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2007|2008
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SPIELZEIT


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Theaterfreundinnen und Theaterfreunde,  

seit nunmehr 60 Jahren haben wir in Deutschland das Grundgesetz und unsere demokratischen Grundrechte. Die 
Freiheit der Person (Artikel 2), die Glaubensfreiheit (Artikel 4) oder auch die Meinungsfreiheit (Artikel 5) sind uns so selbstverständlich geworden, dass die größte Partei in Deutschland mittlerweile die der Nichtwähler ist.
Wie teuer also ist uns unsere Freiheit und was sind wir bereit dafür zu zahlen? George Bernhard Shaw formulierte es einmal so: »Freiheit heißt Verantwortlichkeit, deshalb wird sie von den meisten Menschen gefürchtet.« Sind es »Faulheit und Feigheit« (Kant), die uns immer wieder unmündig machen oder doch – in Anbetracht der viel diskutierten Finanz- und Wirtschaftskrise – die ökonomischen Verhältnisse, die uns ein Gefühl von Unfreiheit geben? Und sollten uns die künstlerischen Werte, die die Theater bewahren, nicht doch etwas teurer sein als die »Share-holder Values« … ?
Der Kampf um Freiheit hat seit jeher das Theaterschaffen bestimmt und so wollen wir mit unserem neuen Spielzeitmotto TEURE FREIHEIT nicht nur die aktuelle Situation spielerisch befragen, sondern gleichsam einen Blick in die Zeitgeschichte werfen. Ist doch das Jahr 2009 ein Jahr der Jubiläen und auch das Staatstheater Kassel hat etwas zu feiern: Vor 50 Jahren, am 12. September 1959, wurde der Neubau feierlich eröffnet – ein Datum, das wir mit einem Festakt begehen wollen. Kurz darauf laden wir Sie zu unseren ersten Opern- und Schauspielpremieren ein.
Das Angebot im Musiktheater reicht in der neuen Spielzeit von Puccinis MANON LESCAUT über Wagners MEISTERSINGER und Mozarts LA CLEMENZA DI TITO bis zu Gounods Opernversion des FAUST I. Dazu haben wir uns im Händel-Jahr mit ORLANDO ein weiteres Werk dieses genialen Komponisten vorgenommen, und da es 2009 noch einen weiteren, für Kassel besonders wichtigen Komponisten zu feiern gilt, steht Louis Spohrs JESSONDA als konzertante Oper auf dem Spielplan.
Für die zahlreichen Musical-Fans in Kassel und Umgebung haben wir – passend zum Spielzeitthema – das preisgekrönte Erfolgs-Musical SOUTH PACIFIC im Spielplan und mit DER VETTER AUS DINGSDA bieten wir Ihnen wieder eine Operette. An dieser Stelle möchte ich auch auf die Wiederaufnahmen von MY FAIR LADY und HAIR sowie unser ganz besonderes Theater-Jugendorchester-Projekt LOST VIOLET aufmerksam machen.
Im Schauspiel starten wir, ganz unserem Spielzeitmotto TEURE FREIHEIT folgend, mit der dramatischen Fassung des wunderbaren Romans HIOB von Joseph Roth, Peter Handkes PUBLIKUMSBESCHIMPFUNG – die einmal auch »Publikumsbefreiung« genannt wurde – und Henrik Ibsens Welttheater PEER GYNT zu dem sokratischen Thema der Selbsterkenntnis. Beaumarchais großartige Intrigenkomödie DER TOLLE TAG ODER FIGAROS HOCHZEIT aus der Zeit des Absolutismus handelt von der Freiheit der Liebe, während in Tracy Letts Gegenwartsstück KILLER JOE scheinbar alles nur noch um die Anziehungskraft des Geldes kreist. Eine Uraufführung von Rebekka Kricheldorf im Januar 2010 steht spiegelbildlich zu Dea Lohers hochaktuellem Gegenwartsstück UNSCHULD. Hier 
wie dort: verzerrte Bilder unseres Traumes von der Freiheit und den Spannungen zwischen Dritter und Erster Welt. Mit Goethes TORQUATO TASSO fragen wir nach der Freiheit der Kunst und mit MARIA STUART von Schiller steht ein Klassiker des deutschen Freiheitsdichters auf dem Spielplan. Tschechows MÖWE thematisiert auf höchst komische Weise unsere Wohlstandsneurosen: Warum fällt es den Menschen so schwer, glücklich zu sein? Um ein Glück ganz anderer Art geht es in Philipp Löhles Gegenwartsstück GENANNT GOSPODIN: um das Glück der Besitzlosigkeit. Um Armut, Besitzlosigkeit und die daraus resultierende Sehnsucht nach einer Glamour- und Glitterwelt geht es auch in der Schauspielrevue KLEINER MANN, WAS NUN ? zum Abschluss unser Spielzeit. Und pünktlich zum 20. Jahrestag des befreienden Mauerfalls spielen wir erneut FAMILIENSCHLAGER, EINE MUSIKALISCHE WIEDERVER-EINIGUNG.
Im Tanztheater – einer Sparte, die sich wachsender Beliebtheit erfreut – werden sich neben Johannes Wieland zwei international gefragte Gastchoreographen aus Israel mit dem Thema Märchen FAIRY TALES auseinandersetzen. Im zweiten Tanzabend mit dem Arbeitstitel CATCHER stellt sich Johannes Wieland der schwierigen aber umso wichtigeren Frage nach der Gewalt. Und natürlich gibt es im tif, unserer dritten Spielstätte, auch eine neue CHOREO-
GRAFISCHE WERKSTATT.
Unser Kinder- und Jugendtheater spielt wieder für alle Altersgruppen. Neben DER SCHWEINCHENRITTER für Kin--
der ab 3, zeigen wir auf der Bühne des Opernhauses unser opulentes Stück zur Weihnachtszeit DAS DSCHUNGELBUCH. Ab Januar 2010 erobern BONNIE UND CLYDE in einer Fassung für Jugendliche das tif und danach dreht sich alles um das kurze, aber glückliche Leben einer Eintagsfliege in dem bezaubernden Kinderstück NUR EIN TAG. Zum Abschluss wird KING A – EINE ODE AN JEDES RITTERHERZ hoffentlich nicht nur die Herzen der Kinder gewinnen.
Einen ersten Überblick über das umfangreiche Konzertprogramm finden Sie ebenso in diesem Heft, wie alle Angaben zu den zahlreichen Extraveranstaltungen und unserem theaterpädagogischen Angebot.
Wir hoffen zuversichtlich, Ihnen in unserer Jubiläumsspielzeit wieder ein vielfältiges und engagiertes Theaterprogramm bieten zu können und danken Ihnen für Ihren kritischen Zuspruch und Ihr Vertrauen.

Thomas Bockelmann
Intendant