Maren Engelhardt

Mezzosopran
Zur Person
Die Österreicherin Maren Engelhardt studierte am Mozarteum ihrer Heimatstadt Salzburg und später an der Wiener Musikuniversität, wo sie 2007 im Fach Lied und Oratorium diplomierte. Bereits während des Studiums trat sie in ausgewählten Partien auf, bevor sie 2002 ihr Bühnendebüt an der Wiener Volksoper gab. Weitere erfolgreiche Auftritte schlossen sich an: So sang sie zum Beispiel für die Musikwerkstatt Wien und im Wiener Semper Depot für die Neue Oper Wien. Ihre musikalische Tätigkeit führte sie auch ans Wiener Konzerthaus, wo sie an konzertanten Aufführungen von Werken Joseph Haydns und Antonio Salieris mitwirkte. Als Mitglied der Wiener Instrumental-Vokal Solisten – einem Ensemble, das aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker besteht – nimmt sie regelmäßig an vielfältigen Konzertprogrammen in ganz Europa teil. Eine besondere Hingabe verbindet sie mit dem Liedgesang. In diesem Fach verfügt sie über ein umfangreiches Repertoire von der Romantik bis zur Moderne.
Seit der Spielzeit 2009–10 gehört sie dem Ensemble des Staatstheaters Kassel an und war unter anderem als Sesto (Julius Cäsar), Annio (La clemenza di Tito), Axinja (Lady Macbeth von Mzensk), Valencienne (Die lustige Witwe), Hermia (A Midsummer Night’s Dream), Dorabella (Così fan tutte), Megacle (L’Olimpiade), Miss Jessel (The Turn of the Screw), Orlofsky (Die Fledermaus), Femme (La Voix Humaine), Octavian (Der Rosenkavalier), Prosperos Gattin (Un re in ascolto), Maddalena (Rigoletto), Rosemarie Sonjoschka (Die Herzogin von Chicago), Lucienne (Die tote Stadt), Hänsel (Hänsel und Gretel) und Zweite Dame (Die Zauberflöte) zu hören. Zudem stand sie in der Titelpartie von Jacques Offenbachs Opéra bouffe Die Großherzogin von Gerolstein auf der Bühne. Zuletzt brillierte sie unter anderem als Ismene in Tommaso Traettas Antigona und als Cecilio in Mozarts Lucio Silla.  
In der Spielzeit 2018–19 singt sie den Romeo in der konzertanten Aufführung von I Capuleti e i Montecchi und wird als Meg Page (Falstaff), Kate Pinkterton (Madama Butterfly) und Waltraute (Die Walküre) zu erleben sein.



