Zum Stück

Pressestimmen zu Die Orestie

_______Kultur-Blog ...und das Leben! [01.07.2017] mehr ...

Leben in der Wartehalle

»Starkes Stück in starker Fassung, stark inszeniert, stark besetzt. Ein ohne Abstriche gelungener Theaterabend in Kassel und der Beweis, dass antikes Theater auch heute noch große Wirkung haben kann.«

Die gesamte Kritik von Marcel Lorenz ist auf seinem Kultur-Blog ...und das Leben! nachzulesen.

_______Kulturmagazin [01.04.2017] mehr ...

Menschen aus Fleisch und Blut

Die »Orestie« im Schauspielhaus, eine bedeutende Neuinszenierung (von Johannes Mundry)

»Verhängnis vollzieht sich«. So ist es. Die griechischen Mythen sind unerbittlich, siehe Ödipus. Und siehe die Atriden, dieses sagenumwobene antike Geschlecht aus dem Nebel der Vorzeit, reich an Hass, an Blut, an Heldentum und Falschheit. Und die Götter immer mittenmang. Apoll und Athene, die anordnen, richten und wie Athene am Ende selber ratlos sind. Ist Orest nun schuldig, weil er die Mutter Klytaimnestra und ihren Liebhaber Aigisthos umgebracht hat, weil diese Agamemnon und Kassandra, das Mitbringsel aus dem Trojanischen Krieg, ermordet haben, der nur zu gewinnen war, weil Vater Agamemnon die Tochter lphigenie opferte? »Wenn du mal nicht weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis«: Athene ruft ein Volksgericht zusammen, das sich berät. Ergebnis: unentschieden. Im Zweifel für den Angeklagten ... Orest ist frei.

Was nun anstellen mit der 2.500 Jahre alten »Orestie« des Aischylos, die an einem Wochenende mit der »Elektra« von Hugo von Hofmannsthal/Richard Strauss Premiere hatte, die aus demselben Mythos schöpft? Johanna Wehner inszeniert sie im Schauspielhaus als eine Tragödie von Heutigen fernab jeder platten Aktualisierung. Schon der Beginn überaus eindrucksvoll: Die neun Personen betreten das Podest oberhalb der großen Treppe und begutachten den Schauplatz, das verfallende Schloss, ein Mykene der Neuzeit. Die Farbe bröckelt, die Waschbecken sind am Ende, hier wohnt niemand mehr. Die Erinnerung, die das Schweigen bricht, lässt alles noch einmal von vorn beginnen. ln der Mitte ein Tisch mit neun Stühlen, keiner wie der andere. Sie sind Platzhalter für neun Individuen, die also keine Marionetten der Götter darstellen. Und unter dieser Prämisse spielen die neun Menschen aus Fleisch und Blut in dieser hervorragend, wie in einem Film ausgeleuchteten Szenerie dann auch.

Mit diesem realistischen Tableau müsste sich dann eigentlich der hohe Ton des antiken Dramatikers reiben. Doch er tut es nicht. Gespielt wird die Übersetzung des großen Peter Stein in einer Fassung der Regisseurin. Umgangssprachliche Zutaten sind ein roter Faden: »Nö!«; »Och Mann!«, »Okay, okay«, auch schon mal »Du Scherzkeks« oder »Ich kotz' gleich«. Doch kann dies dem Stück nichts anhaben, weil die Figuren ernsthaft und glaubhaft bleiben, weil ihre Katastrophen mittels dieser Versatzstücke unseres Sprechens geerdet werden und uns so näher kommen. Zwischen Chor und Individuum wird nicht unterschieden. Wer gerade keinen Dialog oder Monolog zu sprechen hat, ist wieder Teil des Volkes, das kommentiert, widerspricht, zaudert und abwägt. Doppelrollen verdichten die Sache noch weiter; Agamemnon wird Apoll, die Amme wird Athene. Die Personenregie ist brillant. Es ergeben sich Konstellationen wie aus einer Choreografie. Ein bedeutender Moment ist das lange Zwiegespräch zwischen Klytaimnestra (Christina Weiser) und Orest (Hagen Bähr). Erhebend und niederschmetternd zugleich, wie Mutter und Sohn Lösungen erörtern, Argumente abwägen, ehe das Unausweichliche in die Tat umgesetzt wird. Auch die anderen Personen des Atriden-Rudels zeigen hohe Schauspielkunst in den pausenlosen hundert Minuten, die vergehen, als wohnte man einem Kurzfilm bei: Enrique Keil als Agamemnon und Apoll, Caroline Dietrich als Kassandra, Uwe Steinbruch als Aigisthos, Eva-Maria Keller als Amme und Athene, Konstantin Marsch als Pylades sowie die namenlosen Griechen Marius Bistritzky und Christian Ehrich. Ein nachwirkender Theaterabend, der das Alte neu und schlüssig präsentiert. Ein Fall fürs Berliner Theatertreffen ...

