Zum Stück

Pressestimmen zu Die Präsidentinnen

_______Kulturmagazin 1-18 [05.04.2018] mehr ...

Das Derbe und das Traurige

Martin Schulze inszeniert Die Präsidentinnen des früh gestorbenen Werner Schwab im tif mit viel Tiefgang

Am Anfang ist das Bühnenbild. Fast raumhohe Puppen mit großen Kulleraugen, auf dem Boden sitzend mit weit gespreizten Beinen. Ihre niedlichen Kleidchen, rose, blau, gelb, wellen sich um sie herum. Weit genug ist der Stoff, um sich darin zu verstecken und später daraus hervor zu kriechen wie aus einem offenen Schoß. Die drei Frauen tun das und stehen dann, wie gepost an den Puppen, zum Anfang bereit. Bereit für ihr großes Wohnküchengeplapper, ihr Weibergewäsch, all das , was sie sich gegenseitig um die Ohren hauen werden, derb und schrill und bös und ja, auch sehnsüchtig. Am Schluss fliehen die Erna, die Grete und das Mariedl vor der Wiederholung ihres eigenen Geschwätzes, das gemein aus den ach, so lieben Puppen kommt, von der Bühne. Türe zu. Aus.

Nein, keine herunter gekommene Putzfrauenwohnung - am Kasseler tif spielt man das 27 Jahre alte Fäkalien-Drama des früh gestorbenen anarchisch-genialischen Werner Schwab „Die Präsidentinnen“ über die Lebenslügenrealitäten von drei Frauen in den Riesengroßen Über-Ich Puppen von Ulrike Obermüller (Bühne und Kostüme), eine vieldeutig-gelungene Bildfindung ist das. Regisseur Martin Schulze hält sich bei seiner Inszenierung dann auch klug zurück: So kann die Sprache des handlungsarmen Stückes wirken, ist es großes Schauspielerinnen-Theater, was wir zu sehen bekommen, wenn die drei sich ihre Wunden lecken, die ihnen das Leben geschlagen hat. Immerhin hat sich die strenge Erna mit dem Gehstock und der Pelzhaube auf dem Kopf ( Christina Weiser) jetzt einen Farbfernsehr geleistet und feiert das mit ihren Kolleginnen: Der herrlich mit Ketten und goldblondem Toupet aufgemotzten Grete (Eva- Maria Keller) und der kindlich naiven, fast ein wenig zurückgebliebenen Mariele in dem zerlöcherten Hemdchen (Michaela Klamminger).

Wird zunächst von Grete und Erna über die Abwesenheit der Kinder geklagt, sind es schließlich die Sehnsuchts-Fantasien der drei auf einem Volksfest, die im Mittelpunkt stehen. Den Schauspielerinnen dabei zuzusehen, wie sie sich in diesem barocken Text, dieser irrren Mischung aus derber und gekünstelter Sprache, immer mehr steigern, wie sie ihre Tagträume ausleben, ist reinste Freude. Da ist Ernas salbungsvolles Sehnen, ihre verklemmte Freude, wenn sie sich mit ihrem keuschen Verehrer, dem Wurstverkäufer Wojtyla-Kurt eine Wurscht-Semmel gönnt. Christina Weiser spielt das ganz eng und ganz traurig. Das ist eine, die sich ein Leben lang belügt. Eva-Maria Keller gibt ihre Grete grob und schrill mit einem hundsgemeinen Blick und immer bereiten Gewaltphantasien. Eine aufgetakelte Spießerin, die sich den Tuba-Spieler Fredi herbeisehnt und ihn gleich zum Gutsherren vergrößert. Weil das Leben Höheres mit ihr vorhat.

Und dann ist da noch das Mariedl. Michaela Klamminger spielt sie mit großer Brillanz: Das naive Mädchen mit dem kleinen Geist und der großen Demut, besonders dann, wenn es darum geht, verstopfte Aborte wieder zum Fließen zu bringen. Von allen geliebt wünscht sie sich, weil sie das ohne Gummihandschuhe macht. Wenn die Klamminger dann, auf einem Hocker stehend, ihre heilige Jeanne D`Arc der Toiletten entwickelt, eine triumphierende Märtyrerin, bereit zum finalen Ave Maria, wenn sie die Illusionen von Grete und Erna kaputt macht und später von ihnen kaputt gemacht wird, ist das sicher der größte, sicher der anrührendste Moment dieses Abends. Aus dem provokanten Trash der frühen Schwab-Jahre sind jetzt „Die Präsidentinnen“ auf einem ganz anderen Theater-Feld angekommen: Komödiantisches als subtile Hinführung zu einer wirklich traurigen Geschichte. Stürmischer Applaus zur Premiere. Juliane Sattler-Iffert

 

_______hr2 Kultur [21.11.2017] mehr ...

Frühkritik

»Ein sehr gelungener Abend«  meint Andreas Wicke in seiner Frühkritik.
Die gesamte Kritik können Sie hier nachhören: hr2 Kultur

_______HNA [20.11.2017] mehr ...

Heilige Unterschicht

Werner Schwabs "Die Präsidentinnen" im Kasseler tif
Von Johannes Mundry

Was noch vor 27 Jahren bei der Uraufführung heftige Reaktionen erzeugte, ist heute fast zum Lustspiel mutiert. Werner Schwabs Dreifrauenstück „Die Präsidentinnen“ hatte am Freitagabend auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters, im fast vollen Tif, Premiere, und man amüsierte sich prächtig. Die drei Damen Erna, Grete und Mariedl sitzen beisammen und schwadronieren über das Leben im Allgemeinen und Besonderen. Mehr und mehr steigern sie sich mithilfe der fein ziselierten Sprache des Österreichers, der sich an Silvester 1993 mit 4,1 Promille zu Tode gesoffen hat, in einen Rausch hinein. Die bescheidene Wirklichkeit weicht einer strahlenden Fantasie: Erna und ihr stattlicher polnischer Fleischer Wottila (!), Grete und Freddi, das Mannsbild aus der Blaskapelle, und Mariedl, die zwar keine Erfolge bei den Männern vorzubringen hat, aber beim Reinigen der verstopfen Aborte auf dem Volksfest reüssiert und dabei zu einer Heiligen der Kloschüssel wird. Unverzichtbar spielt Religiöses hinein. Ein Leitmotiv ist der Mensch als Produzent von „Stuhl“. Verdauung als Vorsehung. Der Redeschwall der Damen endet schließlich mit dem gewaltsamen Tod Mariedls. Und alles fängt von vorne an. Vom Band hört man wieder den Anfang des Dramas.
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Wie war´s? Überzeugt mit viel Tiefgang und Witz.
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Martin Schulze hat auf ein Bühnenbild weitgehend verzichtet. Einzig drei überlebensgroße Puppen sind die Heimstätte und Rückzugsort der schrägen Grazien, die in primitiven Kleidern stecken (Bühne/Kostüme: Ulrike Obermüller). Was im Stück überzeugt, ist die unantastbare Würde des Trios. Die Neuinszenierung stellt sie an keiner Stelle bloß, sodass keine Gefahr aufkam. Klamauk war nicht beabsichtigt, Tiefgang zweifellos da, auch wenn das entspannte Premierenpublikum viel und auch an unerwarteten Stellen lachte. Zum Ernst des Ansatzes trugen hauptsächlich die Schauspielerinnen des Abends bei: Christina Weiser als Erna, Eva-Maria Keller als Grete und Michaela Klamminger als Mariedl. Jede erspielte sich ihr ganz eigenes Profil, sprach und agierte unverwechselbar. Theater der feinen Sorte.

HNA