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2010|2011
UNSCHULD
von Dea Loher

INSZENIERUNG   Martin Schulze
BÜHNE   Daniel Roskamp
KOSTÜME   Ulrike Obermüller
MUSIK   Dirk Raulf
DRAMATURGIE   Michael Volk


Birte Leest (Absolut)
Birte Leest (Absolut)
Unschuld
Unschuld
Martin Schulze
Martin Schulze
Pressestimmen

10.03.2010
Unschuld, Die Deutsche Bühne

Gott in der Tüte
Martin Schulze inszeniert Dea Lohers „Unschuld“ in Kassel
 
von Stefan Keim

Die Wände bestehen aus Kleidern, die Spielfläche ist ein Wasserspiegel. Zwei Männer beobachten eine rothaarige Frau. Sie geht ins Meer, will sich anscheinend ertränken. Die beiden sollten sie retten. Elisio zieht sich das Oberteil aus und macht sich den Oberkörper nass. Wie ein vorsichtiger Schwimmer, der sich langsam ans Wasser gewähnt. Dabei bleibt es, Fadoul steht nur herum. Sie sind illegale Einwanderer. Wenn sie die Frau retten würden, so fürchten sie, würden sie von der Polizei erwischt. Also lassen sie es und machen sich mitschuldig an ihrem Tod. Die Erinnerung werden sie nicht mehr los. Dea Loher verknüpft in ihrem Stück „Unschuld“ Geschichten und Schicksale zu einem dichten Gesellschaftsbild. Am Ende des haben fast alle was miteinander zu tu gehabt, ohne das die raffinierte dramaturgische Konstruktion jemals aufdringlich oder gewollt wirkt. Loher entwirft konkrete Figuren und Situationen, die durch die Montage über sich hinaus weisen. Ihre Erlebnisse stehen für viele andere. Davon erzählt Daniel Roskamps grandioses Bühnenbild, jedes Kleidungsstück steht für ein unerzähltes Schicksal. Manchmal bewegt sich die Rückwand nach vorn, verengt den Raum. Schauspieler verschwinden dann in den Kleidern.

Dem Staatstheater Kassel ist ein Wurf gelungen. Regisseur Martin Schulze zitiert die Elemente: Das Wasser ist stets präsent, einmal schlägt Feuer aus einer Tiefkühltruhe. Kaum jemand schafft in der Gegenwartdramatik noch solche Weltentwürfe wie Dea Loher. Zumal sie Probleme in unserer Gesellschaft benennt und von einem aufrichtigen Interesse an den Menschen angetrieben wird. Elisio und Fadoul gehören zu den afrikanischen Flüchtlingen, die unter Lebensgefahr in wackeligen Booten übers Meer fahren. Enrique Keil spielt Fadoul mit der Körperlichkeit vieler Farbiger und einer klaren, poetischen Sprache. Er findet eine Tüte mit Geld und glaubt, das sei Gott, der etwas Besonderes mit ihm vorhabe. Daniel Scholz hingegen ruht als Elisio ganz in sich, deutet Empfindungen nur an und erreicht gerade dadurch Intensität. Das Kasseler Ensemble entwickelt große Klasse. Agnes Mann portraitiert mit unheimlicher Todtraurigkeit eine Frau, die sich zu Verbrechen bekennt, die sie nicht begangen hat. Und Jürgen Wink verbirgt als Philosophin Elsa die Verzweiflung einer alternden Frau hinter pointierten Formulierungskünsten. Bis die pure Wut aus ihm heraus bricht. Martin Schulze zeigt eine berührende Gemeinschaft der Beladenen, Vertriebene aus dem Paradies, die eine Sehnsucht nach verlorener Unschuld in sich tragen. So lange diese Sehnsucht lebt, gibt es die Hoffnung. Darin liegt die Tragik, die viele Momente absurder Komik in sich trägt.



23.01.2010
Unschuld, Frankfurter Rundschau
Theater in Kassel
Wenn Menschen wie Städte verdorren

Von Joachim F. Tornau 

[...]
Wände aus Kleidern bis zur Decke
Das sieht in Martin Schulzes Inszenierung von Dea Lohers "Unschuld" im Großen Haus ganz anders aus. Knöcheltief steht das Wasser auf der von Daniel Roskamp spektakulär düster gestalteten Bühne. Wände aus Kleidern ragen bis zur Decke, verschlucken die Figuren, die geistergleich durch diese ewige Nacht spuken, und spucken sie wieder aus. Hier sind nicht bloß die beiden illegalen Einwanderer Elisio und Fadoul, die es gerade an Land gespült hat, Gestrandete. Doch nur sie wehren sich dagegen, nur sie glauben noch an ein menschliches Miteinander: Der nachdenkliche Elisio (Daniel Scholz) leidet darunter, eine Selbstmörderin nicht gerettet zu haben. Der ungeschlacht-hilflose Fadoul (Enrique Keil) möchte eine gefundene Tüte voller Geld nutzen, um Gutes zu tun: "Gott ist in der Tüte!"
Alle anderen klammern sich an Hoffnungen, die so klein sind, dass sie ihre Hoffnungslosigkeit nur unterstreichen. "Wenn ich ein Tankwart wäre", sagt die diabeteskranke Frau Zucker (wundervoll miesepetrig: Eva-Maria Keller), "dann genügte eine Zigarette, um alles in die Luft zu jagen." Tristesse und - trotz allem - Komik: Gekonnt verleiht Regisseur Schulze den Loher´schen Erkundungen mit seiner bildgewaltigen Inszenierung Zusammenhalt.
Auch wenn "Unschuld" eigentlich ähnliche Abgründe auslotet wie "Ins Weite Schrumpfen", haben die beiden Aufführungen kaum etwas miteinander gemein. Ein spannender Kontrast.



