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Pressestimmen
01.02.2010
Orlando, Opernwelt
Kassel, Händel: Orlando
Idylle in Schwarz und Grau
von Johannes Mundry
Die Spielzeit am Staatstheater Kassel begann diesmal ohne die üblichen Hits. Im September stellte Gabriele Rech Puccinis „Manon Lescaut“ in düstere Seelenräume, die von GMD Patrik Ringborg musikalisch farbenreich ausgemalt wurden. Fünf Wochen später wurde die (leider nur) konzertante Aufführung von Louis Spohrs „Jessonda“ zum Höhepunkt des Gedenkjahrs an den Komponisten, der sein halbes Leben in Kassel verbrachte. In seiner ersten Oper für das Hoftheater er sich als origineller Melodiker und Instrumentationskenner, auch wenn das letzte dramatische Moment oft fehlt.
„Orlando“ ist seit langer Zeit die erste Händel-Oper am Staatstheater. (In der vergangenen Spielzeit gab es immerhin das Oratorium „Hercules“ szenisch.) Das Experiment gelang über weite Strecken, auch wenn Marco Comin das auf modernen Instrumenten „historisch informiert“ spielende Orchester bremste, Händel ins Idyllische zog, Affekte verniedlichte. Hörenswert war das Quartett der Hauptrollen, das ohne Gastengagements auskam. Die vier Frauen und Igor Durlovski als Zoroastro mit seinem schlanken Bass hielten ein einheitliches Niveau: Inna Kalinina stattete den Titelhelden mit einem tieftraurigen Alttimbre aus; Maren Engelhardt hauchte Medoro mit einer zwar nicht übermäßig wandlungsreichen, doch treffsicheren Leistung Leben ein; Ingrid Frøseth gab den Backfisch Dorinda frisch mit perlenden Koloraturen. Nina Bernsteiner als Angelica war ihr noch ein Stück voraus. Was die junge Österreicherin bot, die bislang nur als Amazili in „Jessonda“ auf der Kasseler Bühne zu hören war (und schon da auftrumpfte), hatte exquisites Format, verband sie doch Lyrisches und Dramatisches in schönster Weise.
Regisseur Volker Schmalöer verzichtet darauf, die merkwürdigen Verwicklungen in Händels Meisteroper zu „aktualisieren“. Zoroastro veranstaltet ein Experiment: Er lässt seine Geschöpfe auseinander los, lässt sie ihr Geschlecht finden, in Beziehung zueinander treten. Aus der androgynen Ursuppe entwickeln sich Männer und Frauen aus Fleisch und Blut, die – was sich der Zauberer nicht ausgemalt hat – Gefühle entwickeln und das nicht zu knapp. In einem kargen Bühnenkasten spielt sich das ab – abstrakt, kalt und farblos. So ist der Wald, worin die kleine Dorinda der Nachtigall ihr Leid klagt, nur ein Gestrüpp aus schwarzen Tauen. Der Gefühls-GAU des Experiments findet in schwarzen, grauen und braunen Bühnenfarben seinen Reflex. Schönheit gibt es nur in der Musik.
14.01.2010
Orlando,Thüringer Allgemeine
Kassel: Liebe und Liebeswahn
Im Staatstheater Kassel lässt sich der Regisseur Volker Schmalöer bei Händels Oper "Orlando" lustvoll von einem Szeneneinfall in den nächsten treiben. Er folgt darin der Nummernfolge der opera seria, aber Geschlossenheit und innere Logik wollen sich dabei nicht eigentlich einstellen.
Wolfgang Wicht
Die Vier-Personen-Konstellation von Händels "Zauberoper" aus dem Jahre 1733 umfasst zwei Liebende und zwei Verschmähte. Angelica und Medoro lieben sich, und ihre Liebe ist ein vom Zauberer Zoroastro geschützter Raum. Die Schäferin Dorinda wiederum liebt Medoro auch und muss sich mit ihrer Chancenlosigkeit mühsam abfinden. Der kampferprobte Ritter Orlando aber liebt Angelica, die ihn kühl abblitzen lässt, woraufhin er in irren Liebeswahn verfällt und das Paar töten will. Im richtigen Moment ist dann Zoroastro mit seinem leuchtenden langen Zauberstab zur Stelle, um das Schlimmste zu verhüten und Orlando von seinem Wahn zu heilen.
