamino) und Mario Klein (Sarastro) zu erhoffen.

Auffällig gut sind die Nebenrollen besetzt. Das gilt für die drei Damen Nicole Chevalier, Maren Engelhardt und Christiane Bassek ebenso wie für die Knabensolisten der Dortmunder Chorakademie. Der Tenor Johannes An sticht als 1. Geharnischter hervor, mit wohlklingendem Bariton empfiehlt sich Stefan Zenkl (Sprecher). So klein die Partie der Papagena ist, so markant wird sie von LinLin Fan gestaltet: eine so frische wie tragende Stimme.

_______Thüringische Landeszeitung [13.12.2011] mehr ...

Sehr höhensicher: In Kassel spielt Mozarts Zauberflöte auf dem Dachboden

Von Evi Baumeister

Ein Dachboden ist nicht nur Rumpelkammer, er ist auch Refugium. In Kassel siedelt man dort sogar Oper an. In ihrer frischen, unbefangenen Inszenierung verlegt Katharina Thoma Wolfgang Amadeus Mozarts »Zauberflöte« aus »diesen heilgen Hallen« auf die Dielenbretter eines verstaubten Spitzbodens und klopft mit diesem Kunstgriff aus dem oft weihevoll überhöhten Singspiel mutig jeden freimaurerischen Muff und Mief.

Der »Zauberflöte« haften in dem ideenreichen, humorbegabten Treiben märchenhafte Züge an, wie sie sich der Komponist für sein letztes Bühnenwerk geträumt haben könnte. In der Premiere unterstrichen Orchester, Chor und das gastgestützte Ensemble des Staatstheaters Kassel unter der elastischen Leitung von Patrik Ringborg das einfallsreiche Spiel jenseits aller musikalischen Professionalität mit spürbarer Freude. Dem Jubel nach zu urteilen, avancieren die drei selbstbewusst und astrein intonierenden Knaben zu hessischen Publikumslieblingen.

Die hübschen Jungen, Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, sitzen im Rahmen eines ausgedienten, schief in der Ecke gelagerten Barockgemäldes. Überhaupt bietet der von Daniel Roskamp ersonnene Dachboden ungeahnte, lukenreiche Möglichkeiten von Einstieg und Abgang. Zur Ouvertüre mit übermotiviertem Paukenschlag erfährt das Publikum per Video, dass sich in den Schmollwinkel des Speichers ein junges, pubertierendes Mädchen verkrochen hat. Von Schule und Eltern frustriert, greift es sich aus all dem scheinbar achtlos gelagerten Gerümpel die Partitur der Zauberflöte.

Großartiger Griff in die Klamottenkiste

Es liest! Und schon setzt sich mit einigem Witz die Schlange in Gestalt eines alten Teppichs in Bewegung. Das Spiel beginnt. Märchen wie jugendliche Phantasien nehmen es mit historischen Gereimtheiten meist nicht so genau. Alles Jacke wie Hose. Ulrike Obermüller (Kostüme) ist ein großzügiger Griff in die Klamottenkiste gestattet. Denn auch das macht den Zauber dieser »Zauberflöte« aus: Wer jung ist, dem scheint bereits eine Dekade so lang wie ein Jahrhundert. Papageno im poppigen Outfit der 70er Jahre, die Entourage der Königin der Nacht im glamourösen Charlestonlook der 20er, der Chor der Bourgeoisie, uniformierte Geharnischte und Priester.

 Sie alle sorgen für maximale stimmliche Bewegung (Choreinstudierung Marco Zeiser Celesti). Wie im freien Fall münden allerdings die herrlichen Terzette (ein Lob den drei Damen Nicole Chevalier, Maren Engelhardt, Christine Bassek) und Arien in manch zäh empfundene Sprechszene. Da tut es gut, wenn das Mädchen (Judith Niederkofler) in den von Mozartbiograf Wolfgang Hildesheimer als »inkonsistent« apostrophierten Fortlauf der Handlung eingreift, emanzipiert die misogynen Angriffe des Schikanederschen Librettos abwehrt und sich »vollstoff« schließlich im identischen Kostüm mit der Liebessehnsucht von Königstochter Pamina identifiziert.

