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Die Netzwelt

Jennifer Haley
Deutsch von Michael Duszat
KARTEN zu tif-Preisen
Dauer 1 Stunde 40 Minuten

Inhalt
In naher Zukunft hat sich das menschliche Leben fast vollständig in die zur Realität parallel existierende Netzwelt verlagert. Perfektioniert hat dieses System der Geschäftsmann Sims mit seinem virtuellen »Refugium«. In diesem exklusiven Club können sich die Mitglieder mit einer virtuellen Identität ihre sexuellen Wünsche und dunklen Sehnsüchte erfüllen. Das Einzigartige: Das von Sims paradiesisch gestaltete Haus ist ein (wahrer) Traum für Pädophile, da die angebotenen virtuellen Lustobjekte Kinder sind. Begehen die Kunden mit ihren Avataren in der digitalen Welt ein reales Verbrechen? Die Ermittlerin Morris schickt ihren Agenten Woodnut in die Netzwelt, gleichzeitig verhört sie Sims. Dieser beharrt auf der reinen Simulation und dem Einverständnis aller Beteiligten. Außerdem hätten die Fantasien, die die Kunden des Refugiums ausleben, keinen Einfluss auf das Leben in der Wirklichkeit. Woodnut verstrickt sich immer mehr in dem verführerischen Elysium, besonders als er Iris kennenlernt, ein bezauberndes neunjähriges Mädchen, das Sims hörig zu sein scheint. Der Kampf um das virtuelle Mädchen wird zu einem Stellvertreterkrieg um Ethik und die Freiheit, die eigene Obsession auszuleben, der in beiden Welten zu katastrophalen Folgen führt.

Müssen unsere Fantasien begrenzt werden? Welche Konsequenzen haben virtuelle Vorgänge für unsere Realität? Können sie eine Erkenntnis schaffen, die unsere sinnlich erfahrbare Wahrnehmung übersteigt? Jennifer Haley schildert eine Zukunft, die mehr und mehr zu unserer Gegenwart wird. Sie zeigt den schmalen Grat auf, der zum Abgrund werden kann, zwischen der grenzenlosen Freiheit und der moralischen Verantwortung.
Pädagogisches Angebot
Interessierte Pädagoginnen und Pädagogen können unsere kostenfreien Vorbereitungsworkshops in Anspruch nehmen oder unser Begleitmaterial anfordern: theaterpaedagogik@staatstheater-kassel.de.
Besetzung
Pressestimmen
HNA, Mark-Christian von Busse
Inszeniert hat den packenden, beklemmenden Abend Markus Dietz. Filme, von David Worm unter anderem in Winterbüren (Kreis Kassel) gedreht, geben Einblicke in das virtuelle Refugium, einen exklusiven Bereich der Netzwelt, die parallel zur Realität existiert.
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3. April 2017
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HNA  3. April 2017

Auch Fantasie schafft eine Realität
In Abgründen der Begierden: Markus Dietz inszeniert im tif Jennifer Haleys Stück Die Netzwelt

Inszeniert hat den packenden, beklemmenden Abend Markus Dietz. Filme, von David Worm unter anderem in Winterbüren (Kreis Kassel) gedreht, geben Einblicke in das virtuelle Refugium, einen exklusiven Bereich der Netzwelt, die parallel zur Realität existiert.
Sofa, Gardinen, Möbel – alles in unschuldigem Weiß. Das Kleidchen, das das Mädchen Iris trägt, ihre Schleife im Haar. Wie beim Fangenspiel unter Kindern läuft sie durch den riesigen, fast leeren Saal, lockend, ja verführerisch, und Woodnut, der Mann im blauen Anzug, hastet hinterdrein. Er kann mit Iris machen, was er will, die Axt liegt bereit, aber es wird keine Konsequenzen haben, das zarte Geschöpf wird wieder neu entstehen. Eine Szene, aufgenommen im Fridericianum in Kassel, die am Freitagabend bei der mit viel Beifall aufgenommenen Premiere von Jennifer Haleys Stück Die Netzwelt im Theater im Fridericianum (tif) auf den Bühnenhintergrund aus riesigen Papierbögen projiziert wurde.


Wie war's?
Packend, aber auch beklemmend.
Die Schülerin Sara Schuchardt
Gomera (12) spielt toll.


Inszeniert hat den packenden, beklemmenden Abend Markus Dietz. Filme, von David Worm unter anderem in Winterbüren (Kreis Kassel) gedreht, geben Einblicke in das virtuelle Refugium, einen exklusiven Bereich der Netzwelt, die parallel zur Realität existiert. Geschäftsmann Sims, den Iris in den eingespielten, manchmal etwas lang geratenen Sequenzen in einem Gutspark und einem leuchtenden Herbstwald nur Papa nennt, hat dieses Paradies für Pädophile erschaffen, in dem das Ausleben jeder Begierde folgenlos bleibt. Aber haben nicht auch Fantasien Auswirkungen auf die Wirklichkeit? Müssen sie deshalb begrenzt werden? Und wie überhaupt umgehen mit perversen Vorstellungen? »Bilder erschaffen Realität«, sagt Morris (Michaela Klamminger). Sie vertritt eine Ermittlungsbehörde. Morris hat den Agenten Woodnut (Lukas Umlauft) in die Domäne geschleust und befragt Sims (Hagen Bähr) und Doyle (Jürgen Wink), einen Kunden des exklusiven Clubs, im Verhörraum. Er bildet die Bühne (Mayke Hegger): ein langer Tisch, eingefasst mit Neonleuchten auf dem Boden. Irgendwann zerreißen die Papierbahnen, die Welt der Avatare, dieser Marionetten der Vorstellungskraft, und der Schatten, als die die Menschen in der realen Welt nur mehr agieren, verschwimmen. Nun tritt die zwölfjährige Sara Schuchardt Gomera (Iris) auch ins Rampenlicht. Wie souverän die Kasseler Siebtklässlerin, die im Kidsclub des Staatstheaters erste Bühnenerfahrungen gesammelt hat, mit dem starken erwachsenen Ensemble auftritt, ist sehr verblüffend: unbekümmert, fröhlich, ein bisschen altklug, unbedarft plappernd. Sie macht das ganz großartig. Die Netzwelt spielt in einer Zukunft, die, so ist zu befürchten, so fern nicht ist. »Nur weil etwas virtuell ist, ist es nicht nicht real«, sagt Sims. Den Fragen nach Freiheit und Verantwortung, Anonymität und Kontrolle, Manipulation und Regeln in der Netzwelt müssen sich Justiz und Politik schon jetzt stellen. »Vergessen, wer man zu sein glaubt, entdecken, wer man sein könnte«, die Fesseln der Körperlichkeit abwerfen, jenseits aller Konsequenzen leben, den Kreislauf von Schöpfung und Zerstörung bestimmen – solche Gedanken entwickeln großen Reiz. Es sind nur Bilder? Aber was richten sie in den Köpfen an? Die Debatte wurde schon bei Einführung des Fernsehens geführt. Beim Internet stellen sich die Fragen mit ungekannter Schärfe. Doch werden wir der Realität nicht entfliehen können, so Morris: »Die Welt ist immer noch der Ort, an dem wir lernen müssen zu leben.«
Mark-Christian von Busse