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matters for matters

Ein Film der Choreografischen Werkstatt
der Company johannes wieland
des Staatstheaters Kassel

FILMPREMIERE 4. Juli 2020 | Online
WEITERER TERMIN: 11. Juli 2020 | Online

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Hat Ihnen matters for matters gefallen? Dann spenden Sie digitalen Applaus! Die Fördergesellschaft des Staatstheaters Kassel unterstützte die Company johannes wieland bei der filmischen Umsetzung der Choreografischen Werkstatt und hat auf der Spendenplattform betterplace.org auch dem Publikum die Möglichkeit geschaffen digital »Eintritt« zu zahlen.
Inhalt
»Vor Corona« bot die Choreografische Werkstatt den Tänzer*innen des Ensembles eine experimentelle Plattform, auf der sie sich im tif-Theater im Fridericianum mit selbst entwickelten Arbeiten und völlig unterschiedlichen Ideen und Tanzstilen präsentieren konnten. Anstatt, gezwungen durch die Auflagen zur Eindämmung des Coronavirus‘, auf diese besondere Premiere zu verzichten, haben die Tänzer*innen gemeinsam mit Dramaturg Thomaspeter Goergen und unterstützt von Dramaturgieassistentin Inga Scheuvens, Videoproduzenten David Worm, Filmer*innen, Musiker*innen und Kreativen ein für das Staatstheater Kassel vollkommen neues Format entwickelt: Choreografische Werkstatt – Der Film.

Der Film besteht aus sechs Kurzfilmen der Tänzer*innen des Staatstheaters Kassel und feiert am 4. Juli 2020 um 19:30 Uhr virtuell Premiere, also auf der digitalen Bühne über den Youtube-Kanal des Staatstheaters Kassel, Premiere. Wer den Livestream verpasst, hat bis um 19:30 Uhr des folgenden Tages die Möglichkeit den Film zu sehen und am 11. Juli steht die Produktion erneut für 24 Stunden auf Youtube.

Anstatt Choreografien für das tif zu entwickeln und abzufilmen, haben die Tänzer*innen eigenständige Tanzfilme, also Kunstwerke explizit für das Medium Film, konzipiert, entwickelt, choreografiert und führen auch Regie. Sie waren mit von ihnen ausgewählten Filmer*innen in Kassel unterwegs, haben u.a. in Unterführungen, an der Hessenschanze, im eigenen Bett oder im tif gedreht. Die Filme sind eigenständige Kunstwerke, die sich zwischen dem poetischem Wechsel von Innen- zur Außenwahrnehmung, visuellen Tagebüchern, rhythmisch bizarren Brüchen mit Routinen, Kletterspielen und Wettkämpfen, Hund, Katze und Karrierist oder auch purpurnen Welten und »Narnia meets the Matrix« bewegen.

Länge: ca. 70 Minuten

Are as I (Choreografie und Regie: Victor Rottier; Performance: Alison Monique Adnet, Chris-Pascal Englund Braun; Film: Victor Rottier)

STANKONIA3000 (Choreografie, Regie und Performance: Morgan Bobrow-Williams; Film: Christoph Neugebauer)

Lips Resting on Eyes (Choreografie, Regie und Performance: Alison Monique Adnet, Dafni Krazoudi; Film: Christoph Neugebauer)

Journal de l'Apocalypse (Choreografie, Regie, Performance und Film: Jordan Gigout)

Errex (Choreografie und Regie: Niv Melamed; Performance: Chris-Pascal Englund Braun, Niv Melamed; Film: David Worm),

Ubuntu (Choreografie und Regie: Shafiki Sseggayi, Performance: Alison Monique Adnet, Chihiro Araki, Morgan Bobrow-Williams, Olha Mykolayivna Stetsyuk; Film: Christoph Neugebauer, Mitarbeit: Till Krüger).
Besetzung
Digitales Programmheft
matters for matters
 
(English version below)

Es ist die Ironie in Shakespeares »measure for measure«, dass dasselbe Wort nicht das Gleiche meint. »Maß für Maß« verspricht das zwar, Auge und Auge – doch Antonio bekommt nicht, was er will. Das ist das Doppelgesicht von »matters«, es bedeutet einmal »Materie« - einmal »Sinn.«

Hier liegen Ironie und Dilemma des Menschen: Wir kennen unsere Körperlichkeit, wir sehen ihren Auftritt und Abgang, Noch-Nicht-Existenz und Nicht-Mehr-Existenz; also begehren wir Sinn, der Materie übersteigt. Matters for matters. Aber welches »matters« bedeutet nun was?

