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Pressestimmen zu Tschick

_______Kulturmagazin [01.03.2015] mehr ...

Mit Lada und Clayderman auf Tour

von Bettina Damaris Lange

Zwei Jugendliche, fast noch Kinder, in den Sommerferien allein, vielleicht zum ersten Mal. Die Eltern (Uwe Steinbruch und Maria Munkert) verabschieden den Jungen Maik, indes sie selbst getrennte Wege gehen. Während die Mutter den Sommer zum wiederholten Male in einer Entzugsklinik verbringen wird, bricht der Vater zu einer »Geschäftsreise« in weiblicher Begleitung auf. Als dann der »Neue« aus der Klasse, der russische Spätaussiedler Tschick, inklusive eines gestohlenen Ladas vor Maiks Tür steht, möchte man zunächst das Schlimmste befürchten, doch die Reise, die die beiden Achtklässler begehen werden, ist alles andere als roh, draufgängerisch und verantwortungslos, und so lässt der erste Überraschungsmoment des Abends nicht lange auf sich warten. Tschick beschreibt mit verliebter Faszination den unschätzbaren Wert eines Autos, das er weder besitzen noch fahren darf. Doch die romantischen Beschreibungen dieses alten Autos, bei dem man die Fenster noch hoch- und runterkurbeln darf und bei dem nichts kaputt geht, weil es eben gar nichts gibt, das kaputt gehen kann, lassen selbst hart gesottene Rechtsvertreter einsehen, dass es absolut rechtens ist, dass ein Junge mit einer solch großen Bewunderung für alte Autos sich auch mal selbiges »ausleihen« darf. Zwar bedarf es einiger Überredungskünste, bis der brave und unschuldige Maik sich auf die Spritztour einlässt, doch einmal in Fahrt, geben sie sich ganz ihrem neugierigen Erkundungsdrang hin.

Das Leben erkunden

Auf der Bühne des tif wird die Autofahrt durch eine metallene Scheibe angedeutet, die mal schneller, mal langsamer fährt, immer im Kreis, ein bisschen erinnernd an ein Spielgerät auf einem Kinderspielplatz, was aber auch passend ist, denn schließlich erkunden die beiden spielerisch das Leben (Bühne: Brigitte Schima). Und wo sich die beiden Vertreter einer durchdigitalisierten Welt nun schon einmal auf eine nostalgische Fährte begeben haben, ist es nur schlüssig, jedoch nicht weniger überraschend, dass sie auch vor einer sich im Fahrzeug befindlichen Musikkassette nicht Halt machen und diese, nichts ahnend, welche Musik sich darauf befindet, in das autointerne Abspielgerät einschieben. Ja, die Gesichter wirken zunächst noch etwas befremdet, als der Inbegriff romantischer Klaviermusik das jugendliche Gehör in Form der »Ballade pour Adeline« von niemand Geringerem als Richard Clayderman erreicht, doch nicht nur, dass sie an dem Stück Gefallen zu finden scheinen, wird es im Verlauf des Stückes zu ihrer Hymne avancieren, die liebevoll, detailreich und lautstark mitgeträllert wird. Vieles werden sie erleben und vieles meistern müssen: die Begegnung mit dem Mädchen lsa (Maria Munkert) auf dem Schrottplatz, das Organisieren von Benzin und schließlich die wortwitzige Suche nach einem Supermarkt namens »Norma«, die Tschick in erstaunlich geduldiger Manier dialogisch in einer Endlosschleife mit Passanten und dem neuen Freund Maik durchdekliniert, bis schließlich irgendwer intuitiv den Auswegsatz errät und damit dem weiteren Verlauf des Stückes eine Chance gibt.

