Dieter Hönig

Bass
Zur Person
Geboren und aufgewachsen in Stuttgart, studierte Dieter Hönig zunächst Betriebswirtschaft, bevor er ein Gesangsstudium mit der Ausbildung zum Opernsänger an der Stuttgarter Musikhochschule begann. 1971 wurde er unter Gerd Albrecht an das Staatstheater Kassel engagiert und ist hier seitdem als Bass mit sehr breit gefächertem Rollenspektrum präsent. Seine Schwerpunkte liegen in der Mozart-Oper, bei Rossini und Wagner. Wichtige Partien waren außerdem: Kaspar (Der Freischütz), Rocco (Fidelio), Mephisto (Faust), van Bett (Zar und Zimmermann), La Roche (Capriccio), Archibaldo (L’amore dei tre rè), Doktor (Wozzeck) und Schigolch (Lulu).
Gastverpflichtungen führten ihn unter anderem an die Bühnen von Madrid, Lissabon, Düsseldorf, Stuttgart, Essen, Bremen, Saarbrücken und Weimar. Am Staatstheater Kassel ist er seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast und übernimmt in Oper, Operette und Musical immer wieder zentrale Rollen, so zuletzt Puck (A Midsummer Night’s Dream), Benoît (La Bohème), Fürst Leopold (Die Csárdásfürstin), Petrus (Der Mond), Herold (Die Liebe zu den drei Orangen), Harrison Howell (Kiss me, Kate), Tihany / B. Lloyd (Die Herzogin von Chicago), Antonio (Le nozze di Figaro), General Bumm (Die Großherzogin von Gerolstein) und Grandfather (Ragtime).
In der Spielzeit 2017–18 stand der beliebte Bass abermals als Benoît sowie als Zweiter Priester (Die Zauberflöte) und Doc/Glad Hand im Musical West Side Story auf der Bühne. Letztere beiden Partien übernimmt er erneut bei der Wiederaufnahme des beliebten Musicals in dieser Saison.

