Zum Stück

Pressestimmen zu Die Räuber

_______Kulturmagazin [01.12.2016] mehr ...

Geraubte Vaterliebe

Von Bettina Damaris Lange

Ein Mann nur mit weißer Unterwäsche bekleidet, der Körper weiß bemalt, der Kopf kahl. Verloren hat er alles, was ihm lieb und teuer war. Er hat Dinge getan, die er niemals wieder wird gutmachen können. Doch er steht mitten auf der Bühne, sein Stand ist gerade, die Augen sind fest auf das Publikum gerichtet. Er schweigt. Vielleicht sind es Sekunden, vielleicht Minuten, doch ganz sicher jene gefühlte Ewigkeit, die den Theaterraum zu einer sinnlichen Erfahrung gerinnen lässt. Mit seinem präsenten Schweigen erzählt Karl Moor das Verrückte, das Chaotische, das Schreckliche und beschreibt schließlich mit wenigen Worten den Weg, der die Katastrophe zurück in die Ordnung überführen soll. Dass es da diesen kinderreichen Tagelöhner gibt, dem geholfen werden kann, berichtet er nicht. Doch der Zuschauer weiß, dass die Entscheidung steht, sich auszuliefern.
Karl und Franz sind das ungleiche Bruderpaar. Sehr beeindruckend präsentiert Franz gleich zu Beginn seine philosophischen Gedanken zur Ungerechtigkeit der Natur, die ihn, den Zweitgeborenen, benachteiligt hat. Splitternackt steht er da, seine finsteren Pläne gibt er gleichermaßen preis wie seine körperliche Existenz. Konstantin Marsch schenkt den Worten des Franz eine eindringliche Betonung, die die Vehemenz seines Machtstrebens unterstreicht. Auch zeigt Marsch, wie Franz, unter dem Liebesentzug des Vaters (Jürgen Wink) leidend, zu einer Kreatur verkrampft, mit der niemand etwas zu tun haben will. Auf den ersten Blick völlig anders, doch eigentlich sehr ähnlich, ergeht es Karl. Er ist der Gewollte, der Sonnenschein, der, auf dem alle Hoffnung ruht. Doch als dieser die Gunst des Vaters verliert, vergisst auch er sehr schnell, »dass ihm jemals etwas teuer war«.
Die Kasseler Inszenierung von Schillers Räubern zeigt mehr die familiären Bindungsmuster auf denn die politischen Bestrebungen der Räuberbande. Das ist ein sehr interessanter Blickwinkel, der das Bruderpaar in einem ungewöhnlichen Verhältnis auftreten lässt. Es läge nahe, Karl als den Strahlemann zu zeigen, den, der weiß, wo es langgeht und was zu tun ist im ausgehenden 18. Jahrhundert oder heute. Franz ist es üblicherweise, auf den alles Schändliche projiziert wird. Doch diese Inszenierung zeigt, dass diese Brüder so verschieden nicht sind. Hier klingt es nur logisch, wenn Franz seine lebenslange Benachteiligung anprangert. Und wenn Karl im Augenblick des Verlustes der Vaterliebe jede Moral vergisst und seine Amalia (lngrid Noemi Stein) brutal erstickt, dann wirkt auch das sehr roh. Hagen Bähr spielt einen Karl, der viele Facetten hat, in sich aber stimmig und authentisch wirkt: zerbrechlich, verzweifelt, mal impulsiv, mal resigniert. Die Art und Weise, wie Bähr ihn darstellt, macht ihn zu einem menschlichen und damit starken Charakter.
Markus Dietz und Philipp Rosendahl haben das Stück inszeniert, Dietz die Schlosswelt mit Franz im Mittelpunkt und Rosendahl die Räuberwelt, in der Karl die zentrale Figur ist. Der Ansatz, beide Welten getrennt voneinander zu entwickeln und erst in der Schlussphase zusammenzuführen, geht auf. Franz wirkt wie ein aalglatter moderner Mensch, der in seinem blauen Anzug gleich zu seinem Computerarbeitsplatz wechseln oder sein Smartphone aus der Tasche ziehen wird. Karl ist eher ein Dandy mit blond gefärbter Tolle und kariertem Sakko. Seine Weit ist zwielichtig, startet in einer dunklen Spelunke, die zu böhmischen Wäldern umfunktioniert wird. Während Franz zunächst an Kleidung zulegt, legen die Räuber mit ihrem Entschluss, für die Freiheit zu kämpfen, ihre Kleidung ab. Sie werden zu uniformen Einheitswesen, ohne Haar, komplett weiß (Bühne und Kostüme: Mayke Hegger und Katharina Faltner). Es ist das konzentrierte Spiel nicht nur der Hauptdarsteller, sondern aller Spieler, das dem Stück seine Intensität gibt. Die Choreografien von Lauren Rae Mace verleihen dem Stück eine energetische Dynamik, während die fast permanent laufenden Begleitrhythmen (Sounddesign: Marco Mlynek) das Stück mit Spannung aufladen. Das Stück schafft es nicht nur, während einer dreistündigen Spieldauer zu jedem Zeitpunkt die Zuschauer zu fesseln, sondern auch spannende philosophische Fragen in den Fokus zu rücken. Eine Inszenierung, in der viel künstlerische Arbeit steckt. Sehr gelungen. Sehr sehenswert.

