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Pressestimmen zu Die Netzwelt

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Auch Fantasie schafft eine Realität

In Abgründen der Begierden: Markus Dietz inszeniert im tif Jennifer Haleys Stück Die Netzwelt
von Mark-Christian von Busse

Sofa, Gardinen, Möbel – alles in unschuldigem Weiß. Das Kleidchen, das das Mädchen Iris trägt, ihre Schleife im Haar. Wie beim Fangenspiel unter Kindern läuft sie durch den riesigen, fast leeren Saal, lockend, ja verführerisch, und Woodnut, der Mann im blauen Anzug, hastet hinterdrein. Er kann mit Iris machen, was er will, die Axt liegt bereit, aber es wird keine Konsequenzen haben, das zarte Geschöpf wird wieder neu entstehen. Eine Szene, aufgenommen im Fridericianum in Kassel, die am Freitagabend bei der mit viel Beifall aufgenommenen Premiere von Jennifer Haleys Stück Die Netzwelt im Theater im Fridericianum (tif) auf den Bühnenhintergrund aus riesigen Papierbögen projiziert wurde.
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Wie war's?
Packend, aber auch beklemmend.
Die Schülerin Sara Schuchardt
Gomera (12) spielt toll.
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Inszeniert hat den packenden, beklemmenden Abend Markus Dietz. Filme, von David Worm unter anderem in Winterbüren (Kreis Kassel) gedreht, geben Einblicke in das virtuelle Refugium, einen exklusiven Bereich der Netzwelt, die parallel zur Realität existiert. Geschäftsmann Sims, den Iris in den eingespielten, manchmal etwas lang geratenen Sequenzen in einem Gutspark und einem leuchtenden Herbstwald nur Papa nennt, hat dieses Paradies für Pädophile erschaffen, in dem das Ausleben jeder Begierde folgenlos bleibt. Aber haben nicht auch Fantasien Auswirkungen auf die Wirklichkeit? Müssen sie deshalb begrenzt werden? Und wie überhaupt umgehen mit perversen Vorstellungen? »Bilder erschaffen Realität«, sagt Morris (Michaela Klamminger). Sie vertritt eine Ermittlungsbehörde. Morris hat den Agenten Woodnut (Lukas Umlauft) in die Domäne geschleust und befragt Sims (Hagen Bähr) und Doyle (Jürgen Wink), einen Kunden des exklusiven Clubs, im Verhörraum. Er bildet die Bühne (Mayke Hegger): ein langer Tisch, eingefasst mit Neonleuchten auf dem Boden. Irgendwann zerreißen die Papierbahnen, die Welt der Avatare, dieser Marionetten der Vorstellungskraft, und der Schatten, als die die Menschen in der realen Welt nur mehr agieren, verschwimmen. Nun tritt die zwölfjährige Sara Schuchardt Gomera (Iris) auch ins Rampenlicht. Wie souverän die Kasseler Siebtklässlerin, die im Kidsclub des Staatstheaters erste Bühnenerfahrungen gesammelt hat, mit dem starken erwachsenen Ensemble auftritt, ist sehr verblüffend: unbekümmert, fröhlich, ein bisschen altklug, unbedarft plappernd. Sie macht das ganz großartig. Die Netzwelt spielt in einer Zukunft, die, so ist zu befürchten, so fern nicht ist. »Nur weil etwas virtuell ist, ist es nicht nicht real«, sagt Sims. Den Fragen nach Freiheit und Verantwortung, Anonymität und Kontrolle, Manipulation und Regeln in der Netzwelt müssen sich Justiz und Politik schon jetzt stellen. »Vergessen, wer man zu sein glaubt, entdecken, wer man sein könnte«, die Fesseln der Körperlichkeit abwerfen, jenseits aller Konsequenzen leben, den Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung bestimmen – solche Gedanken entwickeln großen Reiz. Es sind nur Bilder? Aber was richten sie in den Köpfen an? Die Debatte wurde schon bei Einführung des Fernsehens geführt. Beim Internet stellen sich die Fragen mit ungekannter Schärfe. Doch werden wir der Realität nicht entfliehen können, so Morris: »Die Welt ist immer noch der Ort, an dem wir lernen müssen zu leben.«

HNA