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Pressestimmen zu eternal prisoner

_______KulturMagazin [01.01.2018] mehr ...

Zwischen Autismus und Egomanie

Im zweiteiligen Tanztheaterabend „Eternal orisoner" choreografieren Johannes Wieland und Tom Weinberger

Von Juliane Sattler-lffert

Die Bühne – eine Menschenlandschaft. In der weißen Weite stehen schwarzgekleidete Figuren, vereinzelt wie Skulpturen, still. Im Hintergrund ein Piano, ein Musiker (Donato Deliano). Töne erklingen, vereinzelt tropfen sie in den Raum (Komposition: Matan Daskal). Ganz langsam, so wie auch Victor Rottier und Cree Barnett Williams sich zu bewegen beginnen. Ein Arm hebt sich, ein Fuß winkelt sich ab. Alles wie verzögert, aber nie im Stillstand, denn alles fließt. Tom Weinberger, der israelische Choreograf, der als Mitglied der legendären Badsheva Dance Company begonnen hat, zeigt dies alles in Tableaus voller Schönheit und Sinnlichkeit. Wie bereits in den Jahren zuvor hat Tanztheaterdirektor Johannes Wieland die Bühne für einen internationalen Choreografen geöffnet und gibt diesmal zugleich ein gemeinsames Thema vor. Wieland wie auch Weinberger nähern sich in ihren unabhängigen Choreografien mit der neunköpfigen Kasseler Tanzcompany dem Thema »Eternal prisoner«. Was so viel heißt wie »ewiger Gefangener«. Ein vieldeutiges Thema, typisch Wieland eben.

ln »segments on notes« formt Tom Weinberger (30) Bewegungssequenzen in genauer Strukturierung: Fünf Glühbirnen leuchten sporadisch in den Raum, die Tänzer-Gruppe wechselt zu den unterschiedlichsten Duo-Konstellationen. Begegnungen sind das, leicht hingetupft auf der weißen Fläche, wie ein impressionistischer Maler seine Farben auf die Leinwand setzt: Momente der Zweisamkeit und der Verweigerung, zwei, die sich suchen und nie finden, sich bergend, sich tragend. Sie sitzt auf ihm, er trägt sie davon, ein Kugelwesen fast mit vier Beinen. Symbiotische Nähe fast. Der Bewegungsfluss steigert sich, wird schneller. Bis am Ende Zoe Gysler und Luca Ghedini sich in einem Klangraum aus schwebenden Tönen (Bach-Partita, Bearbeitung von Matan Daskal) in wiederholenden Sprüngen über die Fläche bewegen – sich vom Boden abstoßen, immer höher, immer angestrengter. Gleichklang zwar, aber keine Nähe mehr, Paradise lost. Hier geht einer ganz expressionistisch zu den Anfängen des Tanzes zurück und holt sie ganz ins Heute.

Performativer dagegen die Choreografien von Johannes Wieland (50). Der Kasseler Tanztheaterdirektor öffnet seine Arbeiten immer auch zu anderen Kunstrichtungen, macht sie biegsam zwischen bildender Kunst, Sprechtheater und Showelementen. »You will never be my number one fan« übertitelt er ironisch sein Stück des Abends, in der er nochmals die Welt entstehen lässt. Tänzer, zu Beginn kriechend auf allen Vieren, finden später irgendwo zwischen Autismus und Egomanie im großen Tanztheater-Bilderbogen zusammen. Auf dem ausgeleuchteten Bühnenplateau (Bühne: Momme Röhrbein) zum Sound-Mix der 80er-Jahre-Schlager zappeln die Tänzer der Company (Kostüme: Angelika Rieck) in gequälter Wohlfühl-Laune, alle Gefangene ihres eigenen Selbstanspruchs. Momentaufnahmen von versuchter Nähe und Begehrlichkeit wechseln zu Begegnungen auf Abstand (Gotaute Kalmataviciute, Luca Ghedini) und Soloperformances im Selbstdarstellungsmodus (wunderbar: Shafiki Sseggayi). I am my Nummer one. Die Tänzer auf der Bühne (die Beleuchtungsbatterie im Hintergrund blendet das Publikum zuweilen unangenehm) sprechen ins Glitzer-Mikro. lt's Showtime. »You don't exist«, sagt der eine, »Wenn ich nett bin, bin ich sehr nett« sagt die andere bedrohlich. Es sind Sätze wie Peitschenhiebe, und allmählich entgleist die mühsam zur Kampfpose. Zum Schluss stampfen die Tänzer fast martialisch mit den Füßen auf den Boden, die Arme über den Kopf erhoben. Gefangene oder Krieger? »Was wir sehen«, sagt Dramaturg Thorsten Teubl, »entstammt immer unserem biografischen Archiv des Körpers.»
Standing Ovations für einen intensiven Tanztheaterabend. So viel Beifall gab es selten. 

