dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen

Stückentwicklung
WIEDERAUFNAHME   14. September 2018 | tif
Dauer 1 Stunde 45 Minuten
tif – Theater im Fridericianum
Do 22 Nov

Endlich hat die Menschheit sich durchgerungen. Die Probleme der Welt sind gelöst. Ernsthaft. Kein Hintertürchen. Alles ist wunderbar. Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die alle Antworten gefunden hat? Gibt es ein großes, allgemeines Glück, das keinen Preis hat?
20:15 — 22:00 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel
Sa 01 Dez

Endlich hat die Menschheit sich durchgerungen. Die Probleme der Welt sind gelöst. Ernsthaft. Kein Hintertürchen. Alles ist wunderbar. Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die alle Antworten gefunden hat? Gibt es ein großes, allgemeines Glück, das keinen Preis hat?
20:15 — 22:00 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel
Fr 21 Dez

Endlich hat die Menschheit sich durchgerungen. Die Probleme der Welt sind gelöst. Ernsthaft. Kein Hintertürchen. Alles ist wunderbar. Wie lebt es sich in einer Gesellschaft, die alle Antworten gefunden hat? Gibt es ein großes, allgemeines Glück, das keinen Preis hat?
20:15 — 22:00 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel

Inhalt
»Dinge gehen vor im Mond,
die das Kalb selbst nicht gewohnt!«

Christian Morgenstern hatte ja so recht! Oh ja, der Mond, der so sanft und silbern ganze Generationen mondsüchtiger Dichter in Poesie ausbrechen ließ, er hat wirklich eine dunkle Seite. Deshalb ist er dem Menschen so viel ähnlicher als die Sonne, dieser hitzige Dauerbrenner.

Was gehen aber Dinge vor im Mond, die sogar die Mondkälber nicht gewohnt sind? Ganz klar, ein lunanautisches Experiment. Eine Kolonie. Eine Mondsstation. In den dunkel glänzenden Ebenen zwischen den Mondalpen und dem Mare Ingenii (das Meer der Begabung, wo sonst!) haben sich Schauspielerinnen und Schauspieler eingerichtet! Von wegen, guter Mond, du gehst so stille!
Sie haben sich entschieden, das Theater abzuschaffen und hier, in der Inspirations-Kammer des Erdtrabanten, erforschen sie die Möglichkeit einer Utopie jenseits des klassischen Bühnenwesens. Bewaffnet mit der Urne mit Schillers Asche, einem Rettungsring der Diskurse und der völligen Hingabe an das Projekt Utopia. Utopia, der Nochnicht-Ort. Der Horizont ungeahnter zivilisatorischer Weiten. Die Freiheit der Kunst von der Kunst.

Was ist utopisch? Brauchen wir Utopien? Sind Utopien bestenfalls Hirngespinste, schlimmstenfalls Orwellsche Monstrosität? Kann eine ideale Gesellschaft sich durchsetzen und wenn ja, etwa auch mit Gewalt, und ist sie dann überhaupt noch eben dies: utopisch? Ist das Theater nicht selbst eine Metapher für das Utopische: das Arbeiten und Entwickeln einer anderen Welt – aber wieweit ist diese freiheitliche Produktion von Kunst nur eine Illusion, die ihre Freiheit nur simuliert, um nicht wahnsinnig zu werden?
Und was, wenn Wahnsinn der Preis ist – ist nicht das schönere Wort für Psychopathen eben dies: lunatics?Im welchem Stadium unsere postmodernen Mondsüchtigen nach einer komprimierten Ewigkeit sich befinden – ob die Suche nach der Wahrheit jenseits des Realismus eigentlich genau wieder dahin führt: in eine Sehnsucht nach dem Realen, das nicht wie ein f***cking anything goes jeden Sinn und Zweck ironisch zersägt – und was für private Utopien in diesem Lunapark ausgebrütet wurden – und wer überhaupt Sie sind, lieber Leser, lieber potentieller Zuschauer… denn ein Publikum ist logischerweise auch abgeschafft worden, wenn das Theater als solches nicht mehr existiert …

