/

Die Präsidentinnen

Werner Schwab
WIEDERAUFNAHME 30. November 2018 | tif
Dauer 1 Stunde 35 Minuten
tif – Theater im Fridericianum
zum letzten Mal
So 24 Mär

Schwab beschreibt mit der ihm eigenen groben Zärtlichkeit drei Wesen, die gesellschaftlich beschädigt sind, und die darum ringen, sich durch ihre Sprache in ihrer kleinen Welt zu behaupten: Königinnen ihrer Defekte, Herrscherinnen ihrer Fantasiereiche.
20:15 — 21:50 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel

Inhalt
Die schlechten Elemente wachsen auch sofort in die Überzahl hinein, wenn man etwas besseres geworden ist. Da wird man viele starke Wachorgane brauchen in dem neuen Leben.
Erna, Grete und Mariedl, drei Frauen unterschiedlichen Alters, treffen sich in Ernas Wohnküche. Weit davon entfernt, ihre Ressentiments als Mangel zu begreifen, sind sie vielmehr davon überzeugt, dass das, was sie sprachlich erfinden, die Welt ist. Wer wäre davor gefeit? Während die drei in einer ersten Runde ihre gegenwärtigen Leben vergleichen, sich argwöhnisch messen, die Schwere ihres Unglücks und die Stärke ihrer religiösen Überzeugungen in die Waagschale werfen, verwandelt sich in einer zweiten Runde die beengte kleinbürgerliche Idylle zunehmend in ein jahrmarktseliges Land der Träume: Das Gespräch der drei selbsternannten Königinnen entfaltet Wunschphantasien, die den Bezug zur Wirklichkeit völlig verloren haben. Erna findet sich mit tief religiösem Traummann an ihrer Seite in einem Hort der Wohlanständigkeit wieder, Grete erfüllt sich alle sexuellen Phantasien, die sie umtreiben und die jüngste, Mariedl, redet sich eine Welt herbei, in der sie endlich wirklich nützlich sein wird: wenn nämlich beim Dorffest auf einmal die Klos verstopft sind und ihre beherzte Expertise gefragt ist.

Werner Schwab beschreibt mit der ihm eigenen groben Zärtlichkeit drei Wesen, die gesellschaftlich beschädigt sind, und die verzweifelt und komisch darum ringen, sich durch ihre Sprache in ihrer kleinen Welt zu behaupten: Königinnen ihrer Defekte, Herrscherinnen ihrer Phantasiereiche.

Die Präsidentinnen ist das erste von Schwabs »Fäkaliendramen«. Zu dessen Titel vermerkt der Autor: »Das sind Leute, die glauben, alles zu wissen, über alle zu bestimmen. Eine Form von Größenwahn. Ich stamme aus einer Präsidentinnen-Familie.«
Pressestimmen
HNA, Johannes Mundry
Jede erspielte sich ihr ganz eigenes Profil, sprach und agierte unverwechselbar. Theater der feinen Sorte.
Mehr lesen
20. November 2017
Kulturmagazin, Juliane Sattler-Iffert
Aus dem provokanten Trash der frühen Schwab-Jahre sind jetzt „Die Präsidentinnen“ auf einem ganz anderen Theater-Feld angekommen: Komödiantisches als subtile Hinführung zu einer wirklich traurigen Geschichte. Stürmischer Applaus zur Premiere.
mehr lesen
Januar 2018
Vollbildansicht
schließen
Kulturmagazin  Januar 2018

Martin Schulze inszeniert „Die Präsidentinnen“ des früh gestorbenen Werner Schwab im tif mit viel Tiefgang
Das Derbe und das Traurige

Aus dem provokanten Trash der frühen Schwab-Jahre sind jetzt „Die Präsidentinnen“ auf einem ganz anderen Theater-Feld angekommen: Komödiantisches als subtile Hinführung zu einer wirklich traurigen Geschichte. Stürmischer Applaus zur Premiere.
Martin Schulze inszeniert „Die Präsidentinnen“ des früh gestorbenen Werner Schwab im tif mit viel Tiefgang