 

_______Fuldaer Zeitung [13.12.2017] mehr ...

Bewegung, Annäherung, Stille und Starre

"Eternal Prisoner" - zwei Tanzstücke im Kasseler Staatstheater

Das Kasseler Staatstheater zeigt mit dem Titel
„Eternal Prisoner" (Ewige Gefangene) zwei recht diverse Tanzstücke
verschiedener Choreografen.

Von Hanswerner Kruse

Eine Tänzerin ist als grelle Sängerin auf einer fahrbaren Rampe in heftiger Bewegung erstarrt. Zu ihrem Micky-Maus-Gekrächze, das sich später als Playback erweist, schieben seltsame Figuren mit starren Gesichtern, schlechten Perücken und sportlich-schrillen Klamotten die Rampe an den Bühnenrand. Eckig auf Händen und Füßen gehend, den Hintern in die Luft gestreckt, krabbeln sie hoch zur Sängerin.

Plötzlich toben sie wie lebendig gewordenen Schaufensterpuppen mit rhythmischabstrusen Bewegungen auf der Minibühne herum. Die Tanzenden frieren ein, werden zeitlupenhaft lebendig, tanzen erneut, formieren sich zu szenischen Skulpturen: Köpfe nähern sich zum Küssen und zucken zurück. Manche schreien stumm. Einzelne zeigen hirnrissige Model-Posen. Ausdruckslos mimen stumme Körper wilde Playback-Gesänge. Eine zeigt Spitzentanz im Nebel auf Roller Blades.

Das kleine Ensemble dekliniert mal hysterisch und aufgedreht, mal behutsam und stoisch Künstliches durch - kreiert Rockstars, Roboter, Schaufensterpuppen, Androiden. Kurze dramatische Momente blitzen auf, in flüchtigen Szenen wird Schmerz, Gewalt, Zuneigung sichtbar, doch nichts ist echt und wirklich, alles ist Schein. Einzelne brechen aus, jubeln „ich existiere" - werden aber von anderen gemaßregelt: „Du existierst NICHT!"
Ein alter Song Frank Zappas kommt einem in den Sinn: „Plastic people / Oh baby, now / You're such a drag" (Plastikleute, was seid ihr bekloppt). Doch Johannes Wieland, Choreograf und Direktor des Kasseler Tanztheaters, inszeniert kein Lamento über die schlechte künstliche Welt. Seine Choreografie ist spannend, unterhaltsam und meist komisch bis zur Groteske - und seine Botschaft ist einfach „ein choreografisches, politisches Statement zum Status quo der Welt. Nicht mehr und nicht weniger."

Das zweite Stück, eine Arbeit des Gast- Choreografen Tom Weinbergers, ist das völlige
Gegenteil. Auf der Bühne hängen einige große Glühbirnen, im Hintergrund steht ein Flügel, auf dem ein Spieler gelegentlich mal einen einzelnen Ton anschlägt. Die nun schlicht bekleideten Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich in der Stille mit extrem
verlangsamten Bewegungen im leeren Bühnenraum, alle für sich, ohne Kontakt. Dann verschwinden sie, ein Paar taucht auf, mit unterschiedlichen Bewegungen erkunden die Körper den Raum. Annäherungen geschehen beiläufig und wenig dramatisch. Ein Paar geht, das nächste kommt...

Anders als im klassischen Ballett oder im zeitgenössischen Tanz erlebt man die Kontakte nicht als Pas de Deux mehr oder weniger bekannter Bewegungsfiguren: Stattdessen wird ein Tänzer zum buckligen Tier auf dem sich eine Tänzerin wie auf dem Sofa räkelt. Ein anderer wickelt sich eine Tänzerin um den Hals. Oberkörper verschmelzen, im Krebsgang bewegt sich ein Paar über die Bühne. Es sind atemberaubende Pas de Deux, die nichts mit bekannten Kontakt-Klischees des klassischen oder modernen Tanzes zu tun haben. Begegnung heißt hier für Momente körperlich und recht akrobatisch im Gleichgewicht, im
Schwebezustand, in Spannung miteinander zu sein. Wie in einem Labor kann man die
Bewegungsabläufe der Paare und ihre „Begegnungs-Skulpturen" studieren.
Frenetischer Jubel des altersgemischten Publikums bei der Premiere, mit der die Kasseler einmal mehr beweisen, dass sie die innovativste Tanz-Compagnie in Hessen sind!