Bei den Paarungen Sarastro (Mario Klein) und Königin der Nacht (Karolina Andersson) wie Tamino (Dong Won Kim) und Pamina (Nina Bernsteiner) überzeugen stimmlich und darstellerisch die Frauen mehr - und nicht nur, weil Komponist Mozart sich dieser Rollen besonders intensiv angenommen hat. Der koloratursicheren Rachegöttin glückt ihr furioser Auftritt und ebenso makellos berührt in sublimer Gestaltung Paminas Abschiedsschmerz »Ach, ich fühl's«. Und wie er gekommen ist, so verschwindet er wieder, der angejahrte Hippie Papageno (Marc-Olivier Oetterli), doch diesmal mit kessem Weibchen (LinLin Fan) über die Steigleiter des Kamins in Richtung Elysium. Ende gut, alles gut.

_______HNA [12.12.2011] mehr ...

Wunderwelt auf dem Dachboden

Katharina Thoma inszeniert Mozarts Zauberflöte als märchenhafte Traumgeschichte

Von Werner Fritsch

Die Zauberflöte - ein Mädchentraum. Es beginnt mit einem Film zur Ouvertüre: In der Schule geht alles schief, daheim streiten sich die Eltern, da flieht das Mädchen (Judith Niederkofler) auf den Dachboden und entdeckt eine alte Partitur der Zauberflöte.

Plötzlich rollt unter dem schrägen Gebälk ein Prinz hervor, und ein alter Teppich beginnt sich zu bewegen wie eine Schlange.

Schon sind wir mittendrin in einer Fantasy-Opernhandlung, die einer J. K. Rowling oder Cornelia Funke würdig wäre. Denn Regisseurin Katharina Thoma ist eine suggestive Erzählerin mit überbordender Fantasie.

Der Dachboden wird zu einer wahren Zauberwelt, wo der Vogelmensch Papageno durchs Dachfenster purzelt (Bühne: Daniel Roskamp), die drei Damen im mondänen 20er-Jahre-Look (Kostüme: Ulrike Obermüller) aus einem Schrank herausplatzen und die drei Knaben ihre weisen Ratschläge als Miniatur-Mozarts aus einem Goldrahmen heraus erteilen. Nicht einmal ein kleiner (Kasseler) Waschbär fehlt in dem Panoptikum. Das Mädchen sieht staunend zu, lacht oder leidet mit und greift auch mal ins Geschehen ein, etwa wenn es die drei aufdringlichen Sklaven mit der Partitur k.o. schlägt.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wie war's?

Sehr eigenständige Bildsprache, musikalisch stark mit besonderen Highlights in den Nebenrollen.

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Was so lustig, ja klamaukig beginnt, erhält eine ernste Note, als für Tamino und Papageno die Prüfungen in Sarastros Tempel beginnen: Die Priester, teils würdige Herren im Stresemann, teils Soldaten in Uniform, ziehen die beiden zum Militär ein, verpassen ihnen Stahlhelme und trimmen sie auf Befehl und Gehorsam.

Katharina Thoma macht das übliche Verwirrspiel um Gut und Böse in Emanuel Schikaneders Libretto nicht mit: Beide, die Königin der Nacht als machtbewusste Grande Dame wie auch der uniformierte Sarastro mit seiner männerbündischen Schar, verkörpern eine alte hierarchische Gesellschaft, in die sich die Jungen gefälligst einzufügen haben. Hier werden nicht »Sterbliche den Göttern gleich«, sondern sie lernen den Ernst des Lebens kennen.

Eine Sicht der Dinge, gegen die man wenig einwenden kann, außer dass Mozarts Zauberflöten-Musik eben nicht in der Opernhandlung aufgeht. Und genau hier liegt das Problem dieser detailverliebten Inszenierung: Sie will alles erklären, alles bebildern, öffnet der Musik aber zu wenig Räume.

Generalmusikdirektor Patrik Ringborg verhilft der Partitur gleichwohl zu ihrem ganz eigenen Recht: Mozarts zukunftsweisende Musik, die kunstvolle Schlichtheit, Gefühlstiefe und hohes Ethos miteinander verbindet, kommt äußerst sprechend, rhythmisch gespannt und tonschön aus dem Orchestergraben. Und weil der hier angehoben ist, klingen die feinen Holzflöten, die Bassetthörner, die Posaunen, aber auch die Streicher noch präsenter als gewohnt.

Auch sängerisch gibt es starke Momente: brillant, wie Karolina Andersson die Rachearie der Königin der Nacht, Nina Bernsteiner als Pamina eine ergreifende »Ach, ich fühl’s«-Arie singt. Marc-Olivier Oetterli ist als Papageno ein beeindruckender Sängerdarsteller, während Dong Won Kim als Tamino etwas blass bleibt. Mario Klein als sicherem Sarastro würde man in der Tiefe noch mehr Fülle wünschen.

Sängerisch wie darstellerisch grandios sind die drei Damen, Nicole Chevalier, Maren Engelhardt und Christiane Bassek - eine Luxusbesetzung. Ebenso eindrucksvoll Johannes An und Tomasz Wija als Geharnischte. Stars des Abends waren aber die drei wunderbaren Knabensolisten der Dortmunder Chorakademie. Sie erhielten auch den meisten Beifall.

_______Göttinger Tageblatt [12.12.2011] mehr ...

Mit magischem Instrument auf Rettungsmission

Von Marie Varela

Wer hätte sich als Kind nicht auf den Dachboden geflüchtet, wenn Lehrer, Mitschüler, Eltern, ja, die ganze reale Welt einem als eine einzige Plage erscheinen? So geht es auch einem Mädchen in Mozarts Oper Die Zauberflöte, die nun in der Inszenierung von Katharina Thoma im Staatstheater Kassel Premiere feierte

Die durch Videosequenzen begleitete Ouvertüre leitet eine Rahmenhandlung ein und zeigt aus der Ich-Perspektive den unerfreulichen Vormittag einer Heranwachsenden. Besonders gelungen ist hierbei der fließende Übergang zwischen dem Bild des Dachbodens auf der Leinwand und dem tatsächlichen Bühnenbild. Daniel Roskamp hat einen geräumigen, märchenhaften Dachboden kreiert, der sofort Imaginationsräume öffnet.

Dort macht es sich das Mädchen mit einem Buch bequem und schon beginnt das Abenteuer: Ein riesiger Teppich wird zur Schlange, die den Prinzen Tamino (Dong Won Kim) bedroht. Zum Glück retten ihn die drei Damen der Königin der Nacht (Karolina Andersson) und überreichen ihm ein Bild von deren Tochter Pamina (Nina Bernsteiner), in die der Prinz sich sogleich verliebt. Mit dem Vogelfänger Papageno (Marc-Olivier Oetterlie) macht er sich auf, um Pamina zu retten, denn diese wurde von Sarastro (Mario Klein) entführt. Die drei Damen geben ihnen noch zwei magische Instrumente mit auf den Weg: Zauberflöte und Glockenspiel. Dazu stehen drei kleine Knaben – adrette Kerlchen im barocken Outfit, die ganz plötzlich einem goldenen Bilderrahmen entsteigen und wunderbar singen – helfend zur Seite. Am Ende ist die böse Königin der Nacht besiegt, der Prinz und Tamina vereint und auch Papageno hat seine Papagena gefunden.

Das Mädchen wird in Thomas Inszenierung immer mehr in die Geschichte hineingezogen, am Ende wird sie zur Pamina. Dieses Hineingeraten in eine phantastische Geschichte erinnert doch sehr an Michael Endes Jugendbuchklassiker Die unendliche Geschichte. Und auch der riesige Wandschrank, der als Brücke zwischen realer und phantastischer Welt fungiert, ist kein Unbekannter. Man kennt ihn aus den Chroniken von Narnia von C.S. Lewis.

Der verspielt märchenhafte Charakter dominiert diese Operninszenierung und stellt die durchweg gute musikalische Leistung des Ensembles und des Staatsorchesters Kassel manchmal fast in den Hintergrund. Optisch gerät dieser Abend allerdings zum Augenschmaus, was vor allem der wunderbaren Kostümierung geschuldet ist. Da plappert ein hippiehafter Papageno in Schlaghosen vor sich hin, tanzen die drei Damen im stilechten Dreißiger-Jahre-Outfit und bestechen die Frauen des Opernchores durch sagenhafte Hutkreationen.

Begeisterungsstürme erntet die Inszenierung nicht, aber doch herzlichen, lang andauernden Applaus.