Volker Schmalöer nimmt in Kassel die dünne Geschichte, wie sie ist. Er bietet sie zeitlos und ortlos in einem von hohen hellen Wänden umstellten Raum mit zwei Sofas und drei Sesseln, alle in weiß gehalten (Bühne: Etienne Pluss). Neckische Einzeleinfälle haben guten Unterhaltungswert. Im Ganzen aber: Ernst, Scherz und keine tiefere Bedeutung.
Wichtiger ist bei Händel ohnehin das Musikalische. Inna Kalinina bewältigte den stimmlich extrem tief liegenden und dabei koloraturreichen Part des Orlando überzeugend, auch wenn man sich mit mehr Stimmenvolumen und eine nuanciertere Charakterisierung der Figur durch den Regisseur gewünscht hätte. Nina Bernstein (Angelica) merkte man mangelnde Erfahrung im Barockgesang an. Igor Durlovski gab dem Zoroastro mit der profunden Strahlkraft seines Basses Dominanz, während Maren Engelhardt als Medoro und Ingrid Froeseth als Dorinda ihre Rollenschwierigkeiten zwar gut, aber mit vergleichsweise kleinen Stimmen bewältigten. Marco Comin formte in Kassel den bei dieser Oper vorherrschenden Streicherklang in seinen Stimmungen und rhythmischen Differenzierungen opulent aus. Die Geigen rasten und weinten. Vor barocker Schärfe des Tons, etwa zur Wahnsinnsarie des Orlando, schreckte Marco Comein aber zurück.
05.01.2010
Orlando, Waldeckische Landeszeitung
Gefangen im Labor der Leidenschaften
von Armin Hennig
Händels Orlando als anschauliche Heldenreise samt Höllenfahrt im Staatstheater Kassel • Ein Fest für Stimmen
Das Experiment des scheidenden Oberspielleiters gelingt. Dank Sängern, die nicht nur einwandfreie Kolora-turen über die Rampe bringen, sondern den gestiegenen Anforderungen an dramatische Wahrheit voll ge-recht werden. Auch mittels der eindrucksvollen Unterstützung durch ein Bühnenbild (Etienne Pluss), das finstere Leidenschaften und innere Öde anschaulich macht. Und, last not least Dank des geradezu überir-disch beschwingt aufspielenden Orchesters.
Schon bei der Ouvertüre entfesselt Mario Comin jene mitreißend federleicht beschwingten Klänge, die keine Sekunde lang den Abgrund von Jahrhunderten aufklaffen lassen. Und für Assoziationen an singende Marmorstatuen lässt die himmlisch transparente Polyphonie des Orchesters ohnehin keine Zeit, auch wenn Igor Durlowskis göttliches Organ durchaus für ehrfürchtige Schauer gut ist.
Dabei steht der Bass mit seinem Zauberstab nicht nur in einem Labor, sondern gewissermaßen über dem Geschehen. Wie eine gelangweilte Gottheit, die Menschen und ihre Leidenschaften zum Zeitvertreib aufeinanderprallen lässt. Mit verbundenen Augen wird indessen Orlando eingekleidet. Der Held schwankt zwischen Liebe und Ruhm, seitdem er die Prinzessin Angelica gerettet hat. Doch die wiederum hat sich bei der Pflege des verwundeten Medoro in ihren Schützling verliebt und folgt ihrem Herzen statt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Helden.
Ihr Zukünftiger wird wiederum von der Ziegenhirtin Dorinda begehrt. Doch der speist das liebe Mädel beim Abschied mit einem Schmuckstück ab. Bei selbigem handelt es sich um eine abgelegte Liebesgabe Orlandos an Angelica. Insofern führt das Zusammentreffen mit der Ziegenhirtin dem scheinbar unbesiegbaren Helden nur zu deutlich vor Augen, dass er auf dem neuen Feld seiner Ehre eine deprimierende Niederlage erlitten hat.
