Marc-Olivier Oetterli

Bass-Bariton
Zur Person
Marc-Olivier Oetterli wurde in Genf geboren. Mit elf Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht und trat den Singknaben der St. Ursen-Kathedrale Solothurn bei. An der Hochschule der Künste in Bern studierte er Gesang und schloss 1996 seine Studien ab. Engagements führten ihn als Don Magnifico (La Cenerentola) an der Opéra National de Bordeaux, als Mustafa (L’Italiana in Algeri) und Dulcamara (L’elisir d’amore) zum Festival Klosterneuburg, als Achillas (Giulio Cesare in Egitto) an die Opéra de Marseille und in Berlioz’ Les Troyens an das Grand Théâtre de Genève.
Am Theater Luzern übernahm er von 2005 bis 2007 mehrere Rollen als Gast, bevor er 2008 als festes Ensemblemitglied an dieses Haus wechselte und dort unter anderem als Leporello (Don Giovanni), Figaro (Le nozze di Figaro), Papageno (Die Zauberflöte) sowie als Oreste in Grétrys Andromaque und in den Titelrollen in Gurlitts Wozzeck und Händels Hercules auf der Bühne stand. Neben der Oper widmet er sich einem breiten Konzertrepertoire, hier seien die Passionen und rund 40 Kantaten von Johann Sebastian Bach sowie die großen Oratorien von Haydn und Mendelssohn erwähnt. Seit 2000 unterrichtet er zudem am Konservatorium Bern eine Gesangsklasse.
In der Spielzeit 2011–12 wechselte der Bass-Bariton an das Staatstheater Kassel und war seitdem in zahlreichen großen Partien zu erleben, unter anderem als Papageno, Klingsor (Parsifal), Don Alfonso (Così fan tutte), Biterolf (Tannhäuser), Don Pizarro (Fidelio), Bartolo (Il barbiere di Siviglia), Prospero (Un re in ascolto), Publio (La clemenza di Tito), Clistene (L’Olimpiade), Tschelio (Die Liebe zu den drei Orangen), Geisterbote (Die Frau ohne Schatten) sowie mit großem Erfolg als Saul in Händels gleichnamigen Oratorium. 2016–17 übernahm er die Titelpartie in der Eröffnungsproduktion von Mozarts Le nozze di Figaro, in der Spielzeit darauf brillierte er als Herr Reich in Die lustigen Weiber von Windsor sowie als Nick Shadow in The Rake’s Progress.
In der Spielzeit 2018–19 wird er abermals als Bartolo in der Wiederaufnahme von Il barbiere di Siviglia zu sehen sein. Außerdem übernimmt er die Partien des Fasolt in Das Rheingold, Ford in Falstaff sowie Graf Eberbach in Der Wildschütz.



»Hier zu sein, ist wie vom Fluss ins Meer zu kommen«

  Wir beide – pünktlich wie eine Schweizer Uhr treffen wir uns im Café, oder heißt es pünktlich wie eine Schwäbische Uhr? Auf jeden Fall kann man die Uhr nach uns beiden stellen, lieber Marc-Olivier. Woher kommst du gerade, aus der Schweiz? 
Nein, aus Mainz, und auch noch mit einem Mietwagen, da mein Auto dort in die Werkstatt musste. 

Was hast du in Mainz gemacht? 
Ich fliege dort in einem Aeroclub und habe Landungen geübt, da der Wind heute so schön stark war – das ist eine gute Übung!

Du bist sogar einmal nach Wien geflogen, um dort das Gespräch mit dem Regisseur über unsere Produktion Un re in ascolto von Luciano Berio zu suchen. Du wolltest mit ihm über eine deiner Bühnen-Figuren, den Prospero, sprechen. Wie planst du so einen Flug? 
Wenn ich einen langen Flug vorhabe, zum Beispiel von Berlin nach Prag, beobachte ich vorab das Wetter; überlege mir die Route; kalkuliere, wie viel Treibstoff ich benötige und will wissen, wie der Landeplatz aussieht. Dafür muss ich dann auch wissen, welche Regeln dort gelten.

