Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

Jens Raschke
WIEDERAUFNAHME 20. September 2018
Dauer 1 Stunde 15 Minuten
Alter Für alle ab 11 Jahren
tif – Theater im Fridericianum
Fr 02 Nov

In einen Zoo besonderer Art zieht ein Bär ein. Trotz Warnungen stellt er unbequeme Fragen nach den Zebrawesen auf der anderen Seite des Zauns. Ein poetisches Stück zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.
18:00 — 19:15 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel
Sa 29 Dez

In einen Zoo besonderer Art zieht ein Bär ein. Trotz Warnungen stellt er unbequeme Fragen nach den Zebrawesen auf der anderen Seite des Zauns. Ein poetisches Stück zum dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte.
19:30 — 20:45 Uhr
http://www.staatstheater-kassel.de/ Staatstheater Kassel Friedrichsplatz 15, 34117 Kassel

Inhalt
Vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit wirklich an alles.
Nachdem in einem kleinen Zoo das Nashorn unter seltsamen Umständen starb, zieht ein Bär aus Sibirien in das wohlgeordnete Leben von Papa Pavian, Herrn Mufflon und dem Murmeltiermädchen ein. Doch die unangenehmen Fragen, die er stellt, über das Leben und die seltsamen Bewohner auf der anderen Seite des Zauns, »dünn wie Winterzweige, gestreift wie Zebras, aber zweibeinig. Sehen aus wie der Tod, diese Zebrawesen«, bringen Unruhe in die bisher gut geordnete zoologische Gemeinde. Und dazu dieser üble Gestank aus dem benachbarten Schornstein! Der pelzige Neuzugang fasst einen folgenschweren Entschluss …

Was sah das Nashorn, als es auf die andere Seite des Zauns schaute? Und was tat es, als es sah, was es sah? Was sehen wir, wenn wir auf die andere Seite des Zauns schauen? Und was tun wir, wenn wir sehen, dass auf der anderen Seite des Zauns Unmenschliches geschieht? In Jens Raschkes brisanter Geschichte schauen die fiktiven Tiere des nicht-fiktiven, historisch real verbrieften »Zoologischen Gartens Buchenwald« über den Zaun des angrenzenden Konzentrationslagers und erblicken, was die Gestiefelten den Gestreiften antun. Was das Nashorn sah … ist ein notwendiger Blick auf die andere Seite einer »Einfriedung«, ein poetisches Plädoyer für Zivilcourage und den daraus resultierenden Konsequenzen – ein Stück über die Entscheidung, Zuschauer zu bleiben oder nicht. 

Das Stück wurde in diesem Jahr für die »Kinder-Stücke« der 41. Mülheimer Theatertage nominiert und erhielt 2014 die Auszeichnung mit dem Deutschen Kindertheaterpreis.
Pädagogische Angebote
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Pressestimmen
HNA, Maik Dessauer
Die ausverkaufte und umjubelte Premiere am Sonntagnachmittag im Tif zeigte: Dem Regisseur und seinen vier Darstellern gelingt es, mit der Kraft der Sprache albtraumhaft Zeitgeschichte in die Köpfe der Zuschauer zu projizieren.
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28. März 2017
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HNA  28. März 2017

Tiere, die auf Nazis starren

Die ausverkaufte und umjubelte Premiere am Sonntagnachmittag im Tif zeigte: Dem Regisseur und seinen vier Darstellern gelingt es, mit der Kraft der Sprache albtraumhaft Zeitgeschichte in die Köpfe der Zuschauer zu projizieren.
Das Grauen im KZ Buchenwald, beobachtet und erzählt von den Tieren des lagereigenen Zoos – das ist die außergewöhnliche Prämisse von Jens Raschkes „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“.

2014 wurde das Stück mit dem Deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Philipp Rosendahl hat es am Jungen Staatstheater in Kassel für Kinder ab elf Jahren inszeniert. Die ausverkaufte und umjubelte Premiere am Sonntagnachmittag im Tif zeigte: Dem Regisseur und seinen vier Darstellern gelingt es, mit der Kraft der Sprache albtraumhaft Zeitgeschichte in die Köpfe der Zuschauer zu projizieren.

Allerdings eher in die der Erwachsenen. Zu kompliziert ist der erzählerische Einstieg, um die kindliche Fantasie zu stimulieren. Das wurde deutlich, als in den schwungvoll-heiteren Anfangsminuten nur die erwachsenen Zuschauer lachten.
Trotzdem: Die Inszenierung ist ein stark gespieltes Plädoyer für Zivilcourage und gegen das Vergessen, und nicht zuletzt dafür, den Blick vor Unrecht nicht zu verschließen.

Wie war's?
Düster, originell und beunruhigend wichtig

Die Zoobewohner sind Papa Pavian (herrlich affig mit King-Louie-Attitüde: Artur Spannagel), das Murmeltiermädchen (unfassbar niedlich: Rahel Weiss), Herr Mufflon (mimisch herausragend: Marius Bistritzky) und der Bär aus Sibirien (Caroline Dietrich als stoisch-skeptischer Gegenpol zum überdrehten Rest). Der Bär ersetzt das Nashorn, das zu neugierig wurde und eines Nachts verschwand. Auch der Neue beginnt bald unangenehme Fragen über die „merkwürdigen Zebrawesen auf der anderen Seite des Zauns“ und den üblen Gestank aus dem Schornstein zu stellen. In weiten Teilen wird die Handlung nicht gezeigt, sondern erzählt. Das hat etwas von einem szenisch dargestellten Hörspiel. Gerade in der schaurigen Albtraumsequenz, in der ein verbrannter Junge mit seinem Finger, „der nur noch ein Stück Kohle ist“, das Wort „Familie“ schreibt, wird deutlich, wie hervorragend Regie und Ensemble Raschkes Text erfasst haben.

Im Zentrum steht die Frage: Schweigen oder sprechen, wenn Unschuldige zu Opfern werden? Eines der Tiere findet nach langem Zweifeln eine klare Antwort und macht dadurch deutlich, dass sich niemand seiner Verantwortung entziehen kann.

Das Spielfeld, auf dem diese düstere Geschichte erzählt wird, ist ein schmaler Kunstrasenstreifen, den die Darsteller (fast) nie verlassen. Brigitte Schimas zweidimensionale Bühne funktioniert als Schaukasten und Laufsteg und lenkt den Fokus voll auf die Darsteller.

Der Raum dahinter liegt im Dunkeln. Dort und auf den Zuschauerrängen befindet sich „die andere Seite“, die Parallelgesellschaft, in der „die Gestiefelten“ das Sagen haben und wo „die Gestreiften“ nichts wert sind.
Maik Dessauer