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Pressestimmen zu Ein idealer Mann

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Das Leben ist eine Show-Treppe

Oscar Wildes Komödie „Ein idealer Mann" spielt am Kasseler Staatstheater bei den Olympischen Spielen
Von Bettina Fraschke
Manchmal werden die brennenden, großen Ideale unversehens auf ganz kleine Flamme heruntergekocht. Das zeigt die Kasseler Inszenierung von Oscar Wildes Salonkomödie „Ein idealer Mann“, die hier bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit angesiedelt ist, 1896 in Athen, wo die Society vor allem sich selbst feiert für ihre Visionen von einer vereinten Menschheit. Doch in der Schale, in der eigentlich das Olympische Feuer lodern sollte, werden jetzt die Souvlaki-Spießchen fürs Partybuffet gegrillt. Ein wunderbares Bild für die Fallhöhe zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich als eins der zentralen Themen durch den Theaterabend zieht. Im ausverkauften Schauspielhaus ist die Premiere am Samstagabend mit freundlichem Applaus über die Bühne gegangen. Regisseur Sarantos Zervoulakos zelebriert darin die Eleganz, die immense Pointendichte und den brillanten Sprachwitz Wildes. Das macht viel Freude. Aber: Er belässt das Stück, das selbst die Oberflächlichkeit seiner Protagonisten und ihre Fixierung auf das eigene Image thematisiert, komplett an der Oberfläche. Komplexere Gefühlswelten oder gar seelische Abgründe werden kaum je spürbar. Dabei geht es ja durchaus um existenzielle Nöte, vor allem der Hauptfigur Sir Robert Chiltern (Konstantin Marsch), der mit einem schmutzigen Geheimnis aus seiner Vergangenheit erpresst wird, das ihn beruflich wie finanziell ruinieren und das Aus für seine Ehe bedeuten würde.
Hagen Bähr spielt die Erpresserin, Mrs. Cheveley, und dass er optisch nur mit blauen Riemchenpumps und Lippenstift als Frau eingeführt wird, ansonsten aber zur nackten Brust einen schwarzen Slim-Fit-Dreiteiler trägt, bringt eine subtile erotische Note ins gesellschaftliche Geschlechter-Geläster. Die ganzen Bonmots über Männer und Frauen, die die Society frech parlierend raushaut, werden durch dieses verführerische, geschlechtlich uneindeutige Wesen prächtig unterwandert. Die Szenerie ist auf einem roten Teppich angesiedelt, das Leben eine Show-Treppe (Bühne: Christian Kiehl). Die opulenten Fin-de-Siècle-Kostüme von Su Bühler haben hübsche ironisierende Elemente, so trägt etwa Artur Spannagel als Dandy Arthur Goring anfangs die Fustanella, den gefältelten knielangen Rock der traditionellen griechischen Tracht. Dazu rotes Cape und Bommelschuhe – aber auch eine sexy Pilotenbrille.Caroline Dietrich, Pauline Kästner, Matthias Fuchs, Maria Munkert, Lukas Umlauft, Marius Bistritzky und Eva Maria Sommersberg bilden die internationale Gesellschaft, die rund um Olympia die eigene Wichtigkeit zelebriert und beim Get-Together Ehen wie Affären einfädelt und beendet. Die Setzung, den Stoff in Athen und im Sport-Kontext spielen zu lassen, löst sich gut ein. Besonders hervorzuheben ist das lustige Video von David Worm, mit dem der Abend beginnt. Im Stummfilm-Stil der frühen Lichtspielkunst wird mit witzigen Texttafeln und historischen Aufnahmen die nordeuropäische Griechenlandsehnsucht aufgespießt. Das reicht von den großen Ideen der documenta 14 bis zum eingeschweißten Feta-Käse aus dem Supermarkt.

HNA