22.01.2010
Unschuld, Göttinger Tageblatt

Dea Lohers Stück „Unschuld“

Die Bühne ist behängt mit Kleidung. Hosen, Hemden, Jacken sind zusammengefügt zu hohen Wänden nach rechts, links und hinten. Ein grandios einfacher Einfall von Bühnenbildner Daniel Roskamp, denn aus dieser symbolischen Menschenmenge treten die Protagonisten der Inszenierung des Stückes „Unschuld“ hervor, und sie verschwinden darin. Und zu ihren Füßen plätschert knöchelhoch Wasser auf der Bühne. Regie hat der junge Regisseur Martin Schulze geführt, Premiere war jetzt am Staatstheater Kassel.

Peter Krüger-Lenz

Eigentlich sind es keine Durchschnittsmenschen, die die kluge und wortmächtige Autorin Dea Loher in ihrem Stück versammelt. Es sind Menschen, die sich mit ziemlich fiesen Problemen herumschlagen müssen. Elisio (Daniel Scholz) und Fadoul (Enrique Keil) beispielsweise, sie sind illegale farbige Einwanderer. Sie wohnen in einer Stadt irgendwo in Europa und sehen eine Frau, die ins Wasser geht und sich das Leben nimmt. Die Selbstmörderin Rosa (Anke Stedingk) lebte zusammen mit Franz, mit dem sie gerne ein Kind gehabt hätte. Doch Franz schenkt seine Zuneigung seinen Klienten, er richtet Verstorbene für die Beerdigung her. Bei dem jungen Paar zieht Rosas Mutter Frau Zucker (Eva-Maria Keller) ein. Sie leidet an Diabetes, die ihr nach und nach das Bein wegfrisst und erfindet ständig neue Biographien für sich. Oder Frau Habersatt (Agnes Mann), die bei den Hinterbliebenen von Mordopfern um Vergebung bittet, weil sie die Mutter der Täter sei. Sie erfindet ihre mordenden Kinder, denn ihr eigener Sohn starb kurz vor der Geburt. So trifft Habersatt auf die Eltern (Marie-Claire Ludwig und Thomas Sprekelsen), deren Kind Opfer einer Gewalttat wurde.

Die blinde Stripperin Absolut (Birte Leest) sehnt sich danach, beim Tanzen angesehen zu werden, und die alternde Ella (Jürgen Wink) philosophiert mit viel bösem Witz über die Unzulänglichkeit der Welt. Loher führt diese Charaktere im Laufe des Stücks auf sehr unangestrengte Weise zueinander. Und sie zeigt ihr Leben, in dem vieles nicht stimmt, für das andere verantwortlich sind, vielleicht aber auch nur das Leben.

Regisseur Schulze hat sehr genau hingeschaut. Er gibt den Figuren Raum, sich zu entwickeln, hat ein ausgeprägtes Gefühl für Abläufe und Zeit und einen guten Blick für Bilder. Und er versteht offensichtlich viel von Schauspielerführung. Denn das Ensemble spielt ausnahmslos auf einem enorm hohen Niveau. Abräumer sind dabei Keller, die ihre Frau Zucker wunderbar aufdringlich, aber auch mit viel Witz spielt, und Wink, dessen Ella mit der wilden Mähne so klug, charmant und plötzlich mörderisch daher kommt.

Die gelungene Mischung aus bemerkenswertem Text, starker Regie, beeindruckendem Bühnenbild und großartigem Ensemble vervollständigen die pointierte Bühnenmusik von Dirk Raulf und die stimmigen Kostüme von Ulrike Obermüller. Eine ganz starke Inszenierung, die bei der Premiere mit viel Beifall bedacht wurde. Anschließend verkündete Intendant Thomas Bockelmann, dass Schulze auch im kommenden Jahr wieder am Staatstheater inszenieren werde. Eine weise Entscheidung.



