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Pressestimmen zu

_______Waldeckische Landeszeitung [11.11.2014] mehr ...

Geglückter Spagat zwischen zwei Traditionslinien

Von Armin Hennig

In den letzten Jahren und Jahrzehnten verlegten Opern-Regisseure Giuseppe Verdis Rigoletto gern ins Gangster- oder Mafia-Milieu. Für ihre Kasseler-Neuinszenierung sagte Sonja Trebes erst einmal Arrivederci zu Al Capone und Don Vito Corleone, sowie dem zugehörigen Milieu von Autowerkstätten und Pizza-Läden. Vielmehr verlegt die 33 Jahre junge Regisseurin das Geschehen um den chronischen One-Night-Stander und seinen rachsüchtigen Hofnarren vordergründig zurück in die ursprünglich vorgesehene Renaissance, um bei Maske und Kostüm andere, britische Gangster-Ikonographien zu zitieren: Rigoletto (Stefan Adam) trägt das ins Gesicht geschnittene „Chelsea-Grin“ wie u.a. Heath Ledgers Joker, der Look der Höflinge orientiert sich an Stanley Kubriks »Clockwork Orange«. Doch seine Orgien feiert der Hofstaat in einem vielseitig bespielbaren Renaissance-Auditorium, das Assoziationen an eine Alma mater mit ziemlich langer Tradition erweckt. Dieses »Oxbridge«-Hörsaal-Theater fungiert im Verlauf der drei Akte unter anderem auch als Arena für Boxkämpfe im Gefolge des vergnügungssüchtigen Herzogs (Philipp Heo), der seinerseits unten steht, während ihm sein, stets um Aufmerksamkeit bemühter Anhang, die Entführung der »Geliebten« Rigolettos als munteres Kasperletheater vorführt, in dessen Verlauf zwei aufgeweckte Krokodile einem tumben Kasper seine Gretel entführen. Ein bezeichnender Moment, indem Sonja Trebes auf sublime Art konventionellen Leerlauf unterhaltsam unterläuft, ohne Traditionalisten permanent vor den Kopf zu stoßen. Auch für Verführung und vorenthaltenes Leben gibt es eine klare, unaufdringliche Symbolik, so bedenkt der Herzog seine aktuelle Favoritin, bzw. seine nächste Eroberung mit einer roten Schleife, während er sie in den Käfig des Liebesaufzugs führt, das Vorspiel ist Teil des Unterhaltungsprogramms an seinem Hof, auch die Provokation des Gehörnten, der Graf Ceprano (Abraham Singer) wird von Rigoletto ebenfalls mit einer Schleife bedacht, während der Aufzug zum finalen Vollzug des Liebesakts in luftigen Höhen entschwebt. Wieder am Boden lässt der Herzog die Betreffende samt roter Schleife im Käfig zurück. Im ersten Akt rafft die Gräfin Ceprano (Any Yorentz) notdürftig ihre Kleider zusammen und flieht, so schnell sie kann. Gilda (als Abendgast: Eun Yee You) bleibt im zweiten Akt dagegen nach Gebrauch durch den Herzog lieber allein im Käfig, statt sich ihrem Vater, wie sonst üblich, in die Arme zu werfen und in seine unterirdische Gegenwelt zurückzukehren. Bis zum Raub aus Rache hatte der besorgte