_______HNA [04.10.2016] mehr ...

Radikalisiert durch innere Not

Am Kasseler Staatstheater erscheint Schillers von zwei Regisseuren inszeniertes Drama „Die Räuber“ aktuell

Von Bettina Fraschke

Hier gibt es keine Helden. Keinen Räuberhauptmann, der Robin-Hood-artig für das Gute kämpft, von einer Bande cooler Typen umgeben. Am Kasseler Staatstheater wird Friedrich Schillers Drama Die Räuber vielmehr befragt auf die Konsequenzen, die sich ergeben, wenn jemand Freiheit im Munde führt, aber Egoismus, Rache und Gewalt lebt. So baut sich ein Assoziationsraum zu Terrorgruppen wie dem rechtsradikalen NSU, dem so genannten Islamischen Staat oder zur linken RAF auf. Das dreistündige Drama am ausverkauften Schauspielhaus wurde zur Premiere am Samstag mit Jubel und rhythmischem Klatschen gefeiert. Es ist ein Theatererlebnis, das durch seine intellektuelle Stoffdurchdringung überzeugt, zugleich aber auch sehr sinnlich und körperlich arbeitet. Das Konzept geht auf, die Regie aufzuteilen auf Markus Dietz und Philipp Rosendahl. Jeder inszenierte die Welt eines der Brüder Moor. Franz, der sich ewig zu kurz gekommen fühlt, will Freiheit erlangen, in dem er alle Emotionen und menschlichen Bindungen kappt. Konstantin Marsch gibt ihm eine innere Daueranspannung und einen fiebrig-flackernden Geist. Auf der schmalen Vorbühne vor einer Wand und über viele Minuten auch ganz nackt entwirft Marsch das dichte Porträt eines erstaunlich modernen Menschen, den man keineswegs nur als intriganten Schuft abtun kann. Ingrid Noemi Stein spielt die Frau zwischen den Brüdern, Amalia, die ihre Zu- oder Abwendung als effiziente Manipulationsmittel einsetzt. Hinter der Wand öffnet sich die Welt des Karl Moor.

Wie war´s?
Ein intensiver, dichter Abend und ein toller Einstand der neuen Ensemblemitglieder.

Philipp Rosendahl inszeniert sie mit überbordender Ideenfülle. Vielleicht hätte man auf ein paar der Regiemittel verzichten können, aber in Mayke Heggers toller Szenerie aus alten Tischen, die zu Versteck, Festung oder Hinrichtungsstätte werden, lässt sich auf beklemmende Weise mitvollziehen, wie wenig es braucht, damit ein paar junge Typen radikalisiert werden. Erst bewegen sie sich wie mechanische Puppen und erinnern mit karierten Anzügen und übergroßen Zylindern an den Film Charlie und die Schokoladenfabrik. Wenn sie die Zivilisiertheit abstreifen, tragen alle Glatze und Unterhemd, die Körper sind mit weißer Farbe beschmiert (Kostüme: Katharina Faltner). Individueller als in der bürgerlichen Welt oder mehr als Menschen erkennbar sind sie so nicht. Und ob sie nun eher anarchistisch oder identitär unterwegs sind, ist gar nicht mal so klar. Dass drei der Räuber von Frauen gespielt werden, Maria Munkert als Schweizer, Lauren Rae Mace als Grimm und die famose Rahel Weiss als charismatischer Einpeitscher Spiegelberg, erzeugt eine zusätzliche Verwirrung der Identitäten und lädt das Miteinander der Clique mit viel sexueller Energie auf. Man trägt einander huckepack, versichert sich mit vielen Berührungen der Zusammengehörigkeit und Großartigkeit. Nur einer fühlt sich gar nicht so großartig: Karl Moor. Hagen Bähr entwirft das intensive, vielfältige Porträt eines emotional labilen Grüblers, der seine Kumpel für die eigene seelische Stabilisierung gern einspannt – bemäntelt mit allerlei wohlfeilen Parolen – wenn deren Marodieren sich aber mörderisch verselbständigt, flammt bei ihm Entsetzen auf. Von politischen Idealen angetrieben ist dieser Mann weniger, vielmehr von emotionaler Bedürftigkeit. In weiteren Rollen: Jürgen Wink als Maximilian Moor, Markus Schön als Schufterle, Aljoscha Langel als Roller, Lukas Umlauft als Hermann und Uwe Steinbruch als Daniel.

HNA