Zum Stück

Pressestimmen zu morgendämmerung (UA)

_______KulturMagazin [01.06.2018] mehr ...

Tanzen, Taumeln, Endzeit

Johannes Wieland und Helder Seabra bringen ihren zweiteiligen Tanztheaterabend in Kasseler Opernhaus

Von Juliane Sattler-Iffert

Der letzte Zeuge. Im Bühnenhintergrund, vor dieser grau mattierten Wand, auf der das Licht changiert, stemmt eine Tänzerin einen Baum in die Höhe. Ein Gerippe, blattlos und knorrig. Zuweilen kann Gotaute Kalmataviciute das Gewicht nicht mehr tragen, der Baum sinkt auf den Boden. Das Ensemble davor jagt wie im Rausch über die Bühne: Rennen, Taumeln, Stampfen, kein Halt. Was hier der Kasseler Choreograf Johannes Wieland im Opernhaus in dem zweiteiligen Tanztheaterabend »Morgendämmerung« zeigt, sind Bilder voller Düsternis. Eine Welt nach dem Zusammenbruch? Die Bedeutung liegt allein im Auge des Betrachters. 
»Stück ohne Titel« nennt Wieland seine bildgewaltige Arbeit, in der er in einem ekstatischen, raumgreifenden Stil von Aufbau und Einsturz, von Neuschaffen und Zusammenbrechen erzählt. An den Seiten der Bühne Berge voller Backsteine und Lehm (Bühne: Matthieu Götz). Die Compagnie, an diesem Abend auf 16 Tänzer aufgestockt, als Baumeister der neuen Zeit: Steine werden geordnet, über die Bühne getragen, zu Zäumen summiert. Podeste werden aufgerichtet, auf denen minutenlang Tänzer stehen, starr und schön. Suchen wir uns neue Götter? Eine neue Welt ist schwer zu finden. Die Tänzer in ihren Alltagskleidern (Kostüme: Evelyn Schönwald) finden sich in endlosen Bewegungsstrudeln zusammen: Menschen im Niemandsland, voller Angst, Aggression, Verzweiflung. 
Stephanie Croussilat (von beeindruckender Präsenz) wird stehend eingemauert, Skulptur und apokalyptische Vision zugleich. Zum Schluss erklingt in der kongenialen Soundcollage von Donato Deliano eine Motette von Thomas Tallis, wunderschön ist diese Musik. Schroff setzt Wieland dagegen Bilder vom Zusammenreißen und Zerstören. Wie es hier dem Ensemble gelingt, Angst und Entsetzen zu tanzen, berührt. 
Im ersten Stück des Abends lässt der von Wieland nach Kassel eingeladene Portugiese Helder Seabra die Compagnie in einer Art Laboratorium tanzen. »Röntgen« nennt er sein Stück, das in einer gespiegelten Weit verortet ist. Große, mit glänzenden Folien bedeckte Einzelwände werden von den Tänzern mal aufgestellt, mal zur Schräge gekippt oder davongetragen. Alles spiegelt sich, alles doppelt sich, was wir sehen sind wir, sind wir genug? Seabras Choreografie umkreist mit einem klar strukturierten Tanzstil die Abwesenheit von Gefühlen in einer digitalisierten Weit. Ein Cyber-Pärchen versucht mit eckigen Bewegungen Nähe und Kommunikation herzustellen (Stephanie Croussilat und Luca Ghedini), die Compagnie in den bläulichen Kostümen findet sich in kraftvollen Bewegungs- Tableaus zusammen. Zuweilen sind alle zur Herzschlagmusik von Stijn Vanmarsenille eine große pulsierende Maschine, jeder einzelne ein Stück davon. Im zweiten Teil setzt der Choreograf das Erwachen der Tänzer dagegen, das Staunen, den Fluss der Entspannung. »Röntgen« ist ein höchst tänzerisches Stück und endet mit einem versöhnlichen Bild: Auf der leeren, dunklen Bühne bewegt sich Getaute Kalmataviciute in selbstvergessenen Bewegungen. Nennen wir es Glück oder Individualität. 

_______Tanz [01.06.2018] mehr ...

Ein zarter Titel für zwei massive und kraftstrotzende Stücke

»Ein zarter Titel für zwei massive und kraftstrotzende Stücke: «morgendämmerung» steht über den Choreografien des Portugiesen Helder Seabra und des Kasseler Tanzchefs Johannes Wieland im Opernhaus. Seabras rund einstündiges «Röntgen» wärmt die Bühne vor, fährt die Energie hoch, obwohl es in spiegelblankem, kühlem Ambiente stattfindet. Dann lässt  Wielands etwa 40-minütiges «stück ohne titel» die Körper rasen und fliegen. Oder sich an Ziegelsteinen abarbeiten, bis die erdfarbenen Brocken nach allen Seiten spritzen.«

Die gesamte Kritik finden Sie in der Juni-Ausgabe »tanz«.