18.01.2010
Unschuld, hr2 - Frühkritik
Über diesen Link gelangen Sie zu der hr2- Frühkritik von Andreas Wicke.


18.01.2010
Unschuld, HNA
Trödelmarkt der Ich-Entwürfe
Martin Schulze inszeniert Dea Lohers "Unschuld" am Kasseler Schauspielhaus - Begeisterter Beifall 

Von Bettina Fraschke

Wenn sich die rothaarige Frau im Meer ertränkt, wird sie im Kasseler Schauspielhaus von einer Wand von Kleidern verschluckt. Meterhoch hängen Pullover und Hosen, Jacken und Hemden an drei Bühnenwänden.
Ein Trödelmarkt der Ich-Entwürfe. Die Rückwand ist fahrbar, sie kann über die Figuren in Dea Lohers Stück "Unschuld" hinweggleiten, kann ein Ich verschlingen oder hervorbringen (Bühne: Daniel Roskamp). Der Boden ist knöchelhoch mit Wasser gefüllt. Mal gleißend-glatt, mal trüb-verschlingend, mal glitzernde Wellen werfend.

Martin Schulze stellt die Ich-Suche ins Zentrum seiner Inszenierung, die am Samstagabend begeistert beklatscht wurde. Die Alltagsmenschen mit ihren wiedererkennbaren Sorgen behalten etwas Abstraktes. In ihren Monologen sprechen sie Grundsätzliches, das größer ist als sie selbst. Dafür ist der spektakuläre Bühnenraum dann gerade groß genug. Dea Lohers literarische Sprache braucht Raum.

Den mit Licht (Johannes Richter) und elektronischer Musik (Dirk Raulf) variierten, schnell wechselnden Szenen ist nicht immer leicht zu folgen, auch erschließen sich nicht alle Regiedetails. Elisio (Daniel Scholz) und Fadoul (Enrique Keil), zwei schwarze Einwanderer mit schlecht passenden Anzügen (Kostüme: Ulrike Obermüller) wollen sich in der Fremde behaupten. Frau Habersatt (Agnes Mann) gibt sich als Mutter von Verbrechern aus und besucht Verbrechensopfer. "Ja, was ist denn mein eigenes Leben?", fragt sie stellvertretend für alle. Eine blinde Frau namens Absolut (Birte Leest) will als Stripperin angeschaut werden.

Philosophin Ella (Jürgen Wink) erkennt, dass die Welt nur noch in "Mikroausschnitten" erfasst werden kann, nicht mehr als Gesamtes. Sie erträgt nicht, dass ihr Mann Helmut (Marie-Claire Ludwig) glücklich wirkt. Diabetespatientin Frau Zucker (Eva-Maria Keller) ersinnt sich neue Biografien. Die Selbstmörder (Marie-Claire Ludwig und Thomas Sprekelsen) auf dem Hochhausdach erörtern vor dem Springen den Begriff "Ewig".

Die Verzweiflung kann auch in Hoffnung umkippen, zeigt Martin Schulze und findet dafür immer wieder poetische Bilder. Wenn Rosa (Anke Stedingk) und Franz (Christian Sprecher) aneinander vorbeireden und ihre Ehe eine Einsamkeitsfalle geworden ist, können sie sich nur noch in Tagträumen daraus befreien.

Franz träumt sich als Leichenwäscher in die sexuelle Hingabe an seine Toten hinein. Und Rosa bindet ihr Wickelkleid auf und rennt mit weit ausgebreiteten Armen durchs schäumende Wasser. Wie es sich anfühlt, geliebt zu sein, wird in ihrer Vorstellung für Momente zur glücklichen Realität. Ihre Augen können strahlen, ihre Stimme wird lauter, fröhlicher. Und als sie eine von Franz' Urnen über sich ausschüttet, leuchtet die Asche auf ihrem Körper.



Die Darsteller

Daniel Scholz: Sein Elisio ist ein ernsthafter Sonnyboy in Plastikschlappen, unbeirrt arbeitend, seine Schuld gutzumachen.

Enrique Keil gibt Fadoul einen Flor von Ernst. Er spielt ihn, als ob Fadouls Körper zu groß wäre, bewegt sich, als spreche auch sein Körper im fremden Land eine Fremdsprache.

Birte Leest erschafft um die blinde Absolut einen eigenen Bewegungsraum. Zackig-elegante Bewegungen, eine Aura von hart gewordener Einsamkeit.

Agnes Mann gibt Frau Habersatt eine beflissene Unterwürfigkeit, doch ihr Lächeln zeigt, dass hinter der erschlichenen Verbindlichkeit todtraurige Einsamkeit steht.

Christian Sprecher mit fieser Mittelscheitel-Perücke gleitet als Bestatter Franz fast autistisch in die Leichenleidenschaft .

Anke Stedingk lässt die Liebessehnsucht seiner Frau Rosa brennen wie die eingeschlossene Glut in einem Hochofen. Mit kleinsten Gesten erschafft sie Rosas Leben einer Unsichtbaren.

Eva-Maria Keller setzt als Frau Zucker mit Leopardenleggings das komische Glanzlicht des Abends und kassiert die meisten Lacher. Sie spuckt ihre Sätze des Lebensüberdrusses wie ein Kaugummi aus dem Mund.

Jürgen Wink ist eine zynisch-brillante Ella in karottenroter Perücke, die ihre Integrität bewahren will.

Thomas Sprekelsen und Marie-Claire Ludwig sind überforderte Eltern eines getöteten Mädchens und als Selbstmörder zwei traurig-komische Clowns.