Königin der Verwandlung


So ein Paravent ist eine feine Sache. Dahinter kann man Dinge tun, die man andernorts nicht einmal im Traum wagen würde. Beispielsweise binnen Sekunden seine Identität wechseln. So geschehen (und vom Libretto vorgesehen) im Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, als dramaturgisch-szenische Volte. Nur eine Chance haben die Liebenden, der smarte Cherub Octavian und die wehmütig-romantische Marschallin von Werdenberg, um den erotischen Skandal zu vermeiden: Aus dem Jüngling muss ein Fräulein werden, aber bitte dalli, dalli! Es hat für diese Szene aus dem ersten Akt schon die erstaunlichsten Lösungen gegeben. In der gleichermaßen geistreichen wie gewitzten Inszenierung von Lorenzo Fioroni am Staatstheater Kassel jedoch traute man seinen Augen tatsächlich nicht mehr: Wer, bitte schön, war das, der da hinter der spanischen Wand hervor tapste? War das  wirklich  die gleiche Figur, die man zuvor als zart-verführerisches (hier: weibliches) Wesen erleben durfte? Kaum zu glauben. Aber wahr. Ein Mariandl war geboren, das hatte die Welt noch nicht gesehen.  Zauber der Verwandlung. Aber eben nicht nur masken- und kostümtechnisch. Um dergleichen auch szenisch glaubhaft zu machen, braucht es eine Sängerdarstellerin, die imstande ist, sich zwei Identitäten einzuschreiben. Maren Engelhardt kann das, wenn sie auf der Bühne steht. Sie kann sich von der einen zur anderen Minute ein anderes Antlitz geben, einen anderen Charakter, ja sogar: eine andere Seele. Ihr Octavian bewies es. Und es verwundert wenig, wenn sie genau diese Partie als ihre liebste bezeichnet. Es ist ihre Traumrolle.  Indes kaum zufällig. Die charmante und reflektierte Mezzosopranistin ist in Salzburg aufgewachsen, in einer Familie, in der Kunst zum Alltag gehörte (die Mama ist Malerin, der Vater Musikliebhaber), sowie an einem Ort, der von himmlischen Klängen gewissermaßen durchglüht ist. Die Festspiele, Mozarteum und Landestheater, Konzerte allüberall, etliche Chöre, kurzum: Die Atmosphäre war immer schon dazu angetan, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen. Das entscheidende Initial bildete eine Aufführung in der berühmten Felsenreitschule, Mozarts Singspiel  Die Zauberflöte  für Kinder in der Inszenierung von Christian Boesch. Maren war acht, Mitglied im Kirchenchor und hatte als Josef im Krippenspiel schon ihre erste von vielen weiteren Hosenrollen verkörpert – die Maria durfte sie nicht singen, weil ihre Stimme schon damals Tiefe(n) besaß, die andere Kinder nicht hatten –, doch an diesem Nachmittag wurde ihr letztendgültig klar, dass sie dort hinauf wollte: auf die Bretter, die eine andere, womöglich magische Welt bedeuten.  Bevor sie diesen Wunsch in die Tat umsetzte, machte sie erst einmal Furore auf anderen Brettern: als Skirennläuferin nämlich. Ihr Vater, von dem sie gelernt hat, dass man wohl eine Sache, doch nie sich selbst (allzu) wichtig nehmen sollte, nannte sie, in Anlehnung an den berühmtesten österreichischen Pistenhelden, liebevoll »Franzi Klammer«, und das eine oder andere Superskirennen sah sie oben auf dem Podest. Eine zweite hohe Begabung, die aber Zeit genug ließ für die ästhetische Erziehung und eine umfangreiche musikalische Ausbildung: Klavier, Geige, Flöte, Altblockflöte, das kann sich sehen lassen.  Das Studienfach aber war dann natürlich Gesang, wobei Oper und Lied stets gleichberechtigt nebeneinander standen. Und der Ort, wie könnte es anders sein, die österreichische Kapitale. Wien, Zentrum der Musikwelt bis heute, neben London, Berlin, New York, jene von zart-morbider, melancholischer Heiterkeit durchdrungene Stadt, in der auch drei ihrer fünf Säulenheiligen lebten und wirkten, Mozart, Beethoven, Schubert (die anderen beiden Herren in der bewunderten Ahnengalerie heißen Richard Strauss und Johann Sebastian Bach), und die, musikalisch gesehen, Sehnsuchtsort geblieben ist. Die zahllosen Konzerte im Musikverein, die Abende in der Staatsoper, die vielen Festivals, die eigenen Erfahrungen auf den Bühnen der Stadt und mit Musikern der Wiener Philharmoniker, das alles bleibt haften im Gedächtnis einer Künstlerin, deren Hang zur Poesie unübersehbar ist.

Und doch: Kassel, wo sie seit der Spielzeit 2009 Ensemblemitglied ist, sei wohltuend, sagt Maren Engelhardt. Und das hat einen zureichenden Grund. Denn hier konnte sie in den vergangenen Jahren das tun, was in Wien unmöglich gewesen wäre: Sie konnte sich und ihre sanfte, warm timbrierte und an Valeurs reiche Stimme in Ruhe entwickeln und Rollen verkörpern (allen voran Mozart), die wie geschaffen für sie waren. Brillant ihre Dorabella in Così fan tutte, nahe gehend ihr Annio in La Clemenza di Tito, voller Esprit ihre Zweite Dame in der  Zauberflöte und die Rosemarie Sonjuschka in Kálmáns Operette Die Herzogin von Chicago. Besonders berührend gerieten die Darstellungen der Hermia (in Brittens  Sommernachtstraum), und der Femme in Poulencs Albtraumspiel  La voix humaine. Und dann war da noch diese andere Partie, in die sich Maren Engelhardt so sehr versenkte, dass sie gleichsam zu ihrem zweiten Ich wurde. Octavian, Graf Rofrano alias Quinquin. Vermutlich könnte man sie um vier Uhr in der Nacht wecken und sie bitten, diese Rolle zu singen. Es wäre kein Problem für die Königin der Verwandlung.
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Erster Tag

Die Walküre

Richard Wagner
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I Capuleti e i Montecchi

Konzertante Aufführung
Vincenzo Bellini