Zum Stück

Pressestimmen zu Die Ratten

_______Kulturmagazin [01.07.2017] mehr ...

Skrupellos

Von Bettina Damaris Lange

Die Stimmung ist aufgebracht. Die junge Mutter Pauline Piperkarcka will ihr Kind abholen, das sie Frau John in Pflege gegeben hat. Voller Vorfreude auf ein baldiges Wiedersehen erkundigt sie sich nach dessen Gesundheit und ob es denn auch gut gedeihe. Doch Frau John will von alledem nichts wissen. So hat sie zwar gewiss dieses Kind, ist aber mitnichten willens, es der eigentlichen Mutter zurückzugeben. Zunächst scheint es für Pauline nach einem Missverständnis auszusehen. Vielleicht mag es sich noch um einen schlechten Scherz handeln. Das wäre schlimm, aber immer noch aushaltbar. Doch dass diese Frau John, der sie ihr teuerstes Gut anvertraut hat, ihr tatsächlich ihr eigen Fleisch und Blut nicht zurückgibt, ist eine Tatsache, die schließlich bei beiden Frauen Panik und Verzweiflung auslöst. Bei der einen, weil sie um keinen Preis das heiß ersehnte Kind wieder zurückgeben will, bei der anderen, weil es ihr das Mutterherz zerreißt. Mit dieser Schlüsselszene in Gerhart Hauptmanns »Die Ratten« rückt Regisseur Maik Priebe nicht nur eines der ältesten Menschheitsthemen ins Rampenlicht, sondern kreiert damit auch eine der stärksten Szenen der Inszenierung selbst, in der das Bühnenbild von Susanne Maier-Staufen im Mittelpunkt steht, das die Fassade eines Wohnhauses zeigt, in dem viele Menschen wohnen, deren Leben miteinander verwoben sind. Mal bewegt man sich nach oben, mal nach unten, und dann ist es die Hausfassade, die sich mal hebt und auch wieder senkt. Eine ganz besondere Bedeutung kommt hier dem Dachboden zu, der den Protagonisten neben ihrer eigentlichen Existenz Platz für Liebschaften und Raum für Träume bietet, die in Hauptmanns Stück jedoch wenig Hoffnung auf dauerhafte Erfüllung verheißen. Und in dem verzweifelten Kampf zwischen den beiden Müttern um das Glück verheißende Kind werden die Ebenen von Oben und Unten durch das Wohnhaus plastisch in den Vordergrund gerückt: Frau John, die Pauline nach unten weist, während Pauline selbst sich ausdauernd und mutig auf einer Ebene mit Frau John hält, bevor sie den Rückzug antritt. Dabei stehen diese beiden Frauenfiguren natürlich allein schon von der Stückvorlage zentral im Mittelpunkt, erhalten aber durch Caroline Dietrich, die Frau John eine energische Verbissenheit verleiht, und Rahel Weiss als einer Pauline, die im Angesicht des ihr bevorstehenden Schicksals Bärenkräfte entwickelt, eine Lebendigkeit, die die gesamte Inszenierung zu tragen vermag. Interessant ist auch die Kostümauswahl, ebenfalls von Susanne Meier-Staufen: Während sich Ratten ja im Allgemeinen durch die eher unbeliebte Farbe Grau auszeichnen, ist sie hier zwar nicht den titelgebenden Nagern gefolgt, hat aber ähnlich unscheinbare und kaum beschreibbare Farbtöne für die Kostüme gewählt, die irgendwo zwischen Hautfarben und Rosetönen anzusiedeln sind. Sie variieren je nach Figur in Stil und Ausprägung, zurück bleibt jedoch der Eindruck der Farbe »Blass rosa«, da es außer der roten Schleife um das Geburtsgeschenk für »das neue Söhnchen« der Frau John kaum farbliehe Akzentuierungen gibt. Und dann gibt es da noch sämtliche weitere Bewohner des Mietshauses, die auf die eine und andere Weise mit dem Kindsschicksal in Berührung kommen: Der von Uwe Steinbruch cholerisch und selbstherrlich gespielte ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter, der mehr widerwillig als leidenschaftlich den zugegebenermaßen untalentiert und linkisch wirkenden Erich Spitta (Konstantin Marsch) unterrichtet, eigentlich aber doch viel mehr damit beschäftigt ist, sich mit seiner Geliebten Alice (Alina Rank) zu treffen, und der Frau John als seine Putzfrau beschäftigt. Und natürlich Herr John (Bernd Hölscher), auswärts arbeitend, um der Berliner Arbeitslosigkeit zu entkommen, zunächst glücklich über die Nachricht des neuen Kindes, dann aber zusehends von der Gruseligkeit überwältigt, als er ahnt, was tatsächlich geschehen ist. Die Kasseler Inszenierung macht die Positionen beider Frauen verstehbar: die der leibhaftigen Mutter und die der »Pflegemutter«. Es ist ein altes Thema, das auch dieses Mal weder Lösung noch Erlösung erfährt.

