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Pressestimmen zu Lucio Silla

_______KulturMagazin [01.01.2018] mehr ...

Ein Fest der Koloraturen

»Lucio Silla« im Kasseler Opernhaus

Von Michael Schäfer 

Mozarts Opern gehören zu den Rennern im Repertoire. »Lucio Silla« macht da eine Ausnahme. Die geballten Schwierigkeiten der vier Sopran-Partien dürften der Grund dafür sein, weshalb »Lucio Silla« so selten auf dem Spielplan steht. Gerade 16 Jahre alt war Wolfgang Amadeus, als er 1772 den Auftrag für diese Oper erhielt. Jetzt hat das Staatstheater Kassel Mozarts frühes Meisterwerk herausgebracht: ein Fest für Freunde der Koloraturen. Titelfigur ist der römische Diktator Lucius Sulla. Er führt ein grausames Regime und meint, mittels seiner Macht auch die schöne Giunia zur Frau nehmen zu können. Doch Giunia will sich lieber töten, als sich seinem Willen zu beugen. Dieser Handlungsfaden ist umrankt von einem Gespinst von Intrigen, die sich am Ende alle auflösen. Denn Silla sieht ein, dass sein Weg der Gewalt falsch ist: Ein Tyrann findet zur Menschlichkeit. Ein solches Handlungsschema ist für die Opera seria des 18. Jahrhunderts typisch. Der junge Mozart erfüllt die Ansprüche der Gattung glänzend – und verblüfft noch mit mancher Überraschung, mit kühnen harmonischen Wendungen beispielsweise, feinen Klangfarben und nicht nur hochvirtuosen, sondern auch sehr empfindsamen melodischen Linien. 
Regisseur Stephan Müller ließ sich von Siegfried E. Mayer eine sehr nüchterne Bühne bauen: Ein ansteigendes Oval führt als Spielfläche und Laufbahn rings um das halbhoch sitzende, also stets sichtbare Orchester. Nur manchmal öffnet sich an der Hinterwand ein zusätzlicher schmal-hoher, kahler Raum. Am rechten und linken Rand sorgen wenige Podeste für weitere Spielpositionen. Den Gegenpart zum schmucklosen Raum bieten die wunderbaren Kostüme von Carla Camatini, in denen historische Andeutungen mit einer sprühenden Farb- und Formfantasie kombiniert sind. So wird die Aufmerksamkeit auf die Affekte der Personen konzentriert. Das unterstreicht Müller durch eine fein stilisierte Gestik, für die er sozusagen eine Choreografie der Hände entworfen hat. Schön seine Idee, in riesigen Videoprojektionen die Gesichter der Darsteller als wahre Porträtlandschaften zu zeigen . Weniger stimmig wirkten Filmsequenzen mit Andeutungen von Gewalt und Folter: Sie sollen dem musikalischen Genuss wohl mit dem Bebildern der Grausamkeit, entgegenwirken. Aber das versteht man auch ohne Illustration, zumal Müller die permanente Bedrohung immer wieder mit unvermittelt auftauchenden Soldatengruppen illustriert.Doch setzt sich Mozarts Musik machtvoll gegen alle Verstörungsversuche durch. Das ist vor allem der Qualität der Solisten zu verdanken, aber auch der Lebendigkeit und Transparenz, mit der Dirigent Jörg Halubek diese Partitur mit seinem hochengagierten Orchester umsetzt. Dank der Stilsicherheit des Barockspezialisten Halubek werden auch die Wurzeln dieser Musik im gerade abgelösten Barock deutlich – als Mozart »Lucio Silla« schrieb, war Händel gerade mal 13 Jahre tot. 
Unter den Protagonisten glänzen vor allem die Soprane: am koloraturenfreudigsten Lin Lin Fan als Celia, mit bewegendem Ausdruck und viel Wärme Elizabeth Bailey als Giunia. Dazu kommen die beiden Sopran Männerrollen, die Mozart in Mailand mit Kastraten besetzt hatte: Maren Engelhardt als Cecilio mit bisweilen etwas kehligem Timbre, aber besonders ausdrucksstark im Spiel, und Benedicte Tauran als Cinna mit fein konturierter Stimmkraft und Energie. Tobias Hächler in der Titelrolle zeichnet die böse Lust an der Macht ebenso überzeugend wie die Phasen der Unschlüssigkeit bei schwierigen Entscheidungen. Er singt und spielt mit einer Lebendigkeit, dass es eine helle Freude ist, ihn zu sehen und zu hören. Der Premierenjubel dauerte lange. 

_______Frankfurter Rundschau [13.12.2017] mehr ...

Kampfsport unter Diktator Lucio Silla

»Eindrucksvoll realisiert der Dirigent und Cembalist Jörg Halubek den impulsiv-nervösen Reiz des Jugendwerks. Als Kraftzentrum befindet sich das auf einen historisch informierten Mozartstil eingeschworene Staatsorchester Kassel mitten im Geschehen, gleicht doch ein Teil der Bühne einem Saturnring, der den angehobenen Orchestergraben umschließt. Dahinter führt die Bühne schräg nach oben, hin und wieder öffnet sich der Raum, auch spiegeln Videos die Innenwelten der Akteure wider. Es ist eine packende Umsetzung durch Stephan Müller (Inszenierung), Siegfried E. Mayer (Bühne) und Carla Caminati (Kostüme).
[...]
Das übrige Ensemble beweist sein Geschick in äußerst virtuosen Partien. Allen voran Elizabeth Bailey als zwischen Furor, Sehnsucht und Verzweiflung pendelnde Giunia. Glanzvoll auch Lin Lin Fan als Celia. Maren Engelhardt (Cecilio) und Bénédicte Tauran (Cinna) tragen zum positiven Bild bei. [...]«

Die vollständige Rezension von Georg Pepl lesen Sie in der Frankfurter Rundschau.