Um das herauszufinden, versucht der Mensch seit jeher ins Über-Körperliche auszuweichen. Es ist ein Faszinosum unserer kognitiven Entwicklung, dass parallel um 500 v.u.Z weltweit (in China, Indien, im Orient, in Athen) das Jenseits, die Metaphysik »erfunden« wurde.

Der Preis dafür war und ist hoch. Man zahlte mit der Verachtung für den Körper gegenüber dem »Geist«. Und erst die Körper und dann Menschen für ihre Körper abzuwerten, beschwört die Plagen von Rassismus, Homophobie, Misogynie, Antisemitismus herauf.

Als die Tempel des Jenseits im Zuge der Moderne geschleift wurden, erfanden wir monströse Materie-Metaphysik-Hybride, Diesseits-Religionen wie den Faschismus, die Materie als Jenseits (etwa als »Rasse«) verehrten: und bestimmte Körper als Blasphemie verabscheuten.

Jetzt, nach dem Millenium, bestaunen wir, Stiefkinder Platons, unsere neueste Errungenschaft in matters for matters: die faktische Umsiedlung eines Jeden zu Lebzeiten in einen Ideenhimmel jenseits des Physischen – die Schöne Neue Welt des Cyberspace.

Damit schien die Lösung des alten Dilemmas greifbar. Ein digitaler Kosmos, der Platz und Sinn für jeden bot, ohne Konflikt um Ressourcen oder Gefahr für den Leib. Die Chance, alles zu sehen und als all das gesehen zu werden, was man immer von seinem Körper geträumt hatte.

Freilich, jede Magie hat ihren Preis. Langsam, heimlich, zehrte das Virtuelle das Analoge auf. Das Körperliche schwand Bild für Bild aus dem Gefühl. Man wusste zwar, irgendwie, dass da ein Leib war. Aber man lud doch viel von sich, vielleicht zu viel, in die Netze hoch.

Etwas erschütterte das jäh. Ein Ereignis, das uns zwang, rein digital zu werden. Das Körperliche wurde eingeschränkt. Der Cyberspace wurde Bunker. Zum Zoom der sozialen Distanz. Draußen verwaiste Plätze. Charakterlose Nicht-Orte. Transitzonen wie leere Flughäfen.

Transits zwischen matters und matters, Auftritt und Abgang, Noch-Nicht-Existenz und Nicht-Mehr-Existenz; die Zeit eine zeigerlose Uhr, deren Zyklopenauge zusah, wie wir genötigt wurden zu werden, was uns vorher noch so wunderbar erschien: virtuelle Existenzen.

Reden wir genau darüber nun: unser vorbelastetes, sehnsuchtsvolles Verhältnis zum Körper. Er ist uns nicht von einem Himmel geliehen worden, in den wir zurückkehren. Nein, jeder Himmel wurzelt in ihm. Und jede Wurzel ist größer, verzweigter, komplexer als oben die Krone.

In der japanischen Anime-Serie FATE fragt der grausame Gott-König Gilgamesch, ob in der Gegenwart, mit der auch beängstigenden Zunahme der Bevölkerung, überhaupt noch genügend Bedeutung für alle Menschen da sei. Die Antwort ist aber einfach.

Unsere Bedeutung, die Wahrheit ist körperlich. Kein Dogma, kein Gott ist so unbestreitbar wie der Körper, aus dem und durch den wir hervorgehen. Der Sinn jedes Menschen ist der Körper. Und deshalb haben wir alle einen Sinn. Weil einen Körper. Matters for matters.

Die Auseinandersetzung mit matters in der einen, matters der anderen Übersetzung ist unsere Aufgabe. Wir entkommen weder unserem physischen noch unserem metaphsischen Erbe, oder mit heutigen Worten: unserer Existenz als Analoge vor dem Horizont des Digitalen.

Und die Kunst des Analogen ist das Theater, als sicherer Hafen im Ozean des Virtuellen, und die Theaterkunst, die seit der Erfindung von Rhythmus und Ritus in der Antike untrennbar und ausgezeichnet mit den Körpern und ihrer Wahrheit verbunden ist: ist der Tanz.

matters for matters als Film am Staatstheater Kassel hat all diese Fragen durchlaufen. Sechs junge Choreograf*innen haben gemeinsam mit dem Ensemble die Reise vom Körper durch die Transitzeit des Virtuellen angetreten und eine Synthese vollzogen.

matters for matters Übergänge ▪ Wechselwirkung ▪ Doppelgesicht: Teleporter-Märchen, urbane Wurmlöcher, Entropie von Wald und Müll, Echo-Kammern im Halbschlaf, Purple Matrix, Himmel in der schwarzen Erde

matters for matters zeigt Körper als Orte und Agenten von Prozessen, von Pendeln zwischen Pulsen, den Sprüngen im Spiegel des Stillstands, von der Metaphysik einer unteilbar gemeinsamen Geste.

matters forever matters.



