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Pressestimmen zu Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

_______HNA [29.03.2017] mehr ...

Tiere, die auf Nazis starren

Das Grauen im KZ Buchenwald, beobachtet und erzählt von den Tieren des lagereigenen Zoos – das ist die außergewöhnliche Prämisse von Jens Raschkes „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“.
2014 wurde das Stück mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Philipp Rosendahl hat es am Jungen Staatstheater in Kassel für Kinder ab elf Jahren inszeniert. Die ausverkaufte und umjubelte Premiere am Sonntagnachmittag im Tif zeigte: Dem Regisseur und seinen vier Darstellern gelingt es, mit der Kraft der Sprache albtraumhaft Zeitgeschichte in die Köpfe der Zuschauer zu projizieren.
Allerdings eher in die der Erwachsenen. Zu kompliziert ist der erzählerische Einstieg, um die kindliche Fantasie zu stimulieren. Das wurde deutlich, als in den schwungvoll-heiteren Anfangsminuten nur die erwachsenen Zuschauer lachten. Trotzdem: Die Inszenierung ist ein stark gespieltes Plädoyer für Zivilcourage und gegen das Vergessen, und nicht zuletzt dafür, den Blick vor Unrecht nicht zu verschließen.

Wie war's?
Düster, originell und beunruhigend wichtig

Die Zoobewohner sind Papa Pavian (herrlich affig mit King-Louie-Attitüde: Artur Spannagel), das Murmeltiermädchen (unfassbar niedlich: Rahel Weiss), Herr Mufflon (mimisch herausragend: Marius Bistritzky) und der Bär aus Sibirien (Caroline Dietrich als stoisch-skeptischer Gegenpol zum überdrehten Rest). Der Bär ersetzt das Nashorn, das zu neugierig wurde und eines Nachts verschwand. Auch der Neue beginnt bald unangenehme Fragen über die „merkwürdigen Zebrawesen auf der anderen Seite des Zauns“ und den üblen Gestank aus dem Schornstein zu stellen. In weiten Teilen wird die Handlung nicht gezeigt, sondern erzählt. Das hat etwas von einem szenisch dargestellten Hörspiel. Gerade in der schaurigen Albtraumsequenz, in der ein verbrannter Junge mit seinem Finger, „der nur noch ein Stück Kohle ist“, das Wort „Familie“ schreibt, wird deutlich, wie hervorragend Regie und Ensemble Raschkes Text erfasst haben.
Im Zentrum steht die Frage: Schweigen oder sprechen, wenn Unschuldige zu Opfern werden? Eines der Tiere findet nach langem Zweifeln eine klare Antwort und macht dadurch deutlich, dass sich niemand seiner Verantwortung entziehen kann.
Das Spielfeld, auf dem diese düstere Geschichte erzählt wird, ist ein schmaler Kunstrasenstreifen, den die Darsteller (fast) nie verlassen. Brigitte Schimas zweidimensionale Bühne funktioniert als Schaukasten und Laufsteg und lenkt den Fokus voll auf die Darsteller.
Der Raum dahinter liegt im Dunkeln. Dort und auf den Zuschauerrängen befindet sich „die andere Seite“, die Parallelgesellschaft, in der „die Gestiefelten“ das Sagen haben und wo „die Gestreiften“ nichts wert sind.