_______HNA [20.02.2017] mehr ...

Der Moment, wenn der Zweifel einsetzt

Johanna Wehners großartige Inszenierung von Aischylos' antiker Tragödientrilogie „Die Orestie" hatte Premiere

von Bettina Fraschke

Am Ende fragt die Göttin Athene (Eva-Maria Keller), ob die Menschen Gerechtigkeit oder Rache suchen. Ob sie bereit sind, ihr Handeln nach vernunftbasierten Maßstäben prüfen zu lassen, oder sich darauf berufen, es ginge um einen alten Fluch, der Morden und Metzeln vorherbestimme, gegen den man also nichts machen könne. Aischylos’ Tragödientrilogie „Die Orestie“ feierte am Freitag im nicht ausverkauften Kasseler Schauspielhaus Premiere, und die großartige Inszenierung von Johanna Wehner präparierte die Aktualität des antiken Stoffs heraus, ohne sie banal ins Heute zu transferieren. Lang anhaltender Applaus würdigte die fulminante Ensembleleistung von Caroline Dietrich, Christina Weiser, Eva-Maria Keller, Marius Bistritzky, Hagen Bähr, Konstantin Marsch, Christian Ehrich, Enrique Keil und Uwe Steinbruch, die mal als antiker Chor und mal in individuellen Rollen auftreten. Die Geschichte um Orest, der aus der Verbannung nach Hause zurückkehrt und seine Mutter und deren Liebhaber tötet aus Rache für deren Mord an seinem Vater, siedelt Wehner in einer alten Villa an. Bühnenbildner Benjamin Schönecker hat sie in großartigem Detailreichtum als verstaubte Erinnerung an einstige Grandezza gestaltet. Nostalgische Fliesen sind über den Waschbecken angebracht, auf einigen aber auch Klebebildchen wie aus Süßigkeitenpackungen. Es gibt Kronleuchter, eine Standuhr, die immer mal aufgezogen wird, ein Wandtelefon, einen großen Tisch in der Mitte und eine Treppe. Am Anfang trauen sich die Figuren von der Balustrade dort kaum hinunter. Wie kehrt man zurück in den Alltag, in das Zuhause am Ende eines Kriegs? Eine Staubwolke schwebt in der Luft, auch Frisuren und Gewänder (Ellen Hofmann) wirken verstaubt, altmodisch, auch wenn es sich um normale Jeansjacken, Strickpullunder und Chinohosen handelt.
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Wie war's?
Ein großartiger Theaterabend, der den antiken Stoff ganz nah ans Heute bringt,
ohne ihn zu banalisieren.
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Die neun Darsteller sprechen als Chor stark rhythmisiert, oder sie ergänzen einander wortweise die Sätze. Hier wird eine genaue Personenführung sichtbar, eine präzise Choreografie des Ensembles, das mal als Menschenmenge, mal gar als wütender Stammtisch-Mob in Prügellaune und mal in zögerliche Individuen auseinanderfällt. In der Stimmenvielfalt verbalisiert sich das Nachdenken über die immer wieder variierte Kernfrage: Handeln oder Schweigen. Verantwortung übernehmen und die Gewaltspirale der Rache unterbrechen, oder sich in der Masse wegducken? Die von Johanna Wehner auf Basis der Übersetzung von Peter Stein erstellte Textfassung arbeitet bis ins Kleinste durchanalysiert mit Wortwiederholungen, mit klassischen („Ein Stier steht mir auf der Zunge.“) ebenso wie mit umgangssprachlichen Formulierungen („Hömma“), und setzt Brüche an jene Stellen, wo der Zweifel einsetzt. Zu den Höhepunkten gehören Christina Weisers verbitterter Monolog als Klytaimnestra, die von der Demütigung durch ihren Mann und der niemals stillbaren Trauer über dessen Mord an ihrer Tochter Iphigenie spricht, Enrique Keil, der als Agamemnon nach Kriegsende im Alltag ankommen will und am Tisch vergeblich versucht, Hände zu schütteln. Und Hagen Bähr, der als Orestes am Ende gerichtlich freigesprochen wird. Er sitzt dann aber ratlos da, während um ihn herum Dutzende Grabkränze aufgestellt werden. Die Villa wird zur Gruft.

HNA