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Tobias Hächler

Tenor

Wandererphantasien

 Der Mann hat Humor. Gefragt, was er mit Deutschland verbindet, schmunzelt Tobias Hächler und sagt dann, ganz ruhig und tiefernst: »Die Deutsche Bahn. Das Stadttheater. Und die Museumskultur.« Eine bizarre Verbindung, aber nur auf den ersten, leichtfertigen Blick. Denn wer die genannten Institutionen aus eigener Anschauung kennt, weiß, wie wahr diese Worte sind. Ja, das alles ist in der Tat ganz und gar typisch deutsch. Mit all seinen Vorteilen, mit all seinen Nachteilen. Wobei: Die Vorteile überwiegen. Welches Land in Europa kann schon von sich sagen, dass es – neben der Deutschen Bahn, die stets mehr verspricht, als sie hält – über ein solch vielfältiges Kulturangebot verfügt, das von Staats wegen einen Bildungsauftrag formuliert und diesen auch dauerhaft beglaubigt. Die Schweiz kann es nicht. Dort ist vieles privat, von Sponsoren abhängig, von ihrer Neigung, die Kunst zu unterstützen. Tobias Hächler kennt diese Bedingungen zur Genüge, er kommt schließlich aus dem Alpenland, war dort, genau: am Theater Basel, Mitglied im Opernstudio, wurde dann ans Theater Luzern engagiert und arbeitete eine Weile mit David Pountney in Bregenz, bei den Festspielen, bevor es ihn, nach einem zuvor erfolgten und wohl überlegten Wechsel ins Tenorfach, nach Kassel zog. Seit seinem Studium in Hamburg weiß er um den Genuss des Angebots, das ihm hierzulande zu Verfügung steht. Das Angebot und, wichtig für ihn, die Freiheit, die trotz der Vorliebe der Deutschen für Disziplin, an vielen Ecken und Enden durch den Flor der Ordnung schimmert. Einerseits. Andererseits hat er in seiner Heimat, die immer Heimat bleiben wird, weil es kaum einen Ort gibt, an dem man besser in aller Einsamkeit wandern und über das Leben sinnieren kann (und genau das ist seine Lieblingsfreizeitbeschäftigung), schon als Jugendlicher gelernt, dass man die Dinge selbst in die Hand nehmen muss, um etwas zu erreichen. Er war noch Schüler, da stellte Tobias Hächler eigenhändig eine Schauspielgruppe zusammen und erwies sich dabei nicht nur als Experte in Sachen Beleuchtung (»Ich könnte morgen als Techniker hier am Theater anfangen, mein Denken über Theater erwächst auch und gerade aus diesem Aspekt.«) als gewiefter Marketingexperte. Für die Aufführung des Theaterstücks Nachtschwärmer von Alan Ayckbourn, das, weil die Rechte zu viel Geld gekostet hätten, der überaus charmant-doppeldeutige Titel Schlafzimmergäste gewählt wurde, und bei dem er den Opa spielte, akquirierte der damals Sechzehnjährige die stattliche Summe von fünftausend Schweizer Franken und engagierte einen professionellen Regisseur. Von diesem Punkt aus war es kein weiter Weg mehr zum Musiktheater. In Oxford, während eines Schulaustausches, entdeckte er Shakespeares Othello, und weil er schon vorher viel im Chor gesungen, Violoncello und Kontrabass gespielt hatte (Letzteres im Schulorchester des Gymnasiums, auf dem, man höre und staune, die Eleven Texte vom Deutschen sowohl ins Englische als auch ins Französische sowie lateinische Vorlage ins Deutsche übersetzten), wusste er in diesem Augenblick: Schauspiel und Musik, das passt zusammen. Vor allem dann, wenn man keine Furcht vor dem Fliegen hat, sprich: vor dem Nicht-Gelingen, das damit verbunden sein kann. Tobias Hächler sagt, ihm sei das Gefühl von Angst völlig fremd. Nichts da, was er unversucht lassen möchte, hat er es sich nur einmal in seinen Kopf gesetzt. Das ist seine Philosophie: »Was ein Mensch denkt, ist der erste Schritt zur nächsten Handlung, die das erfüllt, was er gedacht hat. Wenn man im Kopf aufräumt, kommt man an viele Dinge leichter heran, als man es sich vorstellt. Ich räume täglich auf.«