_______HNA [22.05.2017] mehr ...

Blick auf übersteigerte Mutterliebe

Gerhart Hauptmanns Drama „Die Ratten" überzeugt am Kasseler Schauspielhaus in Maik Priebes Inszenierung

Von Andreas Gebhardt

Die Ratten sind überall. Nein, es huschen keine ferngesteuerten Nager über die Bühne im Kasseler Schauspielhaus. Es sind die Menschen. Alle tragen sie abgewetzte Fummel in altrosa und blassgrau. Tierisches haftet ihnen an. Ober- und Unterschicht sind sich seltsam ähnlich. Die Frauen wirken auf ihren Plateausohlen wie billige Nutten, primitiv und oversexed, die Männer geil, dumm, brutal. Das permanente rattenhafte Unbehagen manifestiert sich nicht nur in den Kostümen, sondern auch im Bühnenbild (beides: Susanne Maier-Staufen). Die Mietskaserne hat den Charme eines Plattenbaus. Der Theaterfundus des einstigen Theaterdirektors Hassenreuter auf dem Dachboden erinnert an ein Gefängnis, an dessen Gittern schemenhafte Kostüm-Gespenster hängen. Die Bühne fährt mal rauf, mal runter, je nachdem, ob die Szene im Obergeschoss-Fundus oder in der darunter liegenden Wohnung des Ehepaars John spielt.
Gerhart Hauptmann hat seiner 1911 uraufgeführten Tragikomödie „Die Ratten“ in gut naturalistischer Manier eine zweiseitige Bühnenbildbeschreibung vorangestellt. Maik Priebe pfeift darauf. Seine Inszenierung feierte am Samstag am Staatstheater eine umjubelte Premiere. Priebe dampft gleich den Text mit ein, mildert das Berlinerische, reduziert das Personal und macht aus dem Fünfakter einen Einakter. "Erstaunlicherweise geht dabei nichts Wesentliches von der traurigen Geschichte der Putzfrau John verloren, deren Sohn vor einigen Jahren gestorben ist. Als das Dienstmädchen Pauline Piperkarcka ein uneheliches Kind erwartet und sich umbringen will, schlägt sie vor, ihr das Baby abzukaufen. Rahel Weiss verkörpert die Pauline mit derart inbrünstigem Leiden, so viel Wut und Verzweiflung, dass es einem an die Nieren geht.
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Wie war's?
Eine starke Inszenierung, schnörkellos, direkt, zeitgemäß, berührend.
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Caroline Dietrich ist als Frau John das Ereignis des Abends: Ihre zum Fanatismus gesteigerte Mutterliebe, mit der sie ihren Bruder Bruno (Christian Ehrich) zum Mord anstachelt, was dazu führt, dass ihr Mann, der Maurerpolier (Bernd Hölscher), sie in einem dramatischen Showdown verstößt, ist in jedem Moment von großer, berührender Wahrhaftigkeit.
Hauptmann hat die tragische Seite den Armen, die komische dem kulturbeflissenen Bürgertum zugedacht. „Zwei Welten“ wollte er damit zeigen. Auch diese Konstellation durchbricht Priebe, denn so trennscharf ist das Leben eben nicht. Theaterdirektor Hassenreuter (großartig: Uwe Steinbruch) ist ein notgeiler, lächerlicher Gnom, als er seine Geliebte (Alina Rank) heimlich trifft. Verschroben komisch auch seine Gattin (Eva-Maria Keller). Später raunt er hochtrabend von Klassikern, wenn er dem Schauspielschüler Spitta (Konstantin Marsch) Unterricht erteilt, der wiederum Tochter Walburga liebt (Michaela Klamminger).
Grotesk überzeichnet und ein weiterer Höhepunkt ist die Tochter der drogenabhängigen Dirne Sidonie Knobbe (Christina Weiser): Mit dicker Brille, linkischen Bewegungen und fahrigem Gefasel gibt Gast Judith Florence Ehrhardt als Selma ihr mit großem Applaus quittiertes professionelles Theaterdebüt.

HNA