_______Weltexpresso [08.05.2018] mehr ...

Künstliche Intelligenz, Androiden und Endzeitstimmung

Künstliche Intelligenz, Androiden und Endzeitstimmung – auch der Tanzfrühling im Kasseler Staatstheater widmet sich diesen aktuellen Themen. 

Von Hanswerner Kruse

Unter dem vagen Titel „morgendämmerung“ beginnt der zweiteilige Tanzabend, während das Publikum hereinströmt. Zu düsterer, elektronischer Musik winden sich bereits halbnackte Tänzerinnen und Tänzer auf dem Boden der leeren Bühne. Ein Mann hängt kopfunter von der Decke und ruft: „Do I exist?“ (Lebe ich?). Zwei aufrechte Wesen mit zuckenden, roboterhaften Bewegungen begegnen einander zwischen den Liegenden und versuchen unbeholfen, sich zu verständigen und gemeinsam zu bewegen.
Andere Mitglieder des Ensembles schleppen große spiegelnde, halbtransparente Plexiglastafeln auf die Bühne, mit denen sie eigenartige individuelle Tänze oder gemeinsame serielle Polonaisen aufführen. Einmal drapieren sie die Platten zu kleinen Hütten, in die sie die Herumliegenden hineinzerren, die dort drinnen zunächst das Tanzen zu üben scheinen. Durch die spiegelnden Rahmen vervielfachen sich unaufhörlich die Aktionen der Tanzenden. Zunächst wirken Ihre Bewegungen eckig und roboterhaft - im Laufe des Stücks werden sie jedoch zunehmend geschmeidig und menschlicher. Irgendwann geraten die Wesen völlig außer sich, scheinen auszubrechen aus ihrer Programmierung oder Bestimmung, zelebrieren wilde dionysische Tänze.
Es sind spannende, oft auch sehr schöne Tanzbilder, die der Gastchoreograf Helder Seabra mit dem Kasseler Ensemble (verstärkt durch weitere Tänzerinnen, darunter die furiose kahle Performerin Stephanie Crouissilat aus New York) erarbeitet hat. In „Röntgen“, diesem ersten Stück des Abends, bleibt offen, ob Roboter außer Kontrolle geraten sind. Oder ob die Menschen sich endlich aus der Normierung befreit haben und zu ihrer Individualität finden können.
Für die zweite, titellose Choregografie des Intendanten Johannes Wieland, wurde in der Pause die Bühne in ein Trümmerfeld verwandelt. Zwischen Backsteinhaufen tobt das schmuddelig wirkende, eingestaubte Ensemble mit wilden akrobatischen Tänzen, eine Frau schleppt optimistisch einen riesigen verdorrten Baum herein. Es herrscht Chaos, doch immer wieder nehmen die Akteure Ziegel zur Hand, beginnen irgendwo irgendetwas aufzubauen. Dabei geraten sie aneinander, hindern sich beim Aufbau, zerschlagen Steine - und finden sich dann doch wieder zu gemeinsamen Trümmertänzen. Die aufbauenden und zerstörerischen Momente werden aus den fließenden Tänzen heraus kreiert. Mehrmals verwandeln die Tanzenden die Bühne in theatralische Wimmelbilder: Parallel werden Menschen mit Ziegelsteinen bedeckt, andere bauen sich Monumente auf die sie klettern, balancieren auf Klinkern, zerschmeißen das Baumaterial oder kommen rasend schnell zusammen, um lebende Bilder mit Backsteinen zu stellen.
„Du ahnst es nicht und kannst nicht wissen / Du siehst doch nur Einen Haufen zerbrochener Bilder“, hatte die Dramaturgin des Staatstheaters in ihrer Einführung den Lyriker T. S. Eliot zitiert. Man muss zeitgenössische Choreografien mit ihren Tanzbildern – die meist sowieso nichts erzählen wollen – weder rational verstehen noch krampfhaft interpretieren. Das wird auch an diesem Abend in Kassel deutlich: Man sollte ihn als Spiegel unserer Zeit und ästhetisches Erlebnis wahrnehmen, sich einfach darin treiben und berühren lassen.

https://weltexpresso.de/

_______Frankfurter Rundschau [18.04.2018] mehr ...

Sie schlagen und sie trösten sich

»(...) ein Tanzabend mit aufs Furiose setzenden Choreografien«, schreibt Sylvia Staude. Ihre vollständige Rezension finden Sie in der FR online.

