Zum Stück

Pressestimmen zu Frühstück bei Tiffany

_______Kulturmagazin [01.03.2017] mehr ...

Die Stilikone und das böse Rot

Von Juliane Sattler-lffert

Wenn das „mean red“, das böse Rot. sie mal wieder überfällt, sie von Panikattacken gejagt wird, dann hilft dem New Yorker Girl nur eines: zu Tiffany zu fahren, zu dem legendären Juwelierladen der Stadt, die vornehmen Männer in ihren noblen Anzügen zu sehen, den Geruch nach Silber und Krokodilleder zu riechen. Dann verkriecht sich das mean red wieder. Holly Golyghtly, der Star aus „Frühstück bei Tiffany“, dem Stück von Truman Capote aus dem Jahr 1958, das am Kasseler Schauspielhaus gespielt wird, wäre vielleicht heute eine Borderline-Figur. Immer auf dem Grat zwischen Absturz und Höhenflug. Holly, die kultivierte Glücksucherin, die überdrehte Nervensäge, flüchtet dann immer wieder aus dem Reich der Schmerzen in die Luxuswelt, in die Bars, zu ihren Liebhabern und schrägen Freunden. Und hier findet sie auch Fred, den Schriftsteller, den sie nach ihrem toten Bruder nennt. Fred und Holly, das sind die Hauptpersonen des Stückes, in dem der Autor gleich noch einen Kunstgriff eingebaut hat. Denn Fred ist auch zugleich Capote selbst, und seine Freunde sind Capote in unterschiedlichen Lebenslagen. Siebenmal Capate (Jürgen Wink, Christian Ehrich, Enrique Keil, Lukas Umlauft, Artur Spannagel und Bernd Hölscher) macht einen. Das mag zuweilen verwirrend sein, aber zugleich wird alles dadurch so schwebend, fließend und gleitend. So wie die Bühne von Florian Etti, die sich dreht und Sichtspalten durch raumhohe Jalousieteile freigibt. Nichts ist fest und stabil in dieser Holly-Welt, in der Schriftsteller-Männer und schwule Freunde, Dandys und Dragqueens (Kostüme: Claudia Ganzales Espindola) sich so wunderbar schwärmerisch und lasziv bewegen (Choreografie: Krystyna) Obermeier. Und wenn Hagen Bähr zur Klangcollage von Heiko Schnurpel seine sehnsuchtsvollen Songs performt, mit so viel Glamour und Grandezza, klatscht das Publikum begeistert. Regisseurin Anna Bergmann hat das Richtige getan. Sie verweigert jegliche Parallelen zu dem Film und der bezaubernden Audrey Hepburn. Ihr „Frühstück bei Tiffany“ ist eher eine Mischung aus Tanz, Musik und Text, eher ein Musical, freischwebend und erdenfern, glamourös und schillernd und dann wieder fürchterlich traurig mit seinem Blick in eine andere Welt. Die Stilikone Holly Golightly fährt da auf einem riesigen Lippenstift-Auto in die Männerrunde, räkelt sich darauf im schwarzen Partykleid und ist doch gefangen im Gewalt-Terror Smoking tragender Herren. Michaela Klamminger gibt ihr so viele Facetten, irgendwo verortet zwischen dem sexy Girl und einem Kind mit reinem Herzen. An ihrer Seite ist Christian Ehrich nachdenklich und traurig, eine Schriftsteller-Figur. Ganz am Anfang des Stückes, wenn die Männerrunde nach einer durchzechten Nacht über ihre verlorene Freundin spricht, schwingt so viel Liebe und Zärtlichkeit mit. Denn alles ist Rückblick: Die filigran gefügte Geschichte zerteilt sich in Einzelstränge, Erinnerungen werden beim Erzählen lebendig: Szenen aus dem Leben eines Waisenkindes, dessen Bruder starb, das mit Vierzehn einen Tierarzt auf dem Land geheiratet hat, abgehauen ist und später als Partygirl Karriere gemacht hat. Und doch durchzieht diese Holly die Sehnsucht nach dem normalen Leben wie ein weher Schmerz. Als sie den aufrechten Tierarzt wieder heimgeschickt hat (eine großartige Rolle für Bernd Hölscher), verliebt sich das Partygirl in einen erdverbundener Amerikaner. Doch Träume halten nie, was sie versprechen. Nur im Kino gibt es das Happy End. Auf der Kasseler Bühne verschwindet Holly im blutbefleckten Leinenkittelchen unter dem Leo-Mantel einfach aus dem Blickfeld ihrer Freunde. Nicht ohne zuvor ihren Kater (mit viel Poesie Marius Bistritzky) von ihrer Seite verjagt zu haben. Nichts soll zurückbleiben.

