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2010|2011
INS WEITE SCHRUMPFEN
URAUFFÜHRUNG
Uraufführung
von Katja Hensel

INSZENIERUNG   Annett Hohlfeld
AUSSTATTUNG   Larissa Hartmann
DRAMATURGIE   Stephanie Winter


Ins Weite schrumpfen
Ins Weite schrumpfen
Katja Hensel
Katja Hensel
Pressestimmen

28.01.2010
Ins Weite schrumpfen, WLZ

Auf der Suche nach Sinn und Sinnlichkeit
Im Kasseler tif hat Katja Hensels Stück „Ins Weite schrumpfen“ Uraufführung

von Armin Hennig 

Schrumpfende Städte und die Körper ihrer Bewohner sind das Thema von Katja Hensels „Ins Weite schrumpfen“. Die gelungene Uraufführung des Dramas, das aktuelle Probleme mit leichter Hand auf die Bühne bringt, wurde von den Zuschauern im Kasseler tif denn auch begeistert beklatscht und bejubelt.
Unter Anett Hohlfelds flotter Regie trägt Hans-Werner Leupelt als Reisefeuilletonist Robert die beiden Kernthemen durch eine muntere Szenenfolge mit einem kaum noch vorhersehbaren Happy End. Denn sein Weg zum Glück ist als Reise abwärts in eine sterbende Stadt angelegt. Geradezu symbolisch der Fall aus jenem Regal (Ausstattung Larissa Hartmann), von dem aus die Charaktere in ein Bürostuhlballett plumpsen. Denn mit seinem geistreichen Exposé über schrumpfende Städte und wachsende Uniformität der Metropolen kommt der weit gereiste Journalist bei seinem stets auf Optimismus getrimmten Freund und Redakteur Hans-Maria überhaupt nicht an.
Nicht besser ergeht es ihm mit seinem Heiratsantrag bei seiner konstant gestressten Lebensgefährtin Anka, dabei hat er sich dafür eigens ins Hemd der ersten Begegnung gezwängt. Doch das zum Platzen eng gewordene Erinnerungsstück vereitelt selbst einfachste Gesten und gerät damit zum Symbol für eine zu fett gewordene Beziehung.
Diese wächst sich bei Roberts nächster Heimkehr gar zu einer Menage à trois aus, die als ein Dinner im Dunkeln ihren Anfang nimmt, das den unverhofft Beglückten von einer Verlegenheit in die nächste stürzen wird. Suppenduft und absolute Finsternis erfüllen den Zuschauerraum, während Anka die Sinne ihres Lebensgefährten neu schärfen will.
Doch das dicke Ende dieser angestrengten Suche nach Sinn und Sinnlichkeit lässt nicht lange auf sich warten. Als das Licht angeht, steht dem Sprachstudenten Igor das für Robert zu eng gewordene Heiratsantragshemd nur zu gut und Anka will ihrem Schützling mittels Scheinehe gar das Aufenthaltsrecht sichern.

Frank Richartz spielt den ebenso naiven wie warmherzigen Weißrussen ebenso überzeugend wie den protzig-fiesen Chefredakteur Hans-Maria, der seine Allmacht im griffigen Umgang mit seiner Sekretärin Vivi (Christina Weiser) und permanenter verbaler Demütigung seines Freundes demonstrieren muss.
Im Verlauf des Stückes überholen die beide Charaktere den rührenden Problembären Robert auf seinem Weg nach unten. Hans-Maria nimmt sich einmal zu oft, was er für sein Recht hält und verliert erst die Frau, dann seine Stellung. Den arglosen Igor befördert der von Ankas Hilfsbereitschaft vollkommen überforderte Robert selbst die Treppe hinunter. Eine hilflose und folgenlose Reaktion, denn seine ehemalige Lebensgefährtin führt ihren Schützling auch mit Halskrause zum Standesamt.
Dafür bleibt Roberts Besuch im Fitness-Studio nicht ohne Folgen, an seinem Bauchumfang ändert sich zwar wenig, dafür kommt ein lebender Beweis für seine Theorie in andere Umstände. Die überaus wandlungsfähige Christina Weiser glänzt dabei nicht nur als Stewardess Danielle, die beim virtuellen Rudern über den Amazonas ihre Variante von Roberts Thesen ausspuckt, sondern auch als kotzende Trainerin, die 22 Städte nur anhand des Tresens der Fitness-Studios voneinander unterscheiden kann, oder auch als putzmuntere Flowerpower-Frau vom Plattenbau.

Irene Christ hat mit der gequält wirkenden Anka, die stets im falschen Moment tut, was sie für das einzig Richtige hält, sicherlich die undankbarste Rolle im Ensemble, hinterlässt damit aber einen nachhaltigen Eindruck als, zuletzt doch sehr geknickte, Nervensäge, die ihren Robert an seinem neuen Lebensmittelpunkt aufsucht.