_______HNA [16.04.2018] mehr ...

Der Tanz am Abgrund

Tanzabend »morgendämmerung« minutenlang gefeiert
Zwei Choreografien von Helder Seabra und Johannes Wieland zeigen beim Tanzabend im Kasseler Opernhaus den Menschen in Grenzsituationen.

Halbnackte Körper, die sich schweigend auf dem dunklen Boden der großen Bühne des Opernhauses winden. Erst nimmt man sie nicht so recht wahr, noch sitzt das Publikum nicht und doch ist man schon mittendrin in der Inszenierung von Helder Seabra, die zunächst anmutet wie eine Kunstperformance zur documenta. Den Untertitel »RÖNTGEN« hat der portugiesische Gast-Choreograf seinem Stück gegeben. »morgendämmerung“ heißt der Tanzabend mit zwei Stücken – auf Seabra folgt Johannes Wieland, Tanzdirektor des Kasseler Staatstheaters. Beide Inszenierungen werden am Ende einer sehr intensiven Premiere am Samstag bejubelt. Es gibt Bravo-Rufe und für Wielands Tanz zur Endzeitstimmung obendrein minutenlangen Applaus im Stehen.
Es ist ein Abend der starken Bilder, der getanzten Emotionen, der zwar keinen klaren Handlungsfaden hat, aber auch nie beliebig ist. Seabra lässt die Tänzer in ihren blau-grauen Anzügen und Kleidern mit, um und in verspiegelten »Bildschirmen« agieren. Mal gefällt ihnen, was sie darin sehen, mal werden sie davon fast erdrückt. Dazu wummernde Musik, die den dröhnenden, rasenden Herzschlag-Takt vorgibt. Schneller, besser, mehr. Doch was fühlt man in dieser technologisierten Welt der Funktionierenden? Und was, wenn da plötzlich Gefühle sind, der Takt sich ändert – selbst bei Robotern?
Wielands szenische Einfälle sind noch stärker und atmosphärisch etwas dichter: Er lässt die verschmutzt aussehenden Tänzer in Straßenkleidung (Kostüme: Evelyn Schönwald) nach einer Katastrophe mit den am Boden liegenden Ziegelsteinen etwas Neues aufbauen und wieder zerstören. Wie ein Jenga-Turm fällt das Erschaffene immer wieder zusammen. Es wird infrage gestellt, worin man sich gerade noch im gleißenden Scheinwerferlicht (Bühne: Matthieu Götz / Licht: Dirk Thorbrügge) gesonnt hat, um es dann brutal zu zerstören, zu beerdigen und zu betrauern. Doch auch dabei Zweifel. Mehr als nur innere Kämpfe. Beeindruckend und berührend die Soundcollage (Donato Deliano), unter anderem mit Musik von John Cage, Ben Frost und Thomas Tallis, die mit ihrem sakralen, düsteren Muster direkt ins Mark trifft und gefangen nimmt.
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Wie war’s? 
Ein kraftvoller, intensiver Abend mit tollen szenischen Einfällen und starken Bildern. 
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Wieland und Seabra konnten vermutlich gar nicht anders, als Gast-Tänzerin Stephanie Crousillat mit ihrer enormen Präsenz ins Zentrum ihrer Stücke zu setzen. Eine markante, glatzköpfige Tänzerin, deren Bewegungen und Ausdruck ebenso expressiv wie seelenvoll sind. Die aus New York stammende Performerin, die bereits mit Madonna und den Red Hot Chili Peppers gearbeitet hat, verkörpert den Cyborg, das Mensch-Maschine-Wesen, ebenso ausdrucksstark wie die am Abgrund stehende Person in Wielands Stück. Und: Insbesondere Sebastian Zuber, Safet Mistele und Shafiki Sseggayi holen mit ihren Armen und Beinen stets die Extra-Zentimeter an Streckung und Extra-Zehntelsekunden an Verzögerung heraus, um die Dramatik zu steigern.
Obwohl beide Choreografen unabhängig voneinander gearbeitet haben, gibt es erstaunlich viele Parallelen. Bei Seabra geht es um künstliches Leben, den Verlust und die (Wieder-) Entdeckung von Gefühlen und bei Wieland um Neuanfang, den Versuch, ein soziales Gefüge zu schaffen und das Scheitern (an sich selbst). Was die Inszenierungen eint: Funktionieren. Perfektionismus. Optimierungswahn. Selbstwahrnehmung und -zerstörung. Nicht zuletzt auch ihre kraftvolle und eindringliche Bewegungssprache. Sie ist ausholend, leicht gebrochen und detailreich. Seabra und Wieland gelingt ein dichter, szenischer Zugriff. Dem man aber nicht immer bis in jedes Detail folgen kann: Jeder Mensch, jeder Cyborg hat seine Geschichte – und es gibt viele von ihnen.

HNA