Warten Sie nicht auf die Deutsche Bahn. Reise Sie gleich und direkt. Zum Mond.
Pressestimmen
HNA, Andreas Gebhardt
Farce, Komödie Groteske, Burleske, Agitprop, Aktionstheater, Schauspiel, Drama, Komödie, Sprechtheater? Ja, alles! Nein nichts!
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28. Juni 2018
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HNA  28. Juni 2018
Farce, Komödie Groteske, Burleske, Agitprop, Aktionstheater, Schauspiel, Drama, Komödie, Sprechtheater? Ja, alles! Nein nichts!
VERSCHÄRFTE UTOPIE-SUPPE

Theater mit großen Menschheitsfragen und einer Utopie-Suppe

Das von Philipp Rosendahl inszenierte Theaterstück »dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen« feierte am Freitag Premiere. Eine Kritik.  

Mittendrin gehen alle Zuschauer kurz raus: Man darf zum Beispiel zusehen, wie Rahel Weiss Utopie-Suppe im Foyer kocht. Zutaten: Ein Schuss Wahnsinn, etwas Potenz, aber auch ganz viel Liebe, Vertrauen, Verstand und Hoffnung. Schnell wird geschnippelt und gerührt. Alle dürfen kosten. Gar nicht schlecht, vielleicht ein Tick zu scharf. Nebenan kann man ein »Selfie des Herzens« schießen oder im »Utopiefahrstuhl« rauf- und runterfahren.
Farce, Komödie Groteske, Burleske, Agitprop, Aktionstheater, Schauspiel, Drama, Komödie, Sprechtheater? Ja, alles! Nein nichts! Das von Philipp Rosendahl inszenierte Stück »dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen« nennt sich »Stückentwicklung«. Was soll das sein? Sicher etwas Unfertiges, etwas, das im Entstehen begriffen ist. Verhandelt werden die großen Menschheitsfragen, mit weniger gibt man sich nicht zufrieden. Man will nicht bescheiden sein 50 Jahre nach 1968, als alles infrage gestellt wurde, man zu neuen Ufern aufbrach und doch irgendwie an den Realitäten des real existierenden Kapitalismus oder Sozialismus scheiterte oder sich wohlig darin einrichtete – je nachdem. Woher kommen wir, wohin gehen wir und worin liegt der Sinn des Lebens?
Sphärenklänge, Techno-Sounds, Stroboskopgeflacker. Im Bühnenraum steht eine Art Kapsel mit abgeschrägten Wänden, seltsamen Griffen und eingelassenen Klapptüren. Das Ding erinnert an Stanley Kubricks Raumschiff aus »2001: Odyssee im Weltraum«. Oder ist das ein Käfig? Oder ein Unterseeboot, eine Raum-Zeit-Kapsel, eine interstellare Disco oder einfach nur die Kulisse in einem Theater namens Tif? Dahinter eine Art Wohnzimmer, das nur durch Videoübertragung auf einer Leinwand zu sehen ist.
Und wer sind überhaupt die Personen? Eva-Maria Keller, Rahel Weiss, Enrique Keil, Artur Spannagel Uwe Steinbruch und Lukas Umlauft, alle sehr apart in 70er-Jahre-Nyltest-Klamotten gewandet (Bühne und Kostüme: Katharina Faltner). Sind sie Rollen spielende Schauspieler oder »reale« Figuren? »Wir haben uns abgeschafft. Das Theater braucht uns nicht mehr«, heißt es. Und trotzdem ist das alles Theater, sehr lustiges und manchmal ergreifendes. Wie die Widersprüche auflösen? Und wer sind »Wir« überhaupt. Ja, auch wir, die Zuschauer.
Moderne, Postmoderne, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Utopien, Träume. Da kann einem schwindlig werden. Verwirrung in den Hirnen zu stiften, ist das Ziel dieser Stückentwicklung, deren dichte Textfläche Fragen aufwirft und sich allen Antworten verweigert. Es gibt ja keine Antworten. Man geht nach Hause und das Hirn ist leer oder übervoll – je nachdem!
Andreas Gebhardt