Unvergesslich, dieser Auftritt … 

… Das Vorspiel zur Herzogin von Chicago, verkappter erster Akt, ist beendet, der Vorhang unten, da tritt von links der Direktor des Grill americaine in Budapest, Tihanyi, auf die Bühne und stimmt ganz leise eine Weise an von den guten, alten Zeiten und dass sie nicht mehr weiter bestehen: »O wie hast du dich verwandelt, / schöne Welt, bist ganz verschandelt...«. Dieter Hönig singt das ganz und gar ohne Larmoyanz, er singt es augenzwinkernd und lakonisch und einfach so, wie es ist: als ein Bedauern über etwas, das es nicht mehr gibt und das dereinst einmal wunderschön war. Niemand, der es besser könnte als er. Denn Dieter Hönig zählt zu denjenigen, die es tatsächlich noch wissen, wie es »damals« war – wenn man dieses melancholische Wörtchen gleichsetzt mit, sagen wir, dem 5. Januar 1971. An diesem Tag nämlich kam der echte Stuttgarter Jung nach Kassel, um vorzusingen. Und wie so manches Mal im Leben, spielte der Zufall ihm in die Hände. Der GMD Gerd Albrecht wollte das auf zwei Runden angesetzte Vorsingen am liebsten an diesem Tag schon beenden, weil er für den darauf folgenden Tag andere Pläne hatte. Also beeilte man sich. Und genau in diesem Augenblick stand da ein junger Spielbass und sang Rocco und Leporello mit einer solchen Vitalität, Frische und Unbekümmertheit, dass Albrecht nicht lange zögerte und den Kandidaten unter Vertrag nahm. Tempi passati. Aber die Begebenheit passt zu Dieter Hönig, seinem Naturell und seiner Lebensgeschichte. So wie er wirkt, auf der Bühne, dahinter, beim Singen wie beim Gespräch, wird man den Eindruck nicht los, dass er ein Glückskind ist, einmal täglich mindestens von einem Sonnenstrahl geküsst. Nie je hat man diesen Künstler griesgrämig oder angestrengt gesehen, immer zaubert er ein strahlendes Lächeln auf sein markantes Gesicht – und wirkt dabei so jugendlich, dass man einfach nicht glauben kann, dass er die 75er Marke schon übersprungen hat. Und das liegt nicht nur daran, dass er beharrlich bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zur Probe oder zur Vorstellung fährt und das Fitness-Studio aufsucht. Nein, es hat etwas mit seiner Lebenseinstellung zu tun. Wie sagt Dieter Hönig so schön: Das Glas sei bei ihm immer halbvoll, nie halbleer. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied. Wäre es nach den Gesetzen der Vernunft gegangen, hätte er allerdings ein Theater von innen nur als Besucher gesehen. Die Betriebswirtschaft sollte es sein, etwas Ordentliches. Doch schon während des Studiums, welches sich an eine entsprechende Lehre anschloss, leuchtete ein rotes Lämpchen auf: ob das wohl das Richtige ist? Nein, entschied der junge Studiosus und wechselte nach kurzer Bedenkzeit ins Kunstfach, zunächst in Stuttgart, später in Berlin. Einwände, er sei womöglich zu alt, wehrte seine erste Lehrerin an der Musikhochschule ab. Als Bass, erklärte sie ihm, »bist Du mit 50 Jahren noch ein Baby«. Das mag übertrieben klingen, trifft aber im Fall von Dieter Hönig zu mehr als einhundert Prozent die Wahrheit, bedenkt man, dass er nach seiner Berentung im Jahre 2006 eine zweite Karriere am Staatstheater Kassel begann, die ihm schon etliche Glanzrollen beschert hat. Ja, man kommt – auch deswegen, weil er eine Zeitlang Tanzmusik gemacht hat – nicht umhin, an einen Mutmacher-Schlager von Udo Jürgens zu denken: »Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an«. Das davor aber war auch schon nicht schlecht. Denn Dieter Hönig hatte bei allem, was er anging, stets das gleiche Motto im Kopf: Spaß muss es machen. Was das angeht, ist er absolut ehrlich, wenn er sagt, dass die Bühne doch im Grunde ein Ort sei, an dem man sein Hobby zum Beruf machen könne. Jedenfalls ist er mit dieser Einstellung immer gut gefahren. Um die großen Dinge am Haus kümmerte er sich dabei nie. Intendanten und Generalmusikdirektoren kamen und gingen, Dieter Hönig blieb und machte seinen Job, das aber stets mit dem Gefühl im Hinterkopf, dass er dankbar sein dürfe über diese gehobene Form von Existenz, und dazu mit der höchstmöglichen Professionalität. Man wird das nicht erleben, dass dieser Sänger unvorbereitet auf die Probe kommt. Das gibt es bei ihm nicht. Er kann seinen Text (und so profund, dass man sich nicht wundert, wenn man erfährt, dass sein zweites Hauptfach an der Musikhochschule weiland Sprecherziehung war), er kann seine Rolle, kennt ihren Sinn, ihre Bedeutung. Und vielleicht ist es dieser Ethos, der ihn, über die Jugendlichkeit seiner Ausstrahlung, eine sehr sonore, auf festem Grund sitzende und virile Stimme hinaus auszeichnet. Und da ist noch etwas. Fragt man Dieter Hönig nach der Gefahr von Routine, dann lächelt er nur milde. Routine ist für ihn nicht das richtige Wort. Er wiederholt Partien, und er liebt sie wie beim ersten Mal. Andere hat er nie vergessen. Besonders in Erinnerung ist ihm der Leporello geblieben, eine Rolle, die ihm allerdings auch wie auf den Leib geschrieben scheint. Oder die Köchin in Prokofjews »fröhlichem Schauspiel« Die Liebe zu den drei Orangen, die zu Beginn der 2000er Jahre in seiner Interpretation für Furore sorgte. Den Gipfel an Kunstfertigkeit aber erlebte Dieter Hönig als Klingsor in der Parsifal-Inszenierung von Siegfried Schoenbohm. Dessen Klingsor war weder Mann noch Frau, er war vielmehr ein androgynes Wesen auf High Heels, das sich selbst entmannt hatte. Diejenigen, die dabei waren, reiben sich noch heute tränenreich die Augen. Das Bildnis muss bezaubernd schön gewesen sein. Und unvergesslich.
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