Zum Stück

Pressestimmen zu Das blaue Licht / Dienen (Uraufführung)

_______Theater heute [01.04.2017] mehr ...

Blauer Dunst

Franz Wille besuchte für Theater heute Schirin Khodadadians Inszenierung von Das blaue Licht / Dienen. Die gesamte Kritik ist im April-Heft nachzulesen.

_______Kulturmagazin [01.03.2017] mehr ...

Und all die Monster in uns

Schirin Khodadadian inszeniert die Uraufführung von Rebekka Kricheldorf »Das blaue Licht / Dienen« im tif
von Juliane Sattler-lffert
Solche Minuten sind Theaterkostbarkeiten. Ein Schauspieler auf der Bühne, eigentlich ist er Seelsorger, aber vielleicht auch der Teufel. Jürgen Wink spielt ihn, schwarz gekleidet, mit hochgekämmten Haaren und diesem wissenden Lächeln um den Mund. Er zappelt im Raum herum, singt wie ein alter Rocker die heißesten Songs, schnupft zwischendurch ein bisschen Kokain, um zu überstehen. Und urplötzlich der Bruch. »Das wird jetzt schlimm«, sagt Wink zum Soldaten, der ein Opfer sein will, führt ihn an die Rampe und listet die Gräueltaten des Krieges auf. Wort für Wort, Satz für Satz, missbraucht, misshandelt, getötet, gequält. Menschen überall auf der Welt tun das. Abu Ghuraib ist nur ein Fall. Soldaten sind Mörder, hat Tucholsky einst geschrieben. ln dem Stück Das blaue Licht/Dienen von Rebekka Kricheldorf gibt Wink in einer hinreißenden Performance den gnadenlosen Seelsorger und den schrägen Clown, Black Rider und den zynischen Ankläger. Ja, die Welt ist böse, und die Zuschauer sitzen gebannt. Wink ist in diesen Minuten ganz groß, Schattierungen einer Wut, einer Ermattung, eines nicht Mehr-Ertragen-Könnens, alles zusammen und noch viel mehr. Die Bühne im tif ist zur Uraufführung eine niedrige Box, mit glänzender Spiegelfolie verkleidet, die Schauspieler spiegeln sich darin. Und schemenhaft erkennt auch das Publikum sich selbst. So, durch das Bühnenbild von Ulrike Obermüller (auch Kostüme) wird der Zuschauer in die Geschichte hineingezogen. Wird in den Umbauphasen zwischen den fünf Bildern mit Horrorgeräuschen (Musik: Katrin Vellrath), Nebelschwaden und gleißendem Licht fast körperlich gequält. Im diffusen Licht (Oliver Freese) zieht der humpelnde Soldat seine Bahnen über die Bühne. Welche Geschichte wird da erzählt? Theaterautorin Rebekka Kricheldorf, die bereits viermal mit Schirin Khodadadian in Kassel zusammengearbeitet hat, greift in ihrem jüngsten Stück erneut ein Märchenthema auf. Das vom armen Soldaten, der dem König treu gedient hat, von ihm schnöde abserviert wird und dann doch die Prinzessin heiratet. Im Märchen ist das so, doch Kricheldorf zieht in diesen verwunschenen Stoff der Grimms die dunklen, abgeschatteten Seiten unseres Lebens ein. Posttraumatische Störungen, Psychosen können Soldaten zu Tätern werden lassen. Der Kriegsheimkehrer auf der Bühne ermordet eine alte Frau, quält ein junges Mädchen und wird zum Tode verurteilt. Welche Geschichte wird da erzählt? Tragen wir nicht alle unsere Monster in uns? Die Autorin stellt in überzeichneten, grotesken Bildern Fragen nach der Identität des Menschen in einer komplizierten Weit, nach der Wahrheit und der Lüge in der Gesellschaft. Ein Verwirrspiel. das die Regisseurin in ein sarkastisches Vexierspiel auf der Bühne umwandelt. Mit köstlich schrägen Szenen wie der mit Jürgen Wink in einer zweiten Rolle als abgefuckter Wirt und Rahel Weiss mal als geile Rentner-Hexe in Rosa oder als empfindsam-naives Prinzesschen in Pink. Liebe als Lust an der Demütigung. Auch hier machen Menschen Menschen kaputt. Und mittendrin der Soldat. Der Arme oder der Böse, der Brave oder der Gequälte, Opfer nur oder auch Täter? Aljoscha Langel spielt ihn mit zunehmender Aggressions- und Gewaltbereitschaft, dazwischen immer wieder wie unbeteiligt und in Trance. Dann zitiert er das Märchen der Grimms, seine Geschichte, und die böse Hexe sagt:  »Jetzt kriegt er wieder seinen Anfall.« Sein letzter großer Monolog – da hat ihm Artur Spannagel als schwarzes Männchen (auch dies wunderbar doppelbödig) schon seine letzten Gewissheiten genommen – ist ein Fragen nach dem Ich. Verzweifeltes Forschen nach eigener, echter Identität. Vielleicht soll man die Menschen von ihrem falschen Selbstbild erlösen. Ein Anfang wäre das. Vielleicht. Ein hartes Stück, ein berührendes Stück, viel Applaus.

