Zum Stück

Pressestimmen zu Mutters Courage

_______Kulturmagazin [01.12.2015] mehr ...

An der Eisdecke gekratzt

Georg Taboris »Mutters Courage« feierte im tif Premiere

Nach zehn Jahren hat das Staatstheater wieder ein Stück des ungarischen Schauspielers und Autors Georg Tabori auf die Bühne gebracht. »Mutters Courage«. Im tif läuft es. Intendant Thomas Bockelmann und Donald Berkenhoff inszenierten, Bockelmann steht bei diesem Zweipersonenstück nach langen Jahren auch selbst wieder auf der Bühne. Seine Partnerin ist Sigrun Schneider-Käthner, der man zu ihrer Darstellung absolut gratulieren darf. Wer sich ein wenig mit dem Stück auseinandergesetzt hat, der dürfte wohl weniger wegen Taboris »feinem Gespür für Witz im Kontext des Grauens« – so im Flyer formuliert – gekommen sein. Viel mehr dürfte den Besucher die Frage begleitet haben: Wie wird die Inszenierung dem enorm hohen emotionalen Gehalt dieser realen, fast wundersamen Rettung einer Frau vor dem KZ gerecht?

Was müssen das für Gefühle gewesen sein? Als Jüdin in einen Viehwagen gepfercht zu werden, zu ahnen oder gar zu wissen, wohin die Reise geht – nach Auschwitz. Schweiß, Gestank von Urin und Kot und ganz besonders diese unaussprechliche Angst müssen den engen Waggon gefüllt haben. Die Jüdin Elsa Tabori hat diese Gefühle erlebt. Sie war in einem dieser scheußlichen Waggons. Wie ein kleines, schwaches Pflänzchen, das sich durch den eisigen Boden gefrorener Menschlichkeit einen Weg zum Überleben bahnt, mutet ihre Rettung und Bewahrung an. Als sie während des Abtransportes einen Nazi-Offizier damit konfrontierte, dass sie einen Schutzausweis des Roten Kreuzes habe, nur nicht dabei, wurde ihr geglaubt. Ihre Rettung. Ihr Sohn, Georg Tabori, hat ihre Geschichte als Theaterstück aufgeschrieben. Es ist die Geschichte eines Überlebens, das aus der Angst zu sterben geboren wurde, es ist aber auch die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes. Bei dem Thema NS-Zeit würde man große Gefühle vermuten. Angst und Triumph. Die Inszenierung verzichtet weitgehend darauf, bleibt (bewusst?) etwas unterkühlt.

Auf ein puristisches Bühnenbild blickt der Betrachter. Ein Tisch, ein paar Stühle, Möbel der Marke »Es war einmal«, mit der Gediegenheit gutsituierter Besitzer. Else Tabori und ihr Sohn sitzen sich gegenüber. Ein schwaches Licht hüllt die beiden ein wie eine Glocke. Ein Script über ihre Rettung, über ihr Leben hat ihr Sohn geschrieben, liest ihr vor, gibt dabei den respektvollen, netten, höflichen Sohn. Sie, mit der Aura einer Dame, im schwarzen Mantel mit gelbem Judenstern, lauscht, blickt ins Leere, unterbricht ihn regelmäßig, verbessert ihn, rügt ihn oder nickt zustimmend: »Ach ja«, seufzt sie, als er ihre Liebe zum Klavier beschreibt, fährt mit der Hand darüber, während er weiterliest »Mutter konnte nur eine Melodie, eine Deutsche.«

Was er vorliest oder rezitiert, ist mehr als ein Protokoll ihres Lebens, ihrer Rettung. Es ist ein Zeitzeugenbericht eines etwas schüchtern wirkenden Sohnes über seine Mutter. Bedauerlich, dass Bockelmann in der Sprache recht oft etwas gehetzt wirkt, auf markante Betonungen weitgehend verzichtet. Regieabsicht? Die Allianz der beiden bleibt bestimmt und geschminkt von einer klaren Rollenverteilung: sie, das weitgehend unantastbare Muttertier, er, der Sohn, der wirkt, als könne er für das Leben und die Rettung seiner Mutter keine wirkliche Empathie entwickeln. Gleiches gilt aber auch für sie.

Fazit: Es ist keine Inszenierung der großen und lauten Gefühle. Kein Triumphzug für ein gerettetes Leben, wohl aber eine Inszenierung, die Glut unter dem Eis fühlen lässt und Fragen schürt.