Brauchst du denn gar keine Landegenehmigung? 
Wenn ich von Mainz nach Kassel fliegen will, dann nicht. In Prag muss ich meine Landung mindestens 48 Stunden vorher anmelden. Das ist alles vergleichbar mit dem Singen einer Vorstellung: Während der Vorstellung kannst du nicht mehr lernen; sie fängt an und hört wieder auf, probiert sein muss alles vorher. Und jetzt umgekehrt wieder in Bezug auf das Fliegen: Was ich am Boden planen kann, tue ich, denn in der Luft ist keine Zeit mehr dafür. Und so ist das auch beim Singen.

Man kann also einfach so in die Luft gehen? 
Ich habe ja ein Ziel. Und wenn das Wetter gut ist, der Himmel blau, brauche ich keinen Flugplan, man muss natürlich nach anderen Fliegern Ausschau halten und ausweichen, man nennt das im Fliegerjargon »See and Avoid«.

Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus … 
Es gibt Lufträume, die kontrolliert sind, und andere eben nicht. Der Frankfurter Luftraum ist natürlich ein solch kontrollierter, da kann man nicht einfach durchfliegen.

Du bist Schweizer, du fliegst nach Amerika wann immer du kannst, und du singst in Kassel. Wo bist du denn am liebsten: In den Schweizer Bergen, in der Luft oder auf der Opernbühne? Wahrscheinlich suchst Du im wahrsten Sinne des Wortes die Luftveränderung? 
Die Abwechslung macht es aus. Wenn ich in der Luft bin, muss ich ja zwangsläufig wieder runter, spätestens dann, wenn der Treibstoff zur Neige geht. Und wenn ich gerade lande, denke ich nicht daran, dass ich morgen Berio singen muss. Ich weiß, dass ich mit dem Dasein des Sängers etwas gefunden habe, das ich mein Leben lang optimieren kann und muss. Das ist ständige Arbeit, und zwischendurch brauche ich etwas, um davon wegzukommen. Man glaubt, es gäbe so genannte Traumberufe wie Pilot, Sänger und so weiter – aber sie gibt es nicht wirklich, weil sich bei allem irgendwann Routine einstellt und eben diese Routine birgt Gefahren. Im Falle des Piloten kann sie zum Tode führen, wenn man nicht auf der Hut ist. Beim Singen droht der Tod im Normalfall nicht mit zunehmender Routine, aber auch da ist sie gefährlich in Bezug auf eine gesunde Selbsteinschätzung. Diese ist ein seltenes Gut.

Warum sagst du das? 
Es ist anspruchsvoll, sich über Jahre hinweg streng, aufrichtig und in gewisser Weise auch objektiv einzuschätzen. Wenn ich mich selbst schon vor 20 Jahren unter meine eigene Beobachtung gestellt hätte, gerade mit dem Anspruch der gesunden Selbsteinschätzung, hätte ich vielleicht aufgehört mit dem Singen.

Die sommerlichen Theaterferien sind sicher auch ein willkommener Unterbruch im Leben des Sängers, zumindest, wenn er einem festen Opernensemble angehört; diese nutzt du gerne auch für Flugreisen in Amerika. Wie ist es denn eigentlich für dich, als Schweizer in Deutschland zu leben?
Da will ich dir danken dafür, dass ich hier sein kann. Die Schweiz ist ein kleines Land, und hier zu sein, ist wie vom Fluss ins Meer zu kommen. Wenn ich woanders Kassel sage, ist die Reaktion zwar manchmal Zurückhaltung. Aber das verstehe ich nicht, weil ich die Menschen hier als sehr aufgeschlossen erlebe. 

Du hast in der Schweiz in der Nähe von Luzern auf einem Bauernhof gelebt, hier in Kassels Mitte findest du den nicht. 
Ich vermisse das Land, und deshalb fahre ich auch hier in der Umgebung aufs Land. Genau gesagt nach Hessisch Lichtenau auf die Brown Horses Ranch. Dort kennt man mich schon, und dort habe ich mich letztes Jahr tatsächlich auch morgens nach dem Frühstück auch auf der Wiese unter einem Baum auf meine Partie vorbereitet in Un re in ascolto.  
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