_______Frankfurter Rundschau [20.02.2017] mehr ...

Flucht in die Spiegelwelt

»Nur knapp zwei Stunden dauert die Aufführung, weit länger hält das Nachsinnen an. Aber Vorsicht: Bei den Fragen, die „Das blaue Licht/Dienen“ aufwirft, ist leicht stolpern. Und die Abgründe, die dazwischen lauern, haben Grimm’sche Ausmaße.«, schreibt Joachim F. Tornau in der Frankfurter Rundschau.

_______hr2 – Frühkritik [13.02.2017] mehr ...

Das blaue Licht / Dienen

Robert Kleists Kritik zu Das blaue Licht / Dienen ist hier online abrufbar.

_______HNA [13.02.2017] mehr ...

Im Spiegel der Wahrheiten

Schirin Khodadadian inszeniert Rebekka Kricheldorfs »Das blaue Licht / Dienen«

von Maja Yüce

Beim Blick in den Spiegel sieht man sich selbst. Doch was genau sieht man? Und was sehen andere in einem? Was ist wahr? Welche Macht hat man, das zu beeinflussen? Einen tiefen Blick in die Seele wirft Schirin Khodadadian mit ihrer Inszenierung von »Das blaue Licht/Dienen«. Das Stück von Rebekka Kricheldorf wurde am Freitag im Theater im Fridericianum in Kassel uraufgeführt. Dabei wagt sie das Unterfangen, das Märchen der Brüder Grimm in die heutige Zeit zu transportieren. Und es gelingt: Zitat, Übersetzung und Original verbinden sich.
Wie durch ein Brennglas betrachtet das Publikum das Geschehen. Ist ganz dicht dran am Soldaten ohne Namen (abgründig gespielt von Aljoscha Langel). Sein Paradoxon: Weil er dem König treue Dienste geleistet hatte, wurde er verwundet und fallen gelassen. Er verirrt sich und wird von einer Hexe gefangen gehalten, als Sklave missbraucht. Bis ihm ein »blaues Licht« in die Hände fällt, das ihn in Form eines schwarzen Männchens befreit - die Hexe wird aufgeknüpft und ausgeweidet, die Tochter des Königs kidnappt er. All das sieht man nicht, erfährt es aber. Khodadadian braucht keine Exzesse, sie nutzt die unbändige Kraft der Worte.
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Wie war's?
Ein intensives Erlebnis mit der
unbändigen Kraft der Worte
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Ist es so einfach wie im Märchen? Ist nicht der Soldat aus Rache vom Opfer zum Killer geworden? Das Männchen (Artur Spannagel) nur Illusion - eine Blaupause des Bösen? Wozu sind Menschen fähig? Kircheldorf erzählt die Geschichte der Grimms weiter. In einem postfaktischen Zeitalter der alternativen Wahrheiten, in dem kaum etwas hinterfragt wird, ist die Inszenierung aktueller denn je. Die beste Pointe: Das Spiel findet in einem verengten, nach vorne gerückten, verspiegelten Raum statt (Bühne: Ulrike Obermüller). In einer funkelnden Box, in der man so als Zuschauer stets Teil des Stücks ist – das Spiegelbild sieht einem direkt ins Auge. Die Box wandelt sich vom Hexenhaus, zum Wirtshaus, zum Hotelzimmer, zum Kerker. Optisch reduziert und von Szene zu Szene mehr und mehr vernebelt, gelingt es dennoch Klarheit zu erlangen. So sparsam die Ausstattung, so opulent die Wortwahl und so kraftvoll das Spiel: Rahel Weiss als moderne Hexe (später in der Rolle des Entführungsopfers), die mit blonder Mähne und kurzem Rock an Pop-Trash à la Daniela Katzenberger erinnert, von Anal-Bleaching und Schamlippen-Korrekturen spricht. Jürgen Wink beeindruckt als koksender teuflischer Seelsorger.
Kricheldorf seziert das aufgeladene, übersexualisierte, sprachliche, popkulturelle Angebot von heute geradezu. Das alles bringt Khodadadian nicht nur dramatisch, sondern auch mit groteskem Humor und einigen Pop- und Rockmusik-Zitaten auf die Bühne. Manches hätte weniger plakativ sein dürfen: Ein Transparent auf dem »Soldaten sind Mörder« steht. Die lange Aufzählung der Kriegsverbrechen werden – ähnlich, wie der Soldat letztlich mit einem Baseballschläger die Sprache der Gewalt wählt, »um die Menschen von ihrem falschen Selbstbild zu erlösen« - hart in die Schädel der Zuschauer eingeprügelt. Damit auch ja dem Letzten der Kern der Geschichte deutlich wird: jeder trägt Verantwortung. Am Ende bleibt die Gewissheit, so schlimm es auch im Märchen oder auf der Theaterbühne zugeht, die Wirklichkeit ist noch schlimmer. Langer Applaus für eine intensive Aufführung.

HNA