Steve Kuberczyk-Stein

_______Frizz [01.11.2015] mehr ...

Kurzkritik

Nach zehn Jahren kehrt George Taboris »Mutter Courage« auf die Staatstheaterbühne zurück. Das Zweipersonenstück greift auf die Lebensgeschichte von Taboris Mutter zurück. Elsa Tabori, die 1944 in Budapest verhaftet wurde, gelang es auf dem Weg in die Gaskammern von Auschwitz freizukommen. Elegant wechselt das Bühnenstück in rasantem Tempo samt Rückblenden zwischen Erzählung und Darstellung. ln wunderbar ironischen Dialogen erstrahlt die warme Verbindung von Mutter und Sohn. Auf der Bühne überzeugen Sigrun Schneider-Kaethner als Mutter und Thomas Sockelmann als Sohn. Der Intendant des Staatstheaters steht dabei erstmals seit Jahren wieder auf der Bühne. Eine so beklemmende wie grandiose Inszenierung.

_______German Daily News [26.10.2015] mehr ...

Intim, berührend & zärtlich

„Mutters Courage“ von George Tabori - nach zehn Jahren unternimmt das Staatstheater Kassel eine Neubefragung des Stückes, das bereits von 2004 bis 2006 im Spielplan war. Die Zuschauer erleben einen berührenden Abend, der Taboris großartigen Text in den Mittelpunkt stellt.

Die komplette Kritik von Mario Graß finden Sie in der German Daily News.

_______HNA [26.10.2015] mehr ...

Ein Tag zwischen Leben und Tod

Von Gesa Esterer

Die dramatische Erzählung Mutters Courage von George Tabori, die am Freitag als Zwei-Personen-Stück im ausverkauften Kasseler Theater in Fridericianum Premiere hatte, hat realen Hintergrund. Nein, verbessert die Mutter, auf der Krempe des schwarzen Huts seien keine Wachsblumen gewesen. Trotz des Widerspruchs streicht der Sohn die Wachsblumen nicht aus dem Text. Beide arbeiten im Salon des Hauses am Manuskript der Geschichte über die Courage der Mutter, mit der sie der Deportation von Budapest nach Auschwitz entkam.
Bei einem Halt des Transports an der ungarischen Grenze erklärt Frau Tabori einem SS-Offizier energisch, sie dürfe nicht verhaftet werden, da sie den Schutzausweis des Roten Kreuzes besitze, diesen aber leider nicht dabeihabe. Frappiert setzt der blauäugige Deutsche die Dame in die erste Klasse eines Zugs zurück nach Budapest. Am Ende des Tages spielt Frau Tabori Rommé mit ihren Freundinnen. In der Geschichte über diese wahre Geschichte geht es um diesen Tag zwischen Leben und Tod. »Korrigier’ mich, wenn ich was Falsches sage«, bittet der Sohn, den Thomas Bockelmann bis hinein in die Fingerspitzen fabelhaft verkörpert, wohlerzogen, liebevoll gegenüber der Mutter. In der Rolle der Mutter brilliert Sigrun Schneider-Kaethner. Sie ist als Dame des gehobenen Bürgertums einen Millimeter lang blasiert, hat dabei Charme und Witz. Mutter und Sohn necken sich, vertraut und nett. Die Dialoge sind oft wunderbar ironisch, jedes Wort ist geschliffen. Mit großer Eleganz wechselt das Bühnenstück, das 1979 in einer Inszenierung von Tabori in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde, in rasantem Tempo zwischen Erzählung und Darstellung.
Die Inszenierung von Donald Berkenhoff meistert die Rückblenden mit Bravour. Großartig die Szene am Bahnhof, die Aufregung, die Unruhe beim Abtransport der über 4000 Menschen, eindringlich die Enge im Viehwaggon, dargestellt einzig von Sigrun Schneider-Kaethner. Dazu passt die tolle Lichtführung, die Bühne (Pia Janssen) ist hier finster, nur ein Lichtstreifen quer über dem Gesicht der Schauspielerin ist zu sehen. Das Stück wirkt wie aus der Zeit gefallen, schillert, nähert sich dem Grauen des Holocausts mit den Mitteln der Groteske, vielleicht um das Unaussprechliche zu überwinden. Das Publikum schien nachdenklich. Viel Applaus, zunächst verhalten.