_______German Daily News [23.12.2016] mehr ...

... nicht leicht, Holly Golightly zu sein

„Am vergangenen Freitag feierte Frühstück bei Tiffany Premiere am Staatstheater Kassel. Die Inszenierung von Anna Bergmann wird manche Erwartung nicht erfüllen, überzeugt aber mit Detailreichtum. Die Hauptdarstellerin Michaela Klamminger stand GDN für ein Gespräch über ihre Rolle zur Verfügung.
[...]
Der Theaterabend lässt die Zuschauer Augenzeuge einer überaus spannenden Begegnung werden, denn zu Beginn erwartet die Zuschauer nicht das heranrollende Taxi, das Holly Golightly vor den Türen des Nobeljuweliers „Tiffany“ absetzt, sondern der Autor Truman Capote selbst, der es sich im Ledersessel einer schummrigen Bar gemütlich gemacht hat, aus seinem Roman vorliest, somit die Geschichte in Gang setzt und kurz darauf auf seine Protagonistin Holly Golightly trifft. Dieser Kunstgriff ist naheliegender, als er auf den ersten Blick erscheinen mag, darf der namenlose Erzähler der 1958 erschienenen Geschichte doch sicherlich als eine Anspielung auf Truman Capote selbst gedeutet werden. Anna Bergmann treibt dieses Spiel in ihrer Inszenierung auf die Spitze, indem sie gleich mehrere Versionen Capotes, die ihn in verschiedenen Stadien seines wechselhaften Lebens zeigen, auf die Bühne bringt."

Die gesamte Kritik von Mario Graß finden Sie hier.

_______Göttinger Tageblatt [21.12.2016] mehr ...

Glitzer, Glanz und Party

Mit Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ hat das Staatstheater Kassel den Filmklassiker von 1961 auf die Bühne des Schauspielhauses – in einer sehr abstrusen und sehr amüsanten Version gebracht. Regie führte Anna Bergmann.

Von Tomke Aljets


1944 ist das Jahr in dem die Novelle von Capotes spielt, und die Welt liegt in Schutt und Asche. Nicht so die Welt von Holly Golightly, einer jungen Frau, deren Leben nur aus Glitzer, Glanz und Party zu bestehen scheint. Dass sie eher leichtfüßig durchs Leben geht, verrät nicht zuletzt ihr Nachname, aber so richtig wohl fühlt sie sich nur bei Tiffany’s, einem New Yorker Juweliergeschäft. Hollys Geschichte wird von einem wilden Haufen stilvoll gekleideter Männer erzählt, die gegenseitig ihre Sätze beenden und über die in lilafarbenes Licht getauchte Bühne tänzeln (Licht: Brigitta Hüttmann). Darunter ein Mann, Fred, wie sie ihn tauft, der von ihrer Exzentrik sofort fasziniert ist. Auf rotierender Bühne fährt Holly herein, mal auf einem überdimensionalen Lippenstift sitzend, mal auf einem riesigen Schuh oder sich auf einer Tasche räkelnd (Bühne: Florian Etti). Doch immer wieder taucht sie unter. Bis schließlich ihr Ehemann in die Stadt kommt, und ihre wahre Geschichte kommt ans Licht. Denn hinter der glitzernden Fassade von Holly, grandios gespielt von Michaela Klamminger, sieht es ziemlich düster aus: nach verkorkster Kindheit wurde sie bereits mit 14 Jahren verheiratet, sie steht im Verdacht, für einen Mafia-Boss gearbeitet zu haben, und sie lebt vom Geld ihrer reichen Geliebten. Das Publikum wird visuell eingesogen in einen Strudel aus Gesang einerseits, schnellen Dialogen andererseits und einem Mann mit Katzenkopf, der über die Köpfe der Zuschauer klettert und mit einem Ball wirft. Aus den Herzbrillen betrachtet, die bei Eintritt verteilt wurden, verwandelt sich die Glitzerwelt in ein Meer aus bunten Herzchen. Neben irrsinnig komischen Tanzperformances, in denen die edlen Herren in bunte Perücken und lange Kleider schlüpfen, und dem Komödien-Charakter, dem das Stück anhaftet, kommt allerdings auch eine moralische Botschaft hervor, die im Film eher im Dunklen bleibt. „Liebe sollte erlaubt sein“, sagt Holly. „Jeder Mensch sollte einen Mann oder eine Frau heiraten können“ und spricht damit ein Thema an, das auch 2016 noch von großer Aktualität ist: Die Rechte von Homosexuellen. Eine wunderbar komische Inszenierung, die genau so ist, wie die Hauptfigur selbst: überdreht, amüsant – und voller Glitzer.