Das Derbe und das Traurige

Am Anfang ist das Bühnenbild. Fast raumhohe Puppen mit großen Kulleraugen, auf dem Boden sitzend mit weit gespreizten Beinen. Ihre niedlichen Kleidchen, rose, blau, gelb, wellen sich um sie herum. Weit genug ist der Stoff, um sich darin zu verstecken und später daraus hervor zu kriechen wie aus einem offenen Schoß. Die drei Frauen tun das und stehen dann, wie gepost an den Puppen, zum Anfang bereit. Bereit für ihr großes Wohnküchengeplapper, ihr Weibergewäsch, all das , was sie sich gegenseitig um die Ohren hauen werden, derb und schrill und bös und ja, auch sehnsüchtig. Am Schluss fliehen die Erna, die Grete und das Mariedl vor der Wiederholung ihres eigenen Geschwätzes, das gemein aus den ach, so lieben Puppen kommt, von der Bühne. Türe zu. Aus.

Nein, keine herunter gekommene Putzfrauenwohnung - am Kasseler tif spielt man das 27 Jahre alte Fäkalien-Drama des früh gestorbenen anarchisch-genialischen Werner Schwab „Die Präsidentinnen“ über die Lebenslügenrealitäten von drei Frauen in den Riesengroßen Über-Ich Puppen von Ulrike Obermüller (Bühne und Kostüme), eine vieldeutig-gelungene Bildfindung ist das. Regisseur Martin Schulze hält sich bei seiner Inszenierung dann auch klug zurück: So kann die Sprache des handlungsarmen Stückes wirken, ist es großes Schauspielerinnen-Theater, was wir zu sehen bekommen, wenn die drei sich ihre Wunden lecken, die ihnen das Leben geschlagen hat. Immerhin hat sich die strenge Erna mit dem Gehstock und der Pelzhaube auf dem Kopf (Christina Weiser) jetzt einen Farbfernseher geleistet und feiert das mit ihren Kolleginnen: Der herrlich mit Ketten und goldblondem Toupet aufgemotzten Grete (Eva- Maria Keller) und der kindlich naiven, fast ein wenig zurückgebliebenen Mariele in dem zerlöcherten Hemdchen (Michaela Klamminger).

Wird zunächst von Grete und Erna über die Abwesenheit der Kinder geklagt, sind es schließlich die Sehnsuchts-Fantasien der drei auf einem Volksfest, die im Mittelpunkt stehen. Den Schauspielerinnen dabei zuzusehen, wie sie sich in diesem barocken Text, dieser irren Mischung aus derber und gekünstelter Sprache, immer mehr steigern, wie sie ihre Tagträume ausleben, ist reinste Freude. Da ist Ernas salbungsvolles Sehnen, ihre verklemmte Freude, wenn sie sich mit ihrem keuschen Verehrer, dem Wurstverkäufer Wojtyla-Kurt eine Wurscht-Semmel gönnt. Christina Weiser spielt das ganz eng und ganz traurig. Das ist eine, die sich ein Leben lang belügt. Eva-Maria Keller gibt ihre Grete grob und schrill mit einem hundsgemeinen Blick und immer bereiten Gewaltphantasien. Eine aufgetakelte Spießerin, die sich den Tuba-Spieler Fredi herbeisehnt und ihn gleich zum Gutsherren vergrößert. Weil das Leben Höheres mit ihr vorhat.

Und dann ist da noch das Mariedl. Michaela Klamminger spielt sie mit großer Brillanz: Das naive Mädchen mit dem kleinen Geist und der großen Demut, besonders dann, wenn es darum geht, verstopfte Aborte wieder zum Fließen zu bringen. Von allen geliebt wünscht sie sich, weil sie das ohne Gummihandschuhe macht. Wenn die Klamminger dann, auf einem Hocker stehend, ihre heilige Jeanne D`Arc der Toiletten entwickelt, eine triumphierende Märtyrerin, bereit zum finalen Ave Maria, wenn sie die Illusionen von Grete und Erna kaputt macht und später von ihnen kaputt gemacht wird, ist das sicher der größte, sicher der anrührendste Moment dieses Abends. Aus dem provokanten Trash der frühen Schwab-Jahre sind jetzt „Die Präsidentinnen“ auf einem ganz anderen Theater-Feld angekommen: Komödiantisches als subtile Hinführung zu einer wirklich traurigen Geschichte. Stürmischer Applaus zur Premiere.
Juliane Sattler-Iffert