Gerade beim anschließenden Ausbruch des Wahnsinns macht das Bühnenbild die innere Realität der Figuren sichtbar, wenn schwarze Fäden vom Himmel fallen, während Orlandos Höllenfahrt beginnt. Oder bei jener Szene, bei der die zunächst nur angedeutete Erdolchung der Ungetreuen mit einem blutigen Brautkleid endet.
Eine Barock-Oper ist kein Verismo-Reißer, beim glücklichen Ende sind die Bluttaten nichts als Trugbilder des Wahns, auch die Auflösung erfolgt werkgetreu. Der Held kann seiner Rolle nicht entgehen, eine Ziegenhirtin, die sich im Zustand des Wahns zwar über Orlandos Avancen wundern kann, ist keine Alternative zur Prinzessin. Am Ende dieser eindrucksvollen Oper gegen die Maßlosigkeit bleibt der Unbesiegbare, der nun auch die Liebe besiegt hat, so einsam wie der Schöpfer dieser verhängnisvollen Versuchsanordnung.
Ein Fest für Stimmen ist diese Produktion auf jeden Fall: überragend dabei Inna Kalinina. Die Mezzo-Sopranistin, die bislang stets in kleineren Partien überzeugen konnte, brilliert in der Kastraten-Rolle als Orlando furioso. Mehr stille Tragik hat Dorinda zu ertragen und zu erleiden, die Sopranistin Ingrid Fröseth singt und agiert absolut rollendeckend und macht als nicht standesgemäße Alternative Orlandos Einsamkeit zur stillen Tragödie. Auch Nina Bernsteiner als bezaubernde Braut, die nicht anders kann, und Maren Engelhardt als unwiderstehlicher Medoro geben sich keine Blöße. Eine durchweg sehr empfehlenswerte Aufführung.
23.12.2009
Orlando, Göttinger Tageblatt
Laboratorium für menschliche Gefühle
von Michael Schäfer
Göttinger sind in Sachen Händel verwöhnt. Einmal im Jahr präsentiert die Elite der Barockspezialisten bei den Händel-Festspielen eine Oper des barocken Meisters und setzt dabei Maßstäbe in Sachen historischer Aufführungspraxis. Wenn sich ein ganz „normales“ Ensemble wie das des Kasseler Staatstheaters eine Händel-Oper vornimmt, kann dies im Hinblick auf die Aufführungspraxis nur auf einen Kompromiss hinauskommen. Doch das muss den Genuss keinesfalls schmälern. Das bewies Volker Schmalöers Inszenierung von Händels „Orlando“ an der Kasseler Oper, die am Sonnabend ihre begeistert aufgenommene Premiere gefeiert hat.
Schmalöer ist mit seinem Regiekonzept weit entfernt von barocken Perücken. Er arbeitet die seelischen Strukturen der handelnden Personen sorgfältig heraus, macht ihre Beziehungen deutlich, ihre Emotionen, ihre Sehnsüchte und ihre Verzweiflung. Darin wiederum folgt er dem barocken Theaterprinzip, das solche Emotionen ins Zentrum des Spiels stellt. In „Orlando“ gibt es darüber hinaus die Figur des Zoroastro, den Zauberer, der alle Fäden in der Hand hält und das Geschehen gleichsam mit göttlicher Kraft steuert. Damit entsteht aus dem sonst eher freien Spiel der Emotionen eine Art Laborsituation mit Menschen als Versuchstieren: eine sehr reizvolle Konstellation.
Angesiedelt ist dies in einem vergleichsweise abstrakten Raum (Bühne: Etienne Pluss) mit zeitlosen Kostümen (Sabine Böing). Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung eines Labyrinths, durch das die Personen irren: Dafür lässt Pluss meterlange schwarze Stoffwürste von Bühnenhimmel herabhängen, die auf einfache Weise eine unbestimmt bedrohliche Wirkung ausstrahlen. Zum stimmigen Regieansatz passt das ebenfalls stimmige musikalische Konzept. Dirigent Marco Comin, Erster Kapellmeister und Stellvertreter des Generalmusikdirektors, hat seinen Orchestermusikern Transparenz und Flexibilität verordnet, lässt die Streicher mit wenig Vibrato spielen und erzeugt so ganz ohne historische Instrumente einen wohltuend leichten, lockeren Klang.