Und genau diesen Eindruck vermittelt er: den Eindruck eines aufgeräumten Menschen, der ziemlich genau weiß, was er will und was gut für ihn ist (und der darüber hinaus, zumal sein Titus in Mozarts Spätwerk und sein Lenski in Tschaikowskys Eugen Oneginhaben es nachhaltig bewiesen, eine außerordentlich schöne Stimme sein eigen nennt). Und immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort Freiheit. Die sei das Wichtigste für ihn, und deswegen nennt er als Vorbild die Rolling Stones (die allerdings nur einen Teil seiner sechs Meter langen Vynil-Sammlung mit Rockmusik ausmachen, während die Oper es »nur« auf vier Meter bringt). »Die tun nichts, was ihnen keinen Spaß macht, die sind immer ihrem Instinkt gefolgt, der eigenen möglichen Freiheit.« Begeisterung als »Sprit für die Seele«, so nennt er das; das ist sein Ideal, auf der Bühne und abseits der Bühne. Die absolute Wahrhaftigkeit des Seins und Tuns. Was er mag, sind Haltungen. Und deswegen sagt er immer, was er denkt, und sei es noch so unbequem. »Das ist Freiheit. Das fühlt sich gut an. Das ist eine extrem hohe Lebensqualität.«

Biografie Tobias Hächler stammt aus Basel. Er studierte Gesang an den Hochschulen für Musik in Hamburg und Köln und besuchte zahlreiche Meisterkurse. Eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit verbindet ihn mit Helen Keller, die auch die Veränderungsprozesse während des Fachwechsels vom Bariton zum Tenor begleitete. Der Sänger ist Preisträger des Concours Ernst Haefliger und erhielt von Alexander Pereira am Opernhaus Zürich das Stipendium der Armin-Weltner-Stiftung.
Nach mehreren Gastverpflichtungen ging Tobias Hächler 2006 als Mitglied des Opernstudios an das Theater Basel. Danach gehörte er für drei Spielzeiten zum Ensemble des Luzerner Theaters, wo er als Bariton unter anderem als Graf Almaviva, Don Giovanni und Dr. Falke zu erleben war. 2011 vollzog er einen Fachwechsel und stand zuletzt als Tenor im Züricher Opernhaus auf der Bühne. Zur Spielzeit 2014/15 kam er als festes Ensemblemitglied ans Staatstheater Kassel. Hier übernahm er die Partien Pylades (Iphigénie en Tauride), Titus (La Clemenza di Tito), Pang (Turandot) und Lenski (Eugen Onegin). Zuletzt debütierte er als Belmonte in Die Entführung aus dem Serail sowie mit den Partien des Prinzen in Die Liebe zu den drei Orangen und des Sandor Boris in der Operette Die Herzogin von Chicago. 2016/17 sang er Pang in der Wiederaufnahme von Turandot, und stand in Die Großherzogin von Gerolstein als Paul sowie in Roméo et Juliette als Tybalt auf der Kasseler Opernbühne. Für diese Leistungen wird er im Dezember 2017 mit dem Kasseler Volksbühne-Preis ausgezeichnet. 2017/18 ist er in der Titelpartie von Mozarts Lucio Silla zu erleben, er interpretiert außerdem Stewa in Jenufa und verkörpert die Stimme eines jungen Seemanns in Tristan und Isolde.

In der Spielzeit 2017/18 am Staatstheater Kassel

Jenufa (Stewa Buryja)
Lucio Silla (Lucio Silla)
Operncafé LUCIO SILLA
Tristan und Isolde (Stimme eines jungen Seemanns)