Zum Stück

Pressestimmen zu Im Kino (The Flick)

_______Kulturmagazin [01.07.2017] mehr ...

Aus Liebe zum Film

Von Bettina Damaris Lange

Wenn der Abspann auf der Kinoleinwand verloschen ist und die letzten Töne der Titelmelodie verklingen, betreten Sam und Avery den Kinosaal, dann ist die Zeit für die eigentlichen Bewohner des Filmpalastes gekommen: Zwar ist es ihr »Job«, den Kinosaal vom obligatorischen Popcornrausch zu säubern sowie Pappbecher inklusive ihrer leer gesaugten Strohhalme zu entsorgen, doch für Sam und Avery ist es ihre Lebensaufgabe, auch wenn sie dies selbst so vermutlich niemals formulieren würden . Doch tatsächlich sind sie die Filmexperten, die sich in langen Säuberungsnächten gegenseitig in ihrem Expertenwissen übertrumpfen und über jedes noch so unscheinbar wirkende Filmdetail fachsimpeln, bis es in seiner letzten Facette erfasst ist. Unterstützt sowohl im beruflichen als auch im Leben als Menschen, die ihr Leben im Kinosaal verbringen, werden die beiden jungen Männer von Rose, der Filmvorführerin, die das Duo hin und wieder ergänzt und natürlich die Aufmerksamkeit der Männerauf sich zu ziehen weiß. Der Fokus der Filmwelt wird hier sehr gekonnt von der Leinwand weg in den Zuschauerraum gelenkt. So sitzt man als Zuschauer im tif quasi einem Zuschauerraum gegenüber wie einem Spiegel, was an sich schon eine äußerst interessante Perspektive ist. Und auch die Superhelden tauchen hier bestenfalls noch als Satzfragmente im Originalton auf, während die Stars des Abends diejenigen sind, die das Ganze sauber und in Ordnung halten. Die Inszenierung von Sebastian Schug ist für das tif mit knapp drei Stunden eher lang, und man fragt sich im Vorfeld, wie ein Theaterstück über "Kino" denn so viel Inhalt produzieren kann. Doch der Zuschauer wird hier im positiven Sinne überrascht, denn die drei Protagonisten, gespielt von Markus Subramaniam als Avery, Artur Spannagel als Sam und Maria Munkert als Rose, geben in ihren mal witzigen, mal tiefsinnigen und mal nachdenklich stimmenden Dialogen zahlreiche Einblicke in eine unterschätzte Lebens- bzw. Arbeitswelt. Eine wirklich überraschend lebendige und anregende Inszenierung!

_______Frankfurter Rundschau [23.06.2017] mehr ...

Hamsterrad schlägt Hoffnung

Joachim F. Tornau schrieb in der Frankfurter Rundschau nach der Premiere:
»Ja, man kann lachen über die traurigen Angestellten des 'Flick'. Aber lächerlich gemacht, nein, das werden sie in keinem Moment.«

Die komplette Kritik können Sie hier auf der Homepage der Frankfurter Rundschau nachlesen.

_______HNA [22.05.2017] mehr ...

Annäherung zwischen Popcorn-Resten

Sebastian Schug inszeniert in Kassel „Im Kino (The Flick)" von der Pulitzerpreisträgerin Annie Baker.
von Bettina Fraschke

Ist denn das die Möglichkeit? Eine banale Filmkomödie repräsentiert mein Leben am besten? Ein orakelartiger Traum hat Avery das klargemacht. Nicht tolle Filmkunst, Tricktechnik, Schauspielerleistung. Sondern ein 08/15-Machwerk wie „Honeymoon in Vegas“. An dieser Erkenntnis hat der Cineast Avery zu schlucken. Ist er doch ein Film-Nerd, der noch die abwegigsten Titel parat hat, Entstehungsjahre im Schlaf aufsagen kann, B-Schauspieler runterrasselt, als wären es enge Verwandte.
Annie Baker siedelt ihr Dreipersonenstück „Im Kino (The Flick)“ im Milieu der Kinoputzkräfte und Filmvorführer an, und wie sie es schafft, daraus in vielen (allerdings längst nicht allen) Momenten Allgemeingültigkeit zu generieren, große Leinwandvisionen mit den Alltagsträumen realer Menschen in Verbindung zu bringen und ineinander zu spiegeln, ist absolut sehenswert.
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Wie war's?
Das Große scheint im Kleinen auf – ein sehenswerter Abend.
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Regisseur Sebastian Schug inszeniert ihr Stück als deutschsprachige Erstaufführung, er bringt am Kasseler Staatstheater die Arbeit der 35-jährigen Pulitzerpreisträgerin zum ersten Mal auf eine deutschsprachige Theaterbühne. Und bei der Premiere am Freitagabend auf der Studiobühne des Tif wollte der donnernde Applaus kaum enden. Nach viel Kichern und gebannter Konzentration im Publikum während der 165-minütigen Aufführung.
Avery (Markus Subramaniam) ist eine Art Student. Das will er jedenfalls wieder sein, wenn er seinen ein Jahr zurückliegenden Selbstmordversuch mental überwinden und seine Auszeit im Schoß des Elternhauses abschließen kann. Der Kino-Enthusiast versteckt hinter seinen geschliffenen Plädoyers für die 35-mm-Filmrolle und gegen Digitalisierung jede Menge Unsicherheit und Angst. Er heuert an im Team von Sam (Artur Spannagel), der unter seiner Gering-Bildung leidet, aber durch seine Intuition und sein unkorrumpierbares Bauchgefühl oft ziemlich genau weiß, was Tango ist. Und dann ist da noch Filmvorführerin Rose (Maria Munkert), die von Egozentrismus durchdrungen ist, das aber ganz genau reflektiert. Im täglichen Rhythmus von Fegen und Feudeln, im Beseitigen von Popcorn-Resten und verschütteter Cola im Kinosaal ist Raum, um einander vorsichtig von sich selbst zu erzählen, Zuneigung sprießen zu lassen und sich vielleicht sogar körperlich ein wenig näher zu kommen.
Nun hat Annie Baker die Fähigkeit, schreiberisch im Klein-Klein des Joballtags das große Ganze aufscheinen zu lassen. Vielleicht braucht es dazu die Länge des Abends, weil genug Raum sein muss für all das Biografische, das gerade nicht erzählt wird. Im naturalistisch-karg ausgestatteten Saal (Ausstattung: Christian Kiehl) springt manchmal der Vorführapparat ratternd an, als würde er einen Film zeigen. Textfetzen, Flackerlicht und Musik beschwören Kinozauber herauf (Musik: Johannes Winde). Als Rose ist Maria Munkert das coole Bomberjacken-Girl, Szenenapplaus erhält sie für ihre mitreißend-heftige Tanzeinlage. Artur Spannagel beweist, dass er allein mit Körperhaltung, etwa einem Straffen des Schultergürtels, von Verlassensein und Schüchternheit erzählen kann. Und der Gast Markus Subramaniam ist eine echte Bereicherung. Er zeichnet seinen Avery mit einer quecksilbrigen Unruhe und setzt die Körpersprache mancher Twentysomethings ein, dieses überdeutliche Gestikulieren, das stets ironisch nahelegt, man meine nicht unbedingt ernst, was man sagt, man könne sich ebensogut direkt wieder distanzieren. Fabelhaft!

HNA