Zum Stück

Pressestimmen zu you will be removed [UA]

_______Kulturmagazin März 2016 [01.03.2016] mehr ...

Im Überlebensmodus

„you will be removed“, das neue Tanztheater von Johannes Wieland im Schauspielhaus

Und immer wieder Momentaufnahmen, die sich einprägen: Männer und Frauen, die sich aneinander drücken, Schutzsuchende auf kleinstem Raum. Bedrohung ist da spürbar und Untergang. Vielleicht ist es ein Floß, umspült vom Meer? Assoziationsketten im Kopf bauen sich auf und stürzen wieder zusammen. Ist es so oder doch anders? Die Bilder von Choreograf Johannes Wieland sind eben immer vieldeutig, doppelbödig. Gewissheit gibt es nicht. Wir sind gefragt, wir mit unseren Vorstellungen und Imaginationen. „you will be removed", zu deutsch: „Du wirst ersetzt werden", das jetzt im Schauspielhaus mit einem neunköpfigen Tanztheater-Ensemble Premiere hatte, ist mal wieder ein solch typisches Wieland-Stück, das eher Fragen stellt als Antworten gibt. Ja, sicher, hier sollte es auch um Flucht gehen, und doch umkreist es viel mehr: Wir alle sind doch überfordert mit einem Leben, in dem scheinbar alles möglich ist. Dazu hat Bühnenbildner Momme Röhrbein eine poetisch-surreale Bühne gebaut, eine, die wie das Innere eines Schwimmbades oder eines Schiffes aussieht, mit einem Sprungbrett, Leitern aus der tiefen Ebene und heruntergekommenem Mobiliar. Die neun Tänzer weiten den Raum, springen aus dem Bassin auf die Brüstung, laufen an den Wänden. Leicht wie eine Feder, kraftvoll wie ein Panther, begeistert so Shafiki Sseggayi. Zur Soundcollage von Donato Deliano entführt uns das Ensemble in seine assoziationsreichen Bildweiten: Wie Zoe Gyssler in ihrem zarten Kleid mit der Seidenschleife um der Taille (Kostüme: Stefanie Krimmel) in Highheels und mit Schwimmflügeln an den Armen vorsichtig den Raum durchmisst, nein, schwimmt, und immer wieder sagt: „Ich will doch nur in Ruhe meine Bahnen ziehen", wie sich Gotaute Kalmataviciüte im gelben Kleid wie eine Selbstmordsüchtige vom Sprungbrett herunterstürzt und wie eine zerbrochene Puppe auf einer Matte liegen bleibt, und dann von Klängen vorwärts getrieben wird, einmal ein zartlyrisches und dann wieder expressiv furioses Solo tanzt- all das sind Momente, die uns immer auch etwas von Menschen im Überlebensmodus erzählen. Im Schwimmbad hängt ein großes Schild über dem Bassin: „Danger deep end". Gefahr ... Zwei Tänzer, Luca Ghedini und Victor Rottier, hängen an Ringen und schwingen durch den Raum. All das ist so schwebend und so leicht, aber eben auch bodenlos. Innere und äußere Emigration machen heimatlos. Europa, was heißt das schon? „Wir können Zäune in sieben Tagen hochziehen. Schöne Zäune. Wir verbinden Schönheit mit Effizienz", ironisiert Akos Dozsa am Bühnenrand. Ganz kraftvoll begeistert Luca Ghedini, ein Stilmix aus Breakdance, Stepp und überbordender Lebensfreude. Wieland gelingt es immer wieder, die ganze Weite unseres Lebens in seinem übermütigen Crossover der Kunststile von Texten, Musik, Tanz, Performance und Raum (Dramaturgie: Thorsten Teubl) einzufangen. Ganz zum Schluss ein furioses Tanz-Tableau des Ensembles. Davon hätte man sich eigentlich mehr gewünscht. Stürmischer Applaus.
Es.tanzen Camilla Brogard Andersen, Cree Barnett Williams, Zoe Gyssler, Gotaute Kalmataviciüte, Valentine Yannopoulos, Akos Dozsa, Luca Ghedini, Victor Adrian Rottier und Shafiki Sseggayi.

von Juliae Sattler-Iffert

_______Frankfurter Rundschau [27.01.2016] mehr ...

Sie stürmen durch eine harte Welt

»In besonderem Maße und relativ unumwunden erzählt Johannes Wielands Tanztheater von den Verlorenen und Verwirrten. Das ist beileibe kein Ansatz, den er exklusiv hat. Doch hat seine Choreographie einen gewissen, nicht unbeachtlichen 'Wachheitsüberschuss'.« – So lautet das Resümee von Sylvia Staude. Ihre vollständige Rezension finden Sie in der Frankfurter Rundschau.

_______Die Deutsche Bühne Online [26.01.2016] mehr ...

Befremdend cool

»Hier geht es nicht um Befindlichkeiten, sondern um Systemkritik und allerdings sehr essentielle Gefühle und Triebe, die die Tänzer mit voller Wucht rauslassen. Dieser Gegensatz aus Intellekt, Ästhetik und emotionaler Power erzeugt klug eine das Stück grundierende Reibung, lässt dem Geschehen auch eine Art Geheimnis, das vor schnellen Gewissheiten schützt.«, schreibt Andreas Berger.
Die komplette Rezension finden Se auf der Website der Deutschen Bühne.

