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Pressestimmen zu Wer wir sind

_______HNA [24.04.2017] mehr ...

Fäden der Erinnerung

Umjubelte Premiere von »Wer wir sind« im Theater im Fridericianum

Von Gesa Esterer

Rätselhafte, in Folie verpackte Gebilde glänzen, werden zur Metapher für die zugeschnürte, unsichtbare Heimat. Junge Leute enthüllen das Verpackte: Stühle, Tische, Bänke, ein Schlagzeug, ein Klavier, eine Gitarre. Drei der Jugendlichen spielen die »Space Oddity« von David Bowie. Plötzlich sagt jemand: »Heute beginnen die Proben, wir fragen nach der Heimat.« Unvermittelt, mit viel Wucht und Witz zeigten am Freitag unter der Leitung von Joanna Praml elf Jugendliche aus Kassel im Theater im Fridericianum (tif) die Stückentwicklung »Wer wir sind«.
Wie ein Fetzenteppich setzt sich das Stück zusammen, spiegelt die Suche nach der Heimat der Jugendlichen. Sie wollen wissen, wer sie sind, wie sie denken, wie sie fühlen, sind aber nicht sicher, wie das funktioniert. Die 13- bis 20-Jährigen treten vor ein Mikro, reden zu ihrem Tagebuch. »Heimat ist eine Sehnsucht, die sich nicht erfüllen lässt«, sagt ein Mädchen. Ein Junge entsetzt sich, dass ein Flüchtling eine neue Mutter finden muss, da er seine Heimat verließ. Während die einen vor dem Mikro stehen, sammeln andere Worte, die im Laufe des Stücks wie ein Gittergeflecht aussehen.
Drei Mädchen berichten von ihrer Fahrt durch Deutschland, waren in Glücksburg, Kiel, Hannover, im Spreewald, in Berlin. Die drei Musiker der Gruppe bringen das Deutschlandlied als abgefahrene Rock-Nummer, wofür es Zwischenapplaus gab. Als ein Mädchen sagt, »unsere Heimat war Weltmeister«, bewegen sich sämtliche Darsteller wie in Zeitlupe, liefern eine starke Szene.
Je tiefer die Jugendlichen ins Thema einsteigen, desto größer wird die Unsicherheit. Mit viel Radau fällt schließlich der Entschluss, zum Mars zu fliegen, um die Heimat zu finden. Eine atemberaubend schöne Szene zeigt den Weltraum, Mädchen schaukeln schwerelos. Worte scheinen ins Publikum zu fliegen, »jetzt weiß ich, warum ich hier bin: um zurückzuschauen«, »Heimat sind eintausend Fäden der Erinnerung«. Sämtliche Darsteller haben mit ihren Einfällen ein großartiges, vielschichtiges Stück auf die Bühne gebracht, zum Teil auch sprachlich brilliert. Dabei ließ die Regie so viel Freiraum, dass wunderbare, poetische Momente entstanden. Lustige Kostüme, tolles Licht und Bühnenbild (Jana Denhoven) schälen das Können der Jugendlichen heraus. Unzählige Vorhänge, Standing Ovations.

HNA