Wie gut er sich in der Barockmusik auskennt, beweist er auch als Cembalist in den Rezitativen. Damit bietet er den Solisten der Oper eine verlässliche musikalische Basis, auf der sie ihre vokalen Künste frei entfalten können. Dies tun die vier Damen mit großer Virtuosität in unterschiedlichen, fein aufeinander abgestimmten Stimmfarben. Inna Kalinina in der Titelrolle – eigentlich eine Kastratenpartie – bietet wunderschöne Koloraturen und lebendiges Spiel. Dass sie in den tiefen Lagen etwas weniger Substanz mitbringt, ist nicht der Sängerin anzulasten. Ingrid FrØseth als Dorinda bezaubert durch die Leichtigkeit und Beweglichkeit ihres silberhellen Soprans. Dagegen setzt Nina Bernsteiner (Angelica) sehr leuchtende, weiche Soprantöne. Nach unten abgerundet wird das Solistinnenquartett durch den kraftvollen Mezzosopran von Maren Engelhardt (Medoro) sowie durch den kernigen, bisweilen aber etwas roh eingesetzten Bass von Igor Durlovski (Zoroastro).
21.12.2009
Orlando, HR-Frühkritik 21.12.2009
HR2 Frühkritik, 21.12.09
Andreas Wicke zu ORLANDO
Volker Schmalöer, der nach dieser Spielzeit scheidende Oberspielleiter im Schauspiel geht hier ganz minimalistisch vor. Die Bühne ist weitgehend in schwarz-weiß gehalten. Anfangs noch mit wenig weißem Mobiliar. Im zweiten Akt kommen dann so dicke schwarze Stoffwürste von der Decke, die sowohl Wald als später auch das Reich der Finsternis symbolisieren. Am Schluss fallen sie von der Decke und liegen als Fallstricke auf dem Boden sodass sich die Personen in ihnen verheddern können. Das hat mir sehr gut gefallen, weil hier mit kleinen Veränderungen immer wieder neue und wie ich fand, sehr sinnvolle Bilder geschaffen wurden. Außerdem war ich froh, dass die Handlung zeitlich und räumlich nicht fixiert wird. Eine weitere Regieidee ist eine Gruppe von Genien, die das Geschehen begleiten und wortlos kommentieren. Diese Genien fungieren dann auch als Helfer des Zoroastro oder sie unterstreichen mit roten Handschuhen diese zeigenden Gesten der Musik. Nicht so ganz einverstanden bin ich mit einer ironischen oder konterkarierenden Ebene, die ich allerdings aus Regiearbeiten Schmalöers kenne und die ich hier wie dort nicht so ganz verstehe. Die Rolle der Dorinda trägt im Gegensatz zu den sonst wirklich schwarz-weißen oder sehr gedeckt gekleideten Figuren ein Dirndl und weiße Kniestrümpfe. Sie wirkt in ihren Bewegungen oft absichtlich staksich, tanzt bisweilen zwar passend zum Dirndl aber eben nicht zu Händel. Und diese Dorinda singt eine Arie – ja man muss wirklich schon sagen so als Karikatur auf barocke Sequenzierung, auf barocke Koloratur – das macht sie ganz prima, das ist auch ausgesprochen witzig, aber doch ein Fremdkörper in dieser Inszenierung und hat da eigentlich nichts zu suchen.