_______German Daily News [26.01.2016] mehr ...

»Ich will doch nur ein bisschen Platz«

Mario Graß schreibt: »In dem etwa 75 Minuten langen Stück entstehen ungeheuer viele Bilder auf der Bühne, zahlreiche Assoziationen werden geweckt und unterschiedlichste Geschichten erzählt. Wieland nutzt dabei verschiedenste Ausdrucksformen, die dem modernen Tanztheater, und das ist dessen Stärke, zur Verfügung stehen. Auf der Bühne wird gesprochen, gesungen, geschauspielert und natürlich auch getanzt. Für regelmäßige Besucher des Kasseler Tanztheaters hält das Stück zudem auch einige Zitate vergangener Produktionen bereit.

Tosender Applaus hallt durch das Schauspielhaus, als die 75-minütige Reise ihr Ende gefunden hat. Dass diese intuitive und experimentelle Form des Theaters in Kassel mit solcher Begeisterung aufgenommen wird, ist großartig.«
Die gesamte Kritik finden Sie in der German Daily News.

_______HNA [25.01.2016] mehr ...

Tänzer auf der Flucht

Uraufführung in Kassel

Auch im Theater ist Flucht das Thema der Saison. Kassels Tanzdirektor Johannes Wieland bildet in "you will be removed" aber nicht einfach das Elend ab - eine gute Entscheidung.

von Matthias Lohr

Das Leben in Johannes Wielands neuer Choreografie ist wie ein Swimming-Pool. Auf die Bühne des Kasseler Schauspielhauses hat der Tanzdirektor des Staatstheaters ein großes Becken bauen lassen. Mit Schwimmflügeln durchschreitet Zoe Gyssler den leeren Pool und sagt: „Ich will doch nur ein bisschen Platz, um meine Bahnen ziehen zu können.” Während die Schweizer Tänzerin von Sicherheit träumt, schlagen sich vor ihren Augen Luca Ghedini und Victor Rottier gegenseitig zusammen. In unserer Wohlstandsgesellschaft, so könnte die Botschaft lauten, ist nichts mehr sicher.

In Wielands sehenswertem Tanzstück, das bei der nicht ganz ausverkauften Uraufführung am Freitag lang beklatscht wurde, geht es um das Thema Flucht. Anders als andere Produktionen dieser Saison, die Migranten auf die Theaterbühnen der Republik holen, zeigt der 48-Jährige aber nicht schon wieder das Elend. Wieland fragt, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen. Ihn interessiert aber auch, was die Entfremdung der Postmoderne mit uns allen macht, die nicht auf der Flucht sind. Manchen mag das zu beliebig sein. Wer Wielands abstrakten Umgang mit Themen schätzt, der wird jedoch kurzweilige 75 Minuten erleben. Im Programmheft ist ein Zitat des Philosophen Peter Sloterdijk abgedruckt, für den „die gestische Einheit von Laufen auf der Flucht, Sichumdrehen und Werfen nach dem Angreifer” das „älteste Aktionsmuster der Menschheit” ist. So ähnlich sieht auch die Körpersprache des neunköpfigen Ensembles aus. Die Tänzer rennen die Pool-Wände hoch, werfen sich gegenseitig durch die Luft, schaukeln an Turnringen und springen vom Ein-Meter-Brett in den leeren Pool, über den der Bühnenbildner Momme Röhrbein groß die Warnung „Danger Deep End” gepinnt hat: Achtung, hier fällt man tief und ins kalte Wasser (auch wenn keines da ist).

Tänzerischer Höhepunkt ist das Duett des Gabuners Shafiki Sseggayi mit der Griechin Valentine Yannopoulos, das mal wie ein Kampf auf Leben und Tod, mal wie ein Liebestanz aussieht. Die Dänin Camilla Brogaard Andersen, die selbst in einer Band spielt, schnallt sich einmal die E-Gitarre um. Ihr Auftritt endet in einem zuckenden Moshpart, der so irre aussieht wie ein getanzter Talkshow-Auftritt der rechtspopulistischen AfD-Politikerin Frauke Petry. Gitarrenrock, Elektronik von Nicolas Jaar und Industrial von The Prodigy hat Wieland mit Donato Deliano zu einem umwerfenden Sounddesign zusammengepackt. Die Musik spielt auch beim Kinderspiel Reise nach Jerusalem eine Rolle: In den Kostümen von Stefanie Krimmel schreiten die Tänzer um Plastikstühle, bis am Ende nur eine Sitzgelegenheit für den Sieger übrig bleibt und es zum Streit kommt.

Auch das ist ein schönes Bild für den Kampf um Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Auf die große Fragen dieser Tage liefert Wieland indes keine Antworten - wie denn auch, wenn nicht einmal Politiker Lösungen haben? So bleibt nach diesem Abend vor allem der etwas ratlose Satz, der am Ende fällt: „Wir könnten es viel besser machen.”

HNA