23.01.2010
Ins Weite schrumpfen, Frankfurter Rundschau
Theater in Kassel
Wenn Menschen wie Städte verdorren
Von Joachim F. Tornau

Ein Theaterstück über den demografischen Wandel? Na, das klingt ja aufregend. Ungefähr so wie, sagen wir mal, eine Komödie über die EU-Verfassung. Genau, findet Katja Hensel und meint das überhaupt nicht ironisch. Mit "Wie Europa gelingt" hat die Berliner Schauspielerin und Autorin bereits den Reformprozess der EU als Familientherapie auf die Bühne gebracht.
Jetzt wurde am Kasseler Staatstheater ihre Auseinandersetzung mit sterbenden Städten und verlassenen Landstrichen uraufgeführt: "Ins Weite Schrumpfen" ist eine wortgewitzte, streckenweise surreale Tragikomödie, in der nicht nur Städte ausdörren, sondern auch menschliche Beziehungen. Annett Hohlfeld hat das Stück auf der Studiobühne inszeniert. Robert ist Journalist und befasst sich mit dem Phänomen verödender Vorstädte und uniform aufgehübschter City-Zentren. Das Thema nimmt ihn so gefangen, dass für ihn plötzlich alles schrumpelt. Auch er selbst: Robert versinkt in Depressionen, sieht widerstandslos zu, wie seine Beziehung zu Anka scheitert, verzweifelt an der Oberflächlichkeit der Welt - und seiner eigenen.

Früher", wirft ihm Anka vor, "warst du für so vieles offen, heute verkriechst du dich im Schrumpfen, dass dich niemand mehr findet!" Mit Doppelsinnigkeiten dieser Art spielt das Stück immer wieder. Ob Bäuche im Fitnessstudio oder Entfernungen zwischen Ländern und Kontinenten, ob Städte oder Seelen - alles schrumpft. Das ist mitunter zwar arg assoziativ, aber amüsant.
Zwei weiße Regalwände, die als leerstehende Plattenbauten ebenso taugen wie als Quell für Operationstische und Fitnessstudiotresen, begrenzen die bonbonbunt ausgelegte Bühne (Ausstattung: Larissa Hartmann). Hell, freundlich, abwaschbar. Der zweifelnde Robert (Hans-Werner Leupelt) fühlt sich hier immer weniger zuhause. Hensels Gespür für Sprache, für erhellende Missverständnisse geben dem schweren Stoff eine erstaunliche Leichtigkeit. Eigentlich ist die Apokalypse längst da, es merkt nur keiner. 
[...]



18.01.2010
Ins Weite schrumpfen, Göttinger Tageblatt

Panoptikum des Schrumpfens

„Ins Weite schrumpfen“ von Katja Hensel uraufgeführt 

Von Joachim F. Tornau



Ein Theaterstück über den demografischen Wandel?

Na, das klingt ja aufregend. Ungefähr so wie, sagen wir mal, eine Komödie über die EU-Verfassung. Genau, findet Katja Hensel und meint das überhaupt nicht ironisch. Mit „ Wie Europa gelingt“ hat die Berliner Schauspielerin und Autorin schon den Reformprozess der Europäischen Union als Familientherapie auf die Bühne gebracht und dafür großes Kritikerlob geerntet. Am Freitag nun wurde am Kasseler Staatstheater ihre Auseinandersetzung mit sterbenden Städten und verlassenen Landstrichen uraufgeführt:

„ Ins Weite schrumpfen“ ist eine wortgewitzte, streckenweise surreale Tragikomödie, in der nicht nur Städte ausdörren, sondern auch menschliche Beziehungen.

Robert ist Journalist und mag keine jubelnden Reisereportagen mehr schreiben. Stattdessen heftet er sich dem Phänomen verödender Vorstädte und uniform aufgehübschter City-Zentren auf die Spur. Das Thema nimmt ihn so sehr gefangen, dass für ihn plötzlich alles schrumpelt. Auch er selbst. „Früher“, wirft ihm seine Lebensgefährtin Anka vor, „warst du für vieles offen, heute verkriechst du dich im Schrumpfen, dass dich niemand mehr findet!“ Mit Doppelsinnigkeiten dieser Art spielt Hensel immer wieder. Robert versinkt in Schweigsamkeit und Depressionen, sieht widerstandslos zu, wie seine Beziehung zu Anka scheitert, verzweifelt an der Oberflächlichkeit der Welt- und seiner eigenen.