Frage: Eine Inszenierung die im Großen und Ganzen, wie Sie sagen, minimalistisch ist. Also ein bisschen zurückgenommen. Dann heißt dann aber auch, die Musik kann besonders gut hervortreten. Wie wurde denn gesungen?Also diese vier Sängerinnen sind insofern klasse als es ja gar nicht einfach ist, die unterschiedlichen Affekte und Charaktere die Männer und Frauen mit vier Frauenstimmen darzustellen. Und da muss man wirklich ein ganz großes Lob aussprechen an Inna Kalinina als Orlando, an Nina Bernsteiner als Angelica, Maren Engelhardt als Medoro und Ingrid Fröseth als die eben schon erwähnte Dorinda. Zunächst haben wir ganz deutlich unterscheidbare Klangfarben. Ingrid Fröseth ist ganz hell tembriert. Nina Bernsteiner angenehm weich und Maren Engelhardt in der Männerrolle singt eher kernig. Außerdem sind sie wirklich technisch brillant. Also diese haarigen Koloraturen und Manieren, dem sind sie absolut gewachsen. Gerade bei den Damen Fröseth und Bernsteiner hat man das Gefühl, dass es hier auch technisch gar keine Probleme mit dieser doch richtig schweren Musik gibt. Mit Inna Kalininas Orlando war ich anfangs nicht so ganz glücklich. Sie hat natürlich auch die wirkliche Schwierigkeit, dass sie eine Kastratenrolle singt und da fehlt dann in der Tiefe doch das nötige Volumen. Aber das macht sie durch sehr gelungene Koloraturen und ein sehr überzeugendes Spiel wieder wett. Die einzige Männerstimme, Igor Durlovski als Zoroastro, hat nicht nur einen weißen Glitzermantel, einen weiße Perücke, viel weiße Schminke und so einen überdimensionalen Neonröhren-Zauberstab, sondern auch noch eine tolle kernige Bassstimme. Also im vokalen Bereich darf man wirklich absolut zufrieden sein, dass eine Händeloper auf diesem Niveau dann aus dem Haus besetzten kann, das spricht wirklich für das aktuelle Kasseler Ensemble.
Frage: Herr Wicke, die Sängerinnen und Sänger haben Sie überzeugt. Wie war das mit dem Dirigenten Marco Comin. Wie hat er das ganze zusammengehalten?Das hält er ausgesprochen versiert und souverän zusammen. Marco Comin ist der stellvertretende Generalmusikdirektor in Kassel. Er spielt auch bei den Rezitativen das Cembalo und hat ansonsten ein ganz sensibles, ganz klares und stilsicheres Dirigat. Das Orchester ist zahlenmäßig barock klein gehalten in einer ganz schönen transparenten und beweglichen Streicherbesetzung. Die Oboen klingen toll. Die Hörner auch, auch wenn sie ein paar Probleme manchmal haben. Aber insgesamt gelingt es Comin wirklich zu begleiten und rhythmisch ist das alles sehr, sehr klar. In den Rezitativen kommt zum Cembalo und zum Cello noch die Theorbe. Das ist vielleicht nur eine Nuance, aber das ist eine sehr schöne. Denn so ein gezupfter Akkord klingt dann doch noch einmal anders als ein Arpeggio auf dem Cembalo Also nachdem genau vor einem Jahr am vierten Adventswochenende 2008 Händels HERCULES in Kassel mit großem Erfolg aufgeführt wurde kann man auch diesen Abschluss des Händel Jahres mit ORLANDO unbedingt empfehlen und wer noch Weihnachtsgeschenke sucht: Ab nach Kassel! Eine gelungene Produktion.
21.12.2009
Orlando, HNA
So schön klingt Wahnsinn
Ein Besuch im Labor menschlicher Gefühle: Georg Friedrich Händels Oper "Orlando" in Kassel
von Werner Fritsch
Was ist hier überhaupt echt? Frauen werden zu rasenden Helden und afrikanischen Liebhabern, der französische Wald sinkt aus dem Himmel herab. Ist er verkohlt, oder sind es dicke schwarze Schlingpflanzen? Was ist das für eine Schäferin, die im grünen Blümchenkleid und mit Hornbrille zwar pastoral leiden kann, viel lieber aber ihre Arien als lustige Parodie auf das barocke Gestenrepertoire präsentiert?
Was ist echt an Angelica, der chinesischen Königin, die im hochgeschlitzten Hochzeitskleid ihre Wirkung auf Männer erprobt? Und schließlich: Was ist das für ein Magier Zoroastro, der sich aus einem riesigen blitzenden Ei eine Gesellschaft erschafft, die er dann aber kaum mehr bändigen kann?
Regisseur Volker Schmalöer hat Georg Friedrich Händels 1733 uraufgeführte Oper "Orlando" in Kassel als menschliche Versuchsanordnung angelegt. Ausgang zunächst offen. Eine überzeugende Idee, denn der auf Ariost zurückgehende Stoff des Orlando furioso, des rasenden Rolands, trägt schon bei Händel Züge eines Experiments: Mal sehen, was passiert, wenn einer außer sich gerät.
