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Pressestimmen zu Andrea Chénier

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Liebe in Zeiten der Revolution

Von Werner Fritsch

Warum Umberto Giordanos Oper Andrea Chénier nicht zum Kernrepertoire deutscher Opernbühnen zählt, ist kaum zu verstehen. Am Samstag hatte das Werk in Kassel Premiere.

Die Oper wurde 1896 fast gleichzeitig mit Puccinis La Bohème uraufgeführt. Im ausverkauften Kasseler Opernhaus wurde es am Samstag ausgiebig bejubelt. 

Giordano und sein Librettist Luigi Illica binden das Liebesverhältnis zwischen dem Dichter Andrea Chénier und der Adelstocher Maddalena di Coigny, das für beide auf dem Schafott enden wird, eng in die Geschehnisse der Französischen Revolution ein.

Diese Liebe erfährt so nicht nur eine dramatische Steigerung, sondern gewinnt auch politische Relevanz. Und in dem Domestiken Carlo Gérard, der zum Revolutionär wird, dann aber an seiner unerfüllbaren Liebe zu Maddalena scheitert, verkörpern sich die Widersprüche einer Revolution, die inzwischen korrumpiert ist und Schrecken verbreitet. Dabei widersteht Giordano der Versuchung, die Revolution insgesamt zu denunzieren, indem er das Elend der Bevölkerung in eindringlichen Szenen vorführt.

So komplex wie das Stück ist Giordanos Musik, die in starken Kontrasten zwischen zarter Poesie, dramatischen Ausbrüchen und bekenntnishaftem Pathos changiert und in herrlichen Arien kulminiert. Kassels neuer Generalmusikdirektor Francesco Angelico lässt diese Musik in all ihrer Farbigkeit, aber auch in ihrer Dringlichkeit und Gewalt aufscheinen und vereint die gegensätzlichen Momente unter einem großen Spannungsbogen.

Das hervorragend disponierte Orchester malt die Stimmungen detailreich aus, klingt niemals pauschal, und der äußerst präsente Chor sorgt für dramatische Dichte. Als wahrer Glücksfall erweisen sich die Solisten: Hansung Yoo, ein traumhafter Bariton, führt die Komplexität und Zerrissenheit des Revolutionärs Gérard mit kraftvollem Ausdruck und feinen Nuancierungen vor – bis zur fatalen Erkenntnis: »Ich glaubte ein Riese zu sein und bin immer ein Sklave geblieben.«

Die Kraft der Poesie und das Pathos eines Dichters verkörpert Gasttenor Rafael Rojas aufs Eindringlichste und mit stimmlicher Brillanz. Mit unglaublichen stimmlichen Reserven, aber auch zartesten Farben stattet Vida Mikneviciute Maddalena in ihrer Verzweiflung, aber auch in ihrer emotionalen Stärke aus. Ein Höhepunkt: das grandiose Schlussduett des Paares. Im vorzüglichen Ensemble setzen Lona Culmer-Schellbach (Gräfin/Madelon), Daniel Jenz (Incredibile) und Hee Saup Yoon (Mathieu) besondere Akzente.

Regisseur Michael Schulz (Die Frau ohne Schatten) belässt der Handlung ihre starke historische Verortung. Als Rahmen wird eine Theatersituation geschaffen (Bühne: Dirk Becker), doch bleibt es bei der Andeutung. So beginnt das Stück im Schloss Coigny als heiteres Rokoko-Spiel (Kostüme: Renée Listerdal), in das alsbald die Vorboten der Revolution eindringen. Das Stück (und die Theaterkulissen) wenden sich, als die Handlung ins Jahr 1794 springt – in die Endphase der Revolution.

Warum hier die eindringlichen Massenszenen, die die Verführbarkeit der Menschen, aber auch ihre Not zeigen, mit modernen Einsprengseln wie Verkehrsschildern versehen werden und die fanatisierte Bevölkerung mit ihren Handys eine Selfie-Orgie mit den Verurteilten startet, wird allerdings nicht einsichtig.

Völlig daneben geht Schulz’ Schlusspointe, bei der Maddalena der gemeinsame Tod mit Chénier verwehrt wird und ihr stattdessen der abgeschlagene Kopf des Dichters überreicht wird. Muss man den letzten Satz des Paares »Es lebe der gemeinsame Tod!« so konterkarieren – und was wird damit über die Oper insgesamt ausgesagt?

HNA online

_______Der Opernfreund [11.09.2017] mehr ...

Fast bieder und mit überraschendem Finale

»Das Staatstheater Kassel hat seit dieser Spielzeit einen neuen GMD. Am Pult des Staatsorchesters Kassel gab gestern Francesco Angelico seinen gelungenen Einstand. Der Italiener legt viel Herzblut in sein Dirigat, erweckt Giordanos melodienreiche Partitur gekonnt und seelenvoll zum Leben und legt den Sängern einen farbenreichen Klangteppich aus.

Im ausverkauften Haus ist man begeistert von dieser ersten Spielzeitpremiere und auch ich kann Ihnen diese Produktion guten Gewissens ans Herz legen. Überzeugt mich auch die Regie nicht auf ganzer Linie, so tut dies die musikalische Seite umso mehr. Kassel ist mit diesem Andrea Chénier also auch nach der Documenta noch eine Reise wert.«

Die vollständige Rezension von Jochen Rüth lesen Sie im Magazin Der Opernfreund.

_______hr2 Kulturcafé [11.09.2017] mehr ...

Exquisite Klangfarben

Über das Debüt von Francesco Angelico als neuer GMD sagte Andreas Wicke in der Nachmittagssendung von hr2:
» (...) Dieser spätromantische Verismo-Sound scheint Angelico sehr zu liegen. Sein Dirigat am Samstag hat sehr viel Lust auf mehr gemacht. Er hat ein sehr feines Gespür für das angemessene Tempo, vor allem aber für exquisite Klangfarben. (...) Insgesamt klang das Staatsorchester sehr elegant, und man hatte den Eindruck, dass sich dieses >neue Paar< aus GMD und Orchester ziemlich gut versteht.«

Auszug aus dem »Kulturcafé« auf hr2 vom 11. September