Göttinger Tageblatt

_______HNA [19.12.2016] mehr ...

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ wird am Kasseler Schauspielhaus ein opulenter Bilderbogen

Von Bettina Fraschke

Am Ende steht Holly Golightly im blutigen Krankenhaushemd da – der verschmierte Lippenstift lässt ihren Mund wie eine Fratze wirken. Sie wirft ihren Leopardenmantel über den Kittel und versucht, die Contenance zu wahren. Haltung ist alles. Auch wenn sie bis zur Starrköpfigkeit getrieben wird. Truman Capotes Roman „Frühstück bei Tiffany“ ist das große Porträt einer Frau, die dem Leben gegen alle Widrigkeiten ihre Portion Glück abpressen will. Die das mit mehr und mehr Männern versucht und sich dafür als Partygirl und Liebhaberin immer neu erfindet. Und doch der Einsamkeit nicht entgeht. Am Freitag wurde die Premiere im Kasseler Schauspielhaus mit viel Beifall aufgenommen.
Michaela Klamminger überzeugt als ebenso elegante wie tief unglückliche Holly, die auf einem überdimensionalen Chanel-Lippenstift reitend auf die Bühne gefahren wird. Regisseurin Anna Bergmann baut mit der Bühnenfassung von Richard Greenberg einen Bilderbogen, der die Süßlichkeit des berühmten Films neutralisieren will, durch die Mechanik einer Versuchsanordnung aber insgesamt recht abstrakt bleibt. Was da gerade inhaltlich stattfindet und welche Typen daran beteiligt sind, ist nicht jederzeit leicht nachzuvollziehen. Das inhaltliche Geschehen oder eine differenzierte Figurenzeichnung werden hier oft weniger wichtig genommen gegenüber dem Auffächern des grundlegenden Antriebs der Heldin und ihrer Begleiter. Die künstlerische Form steht im Vordergrund, daran wurde mit Akribie und spürbarer Sorgfalt gearbeitet. Mit wundervoller Opulenz geht es los: Männer sitzen auf der Vorbühne in Ledersesseln, mixen sich Drinks, rauchen. Elegante Anzüge, Hüte, zweifarbige Schuhe: Christian Ehrich, Jürgen Wink, Enrique Keil, Lukas Umlauft, Artur Spannagel und Bernd Hölscher sind alle Truman Capote, und fragen sich, wohin Holly verschwunden ist. Auf ihrer Erkundung, die im Folgenden auf der eigentlichen Bühne stattfindet, werden sie zu jenen Herren, mit denen sich das Glamourgirl umgibt. Das Männerensemble kann in Dandyposen und später als Dragqueens in Pailettenfummel und Federschmuck groß aufspielen (Bühne: Florian Etti, Kostüme: Claudia González Espíndola). Marotten, wie Capotes Stimmklang im Englischen nachzuahmen, wären aber komplett verzichtbar. Hagen Bähr ist mit einer umwerfenden Grandezza Hollys Freundin Mag, Christian Ehrich wird melancholischer Erzähler und Hollys Kumpel Fred. Heiko Schnurpels grandiose Klangwelten zwischen Club und Oper sowie toller Gesang (Hagen Bähr!) und Tanz der Darsteller (Choreografie: Krystyna Obermaier) gehören zu den Höhepunkten. Auch hier überzeugen viele liebevoll ausgefummelte Details. Wenn etwa aus dem nostalgischen Radio der berühmte Filmsong „Moon River“ erklingt. Wenn Marius Bistritzky mit Glitzersakko und Katzenkopf als Kater – elegant, obwohl von Straßenkämpfen gezeichnet – zu Hollys Alter Ego wird. Für ein optisches Experiment kann das Publikum 3D-Brillen aufsetzen. Manchmal sieht man eben mehr, wenn die Perspektiven leicht verrücken.

Wie war´s? Opulente Kostüme und Musik, erzählerisch fragmentiert und dadurch recht abstrakt

 

_______nachtkritik [16.12.2016] mehr ...

Ein Rätsel, das ein Rätsel spielt

[...] Die Inszenierung Anna Bergmanns ist niemals eindeutig; Rollen, Räume und Zeitebenen verschwimmen, szenische Momente werden immer wieder durch narrative Verfahren durchbrochen, musikalische Welten durch Zitate erweitert. Innerhalb dieses vielschichtigen Verschwimmens zeigt sich jedoch eine äußerst präzise Regie, die Figuren exakt choreographiert und Motive konsequent durchhält. [...]

Die komplette Kritik von Andreas Wicke finden Sie auf www.nachtkritik.de.