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Pressestimmen zu Ein Sommernachtstraum

_______HNA [19.03.2018] mehr ...

Die Liebe ist ein Luftballon

Sehr gelungene Premiere von Shakespeares »Ein Sommernachtstraum« von Laura Linnenbaum

Die Liebe ist wie ein Luftballon: Sie kann zerplatzen. Mit einem Knall wird sie dann zu einem luftigen Nichts. Eine Wand aus großen weißen Ballons ersetzt den Vorhang, verdichtet die Bühne und wird schon bald zum Wald – einem organischen Innengewölbe – in dem sich die in Hochzeitskleidern steckenden Verliebten und die Zauberwesen verirren. Der Zaubersaft, der Menschen und Elfen in Liebe ausbrechen lässt, sobald sie die Augen aufschlagen, fällt wie Glitter-Konfettiregen auf die Bühne im Kasseler Schauspielhaus herab. Auch zu einer quirligen Verfolgungsjagd zur Rummelplatzmusik wird es kommen und zu wüsten Beschimpfungen – ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, getrieben vom Begehren, bei dem jeder mal zum Jäger und zum Gejagten wird.
Der »Sommernachtstraum«, den Laura Linnenbaum jetzt für das Kasseler Staatstheater inszeniert hat, zeigt, wie aktuell das x-mal gezeigte Shakespeare-Stück gelesen werden kann. Die Gast-Regisseurin war mit dem Generationen-Stück »Die Unverheiratete« 2016 bereits in Kassel zu erleben. Dem klassischen Stoff über die vier jungen Liebenden, die erst mal alle an den Falschen geraten, einen frechen Puck (Maria Munkert) und ein Strippen ziehendes Elfenkönigspaar nähert sich Linnenbaum mit heutigem, modernen Blick. Sie gestattet sich manchen schnellen kleinen Witz. Setzt auch auf Klamauk (beim eselsköpfigen Zettel). Sie macht aber auch sichtbar, wie die ganze Sache vor allem für die beiden Frauen doch nicht nur ein Späßchen ist.Lysander (Marius Bistritzky), Hermia (Rahel Weiss), Demetrius (Lukas Umlauft) und Helena (Pauline Kästner) tragen Brautkleider – in den letzten Gefühlsumwälzungen teils nur weiße Unterwäsche (Kostüme: Ulrike Obermüller). Sie betreten die Bühne anfangs einzeln, sagen »Ich liebe dich« ins Mikrofon. Schon dabei wirken sie vor allem verliebt in den Zustand des Verliebtseins.

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Wie war´s?
Kurzweilige zweieinhalb Stunden mit tollen Einfällen – quirlig, lustig und nachdenklich.
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Der knapp zweieinhalbstündige Theaterabend, der am Samstagabend Premiere hatte, ist trotz aller Drolligkeiten und witzigen Einfälle keineswegs kitschig. Toll, wie Konstantin Marsch als Zettel kurz den amerikanischen Präsidenten Donald Trump gibt und zum Brüllen komisch, wie Artur Spannagel als Schreiner Schnock zum braven Löwen wird. Das Abgleiten verhindern zum einen das feine Gespür Linnenbaums und der Schauspieler für die intensiven Momente, für zauberhafte Bilder und Metaphern. Und zum anderen die Auswahl der Musikstücke: Etwa das immer wieder erstaunlich perfekt passende »Wicked Game« von Chris Isaak. Das gibt es rockig und mal sanft von der Lysander-Hermia-Helena-Demetrius-Band und auch auf der Nasenflöte von den Handwerkern zu hören. Die bodenständigen Praktiker mit ihrem Spiel im Spiel beeindrucken mit herrlich plumpem Auftreten.Natürlich ist es auch ein böses und wortgewaltiges Spiel, mit einer teils brutal-schrillen Sprache (»Fette Fotze«, »Bulemie-Opfer«, »Arschloch«), was Linnenbaum so mit etwas Ruckeln in das Jetzt katapultiert. Doch gelingt es ihr, all das mit Shakespeare zur Einheit zu runden. Allzuviel Süße verhindert das nüchterne, gänzlich abstrakte weiße Ballon-Bühnenbild von Daniel Roskamp, das in schwarz-weiß und mal in liebeswahnsinniges-rosa getaucht (Licht: Oskar Bosmann) wird. Das dichte Spiel der Darsteller sorgt für Zug und Spannung in der Inszenierung. Es lässt fast immer auch die düstere Ebene unter der Komik spürbar werden – in allen Welten schreibt man Streit groß. Insgesamt entsteht eine hohe Spielenergie, die in einer rauschhaften Nacht im Wald gipfelt – und so manchen Traum an die Liebe mit lautem Knallen platzen lässt. Minutenlanger, begeisterter Applaus.     

HNA

_______nachtkritik [17.03.2018] mehr ...

Sturm, Drang und Pop

»Dieser Mut zur Drastik, zur Hysterie macht Linnenbaums "Sommernachtstraum" so stark. Indem sie alles Schräge und Skurrile darin so intensiv auskostet, macht die Regisseurin deutlich, was für ein wunderbar-überdrehtes Stück dieser rauf und runter gespielte Klassiker noch immer ist. Mit ihrer auf den ersten Blick unklassischen Inszenierung des Stücks, vom britischen Nationaldichter ursprünglich für eine Adelshochzeit verfasst, dürfte Linnenbaum dessen Kern wohl deutlich näher kommen als jede bedacht "werktreue" Fassung.«

Die gesamte Kritik von Alexander Jürgs finden Sie unter www.nachtkritik.de