Natürlich. lebendig, authentisch

Ob es diese beiden von Wolfgang Herrndorf erdachten und von Philipp Rosendahl in Szene gesetzten Jungen so in der Realität wirklich gibt, das weiß man nicht. Doch diese Perspektive jugendlichen Heranwachsens präsentiert sich überaus sympathisch und kommt überhaupt nicht klischeehaft daher nach dem Motto »Wir wollen mal zeigen, dass sich junge Menschen auch für Klaviermusik interessieren können«. Viel mehr wirkt die Reise von Maik und Tschick natürlich, lebendig und authentisch, was die Inszenierung natürlich auch den beiden überzeugenden Hauptdarstellern Peter Elter als Tschick und Christoph Förster als Maik zu verdanken hat. Beiden gelingt es, das Publikum mit Neugier, Abenteuerlust und einer überraschend romantischen Seite zu erreichen.

_______HNA [03.02.2015] mehr ...

Großartig: „Tschick“ am Kasseler Staatstheater

von Bettina Fraschke

»Tschick« war einer der größten Bestseller der jüngeren deutschen Literatur. Nun erobert Wolfgang Herrndorfs Roman das Kasseler Staatstheater. »Sieht aus wie ein Schuhkarton, ist aber wirklich ein Auto«: Als Peter Elter in einer rasant-raumgreifenden Miniperformance die Vorzüge des altmodischen russischen Geländewagens beschreibt und dabei pantomimisch Moor und Taiga, Fahrspaß und Reperaturerfordernisse darstellt, gibt es den ersten Szenenapplaus am Sonntagabend auf der Studiobühne tif des Kasseler Staatstheaters. Elter spielt die Titelfigur in der Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman »Tschick« über zwei 14-jährige Jungs, die mit ebendiesem Lada Niva - geliehen, nicht geklaut - in den Sommerferien heimlich eine Spritztour machen.

In 1:45 Stunden lassen sich die Besucher zu noch mehr Szenenapplaus und zu regelrechten Lachattacken hinreißen, am Schluss will das Klatschen, Trampeln und Johlen kaum enden. Philipp Rosendahl hat einen sehr lustigen, begeisternden Theaterabend inszeniert, der den Aufbruchswillen und den Selbstfindungswunsch der Heranwachsenden in ihrer ganzen vibrierenden Kraft spürbar werden lässt - für jugendliche wie für erwachsene Zuschauer. Peter Elter als russischstämmiger Herumstreuner Tschick und Christoph Förster als wohlstandsverwahrloster Maik stürzen sich mit einer Wonne in ihre Rollen, dass man ihre Kicheranfälle für phasenweise un-gespielt hält, machen aber auch Unsicherheiten und Verzweiflungsmomente des Teenagerdaseins subtil spürbar. Beide ganz toll. Maria Munkert und Uwe Steinbruch spielen alle anderen Rollen als präzise, vielschichtige und witzige Charakterminiaturen, die den kurzweiligen Abend zum Gesellschaftspanorama weiten. Dazu passt der Soundtrack von Thorsten Drücker.

Der Trip in die Welt, der natürlich zugleich ein Trip zu sich selbst ist, wird auf der tif-Bühne ergänzt von anderen Texten Wolfgang Herrndorfs, aus dem Romanfragment »Bilder deiner großen Liebe« und aus dem Blog »Arbeit und Struktur«. Dass da ein Autor über sein Leben und Sterben sinniert, ist sprachlich wie inhaltlich sicher hörenswert - für diesen »Tschick«-Abend bringt das aber keinen Zusatznutzen. Großartig ist die Bühnenkonstruktion von Brigitte Schima (auch Kostüme), die das Unterwegssein mit einer silbernen Drehscheibe verdeutlicht, die mal rasend, mal gemächlich angeschubst werden kann, auf der man rennen, sich aber auch an der Mittelstange hängend mitziehen lassen kann. Weiteres wichtiges Requisit sind jede Menge Plastikflaschen, aus denen Wasser und manchmal auch Kunstblut gespritzt wird.

So bleibt am Ende genau das Gefühl, das Tschick in einem besonders frohen Moment so benennt: »Mich reißt’s grad voll.«

HNA