„Ins Weite schrumpfen“ , eher Szenenfolge als stringente Erzählung, ist ein äußerst amüsantes, wenn auch mitunter arg assoziatives Panoptikum des Schrumpfens: Ob Bäuche im Fitnessstudio oder Entfernungen zwischen Ländern und Kontinenten, ob Städte oder Seelen oder der Rest des Lebens bis zum Tod- alles schrumpft. und die Menschen folgen dem Vorbild ihrer Wohnumgebung: Aufgebrezelte Fassaden sollen von der inneren Leere ablenken. Annett Hohlfeld hat den 100-Minüter auf der Studiobühne tif im Fridericianum inszeniert, ohne sich sklavisch an die Vorlage zu halten. Zwei weiße Regalwände, die als leerstehende Plattenbauten ebenso taugen wie als Quell für Operationstische und Fitnessstudiotresen, begrenzen die bonbonbunt ausgelegte und zumeist strahlend erleuchtete Arena (Ausstattung: Larissa Hartmann). Hell, freundlich, abwaschbar. Und so falsch wie das Lächeln der Assistentin im „Body Vision Palace“, wie die Durchhalteparolen des Hausmeisterpaars, das in der ausgestorbenen Vorstadt die Stellung hält. Der schüchterne, zurückhaltende, zweifelnde Robert ( Hans-Werner Leupelt) fühlt sich darin immer weniger wohl.

Hensels feines Gespür für Sprache, für erhellende Missverständnisse und komische Überraschungen geben dem schweren Stoff eine erstaunliche Leichtigkeit. Regisseurin Hohlfeld sorgt mit treibenden Beats und pfiffigen choreografischen Einfällen – vom Büro-stuhl-Laptop-Ballett zum Einstieg bis zu einer Alptraum-Sequenz, mit der sie das etwas blutarme Ende des Stückes aufgepeppt hat- für das nötige Tempo. Wer weiß: Vielleicht könnte sogar aus der Kostendämpfung im Gesundheitswesen noch ein Thriller werden.






18.01.2010
Ins Weite schrumpfen, HNA
Zarte Menschenbilder vom Scheitern
Uraufführung von Katja Hensels Stück "Ins Weite schrumpfen" im Kasseler Theater im Fridericianum


Von Juliane Sattler

Daran ist er krank geworden. Am "Immer weiter, immer höher, immer schneller". Robert, der Reisejournalist, drückt die Reset-Taste, will nicht mehr über ferne Welten und fremde Länder schreiben. Woran krankt der Mensch? Am Leerstand der Städte, der gnadenlosen Mobilität, fehlenden Wurzeln. "Schrumpfende Städte, das interessiert niemanden", sagt der Chefredakteur. Auch Anka, Roberts Freundin, hat sich dem Immer-Weiter-Trip verschrieben. Robert in der Krise. Zum Schluss zieht er sich seine Mütze bis tief über die Augen, will nicht mehr da sein, nicht mehr sehen. Aussichtslos?

Vielleicht wäre es eine traurige, zutiefst deprimierende Geschichte mit einer klugen Analyse über das Menschsein in globalisierten Zeiten, hätte Katja Hensel nicht in ihr Stück "Ins Weite schrumpfen", am Freitag im tif zur Uraufführung gebracht, Spuren der Hoffnung eingezogen. Das dritte Stück der 42-jährigen, talentierten Autorin erzählt Liebesgeschichten gegen das Schrumpfen in der Welt.
Die Welt ist ein Irrenhaus, aber wir gehen nicht daran zugrunde. Schließlich sind da Herr und Frau Montag als Gegenentwurf, ein Hausmeisterehepaar in einer leer stehenden Plattenbausiedlung. Robert besucht sie, Robert staunt. So viel Liebe im Alltagsgrau. Christina Weiser spielt Frau Montag im Hawaiikleidchen, den Putzmopp in der Hand, als anrührende Strahlefrau - ein Lächeln wie ein wärmendes Kaminfeuer. An ihrer Seite Frank Richartz als Hausmeister, der an das Leben glaubt, auch wenn es untergeht.

Im Bühnenbild von Larissa Hartmann, zwischen Regalwänden mit rollbaren Einzelmodulen, entwickelt Regiedebütantin Annett Hohlfeld ungewöhnlich exakt Menschenbilder vom Scheitern. Doch da ist so viel zärtliche Heiterkeit wie gnadenloser Witz in den Episoden und Bildfindungen, dass es das Publikum stets über die Schwere hinausträgt. Immer eine Handbreit über dem Boden agieren die Schauspieler zwischen Witz und Melancholie, Trauer und Sehnsucht.
Hans-Werner Leupelt spielt bravourös-minimalistisch Roberts Veränderung vom Erkennen über die Wut bis zum kathartischen Albtraum mit einer Vielzahl von Schattierungen. An seiner Seite gibt Irene Christ als Gast ihrer Anka souveränes Potenzial, als Karrierefrau auf dem Weg zum Du.

Christina Weiser und Frank Richartz spielen alle übrigen Rollen mit unglaublicher Wandlungsfähigkeit. Die smarte Stewardess, die von Robert ein Baby erwartet, Igor aus Minsk, der wie ein Kind über Deutschland staunt. Die supercoole Sekretärin, die neurotische Fitnesstrainerin, Glanzleistung der Christina Weiser. Klaas, der Optiker, vermisst die Hornhaut und damit die Welt. Wer nicht mehr fokussiert, kann sich nicht mehr anpassen. Pech.
Alles ist möglich, sagt Robert und küsst Anka. In dieses Stück sollte man gehen, um an das Gute im Menschen zu glauben. Stürmischer Applaus.



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