English Version

matters for matters

It is the irony in Shakespeare's "measure for measure" that the same word does not mean the same thing. "measure for measure" promised that, eye for eye - but Antonio doesn't get what he wants. And that's the double face of "matters", it means once "matter" - once "sense".

The irony and dilemma of our existence is that we indeed understand our physicality. We see life’s „enter and exit“ points, its „not-yet-existing“ and „no-more-existing“ stages. Thus, we desire meaning that transcends matter. Hence, matter for matter. However, what meaning does each materialization of "matters" carry?

In hopes to unveil this answer, we have always sought out a refuge in the „super-body“. Fascinating enough, around 500 BCE, as a direct result of such a curiousity and consequent pschological remedy, a new school of philsophy was founded worlwide, dubbed as „metaphysics“. This was a fundamental step in our cognitive development as humans.

The price of this was and is still high. Metaphysics is embeds within its definition, a certain contempt for the physical compared to the "mind". Indeed, rigid metaphysics can impose a devaluation of the physical body and, subsequently, certain groups of people for the bodies they possess. The plagues of racism, homophobia, misogyny, anti-Semitism are born.

When the temples of the „hereafter“ were razed in modern ages, monstrous matter-metaphysics-hybrids, such as the belief system of fascism, abhorred certain bodies and considered them as blasphemous. Simutaneously, „worshipped matter“ such as the „hereafter“ was soon esteemed as the desired „race“, which was not inclusive to all groups of people.

Now after the millennium, we, as Plato's stepchildren, marvel at our latest achievement in „matter for matter“: the Brave New World of cyberspace. In short terms, the resettlement of every person in their lifetime into a „hyper-spiritual realm“, which lay beyond the physical.

A solution to the old dilemma seemed to be within reach. A newfound digital cosmos offered space and meaning for everyone, without conflict over resources or danger to bodies. Finally, there was the chance to see everything and to have your physical body be perceived the way you have always dreamed.

Of course, every magic comes with price. Slowly, secretly, the digital world consumed the analog world; the physical disappeared from feelings, moment by moment. We knew, somehow, that there was a body, however, bodies were uploaded onto the web to an extreme.

But suddenly, something shook this trend. Indeed, an event catapulted us into the inevitable future of digitalism. The physical became restricted. Cyberspace became a bunker, a sanctuary, a sort of social distancing which gave us comfort. Orphaned places outside, characterless non-places, transit zones like empty airports, literally „ghost towns“ in the analogue world.

Transits between matter and matter, enters and exits, not-yet-existing and no-more-existing, became a clock without hands, whose cyclopian eye watched how we were coerced into virtual existences, something that originally seemed so wonderful to us before.

This leads to another poignant topic of our preloaded, yearning relationship to the body. The conventional notion of „the body“ has not been borrowed from a heaven to which we would like to return. Au contraire, every heaven is rooted in our own body. And not the heaven is bigger. And every root is larger and more complex than the body to which it is connected.

In the Japanese anime series „FATE“, the cruel god-king Gilgamesch asks whether in our world, with the frightening increase in population, if there is still enough „meaning“ for all people. The answer is simple.

Our meaning, our truth, is predominantly based on the physical. No dogma, no God is as undeniable as the body from which and through we emerge. The meaning of every human being is the body. We are all here, now, because of our physical existence. Thus we all have meaning, as we all have a physical body. Hence, matter for matter.

The examination or the definition of „matter“ in one context, determines the significance of „matter“ in the another meaning of the word, or phrase „matter for matter“. Indeed, this is exactly our task to realize. We cannot escape our physical or metaphorical heritage, or in modern terms, our existence as analogues before the horizon of the digital.

The art of the „Analog“, nowadays, is theater. It is a safe haven in the vast ocean of the „Virtual“. Therefore, theater art, which, since the invention of rhythm and rituals in antiquity, has been inseparably and excellently connected with the body and their truths. Thus, theatre is intrinsically correlated with dance.

matters for matters as a film at the Staatstheater Kassel, it has meandered through all these questions. Six young choreographers and the ensemble have embarked on a journey from the body through the transitive time of the virtual to achieve a synthesis.

matters for matters as transitions ▪ interaction ▪ double face: teleporter tales, urban wormholes, entropy of forest and garbage, echo chambers in half-sleep, Purple Matrix, heaven in black soil

matters for matters shows bodies as places and agents of processes, pendulums between pulses, cracks in the mirror of standstills, metaphysics of an individed shared gesture.

matters forever matters.



SPECIAL THANKS TO
Förderverein des Staatstheaters Kassel