_______HNA [04.12.2017] mehr ...

Reines, radikales Gefühl

Minutenlanger Applaus für Tanztheater „Eternal Prisoner“ im Kasseler Schauspielhaus

Von Maja Yüce

Es sind viele Worte, die einem nach dem tief bewegenden Tanzabend „Eternal Prisoner" am Kasseler Staatstheater einfallen. Kontaktaufnahme. Vereinzelung. Loslassen. Fallen. Einsamkeit. Kälte. Zweisamkeit. Distanz. Wahnsinn. Verzweiflung. Rastlosigkeit. Zweifel. Abwehr. Es geht um das Innere. Reines Gefühl. Gedanken, ausgelöst von einer Radikalität des modernen Tanzes, des Ausdrucks. Sich einfach nur bequem im Theatersessel zurücklehnen und genießen, das funktioniert bei den beiden Inszenierungen von Tanzdirektor Johannes Wieland und Gast-Choreograf Tom Weinberger am Samstagabend im Schauspielhaus nicht. So unterschiedlich die Stücke „You will never be my number one fan“ von Wieland und „Segments on notes“ von Weinberger auch äußerlich sind, so haben sie doch eine gemeinsame Basis: den Aufruhr der Gefühle, innere Zerrissenheit. Liebe (auch zu sich selbst) erweist sich bei ihnen als ein ständiges Zusammenkommen und wieder Auseinandergehen.

Die grelle Welt
Spot an: Eine kleine Bühne auf der großen Bühne. Darauf präsentieren sich die neun Tänzer in Wielands Inszenierung. Eine ekstatische und grelle „Mir-geht’s-gut-Welt“ lassen sie entstehen, sagen ins Glitzermikrofon, dass sie sich frei und großartig fühlen und bewegen sich dazu rabiat und kraftvoll, manchmal wie ferngesteuerte Roboter in beige-roter Einheitskleidung. Und wirken hinter dem schrillen Lachen und unter ihren Perücken doch traurig. Verloren. Gefangen. Tanzen sie nicht zappelnd im Scheinwerferlicht, halten sie sich zum dichten, oft düsteren Sound, im Hintergrund auf. Beobachtend, in der Bewegung innehaltend, aufeinander zielend, kletternd. Tiefe und Widersprüche entstehen: Da strebt der Kopf in eine Richtung, den Körper aber zieht es woanders hin. Staccato-Bewegungen und Slow-Motion-Szenen wechseln. Voller Irrwitz und feinem Humor die Playback-Szene zum Bee-Gees-Klassiker „Islands In The Stream“. Darin geht es um zärtliche Liebe. Was man hört, könnte dem, was man sieht, ferner nicht sein - maskenhafte Distanz.

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Wie war´s? Ausdruckstark und intensiv.
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Die Poesie der Körper
Wieland lässt die Tänzer die Poesie in einer hell beleuchteten und doch dunklen Welt zerlegen, der israelische Gast-Choreograf Weinberger schafft mit ihnen kurz darauf eine Poesie der Körper. Die Spannung geht in dem deutlich kürzeren Stück nie verloren. Besonders eindrucksvoll das schlichte, weiße Bühnenbild. Vereinzelt hängen Glühbirnen herab (Bühne: Momme Röhrbein). Ein Klavier, daran Donato Deliano, der nach und nach einzelne Töne von Johann Sebastian Bach (Partita Nr. 4 BMV 828) und von Matan Daskal anschlägt. Dazwischen: Stille. Jedes Räuspern, jedes Husten im Saal stört die Sinne beim Wahrnehmen. Bewegung, Ausdruck, mimische und gestische Darstellung lassen ganz unterschiedliche, intime Momente der Zweisamkeit entstehen. Pein und Glück. Kraftstrotzende, klammernde, einengende und schüchterne Posen. Barfuß, mit nur zwei Schritten lösen die in Shorts und lässige Hemden (Kostüme: Angelika Rieck) gekleideten Tänzer solche szenischen Spots auf. Machtverhältnisse werden bewusst. Hochsensible, zerbrechliche emotionale Zustände - ausdrucksstark getanzt, mit befreiendem Ende.Minutenlanger, stürmischer Beifall für die Inszenierungen - der bislang wohl längste Premierenapplaus in Wielands zehnjähriger Amtszeit als Tanzdirektor in Kassel.

HNA

  

_______Die deutsche Bühne online [03.12.2017] mehr ...

Zwischen Autismus und Zärtlichkeit

»Zwei künstlerische Handschriften an einem Theaterabend. Das weitet den Blick, den der Künstler, der Tänzer und eben auch der Zuschauer.«, schreibt Juiane Sattler-Iffert. Ihre komplette Rezension lesen Sie auf der Webseite der Deutschen Bühne .