Dass der von Angelica zurückgewiesene Orlando sich in den Wahnsinn steigert, dass bei allen die Gefühle einfach zu groß sind, macht den Reiz des Spiels aus. Pikant ist es zusätzlich, weil Händel die Rollen des Orlando und des Medoro für Kastraten schrieb. Die Verunklarung der Geschlechterrollen mag schon das barocke Publikum amüsiert haben.
Ein Bühnenraum, dessen weiße Wände sich lamellenförmig öffnen und schnelle Verwandlungen zulassen, ein paar barocke Möbelstücke und ein wuchernder Wald der Verstrickungen - damit kommt Etienne Pluss' Bühne aus. Ein Übriges tun Sabine Böings Kostüme, die vieles andeuten, aber kaum etwas festlegen. Der Rest ist Aufforderung an die Akteure: Macht was draus!
Und da lässt sich das Kasseler Ensemble nicht lange bitten (siehe Extra-Artikel). Damit das Spiel allerdings gelingt, muss eine inspirierende instrumentale Basis gelegt werden. Der Erste Kapellmeister Marco Comin und das Staatsorchester bieten eine detailreiche, profilierte und in den barocken musikalischen Charakteristika (wie Pastorale oder Lamento) sehr überzeugende Vorstellung.
Mit dem modernen Instrumentarium, ergänzt durch eine Theorbe, kommt man der sogenannten historisch informierten Spielweise recht nahe, auch wenn man Händels Musik gelegentlich noch etwas mehr bassgetriebenes Furioso wünschte. Vorteilhaft für die Klangentfaltung ist der zur Hälfte hochgefahrene Orchestergraben: So präsent klang hier barocke Oper lange nicht.
Musikalisch so zuverlässig geerdet, kann sich Schmalöers Inszenierung zu allerlei (alb)traumartigen Fantasiebildern aufschwingen und eine weitere Bedeutungsebene einbauen: Wenn Geweihträger und rot leuchtende Augen durchs Gehölz huschen, wenn Angelica und ihr Geliebter Medoro wie das Paar im Wetterhäuschen mit Schirm auftreten, wenn Orlando in Zeitlupe wie in "Psycho" auf Angelica einsticht.
Am Ende des Menschenversuches war alles nicht so gemeint. Orlando, rasend vor Eifersucht? Lächerlich - zurück auf Anfang. Die Schäferin Dorinda, desillusioniert und von der Liebe geheilt? Ist doch total lustig! Bleibt die Frage: War das nicht zu viel des Augenzwinkerns? Es ist das Kunststück dieser Inszenierung, dass ihre Leichtigkeit das Gefühlsdrama zwar maskiert - aber nicht verrät. Heftiger Beifall.
Das Ensemble
Inna Kalinina: Als Orlando gesanglich der Star des Abends. Mit vollem und perfekt geführtem Alt findet sie die richtigen Farben für alle Gefühlsextreme des Helden. Und fasziniert in den furiosen Partien mit schier unglaublicher Koloratursicherheit. Auch darstellerisch von großer Intensität.
Nina Bernsteiner: Als Angelica von beeindruckender Bühnenpräsenz. Sängerisch glanzvoll und nuanciert. Die Koloraturpartien könnten noch an Sicherheit gewinnen.
Maren Engelhardt: Die Altistin versieht den afrikanischen Prinzen Medoro mit klangvollem, festem Timbre. Sehr souverän und ausgeglichen in der Stimmführung, darstellerisch von ruhiger Präsenz mit komödiantischem Einschlag. Ein starkes Debüt im Kasseler Opernensemble.
Ingrid Fröseth: Die Sopransitin hat die Rolle der Dorinda quasi neu erfunden. Sie macht aus der naiven Schäferin eine komödiantische Glanznummer und bewältigt dabei mit ihrem klar timbrierten Sopran alle sängerischen Hürden mit Leichtigkeit. Wurde klar zum Publikumsliebling.
Igor Durlovsky: Verleiht dem Zauberer Zoroastro beeindruckende Basskraft. Die Koloraturen könnten noch an barocker Leichtigkeit gewinnen.
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