_______hr2 Kultur [11.12.2017] mehr ...

Frühkritik

Robert Kleist besuchte die Premiere von Lucio Silla  und berichtete in der hr2-Frühkritik.

_______HNA [11.12.2017] mehr ...

Musikalische Machtspiele

Von Werner Fritsch

Natürlich ist das Alter hier ein Thema: Erst 16 Jahre war Wolfgang Amadeus Mozart alt, als er die Oper „Lucio Silla“ komponierte, die 1772 in Mailand uraufgeführt wurde. Ein außergewöhnliches Jugendwerk, bei dem zwar nicht auszuschließen ist, dass auch fremdes Material verwendet wurde, das aber Mozarts Genialität mehr als nur ahnen lässt.Am Samstag hatte „Lucio Silla“ im nicht ganz voll besetzten Kasseler Opernhaus Premiere. Und so außergewöhnlich dieses frühe Mozart-Werk im Stile der Opera seria auch ist, so schwer ist es doch dramaturgisch zu bewältigen. Nicht nur, dass das Stück über den römischen Diktator Lucio Silla und die sich um ihn rankenden Liebes- und Machtintrigen kaum äußere Handlung aufweist (Libretto: Giovanni di Gamerra). Auch in ihrer musikalischen Struktur ist die Oper insofern problematisch, als Mozart die Form der mehrteiligen (Da-capo-)Arie mit teils langen Orchestervorspielen und koloraturreichen Kadenzen recht schematisch verwendet, was auf die Dauer etwas ermüdet.

Regisseur Stephan Müller und sein Team mit Siegfried E. Mayer (Bühne) und Carla Caminati (Kostüme) haben der auf gut drei Stunden gekürzten (!) Oper allerdings eine beeindruckende inszenatorische Form gegeben. Wie ein Saturnring schließt sich die Bühne um das emporgehobene Orchester. Im Bühnenhintergrund, Projektionsfläche für Videoeinspielungen, die das psychische Geschehen illustrieren, tun sich hin und wieder weitere Räume auf.So ergibt sich eine Spielsituation, in der die intensive Gefühlswelt der Figuren in verschiedensten Konstellationen ausgelebt werden kann. Durch eine stilisierte Gestik werden die emotionalen Eruptionen der um Liebe und um ihre Existenz ringenden Figuren gebändigt. Eine stumme Kampfsportgruppe, teils in Interaktion mit den Figuren, verkörpert das Bedrohliche der Situation – ein starker Effekt, der sich gegen Ende jedoch etwas abnutzt.

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Wie war´s? Eine Oper zwischen Konvention und Genie,
musikalisch und szenisch gut umgesetzt.
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Ein Showtyp und Spieler ist der Tyrann Lucio Silla, der in seinem Machtwahn Giunia, die Tochter eines ermordeten Widersachers, zur Ehe zwingen will. Tobias Hächler gibt dem Diktator mit seinem baritonal gefärbten Tenor eine starke Präsenz und deutet seine Sprunghaftigkeit an, die ihn am Ende – ungläubiges Erstauen bei allen anderen Figuren – sich unvermittelt zurückziehen lässt und so den um ihre Liebe und ihr Leben bangenden Paaren zu ihrem Glück verhilft.Giunias sorgen- und sehnsuchtsvolle Gesangslinien, aber auch ihre irrwitzigen Wut-Koloraturen sind bei Elizabeth Bailey mit ihrer perfekt geführten, betörend reinen Sopranstimme bestens aufgehoben. Ihr steht Lin Lin Fan als Sillas Schwester Celia mit agiler, reich timbrierter Stimme nicht nach.Einst waren es Kastratenrollen, heute werden Cecilio und Cinna, die beiden Freunde – und Widersacher Sillas – natürlich von Sängerinnen verkörpert. Vor allem Bénédicte Tauran überzeugt als stimmlich virtuoser, mit Männlichkeitsgesten spielender Cinna, während bei Maren Engelhardts bühnenpräsentem Cecilio, dem verbannten Liebhaber Giunias, in Sachen Flexibilität ein paar Abstriche zu machen sind. Mit kerniger Tenorstimme, nicht immer ganz koloratursicher, gibt Younggi Moses Do Sillas intriganten Berater Aufidio, dem in dieser Inszenierung am Ende überraschend die Macht zufällt.

Als sehr gelungen erweist sich die – an historischen Vorbildern orientierte – Platzierung des Orchesters im Zentrum des Geschehens. Jörg Halubek, in Kassel seit Langem geschätzter Spezialist für historische Musik, animiert das mit Barockbögen und Holzflöten spielende Staatsorchester zu einer äußerst flexiblen, sprechenden Spielweise. Mozarts konzertanter Orchesterstil kommt so bestens zum Tragen. Und dann gibt es die Momente zum Genießen, in denen das Genie des Sechzehnjährigen aufblitzt, dunkle, bläsergesättigte Passagen und ausdrucksstarke vom Orchester begleitete Rezitative ...

Viel Beifall für alle Akteure.

HNA