Vater die Unschuld seiner Tochter in tiefster Tiefe geschützt, erst nach seiner Rückkehr vom Hof lässt der besorgte Vater seine Tochter, deren Augen mit einer schwarzen Schleife verbunden sind, ein wenig an die Luft. Konsequenterweise lässt sich die nicht mehr Wiedergeliebte im dritten Akt trotzdem lieber anstelle des Herzogs ermorden, als sich weiterhin vom Vater mit verbundenen Augen durchs Leben führen zu lassen.
Das nach hinten gerückte Bühnenbild des dritten Aktes öffnet gewissermaßen symbolisch den Zuschauern die Augen, denn das zur Mords-Taverne umfunktionierte Auditorium ist nun als Kulisse bloßgestellt. Dieses geschickte Arbeiten mit der Kulisse gibt auch dem stets an der Grenze zum Unwahrscheinlichen balancierenden Schlussduett zwischen dem Hofnarren und seiner erstochenen Tochter eine höhere Realität. Im Zentrum der Bühne zieht Rigoletto die Leiche seiner Tochter nicht aus dem Fluss, sondern aus demselben Loch, in dem er sie zu Lebzeiten gehalten hat. Ein Double für Gilda, die im zweiten Rang des Auditoriums umher wandelt und damit tatsächlich aus einer anderen Dimension ihr transzendental-tröstliches „Lassu in ciel“ anstimmt und den Vater auf das Wiedersehen im Himmel vertröstet. Mit ihrer Inszenierung gelingt Sonja Trebes der Spagat zwischen zwei Aufführungstraditionen. Zahlreiche Feinheiten stellen die Kenner und Liebhaber zufrieden, krasse Aufreger, die vom musikalischen Geschehen ablenken, gibt es dagegen nicht zu beklagen. Das Hinhören lohnt sich durch die Bank: Robin Engelens differenziertes Dirigat machte jede Nuance von Verdis Partitur hörbar, die Tenöre in den Sturmchören des Dritten Aktes sorgten für genussvolle Schauer. Stefan Adams Interpretation der Titelrolle als ein Mann, der in seiner Maske gefangen und nur schwer erreichbar ist, geriet durchweg überzeugend, zumal sich der Bass mit den väterlich-warmen Tönen stark zurückhielt. Beim Herzog von Philipp Heo gewann der Übermut zwei Akte lang die Oberhand über den Charme, der eher im spielerischen Liebesduett mit Maddalena die Oberhand gewann, allerdings ist Belinda Williams auch eine begnadete Komödiantin. Rein stimmlich war die Performance von Eun Yee You durchweg ein Genuss, die Beschränkung auf die Opferrolle und der konsequente Verzicht auf physische Nähe von Vater und Tochter ließ ihr darstellerisch wenig Spielraum. Als Mörder von Ehre mit tiefem Bass hinterließ Hee Saup Yoon einen durchweg starken Eindruck, zumal er sein profundes Organ beim Duett im ersten Akt mit der beiläufigen Leichtigkeit eine Stilettostoßes zu führen wusste, die einem unverbindlichen Angebot zum Mord besondere Glaubwürdigkeit gab. Das oft zum Durchhänger missratene Duett der beiden tiefen Stimmen geriet so zum unverhofften Höhepunkt.

_______HNA [28.10.2014] mehr ...

Wiederaufnahme Rigoletto

von Werner Fritsch
[…] In der ungeheuer spannungsreichen und plastischen Aufführung unter der Leitung von Kapellmeister Yoel Gamzou glänzte besonders Marian Pop in der Titelrolle. Stimmlich kraftvoll und flexibel zugleich, verkörperte er glaubhaft die Ambivalenz dieser komplexen, aber beschädigten Figur. Bédédicte Tauran verlieh der Gilda viel Tiefenschärfe mit einer Stimme, die mädchenhafte Leichtigkeit wie dramatische Schwere vermitteln kann. Ein quicklebendiger, in hohen Lagen aber angestrengt wirkender Herzog war der Tenor Paulo Paolillo, während Hee Saup Yoon als Sparafucile finsterste Bassschwärze verströmte.

_______GÖTTINGER TAGEBLATT [12.07.2014] mehr ...

Enorm viel Spannung

Verdis Oper „Rigoletto“ auf dem Spielplan der Staatsoper Kassel – auch in der Saison 2014/15
von Michael Schäfer

Ist es ein Wagnis, eine Opernaufführung am Abend des Fußball-Halbfinales anzusetzen? Nein, zumindest nicht in Kassel bei Verdis „Rigoletto“. Das Haus war in der zweiten Vorstellung nach der erfolgreichen Premiere am Sonnabend sehr gut gefüllt – nur konnte man in der Opernpause immer wieder Gesprächsfetzen aufschnappen, bei denen wesentlich öfter als sonst das Wort „Brasilien“ zu vernehmen war. So richtig gefährlich war’s für den Fußballfan ohnehin nicht: Das erste Tor des Abends fiel ja erst kurz nach dem Schlussapplaus. Und der fiel ausgesprochen kräftig aus: Eine einmütig begeisterte Zustimmung fand die Inszenierung von Sonja Trebes. Mit ihrer klugen Personenführung baut sie enorm viel Spannung auf, führt die tragische Oper zielgerichtet in die finale Katastrophe. Allerdings erzeugt ein kleines Puppentheater-Intermezzo im zweiten Akt zwar einige Lacher im Publikum, wirkt aber, so kasperle-niedlich auch weit aufgerissene Krokodilmäuler sind, im Zusammenhang des Stückes eher deplatziert.

Angesiedelt ist dieser „Rigoletto“ im beklemmenden Einheitsbühnenbild von Etienne Pluss. Der schweizerische Ausstatter stellt ein überdimensionales anatomisches Theater auf die Bühne, wie es die Göttinger in kleinem Maßstab vom Theater im OP kennen. Das Geschehen spielt sich auf einer vergleichsweise kleinen Spielfläche ab, hinter der die Sitzreihen steil ansteigen. Wenn die Herren des Opernchors von diesen Reihen aus das Geschehen beobachten, scheinen sie Zeugen eines wissenschaftlichen Experiments zu sein – an lebenden Menschen, wohlgemerkt. Treibende Kraft dieses Experiments ist der Herzog von Mantua. Zu seinem Vergnügen sammelt er Mädchen, die für ihn aber nur zu einmaligem Gebrauch bestimmt sind. Liebe passt keinesfalls in dieses Spiel. Und so ist Gildas Ende vorhersehbar. Dass sie ihr Leben ausgerechnet diesem Herzog opfert, dem es um nichts als die Erfüllung seiner Lüste geht, verleiht dem tragischen Schluss eine außergewöhnliche Tiefendimension. Musikalische Tiefe verleiht Dirigent Yoel Gamzou dieser Verdi-Partitur. Er reizt die dynamischen Kontraste aus, plant weit vorausschauend bezwingende Steigerungen, lässt Leidenschaften lodern und gibt Gefühlen angemessen breiten Raum. Das Orchester folgt ihm dabei präzise, ebenso der von Marco Zeiser Celesti sorgfältig vorbereitete Chor.

Auch was die Qualität der Solisten angeht, ist dieser „Rigoletto“ allemal die Fahrt nach Kassel wert. Stefan Adam – von 2004 bis 2010 Ensemblemitglied in Kassel, nun in Hannover – bringt für die Titelpartie einen ausgesprochen kraftvollen, volumenreichen Bariton mit, der nur gegen Ende leichte Spuren von Anstrengung zeigt. Lin Lin Fans heller Sopran ist ein ideales Instrument für die Rolle der Gilda. Die Sängerin ist dabei sehr wohl in der Lage, ihre schwerelose Koloraturen-Leichtigkeit auch in dunklere Farben abzutönen, wenn es der Rollencharakter verlangt. Philipp Heo – ebenfalls früher Ensemblemitglied in Kassel, derzeit auch in Hannover als Herzog von Mantua zu hören – besitzt die nötige tenorale Durchsetzungskraft und die Höhenfreudigkeit, die diese Rolle verlangt.

Von den übrigen Partien seien der Bassist Hee Saup Yoon als düster-verschlagener Sparafucile und die bestens disponierte, spielfreudig-kecke Mezzosopranistin Belinda Williams als Maddalena genannt. Die packende Wirkung dieses Opernabends reicht weit über den Tag hinaus.

_______HNA [07.07.2014] mehr ...

Welt voller Gefangener

Sonja Trebes insziniert, Yoel Gamzou dirigiert in Kassel Giuseppe Verdis Erfolgsoper „Rigoletto“
von Werner Fritsch

Flötenklänge heben Gilda bereits in den Himmel, noch ehe sie in ihrer Arie „Caro nome“ (Teurer Name) selbst abhebt. In den Sopranhöhen verliert sie den Bodenkontakt - wie zu den Kontrabässen im Orchester. Immer exaltierter werden die Koloraturen, wenn sie die Wonnen der Liebe besingt, die ihr der Herzog von Mantua bei ihrer heimlichen Begegnung ausgemalt hat.

Bei der Kasseler „Rigoletto“-Inszenierung, die am Samstag im ausverkauften Opernhaus Premiere hatte, ist es Lin Lin Fan, die mit glockenreiner Stimme und atemberaubender Virtuosität die Strato-Höhe markiert, von der aus es nun für die junge Frau bergab geht - bis zum Opfertod für den Geliebten. Oder tritt Gilda hier schon ins Reich der Freiheit ein? Jedenfalls ist die Arie ein Höhepunkt in Verdis Oper und in der Kasseler Inszenierung, die Sonja Trebes in der Düsternis einer intriganten, angstbesetzten Männerwelt ansiedelt.

Die Bühne (Etienne Pluss) ist eine Arena, in der sich das Leben als grausames Spiel vollzieht, mit großen Lupen beäugt von denen, die zufällig gerade Zuschauer und nicht Opfer sind. Dass der frauenvernaschende Herzog seine Eroberungen jeweils in einen käfigartigen Lift zerrt, um dann mit ihnen zu entschweben und beim Zuknöpfen der Hose wieder heruntergelassen zu werden, ist ein etwas holzschnittartiges, aber immerhin eindeutiges Bild. Philipp Heo stattet den Lebemann mit heiterer Nonchalance und jederzeit höhensicherer, kraftvoller Tenorstatur aus - nicht nur beim berühmten „La donna è mobile“. Komplexer ist da die Titelfigur des buckligen Hofnarren Rigoletto, dessen charakterliche Zerrissenheit Stefan Adam eindrucksvoll verkörpert. Die zärtlichen Töne des liebenden Vaters, der seine Tochter gleichwohl in einem Verlies gefangen hält, ebenso wie die wilden Racheschwüre des Gedemütigten, aber auch das leichthin gesungene „La la lala“, das sich der im Mark getroffene Narr vor seinen Feinden abringt - all diese Facetten vereint Adam in seinem mächtigen, allerdings nicht ganz bruchlosen Bariton. In die Reihe der feinen Verdi-Sänger stellen sich auch He Saup Yoon als gedungener Mörder Sparafucile, eine schwarze Figur (Kostüme: Sabine Böing) mit noch schwärzerem Bass, und Belinda Williams als seine kokette Schwester Maddalena. Zur erfreulichen Ensembleleistung tragen nicht zuletzt die Herren des Opernchores bei, am Ende sogar als unheimliche Naturgewalt in der Gewitterszene des Schlussaktes (Einstudierung: Marco Zeiser Celesti). Dass der Chor, anders als die individuell stark gezeichneten Hauptfiguren, stets als anonyme Masse inszeniert wird, mag man bedauern, ebenso wie ein im zweiten Akt eingebautes Puppen-Kasperletheater, das die Stringenz dieser mit zwei Stunden Dauer äußerst konzentrierten Oper etwas mindert.

Grandios gelingt aber das finale Bild, wenn Rigoletto die bereits tote Gilda als Double im Arm hält und Lin Lin Fan auf der Galerie singend den Schlussdialog als Vision des irre gewordenen Narren entlarvt. Am Ende wurden neben den Solisten besonders der Dirigent Yoel Gamzou und das Orchester gefeiert. Sehr zu Recht, denn wann hört man Verdis „Rigoletto“ sonst so unmittelbar und packend, so alles Mechanischem entkleidet, in den Orchesterfarben fein ausgemalt und - bei den Aktschlüssen - mit derart bezwingender Urgewalt?

HNA

_______HR 2 [07.07.2014] mehr ...

Frühkritik

Die Frühkritik von Susanne Schaeffer finden Sie hier zum Nachhören.

_______Frankfurter Rundschau [07.07.2014] mehr ...

Hodenschutz und Glasgow Smile

»Sonja Trebes überzeugt am Staatstheater Kassel mit einer düster bizarren „Rigoletto“-Inszenierung. Kinokenner dürfen sich über einige Anspielungen freuen.«, schreibt Georg Pepl in